Lucretia und Quintus schafften es, sich von den brodelnden Straßen in seine Wohnung zu flüchten, die nicht allzu weit vom Forum entfernt lag. Hier versuchten sie, ihre Gedanken zu ordnen. Lucretia saß am Esstisch auf dem Stuhl, dessen Bein Quintus in der Nacht des Schwertraubes als Waffe zweckentfremdet hatte und der nun wieder repariert war. Langsam beruhigte sie sich, und das unangenehme Pochen ihres eigenen Pulses im Hals ließ nach. Quintus war innerlich noch aufgewühlter als zuvor und ging im Raum auf und ab.
»Entschuldige. Ich habe einen großen Fehler begangen. Und das nur aus Eitelkeit«, ärgerte er sich maßlos über sich selbst.
»Du möchtest dazugehören. Und du wolltest jemanden beeindrucken, der dir dabei helfen kann«, analysierte Lucretia. »Das kann ich dir nicht verdenken.«
»Ich muss einfach lernen, im richtigen Moment auch mal die Klappe zu halten«, stöhnte Quintus.
»Ja, das denke ich auch«, sagte Lucretia trocken, lachte dann aber, als er sie erstaunt ansah.
»Schön, dass zumindest eine hier ihren Humor noch nicht verloren hat.«
»Wer hat wohl auf den Statthalter geschossen?«, fragte Lucretia jetzt.
»Bestimmt kein Germane. Eher einer von Gordianus’ Männern. Ich habe gesehen, wie der Admiral sich kurz vor dem Schuss an den Helm gefasst hat. Vielleicht war das ein Signal.« Lucretia schwieg einen Augenblick betreten und fragte dann: »Glaubst du, er wollte Lappius töten lassen?«
»Nein, der Pfeil ist genau dort gelandet, wo er landen sollte. Und er hat bewirkt, was er bewirken sollte: die Angst anheizen und so viel Unfrieden stiften, dass die Leute aufeinander losgehen.«
»Und Gordianus steht als Held da, der dem Statthalter das Leben gerettet hat«, ergänzte Lucretia.
»Der Anschlag werde nicht ungesühnt bleiben … was hat Gordianus damit gemeint? Will er etwa …« Quintus lief ein kalter Schauer über den Rücken. »Will er einen Krieg anfangen?«
Lucretia schluckte. »Nach dem, was Claudia über ihn erzählt hat, würde das passen. Es würde alles erklären. Ein Krieg … dann … wäre er am Ziel«, stellte sie tonlos fest.
»Dann stehen Zehntausende Leben auf dem Spiel«, flüsterte Quintus.
Beide schwiegen betroffen, als würden sie erwarten, jeden Moment aus diesem Albtraum zu erwachen. Doch die Wirklichkeit wollte ihnen diesen Gefallen nicht tun.
»Wir müssen ihn aufhalten«, sagte Quintus leise.
»Und wie? Er hat die vollständige Kontrolle. Wenn wir der Stadtwache alles melden, wird man uns entweder nicht glauben …«
»…oder uns direkt mit vorgehaltener Waffe zum Admiral schleppen«, ergänzte Quintus. Er wurde wütend. »Der Bastard hat wirklich alle Fäden in der Hand.«
»Wir müssen Lappius warnen. Er ist der verlängerte Arm des Kaisers. Er steht über Gordianus. Und ich spreche mit meinem Vater. Die Kurie steht hinter dem Statthalter. Nur diese Kräfte zusammen können den Admiral stoppen.«
»Aber das weiß Gordianus auch«, wandte Quintus ein. »Er wird Lappius abschotten. Dafür sorgen, dass niemand an ihn herankommt. Schon gar nicht wir, nachdem er erfahren hat, was wir alles wissen! Ich verdammter Hornochse!«
»Wir müssen jetzt einen kühlen Kopf bewahren«, erinnerte ihn Lucretia. »Was werden Gordianus’ nächste Schritte sein?«
»Er wird die Rodung des Ufers so schnell wie möglich vorantreiben. Das war sicher nicht Lappius’ Idee.«
»Nein, ich meine, was wird Gordianus jetzt tun? Unmittelbar? Noch heute?«, präzisierte sie.
»Was würdest du denn an seiner Stelle tun?«
»Nun, ich würde … meine Spuren verwischen«, dachte sie laut und versuchte, sich in den Kopf des Verschwörers hineinzuversetzen.
