28

»Ist geöffnet?«, fragte ein Mann, der gerade seinen Kopf in den Waffenladen des toten Schmiedes gesteckt hatte. Doch bevor Quintus und Lucretia, die dort warteten, etwas darauf erwidern konnten, ertönte wie zur Antwort ein markerschütternder Schrei aus dem ersten Stock.

«Ich komme morgen wieder«, murmelte der Kunde, der begriff, was vor sich ging, und verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Lucretia blickte nervös nach oben, wo sich die arme Aurelia mit der Geburt quälte. Dabei fluchte sie immer wieder auf Germanisch, und Cordia gab ihr, ebenfalls auf Germanisch, Anweisungen – mal einfühlsam, mal im Kommandoton. Lucretia verstand den Austausch der beiden Frauen nicht, konnte sich jedoch zusammenreimen, dass er aus Sätzen wie »Es tut so schrecklich weh« oder »Jetzt komm endlich raus« bestand. Quintus, der sehr wohl verstand, was da gesprochen wurde, hätte das bestätigen können, obwohl der ubische Dialekt der Gebärenden etwas anders war als der seiner Heimat. Er fühlte sich hilflos, er konnte hier nichts ausrichten. Eigentlich war es Zeitverschwendung, hier zu bleiben, doch er wollte Lucretia nicht allein lassen, die vom Geschehen sehr ergriffen schien. Und die merkwürdige Frau, die sie hergebracht hatte, hatte sein Interesse geweckt. Cordia und er hatten sich nur flüchtig begrüßt, als die Hebamme ans Bett der von Wehen geschüttelten Aurelia geeilt gekommen war und er sich schnell ins Untergeschoss zurückgezogen hatte. Doch ihre Erscheinung, ihr Charisma, hatten ihn spontan beeindruckt, und er wollte gern noch ein paar Worte mit ihr wechseln, wenn der Schrecken hier vorüber war. Zum Glück hatte er heute keinen weiteren Termin im Gericht. Immerhin schien Cordia ihrerseits zufrieden damit, dass Quintus, auf Anregung von Lucretia, schon eine Schale mit frischem Wasser bereitgestellt hatte.

Nun standen die beiden etwas hilflos in dem Laden. Sie wussten, dass sie im Moment nichts weiter tun konnten, als die Götter still um einen guten Ausgang für Mutter und Kind zu bitten. Dennoch wollten sie nicht einfach so unverrichteter Dinge verschwinden.

Lucretias Blick fiel auf den Pfeil, der in einem der Regale steckte. Dann wanderte er zu dem, der in der Tür hing.

»Fällt dir an den Pfeilen etwas auf?«, fragte sie leise, als könnte sie mit zu lautem Sprechen die Leidende im Stockwerk darüber stören.

Quintus ging zu dem Regal und zog den Pfeil heraus. Er betrachtete die Spitze, den Schaft, die Befiederung. Er war kein Experte für diese Dinge, und die Beschaffenheit des Geschosses sagte ihm auf den ersten Blick nichts.

»Was ist so ungewöhnlich daran?«, fragte er zurück.

»Die Weise, wie sie im Holz stecken.«

Er runzelte die Stirn und sah hinüber zu dem anderen Pfeil, der in der Tür steckte. Das Ende mit der Befiederung deutete leicht aufwärts. Da verstand er, worauf Lucretia hinauswollte.

