29

Die Imbissstube nahe dem Forum hatte einen kleinen Innenbereich mit vier Tischen und war durch das Herdfeuer, auf dem es in diversen Töpfen brodelte, mollig warm, während es draußen immer noch nieselte. Quintus und Lucretia nahmen ein frühes Abendessen zu sich. Sie hatten einiges zu verarbeiten. Ein Teller Erbsensuppe und eine Weißweinschorle halfen dabei, wieder etwas Blut in die klammen Glieder zu bekommen und den Verstand auf Touren zu bringen. Um diese Zeit war in dem Thermopolium nicht viel los, sie waren die einzigen Gäste. Bis auf das Klappern von Geschirr, das die Besitzerin gerade in einem kleinen Bottich mit einer Bürste schrubbte, war es still.

»Ich bekomme das alles immer noch nicht ganz zusammen«, murmelte Quintus. Als Anwalt war er vertrackte Fälle gewohnt, aber diese ließen sich meist durch Befragungen und Gespräche lösen. Die detektivische Arbeit, die er hier mit Lucretia vornahm, forderte ihn auf ganz neue Weise. Und irgendetwas hatten Cordias Beobachtungen in ihm ausgelöst. Er hatte das Gefühl, dass die Lösung schemenhaft am Rand seines Gesichtsfelds herumwaberte, nur um sich in Luft aufzulösen, sobald er ihr seinen Blick zuwendete.

Lucretia schien ähnlichen Gedanken nachzuhängen. »Also, die Federn sind germanisch, die Spitzen römisch … Und dann die Sache mit dem Schmied. Sie hatten nicht vor, ihn umzubringen. Es war eher … ein Unfall«, fasste sie zusammen.

»Die Kerle wollten nur die Schwerter«, stellte Quintus fest. »Oder mussten sie ihn nur nicht töten, weil er ihnen… quasi zuvorgekommen ist? Andererseits …« Er runzelte die Stirn. »Überhaupt fällt auf, dass bei den Überfällen ausschließlich Sklaven zu Schaden gekommen sind. Deine Freundin Nephele war der traurige Höhepunkt.«

Lucretia spürte einen Kloß im Hals. Die Wut, die sie bisher durchströmt hatte, wenn sie an Nepheles Tod dachte, war einer schweren, dumpfen Leere gewichen, die aber nicht weniger schmerzhaft war. Sie nahm einen großen Schluck von ihrer Weinschorle und versuchte, dieses Gefühl zu verdrängen. Im Kopf ging auch sie noch einmal die Überfälle durch. Tatsächlich, bis auf Julius Malcho war bisher kein einziger vollwertiger römischer Staatsbürger ernsthaft verletzt worden.

»Du hast recht«, befand sie, »aber warum? Warum die Unterscheidung zwischen Bürgern und Sklaven? Was steckt dahinter? Ein Regelwerk, ein Ehrenkodex? Gehen Plünderer aus dem Barbaricum denn so vor? Für sie sind doch alle, die links des Rhenus leben, Feinde. Und warum haben sie die Stadt nicht gleich angezündet, wenn sie es schon mal reingeschafft haben, wo sie uns Römer doch so hassen?«

Quintus sah sie durchdringend an. In ihm reifte ein schrecklicher Verdacht. »Es sei denn …« Er räusperte sich, nahm dann einen Schluck Wein und starrte abwesend in seinen Becher.

»Es sei denn, was?«, hakte Lucretia ungeduldig nach, nachdem er fast eine Minute lang geschwiegen hatte.

Er zögerte, ob er ihr seine Idee offenbaren sollte, doch ihre Meinung war ihm wichtig.

»Es sei denn«, hob er wieder an, »sie haben die Stadt gar nicht verlassen. Vielleicht sind sie noch hier.«

Lucretia verstand nicht.

»Was wäre, wenn die Räuber Verbündete in der Stadt haben? Sich vielleicht in irgendeiner Wohnung, in einer Insula verstecken?«, fragte er.

»Ganz sicher nicht«, wischte Lucretia den erschreckenden Verdacht mit einem ungläubigen Lachen beiseite.

»Aber es ergibt Sinn. Sie könnten sich sogar tagsüber normal unter uns bewegen. Und wenn es wieder so weit ist, kostümieren sie sich und verbreiten Angst und Schrecken. Dann müssen sie nicht jedes Mal durch ein Tor.«

»Nicht möglich!«, schüttelte sie entschieden den Kopf. Das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.

»Warum nicht? Damit passt alles!«, rief Quintus. Der Knoten in seinem Kopf schien sich langsam zu lösen. »Die römischen Pfeile. Sie haben sie wahrscheinlich vor Ort besorgt und dann die Befiederung ausgetauscht, damit sie germanisch wirken.«

»Unsinn, warum sollte jemand so etwas tun?«, fragte Lucretia und wurde dabei ebenfalls lauter. Die Richtung, die das Gespräch genommen hatte, gefiel ihr ganz und gar nicht. »Die Bewohner der Colonia sind römische Bürger. Es ist schwer, diesen Status überhaupt zu erhalten, das weißt du doch selbst am besten. Wer es geschafft hat, steht auch zu Rom, denn Rom ist das Licht. Römer halten zusammen, Quintus, egal aus welchen Kulturen sie ursprünglich stammen. Sie würden sich nie gegeneinander wenden.«

»Die jahrzehntelangen Bürgerkriege der römischen Geschichte hast du wohl schon vergessen? Sei bitte nicht naiv! Es spricht doch alles dafür, Lucretia«, beschwor sie Quintus. »Die Räuber töten keine römischen Bürger, sie zünden keine Häuser in der Stadt an, benutzen römische Pfeile und gehen hier ungehindert ein und aus. Wie kann das sein?«

Lucretia setzte an, etwas zu erwidern, aber er ließ sich nicht mehr bremsen:

»Und sie verhalten sich nicht einmal wirklich wie Diebe!

Die wertvollsten Dolche in der Schmiede, mit Edelsteinen besetzt und mit Griffen aus Elfenbein, lassen sie liegen? Und die vergoldeten Lampen bei den Bulbos nehmen sie auch nicht mit? Finden dort aber Geheimfächer, von denen nicht einmal die Hausbewohner wissen? Erklär mir das!«

Sie zuckte hilflos mit den Achseln. Sie konnte es nicht.

»Am Ende behauptest du noch, die Täter sind gar keine Germanen, sondern Römer, die sich als Barbaren verkleiden«, höhnte sie verzweifelt. Umso erschrockener war sie, als Quintus plötzlich innehielt und sehr ernst wurde.

»Warum nicht?«, fragte er angespannt. Er war sich der Tragweite seines Verdachts bewusst, doch konnte er ihn nicht einfach ignorieren. »Wenn wir diesen Fall wirklich lösen wollen, dürfen wir nichts ausschließen.«

Lucretia sprang auf. Sie war nun vollends verwirrt, und all diese Unklarheiten ließen Wut in ihr aufkommen.

»Warum sollte jemand so etwas tun? Kein Agrippinenser würde sich jemals gegen seine eigene Stadt richten! Wie kannst du so etwas glauben?«, fuhr sie ihn an.

»Und wie kannst du dir anmaßen, für alle zu sprechen? Kennst du die Ziele jedes Einzelnen?«, entgegnete Quintus streng.

»Nein, aber du kennst die Agrippinenser nicht! Wie denn auch. Du bist ein Fremder! Du bist nicht hier aufgewachsen, so wie ich. Es ist nicht deine Stadt, du gehörst gar nicht hier hin!«, zischte sie. »Überhaupt war diese Ermittlung eine unsinnige Idee. Man opfert Stunden und Tage, macht sich selbst verrückt, hört das Gras wachsen, und dreht sich doch nur im Kreis. Da weiß ich Besseres mit meiner Zeit anzufangen!«, rief sie mit einem Anflug von Verzweiflung und fischte in ihrem Geldbeutel nach einem Sesterz für das Essen.

Ihre Worte trafen Quintus hart, und sie spürte es. Sie verfluchte ihr Temperament, das wieder einmal mit ihr durchging, aber sie hatte in diesem Moment keine Möglichkeit, Mäßigung oder Mitleid walten zu lassen. Sie hatte Quintus auf der gemeinsamen Reise schätzen gelernt, umso enttäuschter war sie von seiner gedanklichen Maßlosigkeit, die sie als Mangel an Respekt vor ihrer Heimat empfand.

