An diesem Tag stattete Claudia ihrer Familie in der Stadt einen Besuch ab. Lucretia war dankbar für diese Abwechslung. Wenn ihre Schwester vorbeischaute, kam immer Leben ins Haus. Cäcilia hatte den Sklaven freigegeben, und Magnus war am Hafen, um eine Garumlieferung für den Laden abzuwickeln, und so hatten die drei Frauen das Haus für sich.
Sie nahmen ein leichtes Mittagessen im Speisezimmer ein, das sich in der hinteren Ecke des Hauses befand. Dort standen drei Speisesofas mit kunstvoll gedrechselten Rahmen aus dunklem Holz, die mit weichen roten Kissen bedeckt hufeisenförmig um einen Tisch in der Mitte angeordnet waren. Der Raum hatte keine Fenster, und da das zur Tür hereinfallende Licht nicht ausreichte, brannte auch am helllichten Tag eine Öllampe. Den Boden zierte ein schwarz-weißes Mosaik, das ineinander verschlungene Weinranken zeigte, und die Wände waren kunstvoll bemalt. Magnus, der an den Gestaden der afrikanischen Mittelmeerküste aufgewachsen war, hatte sich für Strandszenen entschieden, die ihn an seine alte Heimat erinnern sollten. Seesterne, Muscheln und Krebse auf braunen Felsen gaben einen guten Eindruck, wie es dort wohl aussehen mochte. Lucretia hatte das Meer noch nie mit eigenen Augen gesehen und träumte davon, eines Tages den an den Wänden dargestellten Wesen auch einmal in natura zu begegnen.
Sie schob sich eine Olive in den Mund, während sie sich mit dem Arm auf einem großen Kissen abstützte, und reichte dann die milchig transparente Glasschale an ihre Schwester weiter, die sich auch sogleich bediente. Die Stimmung war gelöst. Mutter und Töchter waren froh, auf diese Weise Zeit miteinander zu verbringen.
»Wie sieht es aus, liebste Claudia? Hat Bona Dea dein Flehen erhört?«, wollte die Mutter wissen.
»Drei Kälber sind eine Opferspende, die sich sehen lassen kann«, bestätigte Lucretia.
»Das wissen wir noch nicht«, gab Claudia mit einer für sie untypischen Ernsthaftigkeit zu. »Der Feiertag ist ja noch keine zwei Wochen her. Da kann man sich noch nicht sicher sein.«
»Wann würdest du denn deine nächste Blutung erwarten?«, fragte Cäcilia unverblümt, wie es ihre Art war.
»Wenn du es so genau wissen willst, vorgestern«, antwortete Claudia etwas pikiert. »Aber ein gewisses Ziehen im Bauch sagt mir, dass es wohl heute losgeht.«
»Also eher … nicht schwanger«, stellte Cäcilia mit einer gewissen Enttäuschung fest.
Claudia senkte den Blick. Sie lehnte sich auf ihrem Speisesofa vor und stellte den Teller mit Ziegenkäse wieder zurück auf den Tisch. Dass sie ihn nicht komplett verputzt hatte, zeigte Lucretia deutlich, dass es ihr nicht gut ging. Sie kannte ihre Schwester und suchte nach tröstenden Worten:
»Vielleicht liegt es gar nicht an dir. Vielleicht liegt es an ihm. Warum wird immer uns Frauen zuerst die Schuld gegeben, wenn keine Kinder kommen?«
»Da ist etwas dran. Vielleicht trägt der Samen deines Liebsten keine Früchte. Das kommt öfter vor, als man denkt. Die Herren reden nur nicht gern darüber«, pflichtete Cäcilia ihr bei.
»Der Gedanke ist uns natürlich auch schon gekommen«, lenkte Claudia ein. »Ich habe mit Plautus offen darüber gesprochen.«
Lucretia und ihre Mutter schauten Claudia erwartungsvoll an.
»Und?«, hakte Lucretia nach, die es merkwürdig fand, dass ihre Schwester, die nicht im Ruf stand, auf den Mund gefallen zu sein, nicht weitersprach.
»Nun ja«, wandte Claudia nach einem betretenen Räuspern ein, »offenbar ist sein Samen nicht das Problem. Plautus wollte das Thema zuerst vermeiden, aber ich habe nachgehakt. Und ihm klargemacht, wie wichtig es für mich ist.«
»Und dabei hat sich – was genau herausgestellt?«, fragte Cäcilia, die bereits eine ungute Vorahnung hatte und einen großen Schluck Mulsum aus ihrem Becher nahm.
