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Nur kurz nach der dritten Stunde trafen sie sich vor Quintus’ Insula und liefen zum nahegelegenen Westtor. Dort nahm die Via Belgica ihren Anfang, eine der Hauptverkehrsadern der gesamten Region. Sie führte über Juliacum und Samarobriva nach Nordwesten bis zum Ärmelkanal. Die Marinesoldaten, die am Tor Wache hielten, dachten sich nichts dabei, dass zwei harmlose Bürger Vorenus suchten. Sie kannten ihn, auch wenn er in einer anderen Einheit diente und ihnen nicht direkt vorgesetzt war. Er wäre kurz zuvor am Tor gewesen und hätte nach dem Rechten gesehen, dann aber hätte ein aufgeregter Feuerwehrmann nach ihm verlangt, der ihn dringend zum Hafen geleiten wollte. Dort wäre etwas vorgefallen, aber mehr wussten die Soldaten nicht zu sagen.

Quintus und Lucretia beschlossen, der Sache nachzugehen, und liefen einmal quer von West nach Ost durch die gesamte Stadt, bis sie am Hafen ankamen. Es war ein warmer, sonniger Frühlingstag, wenn auch ziemlich windig. Dicke weiße Wolken trieben unter dem blauen Himmel. Sie schienen so eilig unterwegs zu sein wie die beiden Ermittler, die das Gefühl hatten, mit jedem Schritt der Lösung des Rätsels näher zu kommen.

Der östliche Rand der Colonia war wie die anderen drei Seiten durch eine hölzerne Mauer gesichert, und man musste eines von drei kleineren Toren passieren und einige Stufen herabsteigen, um ans Flussufer zu gelangen, das durch eine gemauerte Uferpromenade befestigt war. Der Handelshafen der Colonia war der größte Hafen Germaniens. Er war an der zentralen Schnittstelle von Nord und Süd, Ost und West, am breitesten Fluss des Kontinentes nicht nur bestens positioniert, sondern profitierte auch von einer geographischen Besonderheit: Unmittelbar vor der Colonia ragte eine lange, schmale Halbinsel in den Rhenus. Die ruhige, etwa hundertfünfzig Fuß breite Bucht, die sie bildete, war prädestiniert für einen Hafen. Um beide Seiten zum Anlegen optimal nutzen zu können, hatte man die Landzunge auf Höhe des Prätoriums durch eine große Brücke mit dem Ufer verbunden. Zahlreiche Schiffe lagen hier mit eingeholten Segeln. Von flachen Transportkähnen, die nur für kurze Distanzen benutzt wurden, bis zu hochseetauglichen Handelsschiffen waren die verschiedensten Arten vertreten. Möwen flogen kreischend umher und suchten nach Essbarem, einige standen – nur auf einem Bein – hoch oben auf den sich wiegenden Masten. Der Hafen war ein Schmelztiegel, viele verschiedene Sprachen waren zu vernehmen. Händler aus Helvetien, wo der Fluss entsprang, feilschten in radebrechendem Latein mit Kollegen aus dem fernen Caledonien, dem Norden der Insel Britannien. Gelagert wurden die Waren in großen, aus roten Ziegeln errichteten Speicherhäusern, die überall auf der Insel errichtet waren.

Quintus und Lucretia betraten gerade die Promenade. Ein mit Amphoren beladener Ochsenkarren klapperte an ihnen vorbei in Richtung Tor. Sie sahen sich nach Vorenus um.

»Was ist da los?«, fragte Lucretia und zeigte auf eine Menschentraube, die sich etwa hundertfünfzig Fuß südlich, kurz vor dem Ende der Uferpromenade, versammelt hatte. Dort stand ein Unteroffizier und sprach mit mehreren Feuerwehrleuten. Es sei etwas Schlimmes vorgefallen, hörten sie Menschen im Vorbeigehen flüstern. Man habe eine Leiche im Wasser gefunden! Hatten die Germanen wieder zugeschlagen? Die Bürger waren sichtlich nervös.

Einer der Vigiles war gerade dabei, mit einem langen Holzstab, an dessen Ende sich ein Eisenhaken befand, den bleichen, schlaffen Körper eines Mannes aus dem Hafenbecken zu ziehen. Ein anderer Feuerwehrmann trieb mit rudernden Armbewegungen die versammelten Passanten zurück.