»Du meinst die Flugbahn des Pfeils«, mutmaßte er, und sie nickte: »Wenn die Pfeile hier drin auf kurze Entfernung abgeschossen wurden, müssten sie doch waagerecht im Holz stecken. Sie scheinen aber eher von oben gekommen zu sein.«

Quintus fiel eine noch grundlegendere Frage ein: »Warum sollte überhaupt jemand Pfeil und Bogen zu einem Überfall in einem Ladenlokal mitbringen? Die Waffe ist hier völlig unnütz. Wenn man auf engem Raum auf Widerstand trifft, geht man den Gegner doch mit einem Dolch oder Knüppel an. Oder etwa nicht? Die Zeugin hat auch gesagt, sie hätte keinen Bogen bei den Einbrechern gesehen.«

»Nur, dass sie keinen gesehen hat, heißt ja nicht, dass nicht doch einer im Spiel war. Aber ich stimme dir zu, eine solche Waffe wäre hier ziemlich nutzlos gewesen. Außerdem schießt man mit Pfeilen doch auf Gegner. Und die Stube war leer, als die Germanen eingedrungen sind. Warum versenkt man so ein Ding im Regal?«

»Mal angenommen, einer der Räuber hätte zwei Pfeile mitgebracht und sie mit der Hand in das Holz gerammt. Das würde den Winkel erklären«, sinnierte Quintus und machte eine Geste, als ob er den Pfeil wie ein Messer ins Holz rammen würde.

»Dann ging es vielleicht mehr darum, ein Zeichen zu setzen? Wie bei einem Hund, der ein Revier markiert. Nach dem Motto: Schaut, das ist unser Pfeil, fürchtet uns«, spekulierte Lucretia.

Quintus nickte. »Oder haben sie absichtlich eine Spur gelegt?«, überlegte er. »Dann könnte es eine sein, die ablenken, in die Irre führen soll.«

Auch das klang für Lucretia nachvollziehbar: »Eine falsche Fährte.« Bloß verstand sie den Sinn dahinter nicht.

Sie hörten Cordia etwas auf Germanisch rufen, das fast freudig klang.

»Sie sieht den Kopf«, übersetzte Quintus für Lucretia, deren Miene sich aufhellte. Trotzdem wagte sie nicht, sich schon zu freuen, da sie wusste, dass auch jetzt noch einiges schiefgehen konnte.

Nun setzte ein monotoner, beschwörender Gesang ein. Quintus konnte nur wenig verstehen, aber es wirkte auf ihn, als würde Cordia mit Aurelia Atemübungen machen. Quintus lief ein paarmal nervös auf und ab, um sich schließlich auf die Stufen fallen zu lassen. »Aber das größte Rätsel bleibt …«, dachte er laut nach.

»… wie die Kerle so leicht in die Colonia rein- und wieder rausgekommen sind«, beendete Lucretia seinen Gedanken. Quintus nickte zufrieden. Er war beeindruckt davon, wie sie mitdachte. Er musste sich eingestehen, dass er in der ganzen Sache nicht halb so schlau aus allem werden würde, wenn er sie nicht an seiner Seite hätte, selbst wenn noch viele Fragen offen waren.

Lucretia lehnte sich betont lässig an die Wand. »Die Frage habe ich vorhin übrigens auch den Wachen am Tor gestellt«, sagte sie.

Überrascht sah er sie an.

Lucretia lächelte und fuhr fort: »Als ich mit Cordia in die Stadt zurückwollte, mussten wir durch das Tor. Das wahrscheinlich auch die Räuber benutzt haben. Die Stadtwachen wollten Cordia erst nicht reinlassen, da sie keine Bürgerin ist. Ich habe ihnen aber klargemacht, dass sie Hebamme ist und es um Leben und Tod geht. Dass sie wohl kaum für das erbärmliche Ableben einer Bürgerin und eines Kindes verantwortlich sein wollen. Ich hab sie bearbeitet, bis sie uns doch noch durchgelassen haben. Und bei der Gelegenheit habe ich sie gefragt, ob sie die Täter gesehen haben. Aber die Wachen sagten, sie hätten erst eine Stunde zuvor Wachablösung gehabt. Im Morgengrauen sind also andere Soldaten am Tor gewesen. Vielleicht ließe sich rausfinden, wer zu der Zeit Dienst hatte, um diese Männer zu befragen.«

Quintus griff die Geschichte auf und überlegte: »Die Räuber müssen durch eines der Tore gekommen und wieder entwischt sein. Entweder das große Südtor oder das kleine weiter westlich. Jeder andere Weg wäre viel zu weit gewesen, und man hätte sie sofort entdeckt.«

Das Knarren der Tür unterbrach Quintus’ und Lucretias Gedanken. Zwei schlaksige junge Männer schoben sich mit einer hölzernen Bahre in den Raum.

