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An seinem Schreibtisch brütete Aulus Bucius Lappius Maximus über Aufzeichnungen. Er war noch dabei, sich in seinen neuen Posten als Statthalter einzuarbeiten, und musste sich erst einmal ein Bild von der Provinz machen, deren Regierung er übernommen hatte. An der Wand hinter ihm lagerten unzählige Papyrusrollen in einem Regal. Die meisten davon stammten aus seiner Privatbibliothek, er hatte sie selbst mitgebracht.

Gerade studierte er ein langes Dokument, das Steuereinnahmen für das vergangene Jahr auflistete. Lappius verzog das Gesicht. Da die Provinz Germania Inferior neu gegründet und die Region vorher Teil der Provinz Belgica gewesen war, hatte er die Informationen bei seinem Kollegen im fernen Durocortorum anfordern müssen. Nun rechnete er auf einer Wachstafel den Teil der Einnahmen heraus, der nur sein Gebiet betraf. Lappius war gut mit Zahlen und störte sich nicht an Verwaltungsarbeit – was ihn allerdings störte, war die kaum leserliche Handschrift der Vorlage.

Er fluchte innerlich, zog seinen Wollumhang, der ihn gegen die Kälte schützte, etwas fester und bewegte seine frierenden Zehen, um wieder etwas Blut in die Füße zu bekommen. Immerhin war sein Büro mehr als vorzeigbar, mit viel höheren Decken und mindestens doppelt so groß wie das, was er in Nikomedia gehabt hatte. Dort am Schwarzen Meer hatte man allerdings nicht frieren müssen. Das war es also, was Germanen sich unter Frühling vorstellten? Der Statthalter schüttelte den Kopf. Nicht weit von seinem Tisch entfernt stand zwar eine massive Bronzeschale voller Holzkohle, es hatte sich aber an diesem Tag noch kein Angestellter befleißigt, sie zu entzünden.

Da klopfte es an der zwölf Fuß hohen, aus Eichenbalken gefertigten Tür.

»Herein!«, rief Lappius, ohne von seiner Wachstafel aufzusehen. Er murmelte Zahlen vor sich hin, die er im Kopf subtrahierte.

Die mit Nieten beschlagene Tür schwang auf, und Admiral Gordianus trat ein. Einer der zwei Marinesoldaten, die stets den Zugang zum Büro bewachten, schloss die Pforte direkt wieder hinter ihm. Gordianus trug heute ausnahmsweise nicht seinen prunkvollen Harnisch und seinen federgeschmückten Helm, sondern war in ein dickes Wollgewand gehüllt. Lediglich an seinen Stiefeln konnte man erkennen, dass er ein römischer Offizier war. Lappius war dankbar für etwas Ablenkung und blickte nun auf.

»Salve, Lappius«, sagte Gordianus und streckte die rechte Hand zum Gruß aus.

»Guten Morgen, Admiral. Setz dich doch«, erwiderte Lappius und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, der mit seiner hohen Lehne fast wie ein Thron wirkte, aber keinerlei Verzierungen aufwies.

Gordianus setzte sich auf einen breiten metallenen Hocker, der mit einem reich bestickten Sitzkissen gepolstert war.

»Ich hoffe, ich störe nicht?«, fragte er höflich.

»Ganz im Gegenteil. Ein gutes Gespräch wird meine Gedanken ordnen in diesem …«, er zeigte mit verächtlicher Geste auf die Schreibinstrumente auf seinem Tisch, »… Chaos. Man kann es nicht anders nennen. Aber vielleicht war es nicht anders zu erwarten, wenn man einen Teil von einer Provinz abspaltet und daraus eine neue macht.«

»Ich bin mir sicher, du wirst dieses administrativen Albtraums Herr werden, verehrter Prokonsul«, lächelte Gordianus und fügte hinzu: »Aber du weißt, wie es ist: Bevor etwas besser werden kann, muss es erst schlimmer werden.«

Mit diesen Worten zauberte der Flottenpräfekt eine Papyrusrolle unter seinem Mantel hervor und überreichte sie Lappius.

»Das ist die Aufstellung über den Zustand der Rheinflotte, die ich befehlige. Mannstärken, die Zahl einsatzbereiter und reparaturbedürftiger Schiffe, Einnahmen, Ausgaben und so weiter. Alles drin.«

»Na wunderbar, noch mehr Arbeit«, lachte Lappius und legte die Rolle neben das Pergament, mit dem er gerade beschäftigt war. »Hoffentlich hat dein Schreiber eine leserlichere Schrift.«

»Die Flotte ist leider nicht im besten Zustand. Wenn es um die Zuteilung von Mitteln ging, war der Statthalter der Provinz Belgica, dem wir bisher unterstellt waren, immer auf der Seite der Infanterie«, kam Gordianus gleich zur Sache.

