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Die Nachricht vom Diebstahl des Schwertes verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Colonia. Es war eine Ehrverletzung, die ihresgleichen suchte, und kaum etwas war Römern wichtiger als ihre Ehre. Als Statthalter Lappius zur Mittagsstunde in die Stadt zurückkehrte, spürte er sofort die Anspannung, die in der Luft lag. Entlang seines Weges begegneten ihm viele verängstigte und empörte Bürger. Auch ihn erschütterte der Raub, doch noch mehr Sorgen bereitete ihm in diesem Moment, dass die Stimmung in der Stadt zu kippen drohte. Nun war schnelles Handeln gefragt, und er hielt seinen Tross an, ihn nicht wie geplant zum Prätorium zu begleiten, sondern ihm direkt zum Flottenkastell zu folgen, wo er sich mit Gordianus beraten wollte.

Kurz darauf saß er dem Admiral an dessen Schreibtisch aus massivem Eichenholz gegenüber und machte sich Notizen auf einer Wachstafel. Lappius hatte beschlossen, noch am selben Tag eine Versammlung einzuberufen, um die Bevölkerung zu beruhigen. Zwar würde er seine Rede später frei halten, schließlich war er schon als Knabe in der Kunst der Rhetorik geschult worden, wie es in Senatorenfamilien üblich war, doch die Gedanken in so einer prekären Lage zuvor schriftlich zu ordnen, war dennoch hilfreich.

»Es gehen Gerüchte um, dass die Räuber keine Germanen sind, sondern Männer, die sich nur als solche ausgeben«, bemerkte Lappius.

Gordianus kniff die Augen zusammen. Er schien über die Möglichkeit nachzudenken.

»Das ist doch Unsinn«, sagte er dann, »das trunkene Geschwätz selbsternannter Nachtwächter. Warum sollten die so etwas tun?«

»Das weiß ich nicht«, räumte Lappius ein. »Ich möchte nur keine Unschuldigen bezichtigen. Die Agrippinenser glauben an die Wahrheit und das Recht. Und beidem zu dienen ist meine wichtigste Aufgabe.«

»Natürlich sind es Germanen! Unzählige unserer Bürger haben sie doch gesehen«, sagte Gordianus ernst. »Mit Sicherheit leben hier in der Colonia einige, die nie wahre Agrippinenser geworden sind und sich ihrer Verwandtschaft auf der anderen Seite des Rhenus immer noch näher fühlen als uns. Nach außen hin geben sie sich hier als dankbare Untertanen, weil man sie in der Stadt leben lässt. Aber in ihren schwarzen Herzen tragen sie nichts als Hass auf das Licht Roms. Und öffnen bereitwillig Tür und Tor für unsere Feinde. Diese Barbaren halten zusammen.«

»Das kann ich mir kaum vorstellen«, wandte Lappius ein.

Ihm ging auf, dass Gordianus als Mann des Militärs wahrscheinlich nur eine Lösung kannte. Und die gefiel ihm ganz und gar nicht.

»Lasst dich nicht beirren, edler Lappius. Du bist noch nicht lange hier. Ich hingegen schon, und ich habe mehr als einmal gegen die Wilden gekämpft. Und lass mich dir sagen, sie kennen nichts außer Groll und Blutdurst«, setzte der Admiral nach.

Lappius legte den Kopf schief und wog ab. Die Situation war neu für ihn. Die Provinz, die er zuvor verwaltet hatte, Bithynia et Pontus am Schwarzen Meer, war sehr friedfertig gewesen, und sie grenzte auch nicht an das Barbaricum. Vielleicht hatte Gordianus recht, und er, Lappius, hatte die hiesige Kultur noch nicht verstanden.

»Nur ein Jahr werde ich dieses Amt hier innehaben, und gleich in den ersten Tagen werde ich mit dergleichen konfrontiert«, ärgerte sich der Prokonsul.

»Das hast du nicht verdient«, nickte Gordianus grimmig, »ebenso wenig wie ich und alle Römer, die in der Nachbarschaft dieser von Hunger und Kälte abgehärteten Höllenhunde leben müssen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns jetzt wieder Respekt verschaffen. Dass wir handeln.«

Lappius wischte mit dem stumpfen Ende seines Griffels zwei Stichworte vom Wachstäfelchen und ersetzte sie durch neue. Er wusste nicht, was er der Bevölkerung in der anberaumten Rede verkünden sollte, und erst recht nicht, wie er ihnen die Lage beibringen sollte. Er kam sich hilflos vor, wie ein Spielball des Schicksals. Sich so zu fühlen, war er nicht gewohnt. Er versuchte sich vorzustellen, was die großen Redner oder Staatsmänner in seiner Lage getan hätten. Was hätte ein Cicero gesagt, was ein Sulla? Der Statthalter wusste es nicht.

