Die Banditen trugen germanische Stiefel mit leisen Sohlen, die kaum Geräusche auf dem Pflaster machten. Quintus und Lucretia folgten ihnen mit dem nötigen Abstand durch die finsteren Straßen. Schließlich gelangten sie an einen großen Platz. Es handelte sich um den Kultbezirk südlich des Prätoriums, der einen Block östlich vom Forum lag. Es war das spirituelle Herz der Stadt und eine Art Aushängeschild der Colonia, das Pilger aus der ganzen Provinz anzog, die hier zu verschiedenen Göttern beten und ihnen Opfer darbringen konnten. Auf dem Platz standen zwei Tempel. Zum einen der riesige Kapitolstempel, ein eckiges, von Säulen eingefasstes Gebäude mit rotem Dach, erhöht stehend und über eine breite Treppe erreichbar. Hier wurde den Reichsgöttern Jupiter, Juno und Minerva gehuldigt. Dahinter und nicht weit davon, etwas kleiner, aber nicht minder eindrucksvoll, zum anderen der Tempel für Mars, den Gott des Krieges. Es war ein Rundbau mit einer Kuppel, ebenfalls von Säulen umgeben. Auf dieses Gebäude eilten die Räuber zu.
Lucretia und Quintus stoppten an einer Straßenecke. Wären sie auf den freien Platz gelaufen, hätten die Verbrecher sie sofort gesehen. Die beiden konnten kaum glauben, was sich nun vor dem Tempel abspielte: Der Wächter, ebenfalls ein Marinesoldat, der vor dem Portal stand, schien in keinster Weise beunruhigt zu sein, als die grimmig aussehenden, Felle tragenden Barbaren auf ihn zukamen. Vielmehr schien er sie erwartet zu haben. Es kam zu einem kurzen Gespräch zwischen der Bande und der Wache. Die übergab den Räubern irgendetwas, das in ein Tuch eingewickelt war, das Lucretia und Quintus aber nicht identifizieren konnten. Einer der Räuber schien der Anführer der Bande zu sein. Quintus sah genauer hin – und war erneut schockiert. »Ist das etwa Vorenus?«, fragte er Lucretia.
Sie betrachtete den Anführer, vermochte aber aufgrund dessen Kriegsbemalung nicht zu sagen, ob Quintus richtiglag.
Der Anführer und die Tempelwache gestikulierten, als würden sie eine Choreographie durchgehen. Dann stellte sich der Wächter aufrecht hin, senkte seine Waffe und hob den Kopf. Der Räuberhauptmann holte mit der Faust aus und schlug ihm mit voller Härte ins Gesicht. Der Wächter ging zu Boden.
»Die Kerle stehlen etwas, das können wir nicht zulassen«, raunte Lucretia.
»Was sollen wir gegen die ausrichten?«, flüsterte Quintus besorgt, doch Lucretia hatte recht. Sie mussten handeln.
Quintus trat ein paar Schritte von der Ecke weg, holte tief Luft und brüllte dann: »Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
Lucretia verstand, was er vorhatte. Er wollte eine der Bürgerwehren alarmieren, die hier unterwegs sein mussten. Sie stimmte in sein Geschrei mit ein: »Die Germanen sind hier! Hilfe! Die Germanen!«
Ob die Rufe bei einer Wehr ankamen, wussten sie nicht – wohl aber war deutlich zu sehen, dass die Räuber sie gehört hatten. Sie blickten sich ertappt um und machten schließlich Quintus und Lucretia an der Ecke aus.
»Hilfe! Hierher! Sie rauben den Tempel aus!«, schrie Quintus aus voller Brust.
Damit hatten die Räuber nicht gerechnet. Aufgeregtes Gemurmel erhob sich. Schnell schienen sie ihren Plan gefasst zu haben: Diese beiden Schreihälse mussten zum Schweigen gebracht werden.
»O nein«, raunte Quintus, als er sah, wie die Räuber ihre Waffen zückten. Sie hatten Dolche und Schwerter dabei, die wesentlich schärfer waren als die improvisierten Waffen der beiden Ermittler. Ehe sie sich versahen, kamen die Räuber auf sie zugelaufen. Schlagartig wurde Lucretia von Angst gepackt. Würde sie nun genauso enden wie ihre Freundin Nephele?
»Weg hier«, zischte Quintus und packte Lucretia, die wie angewurzelt dastand, am Arm.
Quintus und Lucretia verschwanden in einer Gasse – und liefen fast in die Bürgerwehr hinein, die ihre Rufe offenbar doch vernommen hatte. Zwanzig Männer, alte und junge, mit Keulen und Werkzeugen, standen vor ihnen.
»Wer seid ihr? Sprecht!«, forderte der Anführer, ein älterer Mann, dem viele Zähne fehlten.
»Mein Sohn und ich sind bei der Bürgerwehr, wie ihr«, keuchte Quintus erleichtert. »Die Räuber sind da, gleich da vorn! Sie kommen uns nach!«
»Na, dann nehmen wir sie doch in Empfang«, rief einer der Männer, und mit lautem Geheul liefen die selbsternannten Nachtwächter auf den Platz des Tempelbezirks. Quintus und Lucretia liefen mit ihnen, sie mussten ihre Tarnung aufrechterhalten. Ehe sie sich versahen, standen sie am Rand des Platzes den Räubern gegenüber. Die waren sehr überrascht, als sie plötzlich die aufgebrachten Agrippinenser auf sich zustürmen sahen.
»Sie haben den Marstempel ausgeraubt, packt sie!«, rief Lucretia, wobei sie versuchte, ihre Stimme etwas tiefer klingen zu lassen. Diese Nachricht stachelte die Bürgerwehr nur noch weiter an.
»Ungeheuerlich! Die Kerle nehmen wir uns vor!«, rief einer der Männer.
Die Räuber hielten inne und versuchten, die Situation einzuschätzen. Sie waren kampferprobte Männer, und sie waren gut bewaffnet. Sie konnten es mit den Zivilisten wohl aufnehmen, doch würde es dann ein Blutbad geben.
»Das sind zu viele, weg hier!«, hörte Quintus den Anführer rufen – in klarstem Latein, nicht in einer germanischen Sprache. In der Tat war die Bürgerwehr zahlenmäßig um das Doppelte überlegen, also drehten die verkleideten Verbrecher ab und liefen eilig in die andere Richtung davon.
»Schnappt sie euch!«, rief einer aus der Bürgerwehr, und der wütende Pulk heftete sich an die Fersen der fliehenden Gauner. Quintus und Lucretia rannten mit. Lucretia konnte kaum glauben, was sie hier tat. Es fühlte sich irreal an, doch gleichzeitig spürte sie deutlich ihre Muskeln und die Energie, die durch ihren Körper pulsierte.
Die Verfolger erreichten eine Kreuzung – plötzlich Stille, die Räuber waren verschwunden.
»Aufteilen!«, rief da der Anführer der Bürgerwehr, und in Gruppen von jeweils fünf Männern schwärmten die Mitglieder aus. Quintus und Lucretia ergriffen die Gelegenheit, sich abzusetzen. Sie drückten sich in einen dunklen Hauseingang, um dort zu warten, bis die Luft rein war. Sie hatten für diese Nacht genug getan – und genug gesehen.
Lucretia musste erst einmal zu Atem kommen. Aber dann lachte sie befreit auf.
»Das war …«, keuchte sie, »das war unglaublich. Ich habe noch nie etwas so Aufregendes erlebt!«
»Sei froh, dass wir noch leben«, stöhnte Quintus und wischte sich den Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn.
»Was haben die Kerle beim Marstempel gemacht? Was hat die Wache ihnen da gegeben?«, fragte sie.
»Ich habe einen Verdacht«, sagte Quintus, und es war ein Gedanke, der ihm ganz und gar nicht gefiel. Denn wenn die Bande das entwendet hatten, was er befürchtete, würde das unabsehbare Konsequenzen haben.
»Lagert dort nicht das Schwert von Julius Cäsar?«, fiel es Lucretia ein.
»Eine der wertvollsten Reliquien des Reiches«, bestätigte er. Menschen kamen von weit her, um das Schwert des großen Eroberers zu sehen, das im Marstempel ausgestellt war. Es war eine von mehreren Waffen, die Cäsar während der Feldzüge gegen die Germanen vor einhundert Jahren getragen hatte. Angeblich war es das Schwert, das an Cäsars Gürtel hing, als sich ihm der Gallier Vercingetorix bei Alesia ergeben hatte. Es in die Colonia zu bringen war eine Idee von Kaiser Augustus gewesen, dem Adoptivsohn des legendären Cäsar. Es sollte die Stadt in ihrer politischen Bedeutung aufwerten und war damit ein wesentliches Detail seines Plans, die Colonia zu einem bedeutenden Zentrum, zum Rom des Nordens, zu machen. Die anderen Provinzhauptstädte beneideten die Colonia um diese Ehre. Da Cäsar seine größten Siege im Herzen Galliens errungen hatte, gab es immer wieder Anfragen von den Statthaltern in Lutetia und Narbo Martius, ob man das Schwert nicht stattdessen dort ausstellen sollte, aber die Stadtoberen der Colonia weigerten sich selbstverständlich, diesen wertvollen Besitz herauszugeben.
