Antonius Livio überprüfte die Ladung eines Händlers, der Einlass in die Stadt begehrte. Er kannte den Mann, er war ein Bürger und durfte passieren. Regentropfen perlten von Livios Helm ab und liefen ihm in den Nacken. Er winkte den Händler weiter und eilte dann unter einen der beiden Durchgänge des Nordtores, wo man halbwegs geschützt stehen konnte. Dort wartete Barsemias, der mit ihm die Nachmittagsschicht schob. Es wurde langsam dunkel, und die schwarzen Wolken, die über der Stadt hingen, verstärkten den trüben Eindruck noch. Alles schien grau, so als hätte das Wetter sämtliche Farbe aus der Landschaft gesaugt. Auf den Regen, der eingesetzt hatte, waren die Marinesoldaten vorbereitet, sie trugen über ihren rostanfälligen Kettenhemden kurze Mäntel aus bienenwachsgetränktem Leder, die bis knapp über die Hüften reichten.
Barsemias stützte sich auf seinen hohen ovalen Schild, der mit ineinander verschlungenen Fischschwänzen in verschiedenen Blautönen bemalt war. Er musste den schmerzenden Rücken entlasten, der ihm mit zunehmendem Alter Sorgen bereitete. Im Gegensatz zu einem Infanterielegionär war er in seinem Berufsleben zwar keine Tausende von Meilen quer durch ganz Europa marschiert, aber das Rudern auf den täglich patrouillierenden Schiffen und die häufige Arbeit am Webstuhl, die er in unbequemer Haltung verrichten musste, wenn er nicht gerade Wache schob, hatten ihre Spuren hinterlassen.
Eine Weile standen Livio und Barsemias schweigend nebeneinander. Sie langweilten sich, und die Schicht schien kein Ende zu nehmen, auch wenn die Ablösung durch die Nachtwache schon in einer Stunde erfolgen würde.
»Ich kann das Gesicht der Frau nicht vergessen«, flüsterte Livio plötzlich. »Es verfolgt mich die ganze Zeit. Ich sehe es, wenn ich die Augen zumache.«
Barsemias rollte mit den Augen. Schon wieder dieses Thema.
»Sie war nur eine Sklavin«, versuchte er, die Sorgen des Kameraden herunterzuspielen.
»Sie war eine unbewaffnete Frau, Barsemias. Ich sehe sie nachts in meinen Träumen, von den zuckenden Flammen des brennenden Hauses erleuchtet«, fuhr Livio fort. »Ich habe Neptun schon mehrmals geopfert und ihn um Linderung gebeten, doch vergeblich. Vielleicht will er, dass ich leide, dass ich büße. Vielleicht bin ich verflucht. Und vielleicht habe ich es verdient …«
Barsemias betrachtete ihn nachdenklich. Er verstand die Nöte seines Kameraden. Auch er hatte in seiner Laufbahn als Soldat Dinge getan, auf die er nicht stolz war. Aber er hatte gelernt, damit umzugehen, seine Taten vor sich selbst zu rechtfertigen.
»Sie war keine römische Bürgerin. Ihr vergossenes Blut ist es nicht wert, dass du dich so grämst, mein Freund. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort«, tröstete der Thraker ihn.
»Du meinst wie … der Schmied«, presste Livio tonlos hervor und starrte hinaus in den Regen, der laut auf den Asphalt prasselte.
Barsemias wandte sich wieder seiner Arbeit zu und nahm die Menschen, die die in die Stadt führende Pforte passierten, prüfend in den Blick. Heute war wenig los, und das lag nicht nur am schlechten Wetter. Es hatte sich herumgesprochen, dass Nichtbürger die Colonia zu meiden hatten. Viele machten nun lieber ihre Geschäfte in Novaesium oder Bonna. Diese Städte waren zwar weiter entfernt und viel kleiner, aber die Händler und Handwerker aus dem Umland wollten lieber wenig Geld verdienen als gar keines.
»Vielleicht ist das, was wir tun, falsch. Ich … weiß nicht, ob ich das noch lange für mich behalten kann. Ich kann kaum noch schlafen. Sogar mein Mädchen ahnt schon, dass etwas nicht stimmt.«, setzte Livio wieder an, und seine Stimme zitterte leicht.
Barsemias holte tief Luft. Er wollte es nicht hören.
»Lass uns das nicht vertiefen. Nicht hier und jetzt«, wies er seinen Kameraden zurecht. Sie mussten zusammenhalten.
Livio ließ sich nicht bremsen: »Es ist Unrecht.«
Barsemias räusperte sich und entgegnete verständnisvoll: »Genug davon. Du steigerst dich da zu sehr rein. Du schweigst wie ein Grab. So wie wir es geschworen haben.«
Doch Livio ließ nicht locker: »So war das doch alles nicht geplant. Wir schaden zu vielen Leuten.«
Barsemias war fast erleichtert, als er sah, wie sich Marcus Vorenus näherte. Das half ihm, die Worte seines Kameraden innerlich beiseitezuschieben.
Als Unteroffizier pendelte Vorenus an den Tagen, an denen er und seine Männer Wachdienst hatten, regelmäßig zwischen allen Stadttoren, um nach dem Rechten zu sehen. Er stieg über eine Pfütze und stellte sich unter den Torbogen zu Barsemias, während Livio den geschützten Unterstand verließ, um die Waren eines Händlers auf einem kleinen Eselskarren zu untersuchen, der um Einlass in die Colonia bat.
»Alles in Ordnung?«, fragte Vorenus, wobei er seinen Helm absetzte. Sein Helmbusch und sein mannshoher Stab mit einem Metallknauf an der Spitze, das Hastile, wiesen ihn als Unteroffizier aus, ansonsten unterschied sich seine Ausrüstung nicht von der der gewöhnlichen Soldaten.
»Natürlich, Optio«, antwortete Barsemias und war darauf bedacht, Zuversicht auszustrahlen. Sein Blick wanderte verstohlen zu Livio.
Vorenus bemerkte es. Er hatte eine gute Auffassungsgabe, daher war er auch recht schnell in der Armee aufgestiegen, und Optio sollte nicht seine letzte Position bleiben.
»Stimmt was nicht mit dem Kameraden?«, hakte er nach.
Barsemias sah ihn betreten an, was dem Optio bewies, dass er richtiglag.
»Wir haben alle mal einen schlechten Tag«, redete sich Barsemias heraus und widmete seine Aufmerksamkeit den Passanten, die durch das Tor neben ihnen ein- und ausgingen. Doch Vorenus wollte es nicht auf sich beruhen lassen.
»Neulich bei unserer Zusammenkunft schien er auch nicht mehr voll an Bord zu sein«, stellte der Optio fest und hoffte, Barsemias mehr Informationen zu entlocken.
Der war nun in einer schwierigen Lage, denn einerseits glaubte er an die gemeinsame Mission, andererseits war Antonius Livio ein Freund, den er nicht ans Messer liefern wollte.
»Man braucht gute Nerven für das, was wir vorhaben«, raunte Barsemias und hoffte, dass der Vorgesetzte das Thema nicht vertiefen würde. Doch da lag er falsch, Vorenus hatte Blut geleckt.
»Und die hat Antonius nicht, meinst du?«
Barsemias holte tief Luft und sagte dann: »Er ist ein Mann mit Gewissen.«
Vorenus wusste, was sein Untergebener sagen wollte.
»Was wir brauchen, sind Männer mit Entschlossenheit, nicht Männer mit Gewissen«, sagte er, sah Barsemias durchdringend an und forderte: »Was? Was genau hat er gesagt? Berichte mir alles.«