Quintus hielt inne. Seine Nackenhaare stellten sich auf, und ein unangenehmes Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus.
»Spuren verwischen«, wiederholte er leise. »Das heißt auch, Zeugen aus dem Weg zu räumen. Leute, die zu viel wissen.«
Nun wurde es auch Lucretia mulmig.
»Du meinst … uns«, flüsterte sie. »Wir sind wahrscheinlich die Einzigen, die ihn durchschaut haben.«
Seine Augen weiteten sich. Erst jetzt wurde ihm das ganze Ausmaß der Gefahr deutlich, das ihr Wissen für Gordianus und seine Mitverschwörer darstellte.
»Wir müssen die Stadt verlassen, Lucretia, sofort«, sagte er mit belegter Stimme.
Wie zur Antwort ertönte ein lautes Klopfen an der Wohnungstür. Alarmiert sahen sie sich an. Das Klopfen wiederholte sich, diesmal lauter. Quintus öffnete den Mund, um zu fragen, wer da sei, doch Lucretia gab ihm ein schnelles Zeichen, das zu unterlassen.
»Stadtwache! Macht auf!«, dröhnte eine tiefe Männerstimme dumpf durch die Tür.
Die beiden zuckten zusammen. Sie waren bereits hier! Gekommen, um sie zu verhaften – oder Schlimmeres. Erschrocken schlug Lucretia die Hände vor den Mund.
»Wir haben eure Stimmen gehört, wir wissen, dass ihr da seid! Macht keine Dummheiten!«, tönte es aus dem Treppenhaus.
Quintus blickte zum Wohnzimmerfenster, das auf die Straße hinausging. Lucretia folgte seinem Blick und verstand. Sie eilte hin und spähte vorsichtig nach draußen. Auf der Straße vor dem Haus erblickte sie zwei Marinesoldaten mit Schilden und Lanzen. Sie wandten ihr den Rücken zu, da sie gerade damit beschäftigt waren, Gaffer zu vertreiben, die neugierig vor dem Haus stehen geblieben waren.
»Ihr habt es nicht anders gewollt«, rief die dumpfe Stimme, und einen Moment später erbebte die Tür. Jemand warf sich von außen dagegen.
Schnell zog Lucretia ihren Kopf wieder zurück, bevor sie jemand von draußen am Fenster sehen konnte, und wandte sich Quintus zu. Der stand wie erstarrt in der Mitte des Raumes. Was hatte er ihnen nur eingebrockt? Er war froh, dass Pola auf dem Land in Sicherheit war und diesen Schrecken nicht miterleben musste. Es war Lucretia, die ihn aus seiner Lähmung riss. Sie packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn.
»Quintus!«, flüsterte sie so leise sie konnte. »Gibt es noch einen anderen Ausgang?«
Er hörte sie kaum, ihre Stimme schien ihm weit entfernt. Dafür dröhnten die bebende Wohnungstür und die aggressiven Stimmen der Soldaten im Treppenhaus umso lauter in seinen Ohren.
»Das Schlafzimmer«, hauchte er, und Lucretia eilte dorthin.
Wieder und wieder warf sich der Soldat mit der tiefen Stimme gegen die Wohnungstür. Quintus musste handeln. Die Bronzegelenke, die die Tür in den Angeln hielten, begannen bereits, sich zu verbiegen. Er eilte zum Tisch, packte ihn und schob ihn quer durch den Raum direkt vor die Tür. Vielleicht würde das Hindernis die Schergen des Admirals zumindest für kurze Zeit aufhalten. Oder auch nicht … Er vermutete, dass der Tisch nicht standhalten würde, und griff sich eine hölzerne Truhe voller Küchenutensilien. Sie war sehr schwer, doch es gelang ihm, sie auf den Tisch zu wuchten.
»Ihr werdet euer blaues Wunder erleben, ihr Verräter!«, drang die Stimme dumpf durch die Tür.
Quintus wagte nicht zu antworten. In diesem Moment fielen ihm keine geistreichen Worte ein, die er seinen Gegnern an den Kopf werfen konnte. Dies hier war nicht der Gerichtssaal, es war seine Wohnung, sein Zuhause, das er sich mit Pola geschaffen hatte, und es ging um Leben und Tod. Um sein Leben – und seinen Tod.
