Quintus hatte sich durchgefragt, und es war nicht schwer gewesen herauszufinden, welches das Haus der Familie Veturius war. Zumal er seit ihrem Ausflug in die Germania Magna zumindest dessen ungefähre Lage kannte. Lucretias Vater war einer von nur zwei Garumhändlern in der Colonia, und er hatte sein Geschäft im vorderen Teil des Hauses, in dem er auch wohnte. Als Quintus dort ankam, machten die beiden älteren Angestellten, die für den Straßenverkauf der beliebten Fischsoße zuständig waren, den Laden gerade dicht und schlossen die Tür ab. Die Ware, die zur Würzung römischer Gerichte in jede gute Küche gehörte, fand reißenden Absatz, und Lucretias Vater hätte das Geschäft sicher gern länger aufgelassen, aber die Verordnung zum Ladenschluss war streng: Zur sechsten Stunde nach dem Mittag hatten alle Geschäfte geschlossen zu sein.
Quintus ging zur Haustür, die eher unauffällig in der fensterlosen, zur Straße gewandten Häuserfront rechts des Ladenlokals lag. Er betätigte den Türklopfer, der die Form eines Delfins hatte. Kurz darauf waren Schritte zu hören, und eine kleine hölzerne Luke im oberen Drittel der Tür öffnete sich mit einem Quietschen. Es war Cäcilia Veturius persönlich, die hindurchspähte. Quintus erkannte sie wieder.
»Ja, bitte?«, fragte Lucretias Mutter, während sie ihn skeptisch musterte.
»Guten Abend. Entschuldige die Störung. Ich bin Quintus Tibur, Anwalt. Ich müsste mit deiner Tochter sprechen.«
»Steckt sie in Schwierigkeiten?«, sagte Cäcilia erschrocken.
»Nein, keineswegs. Es ist eine … private Angelegenheit. Ich werde nicht lange stören.«
»Nun gut«, sagte die Hausherrin. Man hörte einen Schlüssel, der sich knarzend im Schloss drehte, dann schwang die Tür auf, und er wurde eingelassen.
Cäcilia schloss die Tür hinter ihm wieder ab und führte den Gast durch einen schmalen Gang ins Atrium.
Quintus sah sich um. Hier war Lucretia also aufgewachsen.
»Du bist doch der mit dieser … Frau«, stellte Cäcilia misstrauisch fest.
Quintus bemerkte ihren Unterton, entschied sich aber, nicht darauf einzugehen und antwortete verbindlich: »In der Tat, ich bin glücklich verheiratet, ja.«
»Ich glaube, wir haben uns auf dem Forum gesehen. Bei der Antrittsrede des Statthalters.«
»Die so furchtbar unterbrochen wurde, ich erinnere mich«, pflichtete Quintus ihr bei, als sie beide beim Impluvium, dem unter freiem Himmel liegenden Wasserbecken im Zentrum des Peristyls, ankamen.
Cäcilia hakte nicht weiter nach. »Lucretia, kommst du mal?«, rief sie. »Du hast Besuch.« Und sie fügte hinzu: »Es ist ein Mann.« Als ob das einen Unterschied machte.
Lucretia kam aus einem der Zimmer. Sie war heute nicht aufwendig geschminkt oder frisiert und trug eine schlichte Tunika. Als sie Quintus sah, verzog sich ihre bis dahin entspannte Miene.
»Oh«, sagte sie nur.
»Ich muss über etwas Wichtiges mit dir sprechen«, verkündete er.
Cäcilia, die höchst neugierig war, worum es ging, sah zwischen den beiden hin und her und machte keine Anstalten, sich zurückzuziehen.
»Mutter, lässt du uns kurz allein? Bitte«, wandte sich Lucretia mit einem freundlichen Blick an Cäcilia. Die wollte erst etwas sagen, ließ es dann aber bleiben und schwebte enttäuscht davon.
Einen Moment lang war es ganz still. Man hörte nur das Quaken eines Laubfrosches, der auf dem marmornen Rand des Wasserbeckens saß, sie zu beobachten schien und dabei seine Backen aufblies.
»Ich habe etwas herausgefunden«, setzte Quintus an, und zu seiner Überraschung antwortete Lucretia: »Ich auch. Du zuerst.«
»Es ist nur eine Vermutung.« Er räusperte sich. »Aber ich glaube zu wissen, was das Zeichen darstellt, das deine Freundin kurz vor ihrem Tod auf deinen Arm gemalt und das auch der gekaufte Zeuge beschrieben hat.«
Lucretia sah ihn gespannt an, versuchte aber, nicht zu aufgeregt zu wirken. Den Gefallen wollte sie ihm nicht tun.
»Ich glaube, was die beiden gesehen haben, war ein Dreizack«, erklärte Quintus.
Lucretia kniff nachdenklich die Augen zusammen.
»Der Gedanke kam mir, als ich das Bildnis Neptuns im Prätorium gesehen habe. Diese Form einer Gabel entspricht exakt der Waffe des Meeresgottes«, sagte Quintus.
»Ich kenne das Bild, ich weiß, was du meinst. Wenn sich jemand den Dreizack als Symbol stechen lässt, das man nicht mehr abwaschen kann, dann muss ihm diese Gottheit sehr viel bedeuten«, schlussfolgerte Lucretia.