»Wir sollen hier einen Toten abholen«, sagte der Größere und blickte sich suchend um.

Quintus stand auf und nickte den beiden grüßend zu. »Er liegt im Obergeschoss, aber …«

»Danke«, unterbrach der Totenträger ihn und steuerte mit seinem Kollegen schon zielstrebig auf die Treppe zu, als oben, wo es zuletzt wieder still geworden war, Aurelia schmerzerfüllt aufschrie und auf Germanisch fluchte. Die beiden Burschen erstarrten und sahen sich unsicher an.

»Geburt«, bemerkte Lucretia trocken und zeigte nach oben.

»Wie lange …«, setzte der kleinere Träger an, aber sparte sich den Rest der Frage, als Quintus hilflos mit den Schultern zuckte. Wer konnte das schon wissen?

Den Trägern war ihr Unwohlsein deutlich anzumerken. Sie tuschelten kurz und gelangten offenbar zu dem Schluss, dass sie warten wollten. Linkisch drückten sie sich am Fuß der Treppe herum und starrten auf den Boden. Ab und zu trafen sich die Blicke der vier Wartenden, und sie lächelten sich peinlich berührt zu, während die Stimmen von oben zu ihnen herunterdrangen. Plötzlich war es ruhig, die Schmerzenslaute der Witwe waren verstummt. Quintus und Lucretia sahen sich besorgt an. Aber dann durchdrang der Schrei eines Neugeborenen die Stille. Lucretia fiel ein Stein vom Herzen. Auch Quintus freute sich. Kurz ging ihm die Frage durch den Kopf, wie Pola sich wohl bei einer Geburt schlagen und ob und wann er selbst Vater werden würde. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er es sich sehr wünschte.

»Alles in Ordnung da oben?«, rief Lucretia die Treppe hinauf.

»Es ist ein Mädchen«, ertönte Cordias Stimme. Die Erschöpfung war ihr deutlich anzuhören.

Ein paar Minuten vergingen, dann hörten Quintus und Lucretia Schritte auf der Treppe. Langsam kam Cordia herunter. Ihre Stirn war schweißbedeckt, und an den Händen und Unterarmen waren noch rote Spuren zu sehen. Offenbar hatte Aurelia viel Blut verloren und Cordia sich erst notdürftig gewaschen. Während sie in den Verkaufsraum hinabstieg, zog sie den Korken aus einer kleinen Amphore, die sie bei sich trug.

»Bei Freya, was für ein Schlachtfest«, seufzte sie, blieb direkt neben Quintus stehen, hob die Amphore zum Mund, die dem Geruch nach guten Rotwein enthielt, und leerte sie, ohne abzusetzen. Danach rülpste sie laut und beobachtete seine Reaktion. Doch Quintus’ Faszination für die Frau überwog den empfundenen Ekel.

Den Totenträgern war diese Erscheinung jedoch ganz und gar nicht geheuer, und sie beäugten sie misstrauisch.

»Können wir jetzt?«, fragte der Größere schnell.

»Ein Bett, oben, nicht zu verfehlen«, deutete Cordia die Treppe hinauf.

Der kleinere der Träger wurde plötzlich blass. »Das heißt … die Geburt gerade … war neben …«

Cordia zog die Augenbrauen hoch und nickte: »Neben der Leiche des Mannes, ja. In der Tat ein makabrer Anblick. Vor allem, wenn jetzt noch das Kind dabeiliegt, das der Arme niemals sehen wird.«

Lucretia bemerkte, dass der junge Kerl leicht grün um die Nasenspitze wurde. Schnell lief sie ein paar Stufen hoch und machte den beiden Zeichen, ihr nachzukommen. »Hier entlang.«

Die Leichenträger setzten sich mit ihrer Vorrichtung in Bewegung, und Quintus blieb mit Cordia im Verkaufsraum zurück.

