Die Straßen platzten aus allen Nähten, überall war aufgeregtes Gemurmel zu hören. Die Bewohner der Colonia strömten zum Forum, um der Rede des Statthalters beizuwohnen. Niemand wusste genau, warum er diesen Termin angesetzt hatte, doch die meisten Agrippinenser waren sich sicher, dass der Anlass etwas mit den Raubzügen und dem nächtlichen Diebstahl des Reliktes aus dem Marstempel zu tun haben musste.
Quintus schob sich gegen den Strom der Menge zum Prätorium. Dort war es ruhiger als gewohnt. Er wollte Gordianus abfangen, um von ihm zu erfahren, wie sein Gespräch mit dem Statthalter verlaufen war. Quintus platzierte sich im Säulengang unweit des Hauptportals. Er beobachtete, wie die Mitglieder des Stadtrates, die soeben getagt hatten, in ihren weißen Togen das Gebäude verließen und sich in die Menschenmenge, die sich in Richtung Forum bewegte, einreihten.
Nervös ging er auf und ab. Wo blieb Gordianus? Hatte er ihn verpasst? Gerade, als er aufgeben und sich ebenfalls zum Forum begeben wollte, um noch einen Platz zu ergattern, sah er den Admiral, wie er aus dem Gebäude trat. Er hatte seine Paraderüstung angelegt. Seinen Prunkhelm trug er unter den Arm geklemmt.
»Admiral!«, rief Quintus und ging auf Gordianus zu. »Mein lieber Quintus Tibur«, begrüßte ihn der Angesprochene. »Hast du den Statthalter sprechen können?«, fragte Quintus.
Gordianus bedeutete Quintus, ihm hinter eine der großen Säulen zu folgen, damit die anderen Männer, die gerade an ihnen vorbeiliefen, ihr Gespräch nicht hören konnten.
»Er war sehr interessiert an meinem Bericht und lässt dir für deine Hilfe danken«, sagte er, was Quintus erfreute.
Doch der Admiral fügte hinzu: »Ich hatte heute Mittag den Eindruck, du hast mir nicht alles berichtet.«
Quintus zögerte. Sollte er Gordianus wirklich mehr erzählen? Ja, befand er, das wäre wohl das einzig Richtige, wenn es darum ging, eine Verschwörung aufzudecken, die letztlich allen hier schadete. Quintus sah keinen Grund, an Gordianus zu zweifeln. Der Admiral hatte sich bisher als guter Verbündeter gezeigt, und es konnte seiner Karriere nicht schaden, diese Bande zu festigen.
»Ich ermittle schon etwas länger in der Sache«, gab er zu.
»Ach? Warum denn das?«, fragte Gordianus aufhorchend.
»Ein Mann wurde bezichtigt, Mitglied der Räuberbande zu sein. Ein germanischer Jäger. Ich habe ihn vor Gericht vertreten.«
»Ah, du warst das«, erwiderte der Admiral anerkennend.
»Danach habe ich etwas tiefer gegraben …«
»Tatsächlich? Und das ganz allein?«, fragte Gordianus.
Quintus wollte nicht alle Lorbeeren für sich selbst einheimsen. »Ich hatte Hilfe«, gab er zu. »Von einer klugen Dame.«
»Aha, und was habt ihr noch herausgefunden?«
»Zum Beispiel, dass die Pfeile, die bei den Überfällen recht wahllos verschossen wurden, nur auf den ersten Blick germanisch waren. Sie hatten römische Spitzen. Man hatte versucht, ihnen durch eine andere Befiederung ein irreführendes Aussehen zu geben.«
»Interessant. Das hat uns einer der Verschwörer, den wir soeben festgenommen haben, auch gestanden. Diese schlecht ausgeführte Maskerade war ein großer Fehler, der uns letztlich zu ihm geführt hat.«
Quintus musste kurz verarbeiten, was der Admiral ihm gerade mitgeteilt hatte.