»Ach ja, was denn Besseres? Stricken und beten?«, erwiderte Quintus mit unüberhörbarer Häme. Er würde sich von einem kleinen Mädchen rhetorisch nicht in die Ecke drängen lassen. Was glaubte sie, wer sie war, so mit ihm zu reden?

Nun war es Lucretia, die verletzt war. Ihr Mund zitterte, doch ihr fiel keine weitere Entgegnung ein. Mit einer herablassenden Handbewegung warf sie die Münze auf den Tisch und stapfte voller Wut aus der Imbissstube.

»Ach je, die Liebe«, murmelte die Besitzerin, die die Situation nicht richtig einzuordnen wusste, als Lucretia an ihr vorbeirauschte.

Zurück blieb ein konsternierter Quintus, der das Gefühl hatte, dass ihm heute alles, wirklich alles misslang. Die Zusammenarbeit mit Lucretia war beendet, so viel stand fest. Wenn er tiefer graben wollte, würde er es allein tun müssen. Doch er war sich gar nicht mehr sicher, ob er das überhaupt noch wollte. Denn nach all den weiteren Fragen, die die neuen Antworten aufwarfen, erschien ihm die Sache langsam doch ein paar Nummern zu groß. Vielleicht hatte er sich in etwas verrannt und es war wirklich besser, die schlafenden Hunde ruhen zu lassen und in sein altes Leben zurückzukehren.

 

In der Mannschaftsbaracke im Flottenkastell südlich der Colonia hatten sich unterdessen zwei Dutzend Männer versammelt. Anspannung lag in der Luft. Einer der Marinesoldaten ging nervös im Raum auf und ab, ein anderer wippte mit dem Fuß, ein dritter schnitzte mit einem Zimmermannsmesser planlos an einem Ast herum.

Da klopfte es an der Tür. Alle blickten auf. Noch einmal klopfte es: dreimal schnell, dann zweimal langsam – das vereinbarte Zeichen. Der Mann mit dem Messer, ein hagerer Kerl mit bleicher Haut, stand auf. Es war Optio Marcus Vorenus, Stellvertreter des Centurios seiner Kompanie. Er ging zur Tür und öffnete sie. Ein Mann, fast einen Kopf kleiner als Vorenus, schlüpfte in die Baracke, und der Optio schloss nach einem kurzen prüfenden Blick nach draußen die Tür wieder.

»Sind wir jetzt komplett?«, fragte derjenige, der hin und her lief. Es war Antonius Livio, ein unauffälliger Mann von dreißig Jahren mit kurzem Haar.

»Ja. Setz dich endlich, Antonius, du machst mich verrückt«, blaffte ihn der, der mit dem Fuß wippte, an.

»Lass mich«, entgegnete Antonius Livio und warf genervt die Hände in die Luft.

»Ruhe jetzt«, befahl Vorenus, und obwohl er seine Stimme kaum erheben musste, kehrte sofort Stille ein. Er war der ranghöchste Offizier im Raum und offenbar der Anführer der Gruppe. Und er hatte seine Männer im Griff.

Es war eine bunte Mischung von Seeleuten und Kämpfern. Alle zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, die meisten von ihnen Gallier, Britannier und Iberer. Viele der Marinesoldaten waren in Küstenregionen aufgewachsen und von Kind auf mit dem Wasser und der Seefahrt vertraut, etwas, das bei der Rekrutierung berücksichtigt wurde. Da die Männer nicht im Dienst waren, trugen sie nur wollene Hemden und Kniebundhosen in Hellgrün. Das Mannschaftsquartier in dem kleinen Fachwerkhaus war recht geräumig. Waffen, Helme und sonstige Ausrüstungsgegenstände hingen an Haken entlang der Wände. An den Wänden standen auch die aus Tannenholz gefertigten Etagenbetten, in denen zwei Soldaten übereinander Platz fanden. In einer Ecke stand auf dem fest gestampften Lehmboden eine kleine Kornmühle, bestehend aus zwei aufeinanderliegenden Mahlsteinen, mit der die Soldaten das Mehl für ihr eigenes Brot herzustellen pflegten. Die Fenster waren schlichte Öffnungen, die mit dicken Wollvorhängen abgedichtet waren. Normalerweise fanden in der Baracke acht Personen Platz, jetzt waren die Männer darin dichtgedrängt.

