Quintus hatte Pola am Morgen mit einem ausgiebigen Frühstück verabschiedet. Sie würde die nächsten Tage in der Landvilla eines reichen Mäzens in der Nähe von Novaesium verbringen, der ihre Theatertruppe engagiert hatte, um den Gästen seiner Geburtstagsfeierlichkeiten ein besonderes Spektakel bieten zu können. Auch wenn Quintus Pola vermissen würde, hatte er während des Essens wie auf heißen Kohlen gesessen. Nachdem ihm dann noch ein unliebsames Klientengespräch dazwischengekommen war, hatte er schließlich erst am Mittag, als die Sonne am höchsten stand, zum Flottenkastell eilen können, wo er um eine Audienz bei Gordianus bat. Er hatte peinlich darauf geachtet, den Wachen nur das Nötigste über sein Anliegen zu verraten. Gerade so viel, dass sie die Dringlichkeit seines Besuchs begriffen.
Ein Marinesoldat führte ihn nun durch den Stützpunkt zur Principia. Der Sitz des Admirals war weithin sichtbar, denn im Gegensatz zu den Mannschaftsbaracken und Werkstätten hatte das Gebäude zwei Stockwerke und ein mit Ziegeln gedecktes Dach. Die Wände bestanden, wie der Schutzwall, der das Lager umgab, aus geraden Holzbalken, waren jedoch weiß getüncht. Die Unterkünfte der Soldaten hingegen waren schmucklose, mit Schilf gedeckte Blockhäuser, deren unbehandeltes Holz von der jahrelangen Witterung ergraut war. Möwen kreisten schwarmweise über dem Stützpunkt, und ihr forderndes Krächzen war allgegenwärtig. Wo so viele Menschen lebten, gab es für sie auch viel zu holen.
Es war das erste Mal, dass Quintus das Flottenkastell betrat. Nur wenige Zivilisten hatten hier Zutritt. Trotz seiner Eile sah er sich deshalb umso neugieriger um und versuchte, sich ein Bild vom Leben hier zu machen. Auffällig war die große Zahl an Werkstätten, in denen gesägt und gehämmert wurde. In Friedenszeiten konnten sich die Soldaten nicht im Kampf beweisen, also musste man sie anderweitig beschäftigen. Frauen waren keine zu sehen, ihnen war der Zutritt verboten, und sie hatten wie Aelia, draußen vor den Toren im Vicus zu bleiben.
Durch die Lücken zwischen den Mannschaftsbaracken hindurch konnte man den wichtigsten Teil, das Hafenbecken des Kastells, erahnen. Dort lagen über hundert Schiffe vor Anker. Zum Teil Transportschiffe und flache, breite Lastkähne, aber vor allem Kriegsschiffe. Darunter waren die schmalen, leichten Lusorien am häufigsten zu sehen. Sie konnten mit einem Segel und dreißig Ruderern eine enorme Geschwindigkeit erreichen und waren daher schnell an jeden Einsatzort zu bringen, hatten aber nur wenig Laderaum. Seltener vertreten, aber um so eindrucksvoller waren die Liburnen – große, schwere Kriegsschiffe. Sie hatten bronzene Rammsporne, über die Augen gemalt waren, so dass der Bug wie ein grimmiges Gesicht wirkte. Die Liburnen konnten eine größere Menge Soldaten transportieren und boten Platz für Speergeschütze auf dem Vorder- und auf dem Achterdeck, mit denen man Ziele am Ufer unter Beschuss nehmen konnte. Mit diesen Schiffen konnte man auch das Meer befahren, wenn es sein musste.
Als der Marinesoldat Quintus an einer großen Halle vorbeiführte, erregte ein rhythmisches Pochen dessen Aufmerksamkeit. Die Halle hatte keine Wände, sondern bestand nur aus ein paar starken Pfeilern, die ein mit hölzernen Schindeln gedecktes Schrägdach trugen. Das Pochen rührte von einem Dutzend riesiger Webstühle her, die jeweils fast dreißig Fuß breit waren. Kräftige Soldaten waren damit beschäftigt, grobe Fäden zu langen, beigefarbenen Tuchbahnen zu weben.
»Die einzige Segelweberei weit und breit«, erklärte der Soldat, der Quintus’ Interesse bemerkte. Und er fügte nicht ohne Stolz hinzu: »Und die beste in Germanien. Unsere Segel werden bis ans Mare Nostrum exportiert, so geschätzt werden sie.«
Sie waren an der Principia angekommen. Der Soldat bedeutete Quintus zurückzubleiben, und ging auf zwei Wachen zu, die den Eingang hüteten. Er wechselte einige Worte mit ihnen und kehrte dann zu Quintus zurück, der ungeduldig von einem Bein aufs andere trat.
»Der Admiral ist noch in einer Besprechung«, verkündete er. »Du kannst später wiederkommen oder warten.«
»Ich warte«, sagte Quintus schnell.
Der Soldat nickte und führte ihn an die Rückseite des Gebäudes zu einer kleinen hölzernen Bank. Quintus setzte sich, doch nach ein paar Sekunden sprang er wieder auf. Warum musste heute alles so lange dauern? Auf seinem Weg zum Kastell hatte er mehrfach beobachten müssen, wie germanisch aussehende Mitbürger von wütenden Passanten angegangen wurden, und er hoffte inständig, dass Gordianus wieder für Ordnung sorgen würde, bevor noch jemand verletzt wurde. Oder Schlimmeres passierte. Mit jedem Moment, der verstrich, wurde Quintus unruhiger. Er lief vor der Bank auf und ab und kam sich vor wie eins der Raubtiere, die in den Käfigen der Arena auf ihren Auftritt bei den öffentlichen Spielen warteten.
Nach einer gefühlten Ewigkeit holte ihn der Soldat endlich wieder ab.
»Quintus Tibur zur Audienz«, erklärte der Mann den Wachen, und diesmal traten sie beiseite, ohne eine Miene zu verziehen oder ein Wort zu sagen. Der Soldat, der offenbar darauf vertraute, dass Quintus die letzten Fuß ohne ihn zurücklegen konnte, verabschiedete sich mit einem freundlichen Nicken.
»Danke«, rief Quintus ihm hinterher.
Er betrat das Büro des Admirals. Entgegen seiner Erwartung war selbiger noch nicht anwesend. Quintus stand einige Momente unschlüssig herum, aber nutzte dann die Gelegenheit, sich ungestört umzusehen. Das ganze Erdgeschoss, ein gut dreißig mal dreißig Fuß hoher Raum, schien Gordianus als Arbeitsbereich zu dienen. Die Wände waren auch von innen weiß bemalt, was den Raum, der nur über wenige Fenster verfügte, vor allem an einem sonnigen Tag wie heute großzügig wirken ließ. Eine Treppe in der hinteren Ecke führte hinauf in den ersten Stock, der wahrscheinlich die Privatgemächer des hohen Offiziers beherbergte. Der Boden war aus gestampftem Lehm, nicht anders als in den Baracken der Soldaten. An den Wänden standen einfache Regale aus Kiefernholz, in denen sich Schriftrollen stapelten. Kein Metall, keine Verzierungen. Alles wirkte schlicht. Ein bescheidener Mann, der Admiral, dachte Quintus, der auf Augenhöhe mit seinen Untergebenen sein wollte. Quintus hielt das für ein Zeichen guten Charakters.
Das größte Möbelstück im Raum war ein gewaltiger Schreibtisch, auf dem zahlreiche Wachstafeln, leere Papyri und Schreibutensilien lagen. Auf ihm standen auch die einzig sichtbaren Wertgegenstände. Quintus erkannte in ihnen kleine Kunstwerke. Ihr Stil war in seinen Augen exotisch. Es waren Statuen, Büsten und Schnitzereien. Wahrscheinlich persönliche Souvenirs des Admirals aus fernen Ländern. Auch eine kleine Büste von Julius Cäsar, den Gordianus wahrscheinlich wie so viele Militärs verehrte, befand sich darunter.
Weitaus beeindruckender fand Quintus eine riesige Zeichnung an der hinteren Wand des Büros, die er zunächst nicht einordnen konnte. Eine Wandmalerei war es nicht, dafür sahen die bunten Linien zu technisch aus. Die Zeichnung war fünfzehn Fuß breit, aber nur ein, zwei Fuß hoch. Als er näher kam, sah er, dass die Farbe auf einem Pergament, einem hauchdünnen Leder, aufgetragen war – einem sehr teuren und sehr haltbaren Material. Die Zeichnung war mit schmalen bronzenen Ketten an Ösen an der Wand aufgehängt. Quintus fiel die blaue Linie auf, die sich in der Mitte der Zeichnung entlangschlängelte. Oberhalb und unterhalb der Linie waren rote Linien und Punkte mit winziger Beschriftung sichtbar. Der größte Punkt hatte die Bezeichnung CCAA – damit war die Stadt gemeint. Dann musste die blaue Schlangenlinie wohl der Rhenus sein. Und in dem Moment verstand Quintus, was er vor sich hatte: Es war eine Landkarte, ungemein detailliert gezeichnet. Dergleichen hatte er noch nie zuvor gesehen. Er war beeindruckt und dachte sofort über die Möglichkeiten nach, die eine solche Abbildung des Großen im Kleinen barg.