»Imran war ein guter Mann«, seufzte sie und wirkte ehrlich betroffen. »Einer, dem Respekt wichtig und eine Frau nicht nur Besitz war. Es gibt zu wenige von der Sorte.«

Quintus vermutete, dass Imran der syrische Geburtsname des Toten war und dass er den Namen Julius erst mit der Staatsbürgerschaft angenommen hatte, die ihm nach seinem Militärdienst zugesprochen worden war. Aber es war auffällig, dass Cordia seinen römischen Namen zu ignorieren schien.

»Kann der Schock über seinen Tod die Wehen ausgelöst haben?«, fragte Quintus.

»Das kann sehr gut sein. Alles Sein folgt dem Geist«, nickte Cordia.

»Geht es Aurelia gut?«, fragte er besorgt.

»Sie ist am Ende ihrer Kräfte, aber hält glücklich ihre kleine Tochter im Arm. Es war richtig, dass Lucretia mich geholt hat, sonst hätten die beiden den Abend nicht erlebt.«

Auch wenn nun alles überstanden war, wurde Quintus nachträglich flau im Magen.

»Das Mädchen lag falsch herum. Ich musste es drehen. Mit der Hand. Wie bei einer Kuh«, setzte Cordia nach, während sie Quintus aus den Augenwinkeln beobachtete. Doch der zuckte nicht mit der Wimper.

»Vielen Dank für deine Dienste. Was sind wir dir schuldig, gute Cordia?«, fragte er und zog seinen Geldbeutel.

Doch die Angesprochene sah ihn nur verächtlich an.

»Behalte dein Geld«, sagte sie mit heiserer Stimme. »Damit kann ich nichts anfangen. Es ist die Wurzel allen Übels. Ich regle das schon mit Aurelia.« Sie musterte ihn abschätzig. »Wer bist du noch mal?«

»Quintus Tibur. Ich bin Rechtsanwalt, und …«

»Das ist aber nicht dein richtiger Name, oder?«, unterbrach ihn Cordia, in seinen Augen nicht sonderlich höflich. Sie stand direkt vor ihm, und er nahm ihren Körpergeruch wahr. Er war nicht unangenehm, aber ganz anders als der, den er von den Bewohnern der Colonia kannte, bei denen es zum guten Ton gehörte, mindestens jeden zweiten Tag eine Therme aufzusuchen. Sie roch nicht nach Schweiß und Erde, wie die Bauern auf den Feldern vor der Stadt, vielmehr duftete ihr Haar wie das nasse Fell eines Tieres, und von ihrer Haut ging etwas aus, das Quintus an Moos, Blätter und frisches Gras erinnerte. Dazu der metallische Hauch des Blutes, das noch an ihren Armen klebte. Sie roch nach Leben und Tod – nach Natur und nach Heimat. Aber auch nach Frau. Nach Verlangen, wie eine vage Verheißung. Einen Moment lang erregte ihn diese Mischung, aber er schob schnell dieses aufwallende Gefühl zur Seite.

»Mein Geburtsname ist Folkward«, gab er zu.

»Usipeter?«

Quintus nickte. Es fiel ihm einen Moment schwer, sich zu konzentrieren. Diese Frau war etwas Besonderes, so viel stand fest. Nun war es an ihm, Fragen zu stellen: »Gut erkannt. Auch du sprichst mehrere Sprachen. Mehr als ich, ganz sicher. Wo hast du die gelernt?«

»Bin rumgekommen«, antwortete Cordia kurz angebunden.

»Du bist Bruktererin, nicht?«, vermutete er. Sie sprach gut Latein, aber man hörte noch den Anflug eines Akzents.