»Setz dich«, herrschte Marcus Vorenus den Nachzügler Livio an, der sich daraufhin folgsam neben einen Kameraden auf dem nächstgelegenen unteren Etagenbett platzierte.

Einen Moment lang war nur das Knistern eines Feuers zu hören, das in einem mit Steinen gut abgesicherten kleinen Herd vor sich hin glomm. Der Rauch stieg zur Decke auf, wo sich die Öffnung eines Schornsteins befand.

»Ich kann nicht lange, ich habe gleich Dienst«, murrte der, der mit dem Fuß gewippt hatte, ein großgewachsener Thraker mit dunklen Augen. Er hörte auf den Namen Barsemias und war als der beste Bogenschütze seiner Kohorte bekannt.

»Zuerst einmal möchte ich euch danken«, hob Vorenus an. »Ihr habt in den letzten Wochen Außergewöhnliches geleistet. Schon bald haben wir unser Ziel erreicht.«

Die Angesprochenen sahen sich zufrieden an.

»Wann hören wir auf?«, fragte Barsemias. »Ich meine … es ist wichtig. Aber je länger wir es durchziehen, desto größer das Risiko.«

»Ja, vielleicht sollten wir es nicht übertreiben. Wenn jemand weiter oben spitzkriegt, was wir machen, sind wir alle geliefert«, rief einer weiter hinten im Raum und sprach damit eine Befürchtung aus, die die meisten von ihnen hatten. Zustimmendes Gemurmel erhob sich.

»Geduld, Männer, Geduld. Wir arbeiten auf eine große Tat hin, dafür muss man sich auch mal die Finger schmutzig machen. Aber nicht mehr lang, dann haben wir, was wir wollen! Dann sind wir nicht nur reich, dann wird die Nachwelt unsere Taten besingen«, versprach Vorenus, und einige klatschten hoffnungsfroh in die Hände. Er wusste, was seine Soldaten hören wollten. Geld war einem Römer wichtig, doch noch bedeutsamer war der Ruhm. Er fügte hinzu: »Bald müssen wir nicht mehr Nachtwächter und Bauarbeiter spielen, oder am Webstuhl schwitzen. Dann werden wir Helden sein!« Mit dem letzten Satz ballte Vorenus die rechte Hand zur Faust. Die anderen taten es ihm gleich.

»Ja! Für die Ehre!«, stimmten einige der Männer mit ein.

»Wenn der neue Statthalter uns nicht in die Quere kommt«, meldete sich ein Soldat mit dunklen Locken zu Wort.

»Ach der, pah! Ein typischer Politiker ist das, ein Griffelschieber!«, griff Vorenus den Hinweis in verächtlichem Ton auf, und einige seiner Mitstreiter lachten höhnisch. »Jetzt haben wir einen Weichling als Oberkommandanten, der noch nicht mal ein Schwert richtig halten kann.«

»Aber er macht eine schöne Figur beim Wagenlenken«, warf ein Soldat von einem oberen Etagenbett mit überzogen süßlicher Stimme ein, und alle lachten schallend.

»In der Tat, der schöne, schlappe Lappius macht es uns nicht leicht«, nickte Vorenus grimmig.

»Wahrscheinlich nur, um seinem Freund, dem Kaiser, zu gefallen«, brummte Barsemias.

Die Männer verstummten. Barsemias hatte recht. Erneut wurde ihnen bewusst, wie gefährlich es war, was sie taten.

»Rom gehört den Römern, nicht dem Kaiser!«, entgegnete Vorenus. »Und die Römer sind wir! Jeder hat seine Schmerzgrenze. Auch der neue Statthalter. Wir müssen das richtige Zeichen setzen«, redete sich der Optio in Rage. »Dann wird auch Schlappius endlich verstehen, was zu tun ist.«

Die Männer johlten begeistert. Sie waren zu allem bereit.