»Weißt du, warum wir alle Barbaren in ihre Schranken verweisen können?«, ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihm. Er erschrak und fuhr herum. Mitten im Raum stand Admiral Gordianus. Quintus war so vertieft gewesen, dass er dessen Schritte nicht gehört hatte. Gordianus trug heute bloß eine Lederweste über einer einfachen Tunika, doch obwohl er fast wie ein Zivilist aussah, machte die natürliche Autorität, die er ausstrahlte, klar, dass er ein hochrangiger Offizier war. In seinem Blick lag eine unnachgiebige Härte, über die einfache Menschen von der Straße nicht verfügten.
»Salve, Admiral.«
»Salve, Quintus Tibur«, erwiderte Gordianus und stellte sich direkt neben seinen Gast.
»Weil unsere Legionen unbesiegbar sind, ebenso wie unsere glorreiche Flotte?«, vermutete Quintus.
»O nein, auch unsere Feinde haben mutige Kämpfer und große Armeen. Aber was sie nicht haben, ist dies hier!«, sagte Gordianus und zeigte auf die Karte. »Eine unserer größten Errungenschaften ist das Vermessungswesen. Unsere Kartographen durchstreifen das gesamte Reich. Daher kennen wir die genauen Abstände zwischen den Städten, die Größe der Wälder, den Verlauf der Gewässer. Nur deswegen können wir Straßen und Wasserleitungen bauen. Und nur deshalb sind unsere Truppen immer so schnell dort, wo sie gebraucht werden. Man gewinnt keine Kriege mit roher Gewalt. Sondern mit Augenmaß und Mathematik. Bitte«, Gordianus wies auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch, während er selbst dahinter Platz nahm.
»Danke, dass du mich empfängst«, sagte Quintus und setzte sich. Er spürte ein nervöses Kribbeln in sich aufsteigen. Wie würde der Admiral auf seine – zugegeben skandalösen – Nachrichten reagieren? Wenn er ihm überhaupt glaubte …
»Ich kann mir schon denken, warum du hier bist«, sagte der Admiral und legte die Stirn in sorgenvolle Falten. »Wegen dieser impertinenten Tat. Ich hätte diesen Barbaren alles zugetraut, aber das schlägt dem Fass den Boden aus. Und glaub mir, ich habe bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Schwert wiederzufinden.«
»Ja, dieser Diebstahl ist eine Ohrfeige für die Colonia. Und für Rom«, bestätigte Quintus. »Als ich vorhin die Stadt verließ, waren die Bürger bereits in Aufruhr. So habe ich die Colonia noch nie erlebt. Nachbarn, die viele Jahre friedlich zusammengelebt haben, beäugen sich nun misstrauisch.«
Gordianus holte tief Luft und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Man sah, dass er sich grämte. Die dunklen Ränder unter seinen Augen zeugten von einer schlaflosen Nacht.
»Wenn das außer Kontrolle gerät, kann der Stadt Schlimmes bevorstehen. Nicht auszumalen, wenn die Bevölkerung sich weiter spaltet und aufeinander losgeht«, sagte er.
Quintus zögerte einen Moment und sagte dann: »Vielleicht ist es ja genau das, was die Täter beabsichtigen.«
Gordianus blickte auf.
»Bist du deswegen hier, Quintus? Ich nehme an, du bist nicht gekommen, um mir etwas zu berichten, das ich ohnehin schon weiß.«
Quintus nickte. Er fühlte sich geschmeichelt, dass den hohen Herren interessierte, was er zu sagen hatte, und dachte scharf nach. Die nächsten Worte mussten mit Bedacht gewählt sein. Er stand vor der Herausforderung, den Admiral zu warnen, ohne vorwurfsvoll zu klingen. Oder verrückt. Gordianus war in einer heiklen Lage. Er war für die Sicherheit der Colonia verantwortlich, und nach der letzten Nacht war wohl niemand im weiten Umkreis mehr davon überzeugt, dass er seine Arbeit gut erledigte.
»Nun, zufällig bin ich selbst Zeuge des Diebstahls geworden«, sagte Quintus wahrheitsgemäß.
Gordianus machte große Augen und schien einen Moment wie gelähmt. Damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet.
»Wie bitte?«, presste er hervor.
Quintus genoss es, etwas Wichtiges beitragen zu können. Es würde ihn sicher in der Gunst des Admirals steigen lassen.