Ein letzter gewaltsamer Ruck ging durch die Tür, und sie öffnete sich. Verzweifelt sah sich Quintus nach irgendetwas um, mit dem er sich bewaffnen konnte, aber da war nun einmal nichts. Ein hünenhafter Soldat presste sich durch den Türspalt, mit rotem Kopf und verschwitzt von der Anstrengung, sich Zutritt zu verschaffen. Ängstlich wich Quintus zurück, während der bärenstarke Mann den Tisch mit einem Ruck wegschob.
Wo war Lucretia? Versteckte sie sich? Quintus konnte es nur hoffen, sie hätte erst recht keine Chance gegen die Eindringlinge gehabt. Jetzt packte er den Stuhl, um sich zu verteidigen, eine andere Möglichkeit blieb ihm nicht. Als der Hüne in den Raum trat, schmetterte Quintus ihm das Möbel mit aller Wucht entgegen, doch der Marinesoldat schien den Schlag kaum zu spüren. Weitere Soldaten drängten nach, sie hatten ihre Schilde abgelegt und waren nur mit Dolchen bewaffnet, um wendiger zu sein.
»Ihr seid die Verräter!«, brüllte Quintus und schlug noch einmal zu. Die Furcht verlieh ihm ungeahnte Kräfte, und dieser Treffer streckte den Hünen endlich zu Boden, wobei der Stuhl jedoch zerbarst. Der nachfolgende Soldat stolperte über ihn und blockierte damit die Tür. Es waren mindestens fünf oder sechs Mann, die versuchten, sich hineinzudrängen.
Da packte Quintus eine Hand an der Schulter. Er fuhr herum. Es war Lucretia. In ihren Augen sah er, dass sie nicht weniger verängstigt war als er. Aber da war auch eine kaltblütige Entschlossenheit, die ihm imponierte. Lucretia zog ihn ins Schlafzimmer. Dort sah er, was sie vorbereitet hatte: Aus ein paar Bettlaken hatte sie ein Seil geflochten. Es war lang genug, um daran aus der Fensteröffnung in den Hinterhof des Wohnblocks zu klettern.
»Unten sind keine Wachen«, flüsterte sie.
Quintus schöpfte Hoffnung: »Du zuerst!«
Lucretia knotete das eine Ende des Seils um die schwere Wäschetruhe, die unter dem Fenster stand, und warf das andere nach draußen. Dann kletterte sie behände durch die enge Öffnung hinaus. Hoffentlich passe ich da auch durch , dachte Quintus.
Er fuhr herum, als er Schritte hörte, die näher kamen. Etwas sagte ihm, dass die Schergen des Admirals ihre Dolche nicht bei sich trugen, um eine Festnahme durchzuführen, sondern um dem Ganzen hier und jetzt ein Ende zu setzen. Sie würden eine Geschichte erfinden, die erklärte, wie ein Rechtsanwalt und die Tochter eines reichen Händlers den Tod gefunden hatten – natürlich durch die Hand der Germanen, die ja auch den Anschlag verübt hatten.
Lucretia war unten im Hof angelangt. Dort schien es sicher. Das Tor zur Straße war verschlossen, aber sie würden durch die angrenzenden Gärten entkommen können.
Der erste Soldat hatte Quintus im Schlafzimmer entdeckt und rief seine Kameraden herbei. Quintus erkannte den Mann, es war einer von Vorenus’ Leuten, dessen schlechtes Schauspiel er am Hafen miterlebt hatte – Barsemias. Quintus wurde sich bewusst, dass er noch immer ein Bein des zerstörten Stuhls in der Hand hielt, und warf es nach Barsemias, der ihm mit grimmiger Miene entgegenlief. Das Geschoss traf den Soldaten mit voller Wucht im Gesicht und ließ ihn vor Schmerzen aufheulen. Das verschaffte Quintus ein paar Sekunden Zeit. Er stürzte zum Fenster und presste sich mit Mühe und Not hindurch, während die nachrückenden Stadtwachen ihrem benommenen Kameraden wieder auf die Füße halfen. Quintus seilte sich in die Freiheit ab und war in diesem Moment so dankbar wie nie zuvor, dass er Lucretia begegnet war.
Über mehrere ruhige Hinterhöfe gelangten sie wieder auf eine Straße. Zum Glück waren weit und breit keine Soldaten zu sehen, nur aufgeregte Bürger und Ladenbetreiber, die hektisch ihre Geschäfte vor einer Plünderung zu sichern versuchten.
