Cordia schien sich zu freuen, Lucretia wiederzusehen, doch wechselte kaum ein Wort mit Quintus. Sie hatten, so schnell sie konnten, den Weg zur Behausung der Heilerin zurückgelegt. Sie berichteten ihr von den Ermittlungen, und Cordia hörte sich die Schilderungen schweigend an. Zehn Dinare verlangte die weise Frau für ihre Dienste. Quintus fand das zu teuer und versuchte, den Preis zu drücken, was ihn bei Cordia nicht beliebter machte. Doch Lucretia schlichtete, und so machte sich das ungleiche Trio auf den Weg zum Flottenkastell.
Von Cordias Hütte an der breiten Landstraße nach Südwesten war es gar nicht so weit dorthin. Lucretia hatte viele Fragen an die ältere Germanin, die sie offenbar als eine Art Vorbild zu betrachten begann, und Cordia antwortete höflich, aber kurz angebunden, während sie Quintus weiter die kalte Schulter zeigte. Das war dem Anwalt auch nicht unrecht, er war nicht auf Konversation aus, denn in seinem Kopf arbeitete es, und er versuchte, die bisher erlangten Informationen zusammenzusetzen wie die bunten Steinchen eines Mosaiks. Doch es wollte sich kein Bild ergeben, auf dem etwas Sinnvolles zu erkennen gewesen wäre.
Nach einer halben Stunde Fußmarsch kam hinter einem Hügel der Marinestützpunkt in Sicht. Hier war der größte Teil der römischen Rheinflotte stationiert. Über hundert Kriegsschiffe verschiedener Größen lagen an hölzernen Stegen in einer großen, natürlichen Bucht vertäut. Die besondere Geographie war der Grund, warum die Wahl für den Bau des Kastells auf diese Stelle gefallen war. Sie war perfekt für diese Zwecke geeignet. Das Kastell war vor vierzig Jahren zur Zeit des Kaisers Claudius errichtet worden und vierzehn Morgen groß. Wie die Colonia war die gesamte Anlage von einem hölzernen Wall aus übereinandergeschichteten dicken Holzbalken umgeben, der von Wachtürmen mit spitzen Schieferdächern unterbrochen wurde. Dahinter, auf dem Gelände des Stützpunktes, befanden sich zahlreiche Gebäude – davon die meisten lange rechteckige Baracken für die Soldaten.
Um das Kastell herum hatte sich im Laufe der Zeit ein Vicus, ein kleines Dorf, entwickelt, das sich aus einfachen Fachwerkbauten und Holzhütten zusammensetzte. Sie standen entlang der drei, dem Land zugewandten Seiten des Walls und waren so im Falle eines Angriffes ungeschützt. Fast jeder feste Truppenstützpunkt im Imperium Romanum hatte solch ein Dorf in unmittelbarer Nachbarschaft. Wo Militär war, konnte man Geschäfte machen, und so ließen sich vor allem Handwerker, Schankwirte und Prostituierte in einem solchen Vicus nieder, aber auch Familienmitglieder der Soldaten, denen als Zivilisten das Betreten der Kastelle verboten war, siedelten sich hier an.
Zu ihnen gehörte auch Aelia, die Lebensgefährtin des verstorbenen Antonius Livio. Quintus und Lucretia fragten sich zu ihr durch und fanden sie rasch. Sie lebte in einer kleinen Hütte hinter einem Bordell, nur einen Steinwurf vom Ufer des Flusses entfernt, der dunkel und träge dahinglitt.
Als die beiden sich der Hütte näherten, hörten sie die Frau weinen. Einige Nachbarn standen mit betroffenen Gesichtern vor deren offen stehender Tür und wisperten leise miteinander. Von den Kameraden des Verstorbenen war keiner zu sehen, sie schienen wieder abgezogen zu sein.
»Cordia muss allein sein, wenn sie die Leiche inspiziert. Dabei können wir keine Zuschauer gebrauchen. Wie sollen wir das anstellen?«, raunte Quintus Lucretia zu.
Die nickte nachdenklich. Cordia folgte ihnen wortlos. Die Dorfbewohner sahen sie mit großen Augen an, manche neugierig, anderen stand die Angst vor der großen, in Tierfelle gehüllten Germanin ins Gesicht geschrieben. So stellte man sich hier ein ungezähmtes Barbarenweib vor, das sich nicht scheute, selbst ein Schwert in die Hand zu nehmen und auf dem Schlachtfeld Männern die Stirn zu bieten – für eine römische Frau unvorstellbar. Cordia ignorierte die Blicke. Sie war es gewohnt, angestarrt zu werden, und für nichts in der Welt hätte sie ihr Aussehen angepasst, um anderen zu gefallen.
