31

Mordprozesse pflegten dank ihres morbiden Anstrichs stets große Aufmerksamkeit zu erregen, und der heutige war keine Ausnahme, die Gerichtshalle im Rathaus war bis auf den letzten Platz besetzt. Quintus beschäftigten noch immer die vielen ungeklärten Fragen und das Zerwürfnis mit Lucretia, doch er verdrängte Zweifel und Groll und stürzte sich wieder in seine Anwaltsarbeit. Sein heutiger Mandant war ein iberischer Reiterveteran mit Augenklappe, dessen einzige Tochter zu Tode geprügelt worden war. Er war von diesem Verlust sichtlich erschüttert und starrte schwermütig ins Leere. Quintus war besonders konzentriert, nicht nur weil er alles dafür tun wollte, um dem trauernden Vater Gerechtigkeit zu erstreiten, sondern auch weil er vor dem Statthalter Lappius ein gutes Bild abgeben wollte. Gemäß seiner neuen Position als oberster Richter der Provinz Niedergermanien saß er heute zum ersten Mal einem Prozess in der Colonia vor. Prätor Orata, der diese Aufgabe bisher innegehabt hatte, würde zukünftig nur noch ersatzweise als Richter einspringen, wenn Lappius durchs Land reiste, um in den anderen Städten Recht zu sprechen, was eine der wichtigsten Verpflichtungen eines Statthalters darstellte.

Angeklagt war der Ehemann, ein breitschultriger junger Töpfergeselle mit roten Haaren namens Cythogonus.

»Zum einen ist da das Verhalten des Angeklagten selbst«, fuhr Quintus in seinem Schlussplädoyer fort, mit dem er eben begonnen hatte. »Wie wir alle gehört haben, hat er sich beständig selbst widersprochen. Zuerst wollte er zum Tatzeitpunkt geschäftlich verreist sein, wobei das erste Ziel zunächst Confluentes sein sollte, dann aber plötzlich Mogontiacum war. Danach tischte er uns auf, er habe sich in der fraglichen Nacht mit Freunden besinnungslos betrunken, obwohl stadtbekannt ist, dass Cythogonus nichts verträgt und sich von Wein und Cervisia strenger fernhält als die meisten. Wer hätte gedacht, dass solche Tugendhaftigkeit einem Mann zum Verhängnis werden kann?«, führte er weiter aus, wobei er die letzten Sätze mit leicht spöttischem Unterton formulierte, was bei den Zuschauern, die mehrheitlich schmunzelten, auf fruchtbaren Boden fiel.

»Ich war es nicht, so glaubt mir doch!«, stammelte Cythogonus und rutschte ungeduldig auf der Anklagebank hin und her. Dieser Berg von einem Mann, der unter gewöhnlichen Umständen zu der Sorte Kerl gehörte, denen man nicht im Dunklen begegnen wollte, war auf ein Häufchen Elend zusammengeschrumpft, nachdem ihn Quintus in die Mangel genommen hatte. Sein Erzrivale, Anwalt Varro, der mit starrem Gesicht am Verteidigertisch saß, war chancenlos, und es sah so aus, als müsste er sich Quintus wieder einmal geschlagen geben.

»Ich bin es nicht gewesen, das schwöre ich!«, wiederholte der Klotz mit zitternder Stimme. Er wusste, was auf dem Spiel stand. Im Angesicht eines drohenden Todesurteils wurde auch der härteste Hund weich wie Butter, Quintus hatte es schon oft erlebt. Er hatte Cythogonus kleingekriegt. Die Mienen der Geschworenen, die Quintus schnell aus dem Augenwinkel musterte, ließen vermuten, dass sie das ähnlich sahen.

»Der Angeklagte hat das Plädoyer des Anklägers nicht zu unterbrechen«, wies Lappius den Töpfergesellen zurecht, der auf einen strengen Blick Varros hin sogleich verstummte.

Quintus griff das Verhalten des Angeklagten auf, um es gegen ihn zu verwenden, und wandte sich an die Geschworenen: »Wie ihr seht, ist Cythogonus zutiefst verzweifelt. Wer von uns wäre das nicht in Anbetracht der Schuld, die er auf sich geladen hat? In dem Moment, als er das Leben seiner eigenen Frau nahm, war ihm jede Reue fremd, aber jetzt meldet sich sein Gewissen.« Langsam schritt Quintus die Reihe der Geschworenen ab, schenkte mal dem einen, mal dem anderen einen wohlwollenden Blick, um die Verbindung aufrechtzuerhalten, die ihm Einflussnahme sicherte. »Ich bin mir sicher, dass sich Cythogonus nichts sehnlicher wünscht als zu gestehen. Seine Tat zuzugeben, brennt ihm auf der Zunge. Aber er hat Angst vor den Folgen, und auch das ist nur allzu menschlich.«

Quintus war in seinem Element und registrierte zufrieden, wie gebannt die Geschworenen seinen Ausführungen folgten. In diesem Moment verschwendete er keine Gedanken an die Ermittlungen mit Lucretia, die er aufgegeben hatte und die ihm ohnehin nichts einbrachten.

Statthalter Lappius beobachtete ihn genau, der junge Anwalt schlug sich in seinen Augen sehr gut. Da Lappius zuvor schon eine andere Provinz verwaltet hatte, verfügte er über Vergleichsmöglichkeiten, dazu einiges an Rechtswissen und war mit allen Abläufen im juristischen System wohlvertraut. Als Richter zu agieren war ein Aspekt seines Berufes, den er weniger schätzte. Es war ihm zu trocken, und sein Rücken schmerzte schnell bei dem langen Herumsitzen. Doch er wusste, dass das Rechtssystem eine tragende Säule der Pax Romana war, und die Möglichkeit, es in Anspruch zu nehmen, eine wesentliche Motivation für Nichtrömer darstellte, die römische Staatsbürgerschaft anzustreben. Als Abgesandter des Kaisers, in dessen Namen er sprach und der dafür zu sorgen hatte, dass das Licht Roms weit über der Welt schien, musste Lappius diese Verpflichtung ernst nehmen.

»Doch sein Geständnis haben wir nicht. Noch nicht«, fuhr Quintus fort. »Was wir dafür haben, sind Aussagen von Zeugen. Die Wände einer römischen Insula sind dünn wie Papyrus, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Nachts ist viel Erfreuliches zu hören …«, sagte er und unterbrach sich kurz, um den Damen und Herren im Saal eine gut kalkulierte Pause zum Kichern zu bieten, nur um dann umso ernsthafter zu ergänzen: »… aber eben nicht nur. Man hört auch Unbill, Hass und Leid. So wie die Nachbarn die Schläge hörten, die Tullia von ihrem Gatten erdulden musste. Und die Schreie, die das geschundene Wesen noch zu unterdrücken versuchte, aus Scham, weil sie genau wusste, dass viele Ohren den Gewalttaten des Belgiers lauschten.«

Er schüttelte den Kopf mit halb gespielter, halb ehrlich empfundener Trauer, und einige Geschworene, ebenso wie manche Zuschauerin, ahmten die Bewegung fast automatisch nach. Das waren die Momente, in denen Varro grün vor Neid auf seinen Kollegen wurde, der es ungleich besser verstand, auf der Klaviatur der Emotionen zu spielen als er selbst.

Quintus räusperte sich und schloss so leise, dass alle im Saal genau hinhören mussten: »So war es auch in der betreffenden Nacht. Er schlug sie, immer wieder und wieder, warf ihr eine Affäre vor, von der jeder im Haus wusste, dass es die nicht gab, da Tullia der Inbegriff von Keuschheit war. Er traktierte sie mit seinen Fäusten, keine Gnade kennend, bis Stille einkehrte … Totenstille.«

Der grobschlächtige Belgier auf der Anklagebank sackte in sich zusammen, als hätten ihn Quintus’ Worte wie Messerstiche getroffen. Er keuchte, rang nach Luft.

Quintus hatte einen Moment lang Mitleid mit ihm. Zu wissen, dass man des Todes war, musste grauenerregend sein. Doch das Gefühl des Triumphes, sein Werk im Sinne Justitias zu verrichten, überwog – Cythogonus hatte sich alles selbst zuzuschreiben und musste nun die Konsequenzen tragen.

»Ich … ich wollte es nicht. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist«, kam es leise aus ihm heraus. Aber doch laut genug, dass der Hall seine Worte bis hinauf zur marmorverkleideten Empore der Zuschauer trug. Ein Geständnis, zweifellos. »Es tut mir leid, ich würde es ungeschehen machen, wenn ich könnte. Es tut mir leid«, fügte der Belgier noch hinzu, aber so leise flüsternd, dass es selbst die Geschworenen, die nur zehn Fuß vom Zeugenstand entfernt auf ihren langen Bänken saßen, kaum vernahmen.

Lappius atmete auf. Es war vorbei.