Lucretia und Quintus waren den Häschern um Haaresbreite entkommen, aber das war noch kein Grund, sich zu entspannen. Hinter jeder Ecke konnte eine Patrouille auftauchen. Obwohl Quintus bezweifelte, dass sämtliche Soldaten eingeweiht und auf der Suche nach den Flüchtenden waren, schien es ihm ratsam, um jeden, der offiziell aussah, einen großen Bogen zu machen.
Sie gingen die Straße entlang und hielten sich im Schatten der Arkaden, die die Gebäude säumten. Sie bemühten sich, nicht zu schnell zu laufen, um keinen Verdacht zu erwecken, obwohl sie nichts lieber getan hätten, als zu rennen – so schnell sie nur konnten.
»Was jetzt?«, wisperte Lucretia.
»Wir müssen raus aus der Stadt.«
»Aber wie? An allen Toren sind Wachen.«
»Das stimmt.«
Es war zu riskant, es an den Toren zu versuchen.
»Welche Möglichkeit gibt es noch?«, fragte Lucretia nervös.
»Wir könnten über den Stadtwall klettern. Aber dazu bräuchten wir ein Seil …«
»… und einen Enterhaken«, ergänzte Lucretia, »und die Wachen auf den Türmen würden uns bemerken.«
Quintus dachte nach. Schließlich ging ihm ein Licht auf.
»Wenn nicht über den Zaun, dann vielleicht darunter hindurch«, schlug er vor.
Lucretia sah ihn ratlos.
»Die Kloake!«, sagte er triumphierend.
Lucretia blieb ruckartig stehen. »Bist du verrückt? Ich … ich stapfe doch nicht durch … du weißt schon was!«
»Faeces «, nannte Quintus es beim Namen. »Nun, die Alternative ist, von einem halben Dutzend Dolche durchbohrt zu werden.«
Protestierend stemmte Lucretia die Hände in die Hüften.
»Du kannst dir ja etwas anderes überlegen. Wir treffen uns dann am Ende des Gräberfeldes an der Uferstraße nach Norden«, provozierte er sie.
Doch Lucretia wusste, dass es keinen anderen Weg gab. Sie seufzte tief, dann hatte sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden.
»Und wie kommen wir da hinein?«, fragte sie.
Es gab über die ganze Stadt verteilt öffentliche Latrinen. Bis zu zwanzig Personen gleichzeitig konnten in den einfachen flachen Ziegelgebäuden ihre Notdurft verrichten. Alle Schichten, alle Nationalitäten, jung und alt, Männer und Frauen besuchten den Abort, der auch ein beliebter Treffpunkt zum Austausch von Klatsch und Tratsch war. Direkt unter den Öffnungen, über die sich die Besucher setzten, verlief die Kanalisation, durch welche stets Frischwasser geleitet wurde, um die Exkremente wegzuspülen und üblem Geruch vorzubeugen.
Die Latrine, die Quintus und Lucretia betreten hatten, war zum Glück gerade unbesucht. Die beiden mussten jedoch feststellen, dass die Öffnungen in den großen Brettern, die auf eine etwa zwei Fuß hohe Mauer montiert waren, zu klein waren, um sich hindurchzupressen. Es blieb ihnen nur, sie gewaltsam zu vergrößern. Quintus begab sich gleich an die Arbeit. Er stieg auf die Holzfläche, die sich unter seinem Gewicht bog, und begann, auf und ab zu springen. Lucretia hörte Schritte, jemand näherte sich. Sie eilte zum Eingang, um die Person abzufangen. Es war eine ältere Dame.
»Entschuldige, werte Frau, du kannst da gerade nicht hinein«, sagte Lucretia und lächelte, so zuckersüß sie nur konnte.
»Ich muss aber. Im wahrsten Sinne«, entgegnete die Frau.
»Mein … Bruder muss sich gerade da drinnen übergeben. Er ist schwer krank. Es könnte ansteckend sein«, erfand Lucretia schnell eine Ausrede.
Die Dame glaubte ihr offenbar, blickte angewidert und eilte dann weiter, wohl um möglichst schnell zur nächsten Latrine zu gelangen.
Jetzt ertönte hinter Lucretia ein lautes Krachen, gefolgt von etwas, das sich wie ein Platschen anhörte. Sie fuhr herum und suchte nach Quintus, aber der war verschwunden.
»Hier bin ich!«, hörte sie eine leicht hallende Stimme.