Cordia zog es vor, nicht darauf zu antworten. Sie war ein Rätsel und schien sich in der Rolle zu gefallen. Ihre Haltung, ihre ganze Art, war nicht die einer gewöhnlichen Germanin. Vielleicht war sie eine Adelige? Er würde es schon noch herausfinden.

»Warum bist eigentlich nicht du zu mir gekommen, sondern hast das Mädchen vorgeschickt?«, fragte Cordia.

»Lucretia ist jünger und kann schneller laufen«, antwortete er nach kurzem Zögern, denn das war tatsächlich der Grund.

»Na, weder bist du alt, noch lahmst du, Folkward«, hielt ihm die Heilerin vor, doch ihr Ton war neckend. Und sie fuhr fort: »Aber so macht ihr Römer das. Frauen sind für euch kaum besser als Sklaven. Weißt du, wie ich Latein gelernt habe? Indem ich die Inschriften auf den Grabsteinen nahe meiner Hütte studiert habe. Und je besser ich sie lesen konnte, desto mehr stellte ich fest, wie sehr sie sich ähneln. Auf den Gräbern von Männern stehen Geschichten von großen Siegen, von Geld, davon, wie ihr die Welt unterjocht. Aber über eure Frauen vermögt ihr nach ihrem Tod nichts Besseres zu sagen als: Sie war fromm und konnte gut stricken.«

Cordia hatte ins Schwarze getroffen. So hatte er es noch nie betrachtet. Es war einer der seltenen Momente, in denen Quintus um Worte verlegen war. Sein Gegenüber spürte und genoss es.

Ein Poltern auf der Treppe rettete ihn. Lucretia kam die Stufen herab, gefolgt von den beiden schmächtigen Totenträgern, die Julius’ korpulenten Leib auf ihre Bahre gehievt hatten und sich nun mit ihm die steile Stiege hinunterkämpften. Sie ächzten hörbar unter der Last, der Kopf des Größeren, der vorne ging, war knallrot angelaufen.

Lucretia trat zu Quintus und Cordia.

»Aurelia ruht sich jetzt aus, und dem Kind geht es bestens«, berichtete sie.

Gemeinsam beobachteten sie den Kraftakt auf der Treppe. Der Anblick brachte Quintus auf eine Idee.

»Du bist doch mit den Geheimnissen des Körpers vertraut«, wandte er sich an Cordia, die ihn abwartend ansah. »Bist du in der Lage festzustellen, woran jemand gestorben ist?«

Lucretia verstand sofort, worauf Quintus hinauswollte, und nickte eifrig. »Es wäre uns eine große Hilfe, wenn du uns sagen könntest, wie der Schmied getötet wurde.«

Cordia musterte sie skeptisch, doch nickte dann langsam. »Ich kann ihn mir einmal ansehen.«

Der Moment war günstig. Die Träger hatten den Verkaufsraum erreicht und setzten eben die Bahre auf dem Boden ab, um kurz zu verschnaufen. Als Cordia sich vor den Toten kniete und anfing, ihn zu begutachten, wichen sie vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Die große Frau war ihnen nicht ganz geheuer.

Cordia inspizierte den Körper, wie es Quintus bereits oberflächlich getan hatte. Doch sie war viel genauer. Sie entkleidete den Oberkörper des Schmiedes und studierte ihn konzentriert von allen Seiten. Sie hob Julius’ Arme an, ließ sie fallen. Sie rotierte seinen Kopf, zog die Augenlider hoch. Sie drückte auf seiner Brust herum, und kam schließlich zu ihrem Urteil.

»Er wurde nicht ermordet. Er ist eines natürlichen Todes gestorben.«

Ungläubig starrten Quintus und Lucretia Cordia an.

Sie gab den Totenträgern ein Handzeichen, die darauf die Bahre wieder hochstemmten und die sterblichen Überreste des Waffenschmiedes mit einem letzten höflichen Nicken aus dem Laden trugen.