»Und wie würde dieses Handeln deiner Meinung nach aussehen?«, fragte Lappius.

»Wir müssen Stärke zeigen. Ein Zeichen setzen. Damit jeder sieht, dass man dem römischen Adler nicht ungestraft auf dem Schnabel herumtanzt.«

»Du meinst – Krieg?«, fragte Lappius.

»Die Wilden sind nicht wie du und ich. Sie verstehen die Sprache der Diplomatie nicht. Nur die des Schwertes.«

Lappius wog ab.

Gordianus ließ nicht locker: »Es ist doch offensichtlich, dass alles, was bisher geschehen ist, nur der Vorbereitung einer Invasion dient. Wir müssen sie angreifen, bevor sie uns angreifen, Prokonsul. Wenn wir nur ruhig abwarten, bis sie zuschlagen – was sie ohne Zweifel tun werden –, könnte es unser Ende bedeuten«, erklärte er und nickte bedeutsam.

»Einen Krieg vom Zaun zu brechen, ist teuer und wird auf beiden Seiten hohe Verluste bedeuten«, erwiderte Lappius. »Außerdem wäre ein solches Handeln nicht mit Rom abgesprochen. Erinnere dich daran, dass ich dem Kaiser direkt unterstehe. Ich bin sein verlängerter Arm in Germanien.«

»Genau deswegen musst du den Befehl erteilen, unsere Truppen zu mobilisieren«, griff Gordianus seine Worte auf, »um Rom zu verteidigen und die Ehre Domitians.«

»Ich weiß nicht«, sagte Lappius zweifelnd. »Einerseits hast du sicherlich recht. Andererseits müssen wir verantwortlich handeln. Uns fehlen die Beweise, dass die Germanen den Rhenus überschreiten und uns angreifen wollen. Deine Schiffe fahren doch täglich Patrouille bis weit in den Visurgis hinauf. Wenn die Stämme dort Truppen zusammenziehen, würde das doch bemerkt. Aber das ist nicht der Fall.«

Gordianus war seine Verzweiflung mittlerweile deutlich anzusehen. Sein Gesicht war rot angelaufen, und er machte eine ausladende Geste mit beiden Armen.

»Statthalter, welche Beweise brauchst du denn noch? Die Wilden haben das Schwert Cäsars entwendet. Cäsar wird im ganzen Reich noch immer einem Gott gleich verehrt. Sie haben uns gedemütigt, Lappius, dich, mich, das gesamte Imperium!«

Nachdenklich klappte Lappius seine Wachstafel zu und legte sie vor sich, um dann den Griffel exakt in der Mitte darauf zu platzieren. Er hatte die Übersicht verloren. Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge waren verschwommen. Aber er versuchte, sich seine Unsicherheit vor Gordianus nicht anmerken zu lassen.

Der Admiral hatte sich in Rage geredet und war kaum noch zu bremsen: »Warum haben wir die Räuber nie sehen können, als sie über den Fluss setzten? Weil sie sich im Dickicht des gegenüberliegenden Ufers verbergen. Dort reicht der Wald bis direkt zum Wasser heran. Ich schlage daher vor, alle Bäume am Ufer zu roden. Meine Männer stehen sofort mit Äxten und Sägen bereit, wenn du es befiehlst. Das Holz können wir auch gebrauchen, daraus lassen sich neue Gebäude und natürlich Kriegsschiffe zimmern.«

Lappius war das alles nicht geheuer. Er erhob sich und zog seinen roten Umhang zurecht.

»Ich glaube, das Beste wird sein, mich mit der Kurie zu beraten«, stellte er fest.

»Wozu das? Die Stadträte sind alte Männer, die viel reden und wenig tun«, schnaubte Gordianus.

»Es sind die gewählten Volksvertreter dieser Stadt, mein lieber Admiral. Und sie haben genauso das Recht wie du, sich zur Lage zu äußern.«

Nun sprang auch Gordianus aus seinem Stuhl auf.

»Ich kann dir sagen, wie sie sich äußern werden: Sie werden den Schwanz einziehen. Die sind nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Die werden dafür sorgen, dass alles so weitergeht wie bisher, und das Dunkel, das am Horizont im Osten aufzieht, einfach ignorieren. Aber wir haben die Aufgabe, unsere Stadt zu schützen. Unsere Bürger. Auch wenn es Opfer bedeutet.«

»Danke, Gordianus, doch ich werde mit eigenen Ohren anhören, was der Rat zu sagen hat«, antwortete Lappius pikiert.

Der Admiral fasste sich. »Du musst den Bewohnern vermitteln, dass die Sicherheit Roms auch jenseits des Rhenus verteidigt wird«, ergänzte er.

»Ich muss gar nichts. Wir sehen uns am Nachmittag auf dem Forum«, sagte der Statthalter mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, und ließ Gordianus stehen.