»Dass Plautus schon ein Kind hat«, gab Claudia zu.
»Wie bitte? Wie das denn? Und mit wem?«, rief Cäcilia und schien nun doch aus allen Wolken zu fallen.
»Nun, ich glaube, den Vorgang selbst muss ich nicht erklären«, lachte Claudia, und etwas von ihrer gewohnten Bissigkeit kam wieder zum Vorschein.
»Hat er dich betrogen?«, fragte Lucretia und fühlte sich gleich danach dumm, dass sie diese Frage gestellt hatte. Seitensprünge waren in römischen Ehen gang und gäbe – zumindest für den Mann, während er für die Frau auf Verlangen des Ehemannes juristische Konsequenzen haben konnte. Ertappte der Ehemann seine Frau mit einem Liebhaber in flagranti, durfte er sie sogar auf der Stelle straffrei töten.
»Nein, es ist schon Jahre her. Plautus war erst fünfzehn. Es war sein erstes Mal. Mit einer Sklavin aus dem Haushalt seiner Eltern. Sie war zweimal so alt wie er und hatte schon ein Kind.«
»Na so was, ein uneheliches Kind. Das sind ungeheure Neuigkeiten«, sagte Cäcilia aufgeregt. Ob es klug wäre, ihren Freundinnen davon zu berichten? Doch sie befürchtete, Claudia und damit auch sie selbst würden damit schlecht dastehen, und so verdrängte sie den Gedanken.
»Ist dieses Kind denn sicher von Plautus?«, hakte Lucretia nach.
»Ganz sicher. Ich habe den Jungen gesehen. Er heißt Maximus und ist jetzt schon so alt, wie Plautus es damals bei seiner Zeugung war. Er ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, es ist regelrecht unheimlich.«
»Lebt der Junge noch in der Colonia?«, wollte Cäcilia wissen.
»Ja, sein Besitzer hat ihn mittlerweile freigelassen. Und wie so viele Freigelassene hat er gehörigen Ehrgeiz entwickelt. Er arbeitet als Schreiber beim Zoll im Hafen und ist sehr angesehen«, erklärte Claudia. Dann schloss sie mit trauriger Miene: »Offenbar bin es also doch ich, mit der etwas nicht stimmt.«
»Vielleicht solltest du mal andere Dinge ausprobieren als Opfergaben und Gebete«, überlegte Lucretia.
Claudia sah sie an und antwortete gereizt: »Hört, hört, meine jungfräuliche Schwester berät mich in Angelegenheiten der Mutterschaft.«
»Man kann durchaus über Vorgänge Bescheid wissen, auch wenn man sie noch nicht selbst erlebt hat«, konterte Lucretia. »Ich muss auch nicht bei der Legion dienen, um zu wissen, dass nach sieben Stunden Marsch die Füße weh tun.«
»Vielleicht ist das wirklich nicht ganz dein Gebiet«, pflichtete die Mutter Claudia bei.
Lucretia wollte das nicht auf sich sitzen lassen. »Tut mir leid, dass ich andere Ziele im Leben habe, als wie eine Bruthenne auf einem Gelege zu sitzen«, sagte sie gekränkt.
»Ziele? Welche anderen Ziele sollte eine römische Frau im Leben haben als Kinder und Familie? Das ist das Los, das uns die Götter zugedacht haben. Und es ist ein Los, mit dem es sich gut leben lässt«, ermahnte Cäcilia sie.
Lucretia stöhnte. Sie hatten das Thema schon so oft besprochen. Die Arbeit mit Quintus hatte ihr gezeigt, was alles möglich war, wenn man einen Verstand besaß, wie sie ihn hatte. Aber sie hatte gute Gründe, diese Erlebnisse vor der Familie geheim zu halten.
»Keine Ahnung. Ich könnte zum Beispiel irgendwann mal Vaters Laden übernehmen«, sagte sie.
Dieser Gedanke war ihr tatsächlich schon einmal gekommen, aber sie hatte ihn nie ausgesprochen. Cäcilia und Claudia blickten sie erstaunt an.
»Darüber reden wir noch mal, wenn es so weit ist, und das dauert hoffentlich noch lange«, murmelte ihre Mutter und beeilte sich hinzuzufügen: »Und selbst wenn du das Geschäft übernehmen würdest, solltest du dennoch heiraten und Kinder bekommen. Das eine schließt das andere ja nicht aus.«
»Gut, ich merke schon, ihr wollt meinen Rat nicht. Ich bin ja nur ein kleines Mädchen, und auf mich muss niemand hören«, sagte Lucretia eingeschnappt. Gleichzeitig sah sie ihrer Schwester an, dass es in ihr arbeitete.