Quintus drehte sich zum Vater der Getöteten um und sah dessen Erleichterung. Da fiel auch ihm ein Stein vom Herzen. Daran beteiligt zu sein, einen Menschen der Zwangsarbeit oder sogar dem Tod zu überantworten, widerstrebte ihm zwar, doch die Genugtuung darüber, Gerechtigkeit walten lassen zu können, überwog. Und wer wollte, dass Verbrechen bekämpft wurden, musste auch ihre Ahndung akzeptieren.

 

Nach dem Prozess, der für den Angeklagten wie erwartet mit einem Schuldspruch und einem Urteil zum Tod »ad bestiam« geendet hatte, verließ Quintus den Gerichtssaal und betrat die mächtige Halle im Herzen des Prätoriums. Die prunkvollen Wandgemälde, die die römische Götterwelt darstellten, beeindruckten ihn immer wieder aufs Neue. Statthalter Lappius schien es ähnlich zu gehen, er stand allein im Raum und betrachtete gedankenversunken die sehr plastische Abbildung des Gottes Apollo, der, auf einem Felsen sitzend, als schöner Mann mit Lorbeerkranz und einer Harfe in der Hand dargestellt war.

»Die Agrippinenser sind stolz auf dieses Kunstwerk«, eröffnete Quintus das Gespräch.

Lappius wandte sich ihm zu und lächelte.

»Und sie können stolz auf noch viel mehr sein«, sagte der Statthalter.

»Ich will dich nicht stören, verehrter Prokonsul, ich wollte nur diese erste Gelegenheit ergreifen, mich persönlich vorzustellen«, fuhr Quintus fort.

»Ich weiß deine Höflichkeit zu schätzen. Quintus Tibur? Ein Name, der hängenbleibt. Nicht unwichtig für einen Anwalt. Und auch ein gewisser Hang zur Melodramatik kann nicht schaden.«

»Meine Frau ist Schauspielerin. Vielleicht färbt das ab«, lachte Quintus. »Wie hast du dich eingelebt, edler Statthalter Aulus Bucius Lappius Maximus?«

»Ganz gut, soweit man es in einer Woche kann. Viele Aufgaben liegen vor mir. Aber es ist schön, in diesem Winkel der Welt, der mir so neu ist, etwas Vertrautes zu sehen«, erklärte Lappius und deutete auf das Bildnis des Apollo. »Mein vorheriger Posten war in einer Provinz in Kleinasien, am Mare Nigrum. Apollo wird dort über alle Maßen verehrt. Er sei sogar dort geboren, behaupten die Bewohner. Von dort hat sich sein Kult über Griechenland, über Italien bis hierher verbreitet. Viele sehen in ihm das größte, ja das einzige, das höchste Wesen. Ein Gott für alles … Ich frage mich, wie es ihm hier in der Fremde geht, wo die Sonne kleiner und viel weiter entfernt scheint, falls sie sich überhaupt einmal zeigt.«

»Apollo muss Geduld haben, wie wir alle. Lass dich nicht von ein paar verregneten Tagen im Frühling täuschen. Die Sommer können hier so heiß werden wie im Süden, lieber Prokonsul.«

»Der Mensch braucht etwas, woran er glauben kann«, sagte Lappius. Er sah Quintus prüfend an und fragte: »Woran glaubst du, Quintus Tibur?«

»An die Gerechtigkeit. Götter offenbaren sich mir selten«, antwortete er, »doch das Gesetz sehe ich jeden Tag schwarz auf weiß vor mir.«

»Statthalter!«, ertönte eine Stimme hinter ihnen.

Es war die von Admiral Gordianus. Heute trug er wieder seinen Brustpanzer, an dem zahlreiche runde Phalerae prangten, metallene Orden mit phantasievollen Gravuren, die seine Verdienste auswiesen. Von seinen Schultern hing ein makellos sauberer hellblauer Umhang. Auf dem Kopf hatte er einen Helm mit kunstvoll verziertem Visier und einer großen Quaste aus weißen Straußenfedern, die sich bei jeder Bewegung wiegten. Mit der gebräunten Haut und dem kantigen Kinn, gepaart mit der Ausstrahlung ungeheuren Selbstbewusstseins, war er ein Mann, nach dem sich Frauen auf der Straße umdrehten.

»Admiral Gordianus, das ist Quintus Tibur, Anwalt. Ein Mann mit Überzeugungen. Und mit Talent«, stellte Lappius Quintus vor, der sich sehr geschmeichelt fühlte.

»Das sind die gefährlichsten«, lachte Gordianus und fügte hinzu: »Es freut mich, deine Bekanntschaft zu machen.«

»Es ist mir eine Ehre, den Kommandanten der Rheinflotte einmal persönlich zu begrüßen«, erwiderte Quintus und meinte es auch so.