Lucretia klopfte sanft an die offene Tür.
»Aelia? Bist du da, dürfen wir hereinkommen?«
Im Türrahmen erschien eine dunkelhaarige Gallierin, die kaum älter war als Lucretia, aber mit ihren starken Schultern und schwieligen Händen, die von regelmäßiger körperlicher Arbeit zeugten, viel reifer wirkte. Ihre Augen waren rot vom vielen Weinen.
»Wer seid ihr?«, schniefte Aelia, während sie das merkwürdige Dreiergespann musterte.
»Ich bin … eine Cousine von Antonius«, improvisierte Lucretia. Die bloße Vorstellung, mit Nepheles Mörder verwandt zu sein, ließ sie erschaudern, doch sie musste jetzt stark bleiben.
Aelia musterte sie. Lucretia hielt den Atem an. Hatte Antonius vielleicht gar keine Familie, und ihre Lüge würde gleich entlarvt werden? Doch plötzlich hellte sich Aelias Miene auf. »Octavia? Octavia Ticina?«
Lucretia dankte Fortuna wortlos und nickte schnell.
»Antonius hat mir von deiner Familie erzählt«, sagte Aelia.
»Leider hat er mich nie nach Mogontiacum mitgenommen, um mich vorzustellen. Hat sich wohl geschämt, dass er mit einem einfachen Bauernmädchen zusammen war«, schniefte Aelia. »Aber Antonius hatte mir auch gar nicht gesagt, dass ihr uns besuchen würdet.«
»Er wusste es nicht«, bog Lucretia die Geschichte zurecht und gestikulierte zu Quintus. »Mein …«
»Bruder«, stellte sich Quintus vor. »Ich hatte geschäftlich in der Colonia zu tun, und wir wollten ihn überraschen.«
»Antonius hat uns oft von dir erzählt und von dir geschwärmt, wenn er uns … in Mogontiacum besucht hat«, strickte Lucretia die Lüge weiter. Auch wenn sie Antonius zutiefst verachtete, tat die junge Witwe ihr leid. »Er konnte es kaum erwarten, dich nach seinem Dienst zu heiraten.«
Sie wusste, dass es römischen Soldaten, die unverheiratet in die Armee eintraten, erst nach Ablauf ihrer Dienstzeit gestattet war, eine Ehe einzugehen.
Aelia blickte hoffnungsvoll auf. Die Worte der beiden angeblichen Verwandten schienen ihr gutzutun. »Und wer ist diese Frau?«, fragte sie mit einem wieder argwöhnischeren Blick auf Cordia.
Diese schwieg eisern, was Quintus zwang einzuspringen: »Sie heißt Cordia«, begann er wahrheitsgemäß, »sie ist eine Heilerin und hat Antonius regelmäßig ein Mittel gebraut gegen, ähm …«
»… die Gicht«, ergänzte Lucretia schnell. »Cordia möchte mit uns Abschied nehmen, die Götter anrufen und sicherstellen, dass die Reise des Toten ins Elysium reibungslos verläuft.«
»Gicht? Davon wusste ich gar nichts«, gab Aelia zu, die die vielen Neuigkeiten über ihren verstorbenen Liebsten verdauen musste. »Dann war es wohl das, was ihn in letzter Zeit so gequält hat. Und ich dachte schon, er betrügt mich. Aber er hätte mir es doch sagen können!«
Quintus registrierte das interessiert.
»Er hatte Angst, du fändest ihn weniger attraktiv, wenn du von seiner Krankheit wüsstest«, flüsterte Lucretia.
Das entlockte Aelia ein trauriges Lächeln: »Ja, das sieht ihm ähnlich, so war Antonius. Ein bisschen eitel. Kommt rein.«
Die Bäuerin hatte Vertrauen gefasst. Sie trat zur Seite und bat das Trio in ihre bescheidene Hütte, die außer einem Bett, einem Tisch und einer Truhe für Habseligkeiten nichts weiter enthielt. Auf dem Bett aufgebahrt, in eine saubere Tunika gekleidet, lag Antonius’ Leiche. Sein Körper war vor der Aufbahrung gesalbt worden, was den öligen Film auf seinem Gesicht und den nackten Armen erklärte. Er hatte seinen Helm auf dem Kopf, ein älteres Modell aus Bronze, das wahrscheinlich ein Erbstück war. Für Lucretia war es ein beklemmendes Gefühl, mit dem Mörder ihrer Freundin in einem Raum zu sein. Es fiel ihr schwer, die betroffene Cousine zu spielen und sich ihre Abscheu vor Livio nicht anmerken zu lassen, aber sie tat so traurig, wie sie konnte. Ihre Augen wanderten zu dem Dreizack auf Livios Unterarm. Eines der letzten Dinge, die Nephele gesehen hatte. Sie schluckte.
Aelia bemerkte Lucretias Blick und lächelte traurig: »Seine Tätowierung. Hat er dir erzählt, wie ein Bekannter aus Persien sie ihm nach einer durchzechten Nacht gemacht hat? Ich fand sie immer scheußlich, aber jetzt … würde ich alles dafür geben, sie weiter jeden Tag anschauen zu können.«
Lucretia nickte stumm. Sie mussten Livio alleine untersuchen, doch Aelia machte keine Anstalten, sie allein zu lassen. Lucretia warf Quintus einen auffordernden Blick zu. Er dachte kurz nach und wandte sich dann an die Trauernde.
»Antonius hat etwas Geld zur Seite gelegt, und er würde wollen, dass du es erbst«, sagte er dann.
Aelia machte große Augen. Das war eine unverhoffte Nachricht. Quintus holte seinen Geldbeutel hervor.
»Wir sollten es aber nicht hier drinnen übergeben. Vor den Augen des Toten wäre das unziemlich«, ergänzte er leise und mit ernster Miene. Aelia nickte verständnisvoll, und sie verließen die Hütte. Lucretia und Cordia waren endlich allein.
»Dann schauen wir uns den Kerl mal an«, sagte die Heilerin, während Lucretia Livio vor sich nun unverhohlen hasserfüllt anstarrte.
Cordia trat ans Bett und betrachtete zunächst genau das Gesicht des Toten, dann seine leblosen Hände, die sie in ihre nahm, untersuchte und mit den Fingern knetete. Danach drückte sie auf den Brustkorb des Toten, zuerst zaghaft, dann immer fester, bis der ganze Leichnam erbebte.
»Was machst du da?«, zischte Lucretia besorgt.
»Schauen, ob er Wasser in der Brust hat«, erklärte Cordia. »Er ist noch nicht lange tot. Wenn er ertrunken ist, hat der Körper das Wasser noch nicht aufgenommen.«
Sie lehnte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf Livios steifen Torso, doch nichts geschah.
»Kein Wasser in den Lungen«, stellte Cordia fest.
»Ganz sicher?«, wunderte sich Lucretia.
»Er ist auf andere Weise gestorben«, war sich die Germanin sicher. »Doch die Frage ist, auf welche.«
Sie musterte den Toten und hielt dann inne.
»Ich frage mich, warum sie ihn mit Helm aufgebahrt haben«, sagte Cordia.
»Vielleicht weil es sich um einen Soldaten handelt«, spekulierte Lucretia.
»Es scheint mir, als wolle da jemand etwas verbergen«, wisperte Cordia, und Lucretia nickte verstehend.
Cordia nahm den Helm des Toten ab und begann, seinen kalten Kopf zu betasten, wobei sie ihn leicht drehte, soweit es die einsetzende Leichenstarre erlaubte. Dabei arbeitete sie sich nach oben vor, überprüfte die Stirn, dann den Haaransatz darüber.
»Da haben wir es«, entfuhr es Cordia triumphierend, als sie mit ihren Fingern die Schädeldecke erreicht hatte. »Gebrochen … Da ist eine weiche Mulde. Fühl mal!«
Lucretia kam der Aufforderung lieber nicht nach, zu sehr ekelte sie die Vorstellung. »Nicht nötig, ich glaube dir schon«, erwiderte sie.
Da hörten sie Schritte. Quintus und Aelia kamen zurück. Schnell drückte Lucretia den Helm, etwas schief, auf den Kopf des Aufgebahrten zurück. Es gelang ihr gerade noch rechtzeitig. Als Aelia eintrat, drehte sich Lucretia mit aufgesetzter Leichenbittermine zu ihr um.
»Ein schrecklicher Verlust. Du hast unser Beileid, liebste Aelia«, sagte sie mit sanfter Stimme und warf Cordia einen schnellen Blick zu.
»Er sitzt nun bei den Göttern«, sagte diese in gewichtiger Manier, als würde sie eine Prophezeiung verkünden.