»So schnell? Dann … ist die Sache aufgeklärt? Und die Gefahr für die Colonia gebannt?«
»Mach dir keine Sorgen, Tibur, bald kehren wieder Ruhe und Ordnung ein«, bestätigte ihm der Admiral und setzte seinen Helm auf. Die Straußenfedern, die darauf befestigt waren, bewegten sich leicht im Wind.
»Und wer ist dieser Mann, den ihr festgenommen habt, wenn ich fragen darf?«, wollte Quintus wissen.
»Sag du es mir«, forderte ihn Gordianus heraus. »Geh in dich, du weißt es doch. Du bist ihm schon begegnet.«
Da fiel es Quintus wie Schuppen von den Augen: »Optio Vorenus! Alle Fäden laufen bei ihm zusammen. Er war der Einzige, der das Geheimfach im Hause Bulbo kannte. Das hat ihn als Mitglied der Bande verraten.«
Gordianus’ Augen flackerten kurz, aber Quintus war zu sehr in Gedanken vertieft, um es zu bemerken.
»Volltreffer«, rief Gordianus. »Du hast die Sache durchschaut. Marcus Vorenus war der Drahtzieher. Er und ein paar seiner Männer waren mit ihrem Sold unzufrieden. Und so bereicherten sie sich an unschuldigen Opfern. Ein Skandal sondergleichen für unsere Truppe, der erbarmungslose Konsequenzen haben wird. Das verspreche ich.«
Quintus fiel ein Stein vom Herzen. Der Fall war gelöst, und all die Arbeit hatte sich bezahlt gemacht. Am liebsten hätte er einen Freudensprung gemacht, konnte sich vor dem Admiral aber gerade noch beherrschen.
»Dann steckte also nichts als reine Gier dahinter«, sagte Quintus, mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber. »Wie so oft.« Das kannte er nur zur Genüge von seinen Fällen im Gericht.
»Vorenus war ein Schützling von mir, fast kann man sagen, meine rechte Hand. Du kannst dir vorstellen, wie tief es mich verletzt, dass er mich hintergangen hat. Dieser undankbare Verräter wird hängen, bevor die Sonne untergeht, zusammen mit seinen Helfern«, versprach der Admiral mit fester Stimme und schwor Quintus dann ein: »Aber versprich mir, dass du weiterhin bei niemandem ein Wort darüber verlierst. Das, was ich dir gerade verraten habe, muss noch so lange unter uns bleiben, bis unser Statthalter es offiziell bestätigt hat. Wir haben es hier mit einer weitreichenden Konspiration in der Verwaltung zu tun, Quintus Tibur. Und wir wissen nicht, wem wir noch trauen können.«
»Ich schweige wie ein Grab«, versprach Quintus.
»Da bin ich mir sicher«, sagte Gordianus, lächelte und klopfte Quintus aufmunternd auf die Schulter. Dann wandte er sich ab und schritt die Stufen hinab auf den Cardo, wo ihn einige Marinesoldaten erwarteten. Kurz darauf wurde der kleine Tross von der sich dahinwälzenden Menschenmenge verschluckt.
Quintus war erleichtert und stolz. Bald würde die Stadt zur Normalität zurückkehren können.
Als er auf dem Forum ankam, war es bereits mit Menschen gefüllt, die angespannt den Auftritt des Statthalters erwarteten. Unheilvolle Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben und warfen dunkle Schatten auf den Platz. Von der Volksfeststimmung bei Lappius’ Einzug in die Colonia war heute nichts zu spüren. Vielmehr lag eine Mischung aus Furcht und Feindseligkeit in der Luft. Jeder der Anwesenden, der germanisch aussah – und das war fast jeder dritte –, wurde argwöhnisch beäugt.
»Quintus!«, ertönte eine aufgeregte Frauenstimme. Er sah sich um und entdeckte Lucretia, die ihm aus einiger Entfernung vom Sockel einer Statue herab zuwinkte. Er änderte die Richtung und ging auf die Statue zu, die etwa sieben Fuß hoch war und auf einem fast ebenso hohen Sockel stand. Sie stellte Agrippina dar, die Ehefrau von Kaiser Claudius und Namensgeberin der Stadt. Lucretia war es gelungen hinaufzuklettern, um eine bessere Sicht über die Köpfe der heranströmenden Menge zu haben. Nun sprang sie behände vom Sockel und landete sicher auf den Füßen, direkt vor ihm.