»Das ist eine unglaubliche Schmähung, Lucretia, ein Sakrileg«, wurde Quintus klar, »es wird die Stadt endgültig in Panik versetzen. Wir alle verlieren dadurch unser Gesicht.«
»Wir müssen sofort jemanden warnen, damit rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden können«, erwiderte sie. »Das Rathaus ist nicht weit, wir könnten den Statthalter informieren.«
»Das geht nicht. Lappius ist zu einem Gerichtstermin in Aquae Granni«, erinnerte sich Quintus an das Gespräch vor dem Gerichtssaal.
Doch da fiel ihm Gordianus ein. Der Admiral hatte ihm bei der Zusammenkunft gesagt, dass er sich jederzeit an ihn wenden könnte. Und immerhin ging es hier um dessen Männer, die ihn und die ganze Stadt hinters Licht führten.
»Der Admiral! Gordianus muss erfahren, dass unter seinen Leuten Verräter sind. Nur er kann diesem Spuk ein Ende setzen«, befand Quintus und wollte schon loslaufen, als Lucretia ihn stoppte:
»Und wie willst du zu ihm kommen?«
Er sah sie verwirrt an, bis er schlagartig begriff, was sie meinte. Gordianus residierte im Flottenkastell außerhalb der Stadt, und in seinem Tatendrang hatte Quintus vergessen, dass die Colonia doch jetzt nachts hermetisch abgeriegelt war. Seit er hier lebte, war er es gewohnt, jederzeit die Tore der Stadt passieren zu können.
»Wenn wir den Wachen vom Überfall erzählen, können wir sie vielleicht überzeugen, uns rauszulassen«, suchte Quintus fieberhaft nach einer Lösung.
»Du meinst die Wachen, die mit den Räubern unter einer Decke stecken?«, bremste ihn Lucretia.
»Doch bestimmt nicht alle«, sagte Quintus.
»Aber woher wollen wir wissen, welche und welche nicht?«
Quintus wollte noch etwas erwidern. Doch sie hatte recht. Sich den Wachen zu offenbaren, konnte gefährlich werden. Er würde am nächsten Morgen sein Glück bei Gordianus versuchen müssen.
Viel zu spät, um dem Admiral die schlechten Nachrichten selbst zu überbringen, die ihm bis dahin sicher schon aus anderer Quelle zu Ohren gekommen sein würden. Aber besser als nichts.
Quintus begleitete Lucretia bis zu ihrem Elternhaus. Sie waren beide völlig erschöpft, und der Schreck von der Begegnung mit den Verbrechern steckte ihnen noch in den Gliedern.
»Es fühlt sich schrecklich an, dass wir nichts tun können«, sagte sie.
»Zumindest haben wir Schlimmeres verhindert. Und die Räuber haben zum ersten Mal zu spüren bekommen, wie es ist, wenn der Gegner Mut schöpft und in der Überzahl ist. Vielleicht ist es ihnen eine Lehre. An ihrer Stelle würde ich mich vorerst von der Colonia fernhalten«, tröstete er sie.
»Der Anführer war tatsächlich Marcus Vorenus«, sagte sie. »Ich habe ihn genauer sehen können, als wir der Bande mit der Bürgerwehr gegenüberstanden. Warum sollte er bei so etwas mitmachen? Ich verstehe es nicht.«
»Ich auch nicht, aber wir sind zumindest einen Schritt weiter. Wir haben mit eigenen Augen gesehen, dass die Räuber aus dem Kreis der Marine stammen.«
»Du meinst, das ganze Gerede von Wilden, von Barbaren, das war nur Unsinn? Und dass es von Anfang an keine Germanen waren?«, fragte Lucretia. Ein Teil von ihr sträubte sich immer noch dagegen, das zu glauben, trotz der erdrückenden Beweise. Doch wer konnte schon von heute auf morgen sein gesamtes Weltbild umkrempeln?
»Die Tempeldiebe könnten auch Trittbrettfahrer sein«, lenkte Quintus ein. »Das wissen wir nicht. Aber ich werde versuchen, morgen von Gordianus mehr zu erfahren.«
»Ich kann nicht mitkommen?«, fragte sie, und Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit.
»Vielleicht ist es besser, wenn wir nicht an die große Glocke hängen, dass du dabei warst«, erwiderte er.
Sie nickte zerknirscht. Bisher hatte sie ihrer Familie ihre Abwesenheiten über Tag immer gut mit einem Einkaufsbummel oder anderen Besorgungen erklären können, doch wenn sie beim Admiral eine Aussage machte, würden ihre Eltern erfahren, womit sie sich tatsächlich beschäftigte. Davon wären sie sicherlich alles andere als begeistert, was noch milde ausgedrückt war. Warum mussten sich Frauen auch so vielen Konventionen beugen? Einmal mehr fühlte sich Lucretia als Gefangene ihres Geschlechtes.