»Es ist so: Ab und zu gehe ich Patrouille mit der Bürgerwehr. Auf dem Weg zum Treffpunkt mit den anderen Männern kam ich am Marstempel vorbei. Genau im richtigen Moment.«
Kurz war der Flottenkommandant perplex, dann fing er sich: »Was für ein phantastischer Zufall! Was genau hast du gesehen?«
»Nun, ich konnte beobachten, wie eine Gruppe von Männern, in Felle gekleidet, mit bemalten Gesichtern, auf den Platz eilte. Mir war sofort klar, dass es die Räuber sind, die seit langem die Gegend unsicher machen. Also versteckte ich mich.«
»Unglaublich! Was geschah dann?«, wollte Gordianus wissen.
»Ich erwartete, dass sie die Wache angreifen würden. Dachte mir, der arme Kerl würde keine Chance haben gegen diese Übermacht.«
»Ja, sie haben ihn niedergeschlagen. Das hat mir die Wache schon berichtet«, nickte Gordianus.
Quintus räusperte sich und zupfte am Ärmel seiner Tunika. Er atmete tief ein und fuhr fort: »Nun, nicht ganz.«
Gordianus starrte den Anwalt an. Einen Moment sahen sich beide Männer tief in die Augen. Quintus hielt der Intensität von Gordianus’ Blick nicht stand und schaute auf seine Hände. Etwas irritierte ihn am Verhalten des Admirals, aber er konnte nicht fassen, was es war.
»Nun los, rede schon! Wir sind hier nicht vor Gericht, wo man dramatische Pausen einflechten muss«, forderte ihn Gordianus ein bisschen zu grob auf.
Quintus konnte ahnen, unter wie viel Druck der Admiral, dessen Stuhl vielleicht bereits wackelte, stand.
»Die Wache hat überhaupt keinen Widerstand geleistet. Sie schien die Männer sogar zu kennen. So als ob der Soldat in den Plan der Diebe eingeweiht war. Sie sprachen Latein miteinander. Was in mir den Verdacht weckt … und ich weiß, es klingt verrückt …« Noch einmal holte Quintus Luft und fuhr dann schnell fort: »Es ist möglich, dass die Räuber gar keine Germanen sind, wie wir alle glauben. Es scheint mir fast, als seien wir nur Statisten in einem großen Schauspiel. Aber ich weiß nicht, wer das Stück geschrieben hat.«
Er verstummte und wartete auf eine Reaktion des Admirals. Doch der saß nur mit offenem Mund da. Er schien die Informationen erst einmal verarbeiten zu müssen.
»Dann habe ich die Kameraden der Bürgerwehr gerufen. Gemeinsam haben wir die Räuber in die Flucht geschlagen. Aber das Schwert konnten wir ihnen nicht entreißen, was mir sehr leidtut«, beendete Quintus seine Ausführungen.
Gordianus schwieg immer noch. Er wirkte, als schössen ihm tausend Gedanken durch den Kopf, was Quintus ihm nicht verdenken konnte. Es fiel ihm selbst immer noch schwer, an eine solch verräterische Bösartigkeit der Soldaten zu glauben. Und er hatte sie mit eigenen Augen gesehen.
»Gräme dich nicht. Die Colonia kann froh sein, dass nachts mutige Männer wie ihr unterwegs seid«, sagte Gordianus endlich. Er stand auf und betrachtete nachdenklich die Landkarte.
»Weiß noch jemand von deiner Beobachtung?«, fragte er. »Nein, zumindest nicht von diesen Einzelheiten.«
»Gut«, sagte Gordianus leise.
»Es tut mir leid, Admiral«, hob Quintus an und wog jedes Wort vorsichtig ab, »aber ich fürchte, du wirst hintergangen und es gibt Verräter in den Reihen der Marine.«
Gordianus’ Körper schien sich einen Moment lang zu straffen. Dann ließ er sich sichtlich entmutigt wieder auf seinen Stuhl fallen.
»Ich kann nicht glauben, dass ich darauf hereingefallen bin. Dass wir alle die Germanen zu Unrecht verdächtigt haben. Das hätte böse enden können«, sagte er schwach.
Quintus schwieg betreten.
»Und das mir. Nachdem ich meine Männer immer gut behandelt habe«, murmelte der Admiral. »Vielleicht zu gut. Vielleicht war ich zu nachsichtig. Das kann passieren in Zeiten des Friedens. Sie machen einen weich.«
»Du hast dir nichts vorzuwerfen, edler Gordianus. Du wirst landauf, landab verehrt und respektiert«, gab Quintus zurück. Sein Blick blieb an einer kleinen Statue hängen, die direkt vor ihm auf dem Schreibtisch stand. Sie war aus schlichtem Sandstein gefertigt, etwa ein Fuß hoch und schien eine Katze darzustellen.
Gordianus bemerkte den Blick seines Gegenübers.
»Ägyptisch«, erklärte der Admiral und zwang sich zu einem Lächeln.
»Eine sehr markante Form. Welche Bedeutung hat die Katze?«, wollte Quintus wissen.
»Das ist Bastet. Eine Göttin. Die meisten Götter am Nil haben die Form oder zumindest die Köpfe von Tieren. Die Religion der Ägypter ist um Jahrtausende älter als unsere. Eine faszinierende Welt. Ich war dort als junger Mann stationiert, bevor ich nach Germanien kam.«
»Ist der Nil so breit wie der Rhenus?«, wollte Quintus wissen.
Gordianus lachte: »Viel breiter. Und länger. Der Rhenus ist ein Bächlein dagegen. Aber der Nil ist ein launischer Fluss. Die Menschen sind abhängig von ihm. Steigt das Wasser im Frühjahr nicht hoch genug, um die Felder zu bewässern, müssen alle hungern.«
»Wann rufen die Ägypter Bastet an?«, fragte Quintus.
»Wenn sie auf Liebe und Fruchtbarkeit hoffen«, erklärte Gordianus. »Meine Frau hat mir die Statue einst geschenkt. Es ist alles, was mir von ihr geblieben ist.«
Quintus wollte nicht nachhaken und alte Wunden aufreißen. Die Lage war für den Admiral ohnehin schon schwierig genug. Aber er zählte zwei und zwei zusammen und vermutete, dass Gordianus verwitwet war. Zu seiner Erleichterung kam der Admiral zum Thema zurück.
»Ich werde den Dingen auf den Grund gehen«, sagte Gordianus. »Sehe ich dich nachher auf dem Forum?«
Verwirrt blinzelte Quintus. Auf dem Forum? Hatte er etwas verpasst?
»Statthalter Lappius wird heute Nachmittag eine Rede halten. Er hofft, damit die Bevölkerung zu beruhigen«, klärte der Admiral ihn auf. »Du hast ihn vorhin übrigens nur knapp verpasst.«
Quintus horchte auf. Er hatte noch nicht mitbekommen, dass Lappius zurückgekehrt war, geschweige denn, dass er öffentlich aufzutreten gedachte. Und er fluchte innerlich. Hätte er sich am Morgen nicht so lange aufhalten lassen, hätte er seine Geschichte direkt dem Admiral und dem Statthalter gemeinsam berichten können.
Gordianus schien seine Gedanken gelesen zu haben und versicherte: »Ich werde dich beim Statthalter lobend erwähnen und ihm alles erzählen, was du mir gesagt hast.«
»Ich danke dir«, sagte Quintus erleichtert.
»Nein, ich danke dir für deine Ausführungen. Ich wünschte, alle Agrippinenser hätten so viel Rückgrat«, seufzte der Admiral.
»Als Bürger der Colonia ist es meine Pflicht zu helfen«, erwiderte Quintus, nicht ganz frei von einer gewissen Selbstgefälligkeit.
»Noch eines, bitte behalte vorerst für dich, was du mir berichtet hast«, bat Gordianus ihn eindringlich. »Wir möchten doch nicht, dass eine noch größere Panik ausbricht.«
»Selbstverständlich«, nickte Quintus. Dass ein so wichtiger Mann wie Gordianus ihm vertraute, war eine Ehre. Er stand auf und verneigte sich zum Abschied.
Zufrieden mit sich, verließ er die Principia. Auf dem Vorplatz blickte er sich noch einmal um und sah, dass auch Gordianus das Büro verließ. Quintus konnte es ihm nicht verdenken. Nach diesen Neuigkeiten brauchte er sicherlich eine Brust voll frischer Luft. Er beobachtete, wie der Admiral einen der Wachmänner zu sich winkte und ihm Befehle zu geben schien, der gehorsam nickte und sich eilig entfernte.
Erleichtert setzte Quintus seinen Weg fort. Sein Besuch schien bereits Früchte zu tragen. Bald würden Gordianus und Lappius den Spuk beenden, die Schuldigen würden bestraft werden, und die Colonia würde zur Normalität zurückkehren. Auch wenn er wusste, dass die Sache noch nicht ausgestanden war und Gordianus die Verräter erst noch ausmachen musste, konnte er es kaum erwarten, Lucretia von dem Erfolg zu berichten.