»Ich weiß um die Wichtigkeit der Flotte, lieber Admiral. Sie steht zu Unrecht im Schatten der Legionen. Ich werde dafür sorgen, dass sich das ändert und danke dir für deine gute Arbeit«, beschwichtigte ihn der Statthalter.

Gordianus wirkte zufrieden. Das waren die Worte, die er hier und heute hatte hören wollen.

»Du trittst dein Amt in turbulenten Zeiten an«, stellte er fest.

»Die Stimmung in der Stadt ist sehr bedrückt. Ich hatte etwas anderes von den Bewohnern der Colonia erwartet, die eigentlich als fröhliche Leute bekannt sind«, gab Lappius zu.

»Das ist erst seit ein paar Wochen so. Germanische Räuber haben sich zu einer regelrechten Landplage entwickelt.«

»Ja, ich erinnere mich nur zu gut an den Überfall am Tag meiner Ankunft.«

»Und die Überfälle gehen leider weiter«, fuhr Gordianus fort. »Heute Morgen haben die Barbaren einen Schmied überfallen und getötet.«

»Warum einen Schmied?«, wunderte sich der Statthalter.

»Sie haben Waffen erbeutet, massenweise. Und dafür gibt es nur eine Erklärung: Die Wilden auf der anderen Seite des Rhenus rüsten auf.«

Lappius nickte besorgt. Er hatte schon genug Probleme, und jetzt auch noch das.

»Du glaubst, sie planen einen Angriff?«, fragte Lappius.

»Es sieht alles danach aus«, bestätigte Gordianus, er schien sich sicher zu sein. »Überaus bedauerlich, wo wir nun doch so lange Frieden hatten.«

»Ich habe in Aufzeichnungen vom Aufstand der Bataver vor fast zwanzig Jahren gelesen. Das wäre um ein Haar schiefgegangen, die Barbaren standen schon vor den Toren der Colonia«, erinnerte sich Lappius, der sich gut auf seinen Posten vorbereitet hatte.

Gordianus nickte: »Damals war ich noch einfacher Kapitän und gerade frisch im Flottenkastell stationiert. Mit unseren Schiffen haben wir versucht, die Wilden, die mit einfachen Flößen den Rhenus weit im Norden überquerten, zurückzuschlagen. Wir haben viele versenkt, aber ihre Zahl war zu groß. Ich habe mir geschworen, dass das kein zweites Mal passiert. Daher schmerzt es mich sehr, dass diese Unholde nun mitten in meiner Stadt, in unserer Stadt, zuschlagen, edler Lappius.«

»Hat einer der Stämme uns denn offiziell den Krieg erklärt?«, fragte Lappius.

»Noch nicht. Die Räuber kommen und gehen tief in der Nacht und verrichten ihr schreckliches Werk.«

»Dann fällt es also nicht in die Zuständigkeit der Armee, diesbezüglich tätig zu werden«, stellte Lappius fest.

»Das ist zugegebenermaßen eine kluge Strategie. Die Barbaren können immer dreister werden, und bei uns fühlt sich keiner zuständig, sie zu stoppen. Neue Räuber schließen sich der Bande an, und die Überfälle nehmen zu.« In Gordianus’ Worten schwang ein leichter Vorwurf mit, was Lappius nicht entging.

»Nun, ich will mir nicht vorwerfen lassen, untätig zu sein«, sagte der ein wenig pikiert. Das Gespräch hatte schnell eine unangenehme Wendung genommen.

Gordianus stand auf. »Nach meiner Erfahrung ist Angriff die beste Verteidigung. Wir sollten es uns nicht gefallen lassen und Sanktionen gegen die Stämme verhängen. Aber das ist nur meine Meinung. Ich vertraue auf dein Urteilsvermögen und deine Erfahrung.«

»Danke, einen schönen Tag noch«, verabschiedete Lappius seinen Gast, der nach einem höflichen Nicken zurück zur Tür gegangen war, die wie auf ein unsichtbares Kommando vor ihm aufschwang.

Lappius atmete durch und blickte nachdenklich aus einem der Fenster, vor dem grauer Nebel waberte. Gordianus hatte recht, das Reich durfte sich Provokationen nicht gefallen lassen. Jeder Ansatz von Widerstand musste unterdrückt werden, sowohl auf dem eigenen Territorium als auch im Grenzbereich, sonst bestand die Gefahr, dass Rom schwach wirkte, und dieser Eindruck durfte unter keinen Umständen entstehen. Lappius würde über die Sanktionen, die der Admiral erwähnt hatte, nachdenken. Später. Denn heute hatte er noch eine Menge Arbeit zu erledigen.