»Eines natürlichen Todes?«, fragte Lucretia irritiert.

Cordia nickte. »Es sieht so aus, als hätte sein Herz plötzlich aufgehört zu schlagen.«

Das erklärte, warum die Leiche des beleibten Mannes keine Spuren von Gewalteinwirkung aufwies, dachte sich Quintus, aber er wollte das Offensichtliche nicht aussprechen. Cordia schien ein Charakter zu sein, der leicht zu vergrätzen war, und er hatte das instinktive Bedürfnis, sich mit ihr gut zu stellen.

»Du meinst, der Schrecken, die Situation mit Fremden, die ihn in den eigenen vier Wänden bedroht haben … das hat ausgereicht, um ihn in den Orcus zu befördern?«, hakte er nach.

»Imran sitzt nun neben Wodan in der großen Halle. Er war einmal ein angesehener Krieger, wusstet ihr das?«

»Nein«, gab Lucretia zu.

»Er war bei den Bogenschützen. Der Held von Masada, als Erster auf der Zinne. Danach wurde er ehrenvoll entlassen, fünf Jahre früher als geplant, so dankbar war ihm Silva, nachdem er sich dort ewig die Zähne ausgebissen hatte. Aber das ist schon eine ganze Weile her, und die Römer sind längst zu neuen Orten gezogen, um zu morden und zu plündern.«

Cordia seufzte und fuhr dann fort: »Ein ganz schöner Brocken ist Imran gewesen am Ende. Trank zu viel, fraß zu viel, überließ in der Schmiede zunehmend den Lehrlingen das Arbeiten und bewegte sich kaum noch. Männern in seinem Alter schlägt solch ein Lebenswandel aufs Herz. O ja. Es hängt alles am Herzen. Wenn das nicht mehr mitspielt, ist es aus«, beendete sie ihre Ausführungen.

Quintus bemerkte Cordias Blick, der auf den Pfeil gerichtet war, den er unter seinen Gürtel geschoben hatte. Er zog ihn heraus und hielt ihn hoch.

»Ein Pfeil der Eindringlinge. Germanisch. Ich erkenne die Befiederung aus meiner Kindheit«, erklärte Quintus.

Cordia schnappte sich den Pfeil und betrachtete ihn nachdenklich. »Das ist keiner unserer Pfeile. Was die Federn angeht, hast du recht, ja. Aber die Spitze? Diese konische, dreikantige Form, nach unten hin dicker, um möglichst viel Fleisch zu zerfetzen – die ist typisch römisch.«

»Dann haben Römer diesen Pfeil angefertigt?«, wunderte sich Lucretia.

»Und da bist du dir ganz sicher?«, fragte Quintus skeptisch, der nun vollends verwirrt war und sich nicht eingestehen wollte, dass er die Sache nicht mehr durchblickte.

»Junge, du hast keinen Schimmer, wie viele römische Pfeile ich zu meinen besten Zeiten aus unseren Kriegern herausgepult habe. Wenn ich sage, das ist eine römische Spitze, dann ist das eine«, sagte Cordia, und ihr Tonfall machte klar, dass das Gespräch hiermit für sie beendet war. Sie griff sich ihren Umhang aus Wolfspelz, der auf einem Stuhl unweit des Eingangs lag, und warf ihn sich über die Schultern. »Ich komme morgen wieder, um nach Aurelia zu sehen. Meine Tasche lasse ich hier, sie soll sich aus den Kräutern darin einen heißen Aufguss machen und davon trinken. Das Kind sollte den Dunst auch inhalieren, er wird es stärken«, gab sie Anweisungen. Sie bedachte Quintus mit einem letzten forschenden Blick und schenkte Lucretia ein Lächeln. »Pass auf dich auf, Kindchen« waren ihre letzten Worte, bevor sie hinaus in den Nebel verschwand.