Quintus lächelte, er hatte schon einen ähnlichen Gedanken gehabt. »Und wem ist es wichtig, sich mit Neptun gutzustellen? Einem Fischer! Er lebt am Wasser und vom Wasser. Er braucht Neptuns Gunst. Das engt den Kreis der Verdächtigen stark ein, auch wenn es sicher einige Männer dieses Berufsstandes in der Stadt gibt.«
»Ja. Einem Fischer«, ergänzte Lucretia nachdenklich, »oder einem Soldaten. Genauer gesagt, einem Marinesoldaten. Einem, der im Flottenkastell stationiert ist. Oder der unsere Stadttore bewacht.«
»Auch das ist sehr gut möglich«, sagte Quintus beeindruckt, der darauf noch nicht gekommen war, und seine Augen weiteten sich interessiert. Dass Lucretia von sich aus einen römischen Soldaten verdächtigen würde, war das Letzte, was er nach ihrem Streit erwartet hätte. »Hat diese Vermutung etwas mit dem zu tun, was du herausgefunden hast?«
Lucretia taute auf, was er an ihrer Körperhaltung festmachen konnte, die sich etwas lockerte. Es schien ihr auf der Zunge zu brennen, ihm die Neuigkeiten zu berichten. Andererseits hatte sie sich so entrüstet und abfällig über ihre gemeinsamen Ermittlungen geäußert, dass sie sich nun wahrscheinlich keine Blöße geben wollte.
»Bitte sag es mir, ich habe das Gefühl, wir kommen einen großen Schritt voran, wenn wir unsere Beobachtungen abgleichen«, bat Quintus ernst.
Lucretia gab nach. Sie konnte nicht anders. Das Verlangen, den Fall weiterzuverfolgen und zu lösen, war größer als ihr gekränkter Stolz.
»Ich habe mich daran erinnert, dass du mir von dem Geheimfach im Hause der Bulbos erzählt hast«, begann Lucretia.
»Von dem keiner wusste, außer dem Dominus selbst«, erinnerte sich Quintus.
Lucretia nickte. »Das dachte ich auch, bis ich noch mal zu dem Haus gegangen und mit Aemilius Bulbo gesprochen habe. Ich kenne ihn und seinen Sohn Titus von klein auf, er vertraut mir. Er hat sich daran erinnert, dass ein Verwandter von ihm bei einem Besuch zufällig in den Raum gekommen ist, als er das Fach gerade geöffnet hatte. Es ist schon etwas länger her.«
Quintus horchte auf.
»Sehr interessant! Also kann das Wissen um den Tresor doch von einem Dritten nach draußen gelangt sein. Wer war es denn, der das Geheimnis zufällig entdeckt hat?«
»Ein Mann namens Marcus Vorenus. Er ist ein Neffe von Bulbo. Und jetzt rate mal, wo er arbeitet.«
»Im Flottenkastell«, kombinierte Quintus sofort.
»Richtig. Er ist Optio bei der Rheinflotte«, bestätigte Lucretia.
Es passte alles zusammen. Aber gute Nachrichten waren das nicht, deutete dies doch nun tatsächlich auf eine Verschwörung in den eigenen Reihen hin. Immerhin – das Gespräch ließ das Eis zwischen Quintus und Lucretia langsam wieder auftauen.
»Und dieser Vorenus hat nicht zufällig auch noch eine Tätowierung auf dem Arm?«, fragte Quintus sarkastisch.
Doch Lucretia zuckte nur mit den Schultern. Auch wenn ihr selbst diese Frage auf der Zunge gebrannt hatte, war es ihr falsch vorgekommen, Bulbo danach zu fragen.
»Gute Arbeit«, lobte Quintus sie.
Lucretia verspürte nun den Drang, das Thema anzusprechen, das er selbst bisher vermieden hatte: »Möglicherweise hast du recht damit, dass Römer hinter den Überfällen stecken. Oder dass Bürger der Colonia germanische Räuber unterstützen. Man darf ja keine Möglichkeit einfach so ausschließen. Vielleicht war ich … etwas vorschnell. Aber der Gedanke hat mich so entsetzt, so enttäuscht, dass ich ihn nicht zulassen konnte. Oder wollte.«
»Gräme dich nicht deswegen«, tröstete sie Quintus, der ihr längst verziehen hatte. »Es war sehr klug von dir, Bulbo zu befragen. Vielleicht sind wir der Lösung des Falles näher, als wir glauben. Letztlich führen beide Spuren zur Flotte. Wir sollten diesem Marcus Vorenus auf den Zahn fühlen, findest du nicht?«
Lucretia rang mit sich. Nachdenklich drehte sie eine ihrer dunklen Locken um ihren Zeigefinger. Die Sache war riskant. Aber sie wollte zu Ende bringen, was sie angefangen hatte. Für ihre Freundin. Für Nephele. Sie musste es tun und der Zusammenarbeit mit Quintus noch eine Chance geben. Sonst würde Nepheles Seele keinen Frieden finden – und sie selbst auch nicht.
Lucretia sah sich aus den Augenwinkeln um, um sicherzugehen, dass sie nicht belauscht wurden, doch ihre Mutter war nirgendwo zu sehen.
»In Ordnung. Wir suchen ihn morgen. Lass uns die Wachen an einem von den Toren befragen. Sie können uns sicher sagen, wo der Optio zu finden ist. Dann können wir ihn beobachten, vielleicht verrät er sich irgendwie«, raunte sie.
Nicht der beste Plan, aber Quintus fiel auch nichts anderes ein.
»Ja, das passt. Morgen habe ich keinen Gerichtstermin. Wann kommst du am besten von hier weg?«, fragte er verschwörerisch.
»Zur dritten Stunde des Tages«, legte Lucretia fest.
Quintus nickte. Endlich war die Lösung des Mysteriums in greifbare Nähe gerückt.