»Dein Gesicht kommt mir bekannt vor«, sagte Gordianus und runzelte die Stirn.

»Ich glaube, wir waren neulich zufällig im selben Haus«, erklärte Quintus und wandte sich an den Statthalter: »Es war am Tag deiner Ankunft, verehrter Prokonsul, im Haus der Bulbos.«

»Oh. O ja. Eine schlimme Sache. Ich hoffe, es geht den Leuten gut«, sagte dieser.

»Bist du ein Freund der Familie?«, wollte Gordianus von Quintus wissen.

Der Anwalt hielt es für klüger, die Intensität seiner Ermittlungen für sich zu behalten, zumal sie keine Resultate gezeigt hatten, mit denen er die hohen Herrschaften hätte beeindrucken können.

»Nein, ich habe mich nur nach dem Überfall dort umgesehen. Ich wollte wissen, ob die Täter Spuren hinterlassen hatten. Aber ich habe nichts gefunden«, erklärte er vorsichtig.

Lappius wirkte angetan von Quintus’ Idealismus: »Aufmerksame Bürger brauchen wir in diesen Zeiten dringender denn je.«

»Überaus ehrenhaft, dass du deine Zeit auf das Gemeinwohl verwendest. Solltest du doch noch etwas herausfinden, so lass es mich wissen«, fügte Gordianus hinzu. »Aber jetzt entschuldige uns, ich muss etwas Dringendes mit dem Statthalter besprechen. Einen schönen Tag noch.«

Gordianus wollte das Thema offenbar auch nicht vertiefen. Quintus konnte sich vorstellen, dass ihm als höchstem Sicherheitsoffizier der Stadt die Lage durchaus peinlich war.

»Ich bin in den nächsten Tagen in Aquae Granni, um dort Gericht zu halten. Prätor Orata wird mich hier vertreten«, informierte Lappius Quintus noch. Dann wandten sich der Statthalter und der Admiral ab und schritten zum Portal, das tiefer ins Innere des Gebäudekomplexes führte und hinter dem sich der kleine Garten erstreckte. Sofort schienen sie in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein.

Quintus sah den beiden einen Moment nach. Endlich einmal hatte er die wichtigsten Männer der Stadt, ja des Landes, kennengelernt. Solche Verbindungen nach ganz oben konnten nützlich sein.

Als er sich zufrieden umdrehte, um zum Haupteingang zu gehen, streifte sein Blick ein letztes Mal das Wandgemälde. Er erstarrte und blieb wie angewurzelt stehen. Seine Aufmerksamkeit galt nur noch der Abbildung des Gottes Neptun, die sich links neben dem Tor befand. Trotz des hellen Lichts, das von draußen hereinfiel, konnte man die Ecke leicht übersehen. Neptun war als muskulöser älterer Mann mit von einer Muschelkette geschmückten, wallenden Haaren und einem langen Bart dargestellt, in den grüne Algen geflochten waren. In einer majestätischen Pose erhob er sich aus dem schäumenden Meer. Am auffälligsten war aber, was er mit beiden Händen umklammert hielt: ein langer Dreizack – mit einer goldenen Spitze. Es war diese Spitze, die Quintus ins Auge stach und in ihm das Gefühl auslöste, ein wichtiges Rätsel gelöst zu haben. So oft schon war er an dem Gemälde vorbeispaziert, warum hatte er nicht früher einmal genau hingesehen? Wie eine warme Welle fuhr dieser Moment der Erkenntnis jetzt durch seinen Körper. Ich lag falsch , dachte er. Das Symbol, das die Tätowierung des Räubers zeigte, war keine Rune, kein fremder Buchstabe, sondern das Zeichen eines Gottes! Aber was bedeutete das? Was machte er mit dieser Entdeckung, wohin würde sie ihn führen? Er riss seinen Blick los und fuhr sich mit der rechten Hand durch das Haar, während er fieberhaft nachdachte. Er war sich unsicher, was er tun sollte. Er könnte der Spur allein nachgehen, jetzt sofort. Doch er fühlte sich Lucretia verpflichtet, die einen nicht unbeträchtlichen Teil des Weges mit ihm gegangen war. Es würde sich unredlich anfühlen, sie über seine Erkenntnis im Dunkeln zu lassen. Nein, er konnte sie nicht einfach übergehen, zumal diese Erkenntnis sie besonders betraf. Aber würde sie sich dafür noch interessieren? Und würde sie nach ihrem Streit überhaupt noch einmal mit ihm reden wollen? Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.