An der Stelle, wo Quintus herumgesprungen war, klaffte nun ein großes Loch. Lucretia blickte hindurch und sah etwa sechs Fuß unter sich im Licht, das durch die Öffnung fiel, Quintus, der durchnässt im Kanal stand. Lucretia musste lachen.
»Lach mich später aus. Komm erst einmal herunter, bevor die Wachen dich erwischen«, forderte er sie brüsk auf.
Lucretia kletterte durch die Öffnung und ließ sich vorsichtig in die dunkle Tiefe hinab. Quintus packte ihre Beine, sie ließ los, und er setzte sie sanft ab. Sofort spürte sie das Wasser, das den zum Rhenus hin leicht abfallenden Zementtunnel durchströmte.
»Und jetzt, wohin?«, fragte sie, und ihre Stimme hallte durch den Tunnel. Plötzlich huschte etwas an ihr vorbei. Eine Ratte! Sie zuckte zusammen.
»Immer dem Wasser nach, würde ich sagen«, entgegnete Quintus, und sie schritten vorsichtig voran. Mit jedem Schritt wurde es dunkler um sie herum, und sie kamen nur gebückt voran, denn die Kanalisation war nur etwa fünf Fuß hoch.
Der Gestank war abstoßend. Lucretia rümpfte die Nase. Die beiden tasteten sich an der Wand entlang immer weiter vor, bis sie an eine Kreuzung kamen. Es war stockfinster. Lucretia spürte, wie etwas ihren linken Fuß streifte. Zum Glück konnte sie nicht sehen, was es war.
»Das Wasser fließt dort entlang«, sagte Quintus und bog nach links ab.
Wenige Minuten später wurde es heller. Von irgendwoher drang Tageslicht.
»Wir haben es gleich geschafft. Da vorne fließt der Rhenus«, machte Quintus seiner Begleiterin Hoffnung. Und tatsächlich – aus der Ferne waren die Schreie der Möwen zu vernehmen – und sie wurden mit jedem Schritt lauter.
Als sie das Kanalsystem endlich durch eines seiner zahlreichen Ausflüsse verließen, fanden Lucretia und Quintus sich inmitten von Schilf am Ufer wieder, etwa eine halbe Meile nördlich des Hafenkais. Lucretia blinzelte erleichtert in die Sonne, und auch Quintus brauchte einen Moment, sich wieder an das grelle Licht der Sonne zu gewöhnen, die zum Ende dieses unangenehmen Tages doch noch über die Wolkenberge gesiegt hatte.
»Wir könnten bei Claudia Unterschlupf finden«, schlug Lucretia vor. Sie roch an ihrer Kleidung und fügte hinzu: »Sie hat auch ein sehr schönes Bad.«
»Ich fürchte, auf solche Annehmlichkeiten müssen wir verzichten«, musste Quintus sie enttäuschen. »Bisher habe ich versucht, dich aus der Sache herauszuhalten, aber spätestens jetzt wissen die Verschwörer, wer du bist. Sie werden dem Landhaus deiner Schwester ganz sicher einen Besuch abstatten. Lass uns lieber in mein Dorf gehen, da findet uns niemand.«
»Ich weiß gar nicht, wie ich das alles meinen Eltern erklären soll«, sagte Lucretia. Dieses Mal würden ihre üblichen Ausreden nicht fruchten.
»Und ich weiß nicht, wie ich es meiner Frau erklären soll«, variierte Quintus ihre Worte. »Aber bis es so weit ist, sollten wir uns darüber freuen, noch am Leben zu sein.«
»Wie Pola es nur mit dir aushält«, seufzte Lucretia theatralisch. »Das Leben mit dir ist ja wirklich nicht ungefährlich.«
»Ach was. In Polas Augen bin ich der langweiligste Kerl der Welt«, lachte Quintus. Und vielleicht war er das auch – zumindest so lange, wie er seine Nase nicht zu tief in Angelegenheiten steckte, von denen man nicht wollte, dass sie ihn etwas angingen. Insgeheim verfluchte er seine Neugierde. Aber es gab kein Zurück mehr. Sie hatten keine andere Wahl als den Weg, den sie eingeschlagen hatten, bis zum Ende zu gehen. Und die nächste Etappe dorthin lag auf der anderen Seite des Grenzflusses, in seiner alten Heimat. Er fragte sich, wie willkommen Lucretia und er dieses Mal dort sein würden. Denn sie hatten wahrlich keine guten Nachrichten.