»Nun, in solch einer Lage ist jeder Beistand willkommen«, schlug Claudia versöhnlichere Töne an. »Ich habe ja schon viel versucht. Mit Bädern. Und Kräutern. Wir haben es sogar einmal ein halbes Jahr lang streng nach den Mondphasen getan, weil ein Priester Plautus dazu geraten hatte.«
»Ich kenne eine Frau, die dir vielleicht helfen kann. Eine Heilerin, die in der Stadt vor allem als Hebamme arbeitet. Eine Germanin«, sagte Lucretia.
»Was? Woher kennst du denn solche Leute?«, echauffierte sich ihre Mutter.
Lucretia wusste, dass sie nun achtgeben musste. Über ihre Ermittlungen durfte sie nichts berichten.
»Ich war zufällig bei der Frau des Schmiedes, der nach dem Überfall gestorben ist. Gerade in dem Moment, als ich an dem Laden vorbeikam, setzten bei ihr die Wehen ein. Sie hat mich geschickt, um diese Frau zu holen. Cordia heißt sie. So habe ich sie kennengelernt.«
»Und du meinst, diese … Cordia kann etwas an meiner Lage ändern?«, fragte Claudia hoffnungsvoll.
»Ich bin sonst noch niemandem begegnet, der sich mit dem Körper so gut auskennt wie sie. Und mit den Kräften der Natur und den Pflanzen. Schließlich ist das ihr täglich Brot. Sie weiß bestimmt etwas, was der Empfänglichkeit dienlich ist.«
Claudia legte nachdenklich den Kopf schief. Seit sie mit Plautus zusammen in das Landhaus gezogen war, hatte sich ihr Leben verändert. Sie hatte mit Männern zuvor alles ausprobiert, was sie sich in ihren Phantasien ausgemalt hatte – und mehr. Nun spürte sie, dass sie bereit war, sich wirklich zu binden, und der Wunsch, Mutter zu werden, wurde von Tag zu Tag stärker. Noch vor wenigen Jahren hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie einmal so empfinden würde.
»Nein, nein, vergiss das gleich wieder. Mit solch einer germanischen Striga wollen wir nichts zu tun haben!«, wandte die Mutter ein.
»Natürlich nicht«, sagte Claudia schnell, nickte Lucretia aber dankbar zu und deutete ihr damit an, dass sie später noch unter vier Augen eingehender über Cordia und ihre Kräfte reden wollte. Wenn ein bitterer Wurzelsud helfen würde, ihren Traum wahrzumachen, würde sie ihn schlucken, egal, wie schlecht er schmeckte.
»Du kannst dankbar sein, dass Plautus so geduldig mit dir ist«, merkte Cäcilia an.
»Das bin ich«, sagte Claudia. »Er wäre sogar offen für eine Adoption. Es gibt so viele Waisen, die sich nach Eltern sehnen.«
»Ich bin froh, dass ihr euch gefunden habt. Er ist der Richtige für dich«, bestätigte Lucretia. Sie hatte immer ein gutes Gefühl bei Plautus gehabt und sah, dass er ihrer Schwester guttat.
»Ja, nicht auszudenken, wenn ich jemanden wie Hostus geheiratet hätte«, lachte Claudia und nahm eine Olive aus der Schale.
»Hostus, welcher Hostus denn?«, fragte Lucretia neckend. »Du hast mir doch von allen deinen Eroberungen erzählt – dachte ich zumindest.«
»Das würde mich auch interessieren«, gab Cäcilia zu.
»Na, Gordianus. Hostus Gordianus. Er hat auch noch zwei Mittelnamen, aber die habe ich vergessen.«
Lucretia war überrascht. Der Name Gordianus war nicht sehr häufig.
»Doch nicht etwa der Admiral?«, hakte sie nach.
»Gordianus, der Präfekt der Rheinflotte?«, fiel nun auch bei Cäcilia der Groschen.
»Es war nichts Ernstes. Und es dauerte nicht lange. Einen Monat lang haben wir uns heimlich getroffen. Er ist so ein schöner Mann. Der schönste, den ich je hatte. Aber er war sehr traurig, als ich ihn kennenlernte. Doch ich begehrte ihn umso mehr, da ihn diese Melancholie umgab. Amors Pfade sind manchmal unergründlich.«
Lucretia musste diese Information erst einmal verdauen. Dann lachte sie. »Meine Schwester. Meine große Schwester Claudia!«
Die Mutter war allerdings gar nicht amüsiert.
