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»Riechst du das auch?«, fragte Quintus flüsternd.

Lucretia hob den Kopf und versuchte den Geruch ihrer Kleidung auszublenden: »Ja, irgendwo in der Nähe brennt es.«

Während die Sonne langsam unterging und die Landschaft um sie herum in warmes Orange tauchte, überlegten sie, wie sie hier, nördlich der Stadt, über den Fluss kommen sollten. Sie hatten gehofft, dass die Anordnungen, die Lappius erteilt hatte, sich nur langsam herumsprechen würden und sie noch eine Fähre erwischen könnten, um ins freie Germanien zu gelangen. Doch ihre Hoffnung war enttäuscht worden.

Da entdeckte Quintus eine graue Rauchsäule, die nicht weit vor ihnen in den von grau-roten Wolken überspannten Himmel stieg. Geduckt schlichen sie weiter vor durch ein Gebüsch unmittelbar am Ufer. Aus dem Schilf neben ihnen drang das Quaken von Fröschen. Lucretia blieb mit ihrer Palla an den Dornen eines blühenden Brombeerstrauchs hängen und befreite sich vorsichtig davon. Sie fröstelte. Sobald die Sonne verschwand, konnte es zu dieser Jahreszeit noch sehr kalt werden. Doch die beiden hatten andere Sorgen. Als sie sich dem Feuer näherten, hörten sie aufgeregte Stimmen. Sie duckten sich, und Quintus schob die hohen Grashalme beiseite, um freie Sicht zu haben.

Sie sahen an mehreren Stellen hohe Flammen lodern. Als Lucretia genauer hinsah, erkannte sie, dass es Flöße waren. Lappius’ Soldaten machten ernst mit der Ansage, dass alle Verbindungen zur anderen Seite gekappt werden sollten.

»Das könnt ihr nicht machen!«, hörten sie nun deutlicher eine Stimme aus dem Rauschen des vorbeifließenden Wassers heraus. Es war die eines Flößers. Quintus erkannte sie, sie gehörte dem Mann, der sie beim letzten Besuch in seinem Heimatdorf über den Fluss gebracht hatte.

»Befehl ist Befehl«, erwiderte einer der beiden Marinesoldaten, der noch die Fackel in der Hand hielt, mit der er den Kahn des armen Besitzers in Brand gesteckt hatte.

»Wir sind zu spät«, fluchte Quintus leise.

»Dann müssen wir uns etwas anderes überlegen. Vielleicht können wir uns irgendwo in der Nähe verstecken und warten, bis dieser Sturm vorüber ist.«

»Nein«, wandte Quintus ein, »wir müssen hinüber. Die Stämme müssen erfahren, was hier vor sich geht. Und wir sind die Einzigen, die ihnen die Information überbringen und sie warnen können.«

»Was willst du denn machen«, fragte Lucretia, »etwa schwimmen?«

Quintus sah sie an. »Ja, daran dachte ich.«

»Nein! Nein, vergiss es, das ist Wahnsinn!«

»Kannst du denn schwimmen?«

»Ja, aber die Frage ist, ob ich will. Jeden Tag ertrinken Leute im Rhenus, weil sie die Strömung unterschätzen.«

Quintus wusste, was sie meinte. Von außen sah der große Strom trügerisch ruhig aus, fast wie ein See. Doch er floss wesentlich schneller dahin, als man ihm ansah, und unter seiner Oberfläche verbargen sich reißende Strömungen und gefährliche Strudel.

Lucretia blickte hinüber zur anderen Seite – und erstarrte.

Quintus folgte ihrem Blick. Zu seinem Erstaunen tauchten auf der anderen Seite viele kleine Lichtkegel auf. Fackeln, die jetzt in der Dämmerung entzündet wurden, vermutete er. Er kniff die Augen zusammen und bemerkte lange schwarze Silhouetten am anderen Ufer. »Kriegsschiffe«, stellte er fest.

»Dann hat die Rodung der Wälder schon begonnen, die der Statthalter angekündigt hatte. Er hat es wirklich sehr eilig«, bemerkte Lucretia.

»Wenn dem so ist, sind wir aufgeschmissen. Wir können nirgendwohin, ohne Gordianus’ Schergen in die Arme zu laufen«, raunte Quintus entmutigt.

»Andererseits wird es jetzt schnell dunkel. Sie würden uns nicht sehen. Und wer rechnet schon damit, dass jemand so verrückt ist, durch den Rhenus zu schwimmen?«, entgegnete Lucretia.

»Du hast dich also mit dem Gedanken angefreundet.« Quintus war erleichtert, dass es keine weiteren Diskussionen geben würde.

»Wir könnten uns zusätzlich tarnen«, schlug Lucretia vor und deutete auf einen ausgetrockneten Baumstamm, der ein paar Fuß hinter ihnen halb versumpft im Schilf lag.

»Gute Idee«, lobte er.

Sie warteten, bis es noch etwas dunkler geworden war. Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, erschien ihnen der Rhenus nur noch wie ein schwarzes Band. Umso deutlicher leuchteten die Flammen der brennenden Flöße. Das Licht der Feuer reichte ihnen aus, um sich zu orientieren. Sie stiegen ins knöcheltiefe Wasser und begannen, an dem Baumstamm zu rütteln, der sich langsam aus dem matschigen Boden löste. Lucretia versank bis zu den Knien im Morast, aber stemmte sich dennoch mit ihrem ganzen Körper gegen den Stamm. Quintus hatte das Ende des Stammes gepackt und drehte das Holz mit all seiner Kraft aus dem Matsch.

»Gut so, gleich haben wir es«, presste Lucretia hervor.

Mit einem Ruck löste sich der Stamm, und Quintus wälzte ihn durchs Schilf ins Wasser. Plötzlich durchschnitt ein lautes Krächzen die Stille. Ein Fischreiher, der hier wahrscheinlich gerade Schlaf finden wollte, flatterte schimpfend in die Höhe. Sie hielten den Atem an. Der Schrei des Vogels musste weithin zu hören sein, und sie hofften, dass die Soldaten, die die Flöße angezündet hatten, mittlerweile weitergezogen waren. Eine Minute verstrich, doch nichts geschah.

»Weiter geht’s«, sagte Quintus.

Beide stemmten ihre sandalenbewehrten Füße in den schlammigen Boden und schoben das Holz vor sich her. Es funktionierte, der Baumstamm setzte sich in Bewegung und trieb hinaus auf den Fluss.

Die beiden klammerten sich an ihn und begannen, mit den Füßen zu paddeln, so schnell sie konnten, damit sie nicht zu weit abtrieben. Der Plan ging auf, und sie kamen gut voran. Doch die berüchtigte Strömung war stärker, als sie gehofft hatten. Der Stamm nahm plötzlich an Fahrt auf, und trieb sie gefährlich nah an den Feuern vorbei. Sie waren noch nicht weit genug vom Ufer entfernt, man würde sie noch sehen können. Also neigten sie ihre Köpfe zum Wasser und klammerten sich an das Holz.

»Schneller, sonst gehen wir erst bei den Batavern an Land«, trieb Quintus Lucretia an, als sie endlich wieder mit ihren Köpfen aufgetaucht waren. Lