Durch das offene Fenster ihres Zimmers hörte Lucretia den Ruf einer Eule. Der klare Sternenhimmel ließ helles Mondlicht in ihr Gemach fallen. Sie hatte ihr Brustband besonders fest geschnürt und mit einem dünnen Schal die hochgesteckten Haare eng an den Kopf gebunden. Was ihr nun noch zur perfekten Tarnung fehlte, war eine kurze, rustikale Tunika, wie Männer sie trugen.
Sie schlich aus ihrem Zimmer in das Peristyl. Es war kurz nach Mitternacht und totenstill, was ihre Mission nicht einfacher machte. Auf nackten Zehenspitzen eilte sie an den Säulen entlang in den hinteren Teil des Gebäudes und durch das Arbeitszimmer ihres Vaters hindurch. Eine Tür trennte diesen Bereich von einem kleinen Kräutergarten, der das hintere Fünftel des Grundstückes ausmachte. Vorsichtig öffnete sie die Tür, von der sie wusste, dass sie laut über den Boden scharrte. Mit aller Kraft hob sie sie an, damit sie einen Fingerbreit Abstand zum Boden bekam.
Im Kräutergarten fand Lucretia, was sie suchte: die Wäscheleine, zwischen zwei bemoosten Holzbalken aufgespannt. Dort hatte eine Sklavin gestern frisch gereinigte Kleidung aufgehängt. Lucretia suchte etwas, das zumindest annähernd ihrer Größe entsprach, und entdeckte die braune Tunika eines zierlichen Küchensklaven. Vorsichtig zog sie sie von der Leine. Sie war noch nicht ganz trocken, aber darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Lucretia entledigte sich ihres Schlafgewandes, und für einen Moment streifte der kalte Hauch der frühen Mainacht ihre Haut. Sie fand es erstaunlich angenehm, fast nackt zwischen den Sträuchern zu stehen. Doch dann schlüpfte sie rasch in die klamme, kalte Tunika, eilte zurück in ihr Zimmer, legte ihr Schlafgewand auf dem Bett ab und griff nach den schlichtesten Sandalen, die sie hatte.
Sodann schlich sie in Richtung Haustür. Ihr fiel ein, dass Quintus ihr eingebläut hatte, eine Waffe mitzubringen. Sie hatten den Plan gefasst, sich als Mitglieder einer Bürgerwehr auszugeben. Von diesen patrouillierten inzwischen mehrere in der Stadt. Auf diese Weise würden sie sich nach Mitternacht in der Colonia bewegen können, ohne großes Aufsehen zu erregen.
Lucretia huschte in die Küche und sah sich nach etwas um, das als Waffe durchgehen konnte. In einer Schublade, die sie vorsichtig öffnete, fand sie mehrere alte Küchenmesser, die jedoch im Mondschein nicht besonders einschüchternd wirkten. Jetzt fiel ihr Blick auf einen Schürhaken, der neben der erloschenen Feuerstelle an der Wand lehnte. Das war das Richtige! Sie nahm den gusseisernen Haken, gut drei Fuß lang und schwerer, als er aussah. Zufrieden wog sie ihn in der Hand und wandte sich zum Gehen – doch dabei stieß sie gegen einen Topf, der neben der Tür stand. Ein lautes, metallisches Geräusch hallte durchs Haus. Verdammt! Sie hielt den Atem an und hoffte, dass es keiner gehört hatte.
Aber dieses Glück wurde ihr nicht zuteil, denn kurz darauf hörte sie Schritte. Sie blickte ins Peristyl und sah ihren Vater besorgt aus dem Schlafzimmer kommen, eine brennende Öllampe, die einen gelben Lichtkegel um ihn warf, in der einen Hand, und seinen Gladius aus Legionärszeiten in der anderen.
»Ist da jemand?«, fragte er mit fester Stimme ins Dunkel.
Lucretia drückte sich an die Wand. Sie verstand ja, dass ihr Vater besorgt war, bei allem, was in der Stadt vorging. Aber musste er ausgerechnet jetzt den Nachtwächter spielen?
»Komm raus, ich habe dich gehört!«, rief er und schritt durch das Peristyl in Richtung Küche.
Lucretia wusste, dass sie so schnell wie möglich das Versteck wechseln musste. Sie huschte über den dunklen Säulengang, den die Öllampe des Vaters noch nicht erhellte, und verbarg sich hinter einem Wacholderbusch, der am Rand des Wasserbeckens stand. Auf keinen Fall durfte ihr Vater sie so sehen, es hätte zu vieler Erklärungen bedurft und unwägbare Konsequenzen gehabt.
Magnus betrat die Küche, in der Lucretia eben noch gewesen war. Langsam schien er zu begreifen, dass hier kein Einbrecher sein konnte, geschweige denn eine germanische Räuberbande, die ja bekanntlich einiges mehr an Lärm machte.
»Sicher nur ein Tier«, murmelte er, ließ das kurze, spitze Legionärsschwert sinken, das er schützend vor sich gehalten hatte, und trottete müde zurück ins Schlafgemach. Lucretia atmete auf.
Auch Quintus versuchte, rechtzeitig zu ihrer Verabredung zu gelangen. Um Mitternacht wollten sie sich am großen Südtor treffen und es unter Beobachtung nehmen. Es lag dem Flottenkastell am nächsten.
Quintus lag im Bett neben Pola, die tief und fest schlief. Im Theater war es wieder einmal spät geworden, und sie hatte einiges getrunken, was ihr leichtes Schnarchen erklärte. Quintus hatte allerdings kein Auge zugemacht, die Gedanken an das, was er herausgefunden hatte, beschäftigten ihn zu sehr. Er hatte das Gefühl, alle Teile eines Puzzles zu besitzen, das er aber nicht richtig zusammenzusetzen vermochte. Vielleicht würde diese Nacht endlich die dafür nötigen Erkenntnisse bringen.
Behutsam schob er die Bettdecke beiseite und setzte sich langsam auf. Das Bett neigte dazu, zu quietschen, doch Quintus bewegte sich so geschickt, dass es still blieb. Es war kalt, und er fröstelte. Schnell griff er nach der Tunika, die über dem Stuhl hing, und zog sie an. Obwohl er dabei kein Geräusch machte, schien Pola doch die Bewegungen wahrgenommen zu haben. Sie wälzte sich unruhig hin und her und murmelte etwas im Schlaf. Quintus hielt inne, bis ihr leises Schnarchen wieder einsetzte.
Dann sah er sich um. Er durfte nicht ohne Waffe auftauchen, wenn er als Mitglied der Bürgerwehr durchgehen wollte. Doch er musste feststellen, dass er nichts besaß, was einer Waffe ähnelte. Da fiel sein Blick auf einen Stuhl im Wohnzimmer. Es war der erste, den Pola und er gekauft hatten. Er war schon alt und etwas wackelig. Das konisch zulaufende, fast zwei Fuß lange Stuhlbein würde einen guten Knüppel abgeben. Er schlich ins Wohnzimmer und begann, eines der Beine aus der Unterseite der Sitzfläche zu winden, doch es saß fester, als er gedacht hatte. Er bot seine ganze Kraft auf, und schließlich löste sich das Bein mit einem Ruck aus seiner Verankerung, wobei der restliche Teil des Stuhls jedoch gegen den Tisch schlug und ein Rumpeln verursachte, das Pola weckte.
»Wer ist da?«, entfuhr es ihr reflexhaft, und sie rieb sich die verquollenen Augen.
»Ich bin’s nur«, flüsterte Quintus.
»Schatz, was bei allen Göttern tust du da?«, fragte sie.
»Ich muss noch mal raus«, entgegnete er, dem nichts Besseres einfiel.
»Um diese Zeit? Warum?«, murrte sie schlaftrunken. »Und warum machst du meinen Stuhl kaputt?«
»Weil ich, hm, einen Knüppel brauche«, antwortete er. Mit diesem Gespräch hatte er nicht gerechnet. Er fügte hinzu: »Ich bin Teil der Bürgerwehr. Wir sehen in den Straßen nach dem Rechten, falls die Räuber wiederkommen.«
»So ein Unsinn, das ist viel zu gefährlich! Komm wieder ins Bett«, forderte Pola ihn auf.
»Ich kann nicht. Die anderen zählen auf mich. Nur eine Stunde, dann bin ich wieder da, versprochen«, erklärte er.
Pola merkte, dass es ihm wichtig war.
»Na gut, du Held«, murmelte sie. Dass die Stadt engagierte Bürger brauchte, die sich um die Sicherheit aller kümmerten, sah sie ein. Und schon war sie wieder ins Reich der Träume geglitten, und Quintus verließ mit seiner improvisierten Waffe die Wohnung.
Zehn Minuten später war er am Treffpunkt angelangt und wartete im Dunkeln hinter einer Straßenecke. Von hier hatte man eine gute Sicht auf das Südtor. Dort standen sechs Marinesoldaten Wache, doppelt so viele wie sonst in dieser Schicht üblich. Admiral Gordianus wollte sich offenbar nicht lumpen lassen. Sie waren um einen eisernen Korb versammelt, der mit brennenden Holzscheiten befüllt war, und rieben ihre Hände über dem wärmenden Feuer, während sie leise miteinander sprachen und scherzten.
Quintus hörte Schritte und fuhr herum. Eine schmale Gestalt näherte sich. Erst als sie fast vor ihm stand, erkannte er Lucretia. In ihrer Aufmachung sah sie aus wie ein Knabe.
»Alle Achtung, ich hätte dich fast nicht erkannt«, sagte Quintus.
»Und im Gegensatz zu dir habe ich eine Waffe, die etwas hermacht«, erwiderte sie leise und hob den Schürhaken, der wirklich gefährlich aussah. »Im Gegensatz zu deinem … Ja, was ist das? Ein Stuhlbein?«
»Besser als nichts«, verteidigte Quintus sich und spähte wieder hinüber zu den Wächtern am Tor.
Lucretia folgte seinem Blick. Sie fröstelte.
»Ich hätte einen Mantel mitnehmen sollen«, raunte sie.
Fast eine halbe Stunde standen sie da, froren und kamen sich zunehmend dumm vor. Was, wenn sie falschlagen? Wenn die Räuber gar nicht durch das Südtor kamen oder durch keines der Tore? Vielleicht hatten sie eine andere Passage gefunden, die ihnen beiden verborgen geblieben war. Oder wenn die Räuber heute Nacht überhaupt nicht auftauchten? Immerhin waren sie schon einige Tage nicht mehr aktiv gewesen.
Doch plötzlich kam Bewegung in die Wächter. Sie lösten sich vom Feuer, griffen ihre Lanzen und Schilde und eilten zum Torbogen.
»Da!«, flüsterte Lucretia, die es zuerst gesehen hatte.
»Ich bin gespannt, wer nun auftaucht«, raunte Quintus zurück.
Er erkannte zwei der Wachen wieder. Es waren die beiden, die im Hafen, als Livios Leiche aus dem Wasser gezogen worden war, den Verlust ihres Kameraden so theatralisch betrauert hatten.
Lucretia und Quintus beobachteten, wie die Soldaten mit den Ankömmlingen redeten, die vor dem Tor und damit außerhalb ihres Sichtfeldes standen. Als die Wächter endlich zur Seite traten, um die vorbeizulassen, die zu so später Stunde Einlass begehrten, trauten Quintus und Lucretia ihren Augen nicht: Das musste die Räuberbande sein! Zehn Männer zählte Quintus. Sie alle trugen germanische Gewänder und hatten bunt bemalte Gesichter, die durchaus furchteinflößend wirkten.
»Wie kann das sein?«, zischte Lucretia.
»Sie haben sie einfach durchgelassen, ohne einen Mucks«, sagte Quintus, der es nicht fassen wollte.
»Sie stecken wirklich unter einer Decke. Du hattest recht mit deinem Verdacht«, gab Lucretia zu. Sie war tief bestürzt.
»Nie und nimmer sind das Germanen«, flüsterte Quintus aufgeregt. Jetzt, da er die gefürchteten Missetäter zum ersten Mal aus nächster Nähe sah, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Was bisher ein vages Gefühl gewesen war, schien ihm jetzt ganz offensichtlich. Die Gesichtsbemalung war völlig falsch, und er sah viel zu viel Fell. Es zu tragen, war bei den Stämmen nur für die Fürsten oder Schamanen üblich. Und dazu waren die meisten Kerle noch zu klein. Diese Gauner waren kostümiert, und das noch nicht einmal besonders gut.
Hintereinander weg huschten die Räuber in eine dunkle Gasse. Quintus machte Anstalten, ihnen zu folgen.
»Was hast du vor?«, fragte Lucretia.
»Ich will ihnen nach, was sonst!«
»Bist du verrückt? Wir müssen Hilfe holen! Den Soldaten können wir nicht trauen, aber hier muss doch irgendwo die Bürgerwehr herumlaufen, oder zumindest ein paar Vigiles beim nächtlichen Kontrollgang«, befand Lucretia.
»Nein! So gern ich die Kerle sofort hinter Gittern sehen würde, ist es wichtiger zu beobachten, was sie tun. Wir müssen herausfinden, was sie vorhaben.«
»Wenn sie uns bemerken, bringen sie uns um!«, flüsterte Lucretia. Zum ersten Mal hatte sie richtige Angst.
»Dann dürfen wir eben nicht gesehen werden. Komm!«, forderte Quintus sie auf und lief los. »Hilfe können wir später immer noch rufen.«
Lucretia biss sich auf die Unterlippe. Sie spürte, wie die Furcht sie lähmte. Aber auch sie wollte wissen, was die Räuber, die sich offenbar mit den Wachen am Tor verschworen hatten, im Schilde führten. Bevor sie es sich noch anders überlegen konnte, huschte sie Quintus nach.