»Haut ab, Leute, ihr habt genug gegafft! Wir übernehmen hier!«, wies er sie zurecht, und die Menge zerstreute sich widerwillig.

Quintus und Lucretia arbeiteten sich durch den Pulk der Schaulustigen nach vorn. An seiner blassgrünen Kleidung konnten sie erkennen, dass es sich bei dem Toten im Rhenus um einen Marinesoldaten handeln musste.

Der Optio wirkte sichtlich betroffen, als der Feuerwehrmann ihm die Leiche vor die Füße legte.

»Marcus Vorenus, ist das einer deiner Männer?«, fragte der Feuerwehrmann.

Vorenus nickte. »Antonius Livio. Einer meiner besten. Ein Verlust für die Truppe und ein Verlust für Rom.«

Lucretia und Quintus schauten sich vielsagend an. Sie hatten Bulbos Neffen gefunden. Doch was nun?

Lucretia betrachtete den Toten genauer. Er trug Zivilkleidung. Offenbar war er nicht im Dienst verstorben. Seine Augen waren geschlossen, und sein triefnasser, regloser Körper wirkte mehr wie ein Gegenstand als ein Mensch.

Doch als ihr Blick auf seinen rechten Unterarm glitt, erstarrte sie. Sie konnte nicht mehr atmen, und ihre Augen weiteten sich. Quintus, der neben ihr stand, konnte spüren, dass etwas nicht stimmte.

Er folgte ihrem Blick und entdeckte, was es war: Auf dem Arm des Toten prangte die Tätowierung des Dreizacks. Antonius Livio war Nepheles Mörder, der Mann, den sie die ganze Zeit gesucht hatten! Doch er würde ihnen keine Auskunft mehr über seine Rolle in alledem geben können.

Einerseits war Lucretia froh, dass Nepheles Mörder tot war. Andererseits fühlte es sich nicht nach der Gerechtigkeit an, die sie gesucht hatte. Und dazu war der Täter kein wilder Germane gewesen, sondern ein römischer Soldat – ausgerechnet einer von den Männern, die diese Stadt schützen sollten! Und er hatte mit den Räubern gemeinsame Sache gemacht. Quintus’ verrückte Theorie schien mit einem Mal nicht mehr so verrückt zu sein. Lucretia hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Mittlerweile gehörten Quintus und Lucretia zu den letzten verbliebenen Schaulustigen. Vorenus’ fragender Blick traf sie.

»Kann ich euch helfen?«, fragte der Unteroffizier ruppig. Er musterte sie argwöhnisch. »Wer seid ihr?«

Lucretia schreckte aus ihren Gedanken hoch. Nach allem, was sie erfahren hatte, traute sie Vorenus nicht und hielt es für klüger, ihren und Quintus’ Namen nicht zu verraten. Was, wenn Vorenus die Verschwörer unwissentlich unterstützte, oder sogar absichtlich mit ihnen zusammenarbeitete? Sie hatte den Namen des Toten aufgeschnappt und beschloss, das zu nutzen.

»Antonius Livio schuldete meiner Familie Geld«, behauptete sie schnell und zeigte auf Quintus: »Das ist mein Anwalt. Wir wollten ihn vor Gericht zitieren, um die Sache zu klären.«

»Aber wie es aussieht, hat sich das ja nun erledigt«, griff Quintus die Idee auf und spielte mit.

»Wie komme ich jetzt nur an unser Geld?«, seufzte Lucretia.

»Gar nicht mehr, gute Frau, tut mir leid. Mit seinem Leben sind auch deine Ansprüche beendet«, gab Quintus ihren Rechtsberater. Vorenus schien die Darbietung zu schlucken.

Da näherten sich drei Marinesoldaten. Sie erblickten ihren toten Kameraden, dessen linker Arm schlaff von der Kaimauer baumelte.

»Antonius! Nein!«, rief einer der Soldaten bestürzt aus.

»Bei den Göttern, was ist hier passiert?«, rief der zweite und schlug sich mit großer Geste die Hände vor den Mund, was zu dem massigen Krieger nicht recht passen wollte.

»Er war doch noch so jung!«, klagte der erste Kamerad laut.

»Die besten gehen immer zu früh von uns«, seufzte der zweite und wischte sich eine unsichtbare Träne von der Wange.

Quintus kniff die Augen zusammen. Ihm kamen die Worte und die Gesten künstlich vor. Das Ganze roch nach einer Inszenierung. Pola hätte sich für ein derart schlechtes Schauspiel geschämt. Die Reaktion der beiden Kameraden war überzogen, viel zu theatralisch. Fehlte nur noch, dass einer von ihnen sich auf die Leiche warf und heulte wie ein Klageweib.

Nur der dritte, Barsemias, sagte nichts. Er stand bloß still da und starrte die Leiche an. Das fiel Quintus auf.

»Ein schwarzer Tag für unsere Garnison«, sagte Optio Vorenus und nahm respektvoll seinen Helm ab.

»Das ist kein Tod für einen Soldaten«, raunte Barsemias, und es schwang ein Vorwurf in seiner Stimme mit, den seine Kameraden ignorierten.

»Wir können ihn hier nicht liegen lassen«, stellte der große, massige Soldat fest.

»Organisiert einen Karren und lasst seinen Leichnam zum Flottenkastell bringen«, befahl Vorenus. »Bahrt ihn in der Hütte seiner Lebensgefährtin auf, damit sie und andere Abschied nehmen können. Und stellt einen Kameraden ab, der gerade nichts zu tun hat, ein Grab auszuheben. Zweite Reihe, wenn ihr noch einen Platz findet, Livio hat ihn sich verdient. Holz für den Scheiterhaufen auf der Ustrina brauchen wir auch. Und eine Urne, die könnt ihr auf dem Rückweg gleich beim Töpfer mitnehmen. Wir beerdigen die Asche des Kameraden bei Sonnenuntergang mit allen Ehren, wie es sich gehört. Ich gehe nachher zu einem Steinmetz, damit er einen Grabstein anfertigt. Sagt schon einmal den Kameraden Bescheid, etwas Geld dafür zusammenzulegen, den Rest begleiche ich.«

Es war üblich, dass Offiziere, die ein Vielfaches des Soldes ihrer Untergebenen verdienten, sich maßgeblich an den Grabmälern für ihre gefallenen Männer beteiligten.

Quintus fiel auf, wie klar der Optio den Plan sofort umrissen hatte, so als hätte er schon vorher Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Andererseits war es sicher nicht der erste Tote, den die Rheinarmee zu beklagen hatte, und als Marineoffizier musste man wahrscheinlich öfter Beerdigungen organisieren.

»Man fällt doch nicht einfach so ins Hafenbecken und ertrinkt«, warf Lucretia ein, und Quintus hakte sofort nach: »Er muss nicht hier hineingefallen sein. Könnte es auch woanders geschehen sein? Und die Strömung hat ihn hergespült? Wer hat Livio zuletzt lebend gesehen?«

Die Soldaten sahen ihren Vorgesetzten Vorenus fragend an. Mit solchen Fragen hatten sie nicht gerechnet. Aber einer musste antworten. Barsemias nahm es zögerlich auf sich: »Das war ich, nehme ich an. Nach unserer Wache gestern bei dem schlechten Wetter waren wir übel gelaunt, wir waren klitschnass und durchgefroren. Als wir zurück im Flottenkastell waren, haben wir uns etwas Trockenes angezogen. Und, na ja, dann wollten wir uns ein bisschen von innen wärmen. Ich hatte noch eine Amphore Wein. Die haben wir geleert. Antonius vertrug nicht viel, gegen Mitternacht war er sternhagelvoll. Er wohnt in einem anderen Contubernium, und ich wollte ihn zurück zu seiner Baracke bringen, weil er kaum noch stehen konnte. Aber er hat darauf bestanden, allein zu gehen.«

»Und dann ist er wahrscheinlich sturzbetrunken in den Rhenus gefallen und ertrunken. Und hier hingetrieben worden«, spekulierte Vorenus, für den der Fall damit erledigt schien.

Barsemias räusperte sich und beendete seine Ausführung: »Ich mache mir schwerste Vorwürfe. Hätte ich drauf bestanden, ihn zu stützen, wäre er sicher im eigenen Bett gelandet. Aber ich war doch selbst schon so müde.«

Quintus hatte genug gehört. Noch länger hier zu bleiben, hätte verdächtig gewirkt. Also setzte er eine geschäftliche Miene auf und wandte sich an Lucretia.

»Tut mir leid, liebe Klientin, dein Geld wirst du nicht wiedersehen. Gern hätte ich deiner Familie vor Gericht geholfen, doch die Causa Livio hat sich hiermit erledigt.«

»Du hast recht, da kann man wohl nichts mehr tun«, antwortete Lucretia.

Sie nickten Vorenus und seinen Soldaten noch einmal höflich zu und verschwanden in die nächstgelegene Gasse, die sie wieder aus dem Hafenviertel herausführen würde.

Als sie außer Sichtweite der Soldaten waren, blieben sie an einer schattigen Ecke stehen, um sich zu besprechen. Nur eine Möwe, die mit müden, halb geschlossenen Augen auf dem Schild einer Taverne saß, wurde Zeuge ihrer Unterhaltung.

»Wir kennen Nepheles Mörder«, stellte Lucretia fest.

»Ihren toten Mörder. Ein Jünger Neptuns, der in Neptuns Reich starb. Welche Ironie«, ergänzte Quintus trocken und sprach das Offensichtliche aus: »Kam dir die Reaktion der Kameraden auch seltsam vor?«

»Ja, jetzt wo du es sagst«, bestätigte Lucretia, nachdem sie kurz nachgedacht hatte. »Sie taten so überrascht und aufgewühlt.«

Quintus ergänzte: »Ein wahrlich nicht bühnenreifes Schauspiel. Nur der Dritte, der mit dem thrakischen Akzent, wirkte ernst und wollte bei dem Mummenschanz nicht mitmachen.«

»Glaubst du, sie hatten vielleicht sogar etwas mit Livios Tod zu tun?«, äußerte Lucretia einen schrecklichen Verdacht.

Dass es vielleicht gar kein Unfall war?«, fragte Quintus.

»Vielleicht nicht«, dachte Lucretia laut, »Diese Sache mit dem Angespültwerden … Wenn er im Flottenkastell in den Fluss gefallen wäre, würde er dann nicht am Hafen vorbeitreiben?«

Sie schwieg unsicher. Römische Soldaten, die ihre eigenen Kameraden umbrachten? War das möglich?

Auch Quintus wirkte noch unschlüssig. »Dann würden sie alle unter einer Decke stecken. Vorenus, der Bulbos Tresor kannte. Sein kleines Theatertrio. Der Mörder deiner Freundin … Der ausgerechnet jetzt das Zeitliche segnet, wo wir ihm bedrohlich nahe gekommen sind.«

»Als würde jemand seine Spuren verwischen«, nickte Lucretia. »Allerdings wohl kaum wegen uns. Wer weiß denn schon, dass wir in der Sache ermitteln, welche Spuren wir verfolgen?«

»Nun, mittlerweile haben wir einige Leute ausgequetscht, es könnte sich also herumgesprochen haben. Und ich habe Fridolf vor Gericht vertreten. Das haben viele gesehen«, entgegnete Quintus. »Wir müssen auf jeden Fall vorsichtig sein.«

»Aber es sind weiterhin nur Mutmaßungen«, erinnerte ihn Lucretia. »Gibt es vielleicht einen Weg nachzuweisen, dass Livio eines natürlichen Todes gestorben ist? Wenn er einfach herumgetorkelt und ertrunken ist, muss das doch festzustellen sein.«

Quintus dachte nach, und ein Name kam ihm in den Sinn, der ihm auch gleich von der Zunge schlüpfte: »Cordia!«

Nicht, dass er erpicht darauf war, die Frau, die ihn offensichtlich nicht leiden konnte, so schnell wiederzusehen, doch sie verfügte über Fähigkeiten, die in dem Fall nützlich sein konnten.

Lucretias Augen leuchteten auf. »Das ist eine hervorragende Idee. Aber wir müssen uns beeilen. Wo Livios Kameraden es mit der Einäscherung doch so auffällig eilig haben …«