»Was ist denn …«, hob Quintus an und wurde sofort von Lucretia unterbrochen: »Sag mir, dass du noch nicht mit ihm gesprochen hast!«
An ihrer sorgenvollen Miene las er ab, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
»Gesprochen? Mit wem? Admiral Gordianus? Ich habe ihn am Mittag getroffen – wie geplant«, erklärte er, woraufhin Lucretia bestürzt das Gesicht verzog.
»Was hast du ihm erzählt?«, wollte sie wissen.
»Nun, ich, äh …«
»Schnell, wir haben nicht viel Zeit!«
Quintus erklärte hastig: »Vom Diebstahl beim Marstempel.«
Lucretia hob beschwörend die Hände und hakte mit scharfem Ton ein: »Hast du ihm erzählt, dass wir von der Verschwörung wissen?«
»Ja, habe ich«, sagte Quintus und ergänzte unsicher: »Das war doch der Sinn des Gesprächs, oder etwa nicht?«
»Bei den Göttern«, entfuhr es Lucretia. Quintus verstand noch immer nicht. »Ich habe vorhin mit meiner Schwester gesprochen«, erklärte sie eilig. »Ob du es glaubst oder nicht, sie hatte früher einmal ein Verhältnis mit Gordianus.« Quintus wollte sie unterbrechen und fragen, was das bedeutete, aber ließ es bleiben, als sie eine herrische Geste mit der Hand machte. »Gordianus glaubt, er sei ein Nachfahr von Julius Cäsar.«
Sie hatte etwas zu laut gesprochen, und einige Passanten, die an ihnen vorbei das Forum betraten, warfen ihnen fragende Blicke zu. Lucretia setzte sich in Bewegung, um möglichst nah an den Portikus zu gelangen, solange es noch möglich war. Quintus ging direkt neben ihr. So beunruhigt hatte er sie noch nie erlebt.
»Und er hat phantasiert, eines Tages in die Fußstapfen seines vermeintlichen Ahnen zu treten«, ergänzte sie um einiges leiser als zuvor, aber nicht weniger energisch.
Quintus glaubte, langsam zu verstehen, worauf sie hinauswollte: »Nehmen wir an, das stimmt. Ist es dann ein Zufall, dass das heilige Schwert aus dem Marstempel, wenn man so will Gordianus’ Familienerbstück, ausgerechnet jetzt entwendet …«
»… und vom Wachmann, der einer seiner Soldaten ist, dem Dieb widerstandslos überlassen wird? Nein, Quintus, das kann kein Zufall sein!«, beendete Lucretia seinen Satz.
»Aber das würde ja bedeuten, dass Gordianus … Teil der Verschwörung ist«, raunte Quintus und achtete darauf, dass niemand um sie herum etwas von dem aufschnappen konnte, was sie sagten.
»Er ist nicht nur Teil davon. Ich würde wetten, dass er der Kopf der Bande ist, der den ganzen Plan ausgeheckt hat. Ich bin mir sicher, dass er das Schwert schon immer an sich bringen wollte. Er glaubt, ein Anrecht darauf zu haben«, sagte Lucretia. Nur eine Spekulation, aber sie ergab auch für Quintus Sinn – wenn auch nicht in Gänze.
»Der ganze Aufwand, die Überfälle, wochenlang, nur für das Schwert? Er hätte es doch die ganze Zeit haben können. Ein solcher Vorlauf wäre dafür nicht nötig gewesen«, wog Quintus ab.
Das stimmte, musste Lucretia eingestehen.
»Vielleicht verfolgt er einen noch größeren Plan«, sagte sie mit einem Anflug von Unsicherheit.
Quintus wurde plötzlich flau im Magen, und er versuchte, diese unangenehme Schlussfolgerung zu verdrängen. Denn wenn sie zutraf, hatte er einen riesigen Fehler gemacht, Gordianus alles aufzutischen, was er wusste. Lucretia durfte mit ihrem Verdacht einfach nicht recht haben.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte er beschwichtigend, aber klang dabei so, als wollte er vor allem sich selbst beruhigen. »Der Admiral ist auf unserer Seite. Er hat versprochen, die Situation aufzuklären, und das wird jeden Moment passieren.«
Lucretias Blick wanderte zur Exedra, dem halbkreisförmigen, von Säulengängen gerahmten westlichen Abschluss des Forums. Dort stand bereits Admiral Gordianus mit breiter Brust, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Hinter ihm entdeckte Lucretia jetzt auch einen alten Bekannten – Marcus Vorenus, der gerade einigen Marinesoldaten bedeutete, sich zu verteilen, um die Menge im Blick zu behalten.
»Marcus Vorenus ist der wahre Schuldige. Es ist schlau von Gordianus, ihn mitzubringen. Sie werden ihn gleich vor versammelter Menge auffliegen lassen«, versuchte Quintus, optimistisch zu bleiben.
»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, erwiderte Lucretia, die zunehmend den Eindruck gewann, dass Quintus sich die Sache schönredete.
»Alles wird gut werden«, insistierte der, doch Lucretia hatte kein gutes Gefühl.
Gordianus gab zwei Trompetern in der Uniform der Marine, die hinter ihm vor dem halbrunden Säulengang am westlichen Ende des Forums standen, ein Zeichen. Sie hoben ihre Bucinas und spielten eine zweistimmige Fanfare. Ruhe kehrte ein. Nun betrat der Prokonsul die Szenerie. Dieses Mal nahm er kein Bad in der Menge wie bei seinem Amtsantritt, sondern trat aus dem Säulengang hervor, flankiert von seinen Liktoren. Die Menge applaudierte artig, aber rechte Begeisterung wollte sich nicht einstellen. Während sich die Liktoren wie eine menschliche Wand in einer Reihe auf den breiten Treppenstufen vor der Exedra positionierten, trat Lappius neben Gordianus, machte dann aber noch ein paar Schritte vor, auf das wartende Volk zu. Die Fanfaren verstummten, und noch einmal drang vereinzeltes Klatschen aus der Menschenmenge.
Lappius hob die Hände, und Stille kehrte ein. Der Statthalter setzte ein zuversichtliches Lächeln auf, das aber bei näherem Hinsehen nicht echt wirkte. Der Anlass war ernst, und man konnte ihm die Verunsicherung anmerken, auch wenn er alles tat, um sie zu verbergen.
»Liebe Agrippinenser, ich stehe heute vor euch, um euch zu danken. Ich danke euch für eure Geduld, für eure Ausdauer, für eure Tapferkeit«, hob Lappius an. Zustimmendes Gemurmel war zu vernehmen. »Wir alle haben in den letzten Wochen gelitten. Einige von euch haben geliebte Menschen verloren, andere ihr Hab und Gut. Ihr wisst, wovon ich spreche.«
»Von den verdammten Germanen!«, schrie ein Mann aus der Menge, und Hunderte stimmten ihm lauthals zu.
»Es ist wahr, dass unsere Civitas Opfer zahlreicher Überfälle geworden ist. Und das, so schwöre ich euch beim Namen des Kaisers, obwohl die Verwaltung alles getan hat, um ihre Sicherheit zu gewährleisten.«
Vereinzelte Buhrufe waren aus der Menge zu hören, viele Menschen winkten verächtlich ab oder pfiffen zornig. Aus ihrer Sicht hatten Lappius und Gordianus versagt.
Lappius fuhr mit einem entscheidenden Satz fort, der sowohl Gordianus als auch Quintus und Lucretia aufhorchen ließ: »Diejenigen unter euch, die gerade die Germanen verflucht haben, seien daran erinnert, dass die Colonia selbst ursprünglich eine germanische Stadt ist. Und dazu noch ein Musterbeispiel für das friedliche Zusammenleben von Menschen aus allen Winkeln des Imperiums. Tatsache ist, dass wir hier und jetzt niemanden verurteilen können, weil wir noch nicht wissen, wer die Täter sind.«
Gordianus drehte den Kopf und blickte zu Lappius.
Auch Quintus war verblüfft.
»Warum sagt er das? Wir wissen doch, wer dahintersteckt!«, raunte er Lucretia zu.
Da fuhr Lappius mit seiner Rede fort: »Liebe Römer, liebe Freunde! Um Gewissheit zu erlangen und die faulen Äpfel aus unserem Korb zu lesen, habe ich mich soeben mit den von euch gewählten Dekurionen beraten. Wir haben einen wichtigen Entschluss gefasst.« Er unterbrach sich und machte eine dramatische Pause.
Jetzt gleich würde er verkünden, wer die Täter waren, dachte Quintus. Doch es kam anders.
»Wir haben Sanktionen gegen die Germanen rechts des Rhenus erlassen. Wir wollen sie dort treffen, wo es sie am meisten schmerzt – im Geldbeutel. Der Fährverkehr wird mit sofortiger Wirkung eingestellt. Ab dem morgigen Tag dürfen keine Waren mehr aus dem freien Germanien in unsere Provinz eingeführt werden.«
Die Reaktion der Menge war gespalten. Einige jubelten, manche klatschten. Sie hatte das Gefühl, dass endlich etwas geschah. Doch vielen Menschen, vor allem den Händlern, für die ein stetiger Austausch mit den freien Germanen wichtig war, stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
»Das ist doch Irrsinn!«, rief ein älterer Mann.
»Solche Maßnahmen treffen uns doch selbst viel mehr als die Wilden!«, schrie eine jüngere Frau, und um sie herum wurde Beifall geklatscht.
Es läuft nicht gut, es läuft überhaupt nicht gut, dachte Quintus und verlagerte unruhig sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
»Kein Wort von der Verschwörung? Und warum trotzdem die Germanen bestrafen? Das verstehe ich nicht!«, flüsterte er Lucretia irritiert zu.
»Was gibt es daran nicht zu verstehen? Gordianus hat nichts von dem, was du ihm berichtet hast, an den Statthalter weitergeleitet«, sprach Lucretia das Offensichtliche aus.
Quintus hatte vorschnell gehandelt, er hatte vor Gordianus glänzen wollen. Das rächte sich jetzt.
Aber noch konnte und wollte Quintus das so nicht hinnehmen. Sicher gab es eine andere Erklärung. Hatte Lappius dem Admiral vielleicht nicht geglaubt und hielt deshalb weiter an den Germanen als Schuldigen fest? Hätte er womöglich den Statthalter von der Wahrheit überzeugen können, wenn er selbst mit ihm gesprochen hätte?
Lappius hob wieder an, mit lauter, bemüht fester Stimme: »Darüber hinaus werden wir einen breiten Streifen des Waldes auf der anderen Flussseite roden. Das verbessert die Sicht für unsere Bootspatrouillen. Das Betreten dieser so entstehenden Zone wird verboten und streng bestraft. So wird kein Germane mehr ans Wasser gelangen, ohne dass wir es sehen und dagegen vorgehen können.«
Es kam deutlich wahrnehmbarer Applaus auf, die Maßnahmen schienen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.
Gordianus rückte seinen Helm zurecht. Quintus konnte nur vermuten, dass auch er sich in diesem Moment sehr unwohl fühlte.
»Ich verspreche euch, ich werde alles dafür tun, um eure Sicherheit zu gewährleisten und den Frieden zu wahren«, beendete Lappius seine Ansprache.
Da sauste plötzlich etwas über die Menge hinweg auf den Statthalter zu, zu schnell, als dass es jemand hätte erkennen können. Umso größer war der Schock, als der Liktor, der Lappius am nächsten stand, unvermittelt auf der Treppe zu Boden ging. Aus seiner Brust ragte ein Pfeil. Die Bürger, die in den ersten Reihen standen, schrien entsetzt auf. Panik griff sofort um sich. Während die Menge verwirrt zu brüllen begann, eilten die übrigen Liktoren zu Lappius, um ihn zu schützen. Ihren getöteten Kameraden beachteten sie nicht, in diesem Moment zählte nur das Leben des Prokonsuls. Noch bevor sie Lappius erreichen konnten, näherte sich ein weiterer Pfeil.
»Vorsicht, Lappius!«, schrie Gordianus und warf sich todesmutig vor den Statthalter. Der Pfeil traf ihn am Kopf, doch sein Helm, der durch die Wucht des Geschosses weggeschleudert wurde, rettete ihn.
»Die Barbaren greifen an!«, schrie einer in der Menge.
»Die Germanen kommen!«, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer.
Die Liktoren hatten Lappius nun erreicht. Sie umringten ihn von allen Seiten, den Blick nach außen gerichtet, so wie sie es schon bei seiner Ankunft getan hatten.
Gordianus war wieder auf die Füße gesprungen und hatte seinen Helm aufgesetzt. Er hob den Pfeil auf, hielt ihn in die Höhe und deutete auf die germanische Spitze.
»Eindeutig germanisch!«, rief er. Dank Quintus’ voreiliger Enthüllung hatte offenbar jemand dazugelernt. »Sucht den Schützen! Findet ihn, los!«, befahl er seinen Soldaten.
Die umstehenden Marinesoldaten setzten sich in Bewegung. Auch Optio Vorenus, der dem Admiral im Vorbeilaufen zunickte.
Dann wandte sich Gordianus an die Menge und rief mit dröhnender Stimme: »Bleibt ruhig, Bürger! Wir werden den Germanen zeigen, dass sie sich mit der falschen Stadt angelegt haben! Diese Tat wird nicht ungesühnt bleiben!«
Quintus erstarrte. Lucretia hatte recht gehabt. Was hier geschah, daran trug auch er Schuld. Er machte sich schwere Vorwürfe. Noch nie in seinem Leben war er sich so dumm vorgekommen.
In der Menge brach ein Tumult aus. Germanen und Nichtgermanen gingen aufeinander los.
»Warum müsst ihr Barbaren alles zerstören?«, rief ein griechischer Zuwanderer einem großen blonden Mitbürger zu.
»Wir haben euch nicht gebeten herzukommen! Das ist unsere Stadt!«, schrie ihn ein Ubier an, dessen Familie seit Generationen auf diesem Stück Land lebte.
Lucretia klammerte sich an Quintus, um nicht vom Gewühl fortgerissen zu werden.
»Ja, geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid!«, stimmte ein anderer Germane ein – und fing sich einen Fausthieb eines zornigen Iberers ein. Eines führte zum anderen, und bald brodelte es auf dem ganzen Forum. Inmitten sich prügelnder Männer irrten schreiende Frauen und weinende Kinder umher.
»Wir müssen hier weg!«, rief Lucretia, bahnte sich einen Weg aus diesem Strudel der Wut und zog Quintus, der immer noch in Schockstarre verharrte, mit sich.
»Glaubst du mir jetzt? Hinter allem steckt Gordianus«, sagte Lucretia, während sie reflexhaft über zwei Männer sprang, die sich am Boden wälzten und einander zu erwürgen versuchten.
Quintus legte einen Schritt zu. Ein wütender Italiener rannte auf ihn zu, um ihn anzugreifen, aber Lucretia stellte ihm ein Bein, und er ging zu Boden, wo er ächzend liegen blieb.
»Sie werden uns alle töten«, keuchte ein Veteran, dem das rechte Bein fehlte, als er ihren Weg kreuzte. Er benutzte eine Krücke und kam damit nur langsam im Gewühl voran.
Während die Liktoren den verstörten Statthalter, der kein Wort mehr herausbekam, in den Schatten des Portikus leiteten, blieb als Einziger Admiral Gordianus in der halbkreisförmigen Exedra zurück. Keiner beachtete ihn mehr, aber wer es getan hätte, dem wäre der Triumph in seiner Miene nicht entgangen.