Doch Aelia beruhigte es ungemein.
»Danke, dass ihr gekommen seid«, sagte sie, während sie Lucretia und Cordia aus der Hütte geleitete, wo Quintus auf die beiden wartete.
Das Trio verabschiedete sich und ging seiner Wege. Kaum waren die drei um die Ecke des Bordells gebogen, das, wie Geräusche aus dem Inneren vermuten ließen, auch tagsüber gut besucht war, steckten sie die Köpfe zusammen.
»Was habt ihr herausgefunden?«, fragte Quintus.
Cordia war sich sicher: »Der Mann ist erschlagen worden.«
»Und dann hat man ihn ins Hafenbecken geworfen, damit es so aussieht, als sei er ertrunken«, ergänzte Lucretia und erschauderte im Angesicht der Kaltblütigkeit, die der Täter an den Tag gelegt hatte.
Cordia nickte. »Als er im Wasser gelandet ist, hat er schon nicht mehr geatmet.«
»Also haben wir es hier tatsächlich mit einem Mord zu tun«, stellte Quintus fest.
»Ein Schlag hat gereicht, und der muss eine enorme Wucht gehabt haben. Jemand mit sehr viel Kraft muss ihn ausgeführt haben«, ergänzte Cordia.
»Und jemand, der sich nicht scheut zu töten«, dachte Lucretia laut nach. Alles in allem eine Beschreibung, die perfekt auf einen Krieger passte.
Quintus hatte ebenfalls sofort einen Verdacht: »Als Livios Leiche gefunden wurde, kamen einige seiner Marinekameraden dazu. Mindestens einer von ihnen hat sich gestern Abend mit dem Verstorbenen betrunken.«
»Wenn seine Kameraden die Letzten waren, die ihn lebend gesehen haben …«, begann Lucretia.
»… dann stammt der Mörder vielleicht aus ihren Reihen«, ergänzte Cordia und sagte übergangslos: »Ich hoffe, ich konnte helfen.«
»In der Tat. Vielen Dank, dass …«, sagte Lucretia, doch bevor sie ausreden konnte, drehte sich die Germanin um und schritt ohne ein weiteres Wort oder einen weiteren Blick davon. Bei jedem Schritt wippten die Wolfspfoten ihres Umhangs. Die Dorfbewohner schauten ihr misstrauisch hinterher.
»Irgendwie ist sie mir unheimlich«, gab Quintus zu.
»Ich finde sie faszinierend«, entgegnete Lucretia.
Sie hatten ihr Ziel erreicht und Livios Leiche ihr Geheimnis entlockt, bevor sie von Flammen verzehrt werden würde. Aber was sollten sie nun mit dieser Offenbarung anfangen?
»Nach allem, was wir wissen, war der Ermordete direkt an den Überfällen beteiligt. Und wahrscheinlich auch einige seiner Freunde und sogar sein Vorgesetzter Vorenus. Dann wäre es durchaus möglich, dass die Räuber von den Stadtwachen in die Stadt herein- und wieder hinausgelassen wurden. Das würde bedeuten … die Räuber arbeiten nicht nur mit den Soldaten zusammen«, fasste Quintus zusammen und schluckte, »sie sind Soldaten.«
Auch wenn dieser Gedanke für Lucretia, die als Patriotin erzogen worden war und fest an die Einigkeit aller römischen Bürger glaubte, immer noch erschreckend war, so konnte sie nicht umhin, ihn zuzulassen.
»Und heute hat die ganze Bande gelogen. Sie haben Livio auf dem Gewissen. Und wenn die Soldaten wirklich ihren Kameraden getötet haben, dann müssen sie gute Gründe gehabt haben. Vielleicht wurde er ihnen gefährlich. Womöglich wollte er auspacken und musste zum Schweigen gebracht werden«, ergänzte Lucretia, »seine Freundin hat doch gesagt, dass er offenbar etwas auf dem Herzen hatte.«
Quintus nickte, das war eine gute Analyse.
»Es passt alles zusammen. Aber letztlich sind es nur Vermutungen, Beweise haben wir keine. Würden wir die Kerle heute vor Gericht zerren, stünden wir mit leeren Händen da. Doch sie sind der Schlüssel zu allem. Wir sollten sie nicht mehr aus den Augen lassen«, sagte Quintus.
Lucretia nickte entschlossen, und ein aufgeregtes Kribbeln stieg in ihrem Bauch auf. Der Sieg war zum Greifen nah, das spürte sie.