»Es ist beschämend«, entfuhr es ihr. »Manchmal scheint es mir, als hättest du dich mit jedem Mannsbild der Colonia eingelassen, Claudia. Ist dir nicht bewusst, was für ein schlechtes Licht deine Liederlichkeit auf unsere Familie wirft?«
»Ruhig Blut, Mutter, meine wilden Zeiten sind vorbei, das weißt du doch«, sagte die beschwichtigend.
»Eine Schande!«, murmelte Cäcilia, doch wenn eines noch stärker war als ihre Lust am Skandalösen, dann war es ihre Neugier. Sie konnte es sich nicht verkneifen, trotz aller Kritik flüsternd zu fragen: »Wie war er denn so?«
Nun prusteten Lucretia und Claudia beide los.
»Ich erspare dir lieber schändliche Beschreibungen, nicht, dass sich deine Scham noch vergrößert«, neckte Claudia die Mutter.
»Nein, nein, mir ist ja nichts Menschliches fremd. Das möchte ich nun doch wissen«, insistierte Cäcilia und schmunzelte über sich selbst. Ihre Töchter hatten guten Grund, sie auszulachen.
»Nun, Hostus war früher einmal verheiratet. Er hatte eine Frau und eine Tochter. Sie sind in Ägypten gestorben, ich glaube, an einer Seuche. Er konnte das Leben am Nil ohne sie nicht mehr ertragen und hat sich nach Norden versetzen lassen. Um neu anzufangen. Ich war offenbar die erste Frau seit langer Zeit, mit der er zusammen war. Ich hätte ihn geheilt, hat er gesagt, als wir uns trennten.«
»Warum hat es nicht gehalten zwischen euch?«, fragte Lucretia. Sie wollte mehr über Gordianus erfahren, der bei ihren Ermittlungen eine zunehmend wichtige Rolle spielte.
»Im Bett lief es gut – keine Klagen, was das angeht«, sagte Claudia mit einem Grinsen. »Aber er hat immer nur an seinen Beruf gedacht. Ständig sprach er vom Krieg, von großen Heldentaten, das war manchmal sehr anstrengend. Er hätte ein großes Ziel, auf das er hinarbeiten würde, aber Genaueres hat er nie gesagt. Er war überhaupt sehr verschlossen, hatte Geheimnisse. Ich konnte ihm nie wirklich nahekommen. Und obwohl er immer gut zu mir gewesen ist, war ich mir eines Tages nicht mehr sicher, ob ich ihm vertrauen kann. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich glaube, es ist etwas Dunkles in ihm.«
»Woher stammt er eigentlich?«, fragte Lucretia.
»Aus Gallien«, antwortete Claudia. »Aus irgendeiner Stadt weiter im Süden, die Julius Cäsar gegründet hat, nachdem er das Land mit seinen Armeen erobert hatte. Überhaupt … Cäsar, das war ein Steckenpferd von ihm. Hostus hat viel über ihn geredet.«
»Weil er ihn bewundert hat? Das ist ja beim Militär üblich. Der große Cäsar, ein leuchtendes Vorbild für alle«, mutmaßte Cäcilia, die das wusste, weil sie selbst mit einem ehemaligen Soldaten verheiratet war. Auch Magnus hielt das Andenken Cäsars, der als erfolgreichster römischer Feldherr galt, in Ehren und pries dessen historische Leistungen regelmäßig, wenn er auf Gelagen zu viel getrunken hatte.
»Nein, es war mehr als das«, erwiderte Claudia und erinnerte sich: »Er behauptete sogar, Cäsar sei sein Ururgroßvater. Und dass er in seine Fußstapfen treten wolle. Merkwürdig, nicht?«
»Spinnerte Träume, wie Männer sie oft haben«, pflichtete die Mutter ihr bei und schenkte ihrer Ältesten etwas Gewürzwein nach. »Trink mit uns, und lass uns nicht mehr an ihn denken, Claudia. Die Vergangenheit soll ruhen, freuen wir uns lieber auf eine fruchtbare Zukunft.«
Lucretia konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Diese Information über Gordianus war wie das fehlende Puzzlestück, das sie gesucht hatte. Sie sprang auf.
»Was ist denn los, Kind?«, wunderte sich Cäcilia.
Doch Lucretia hatte keine Zeit für weitere Erklärungen und lief aus dem Speisezimmer. Sie musste Quintus finden und ihn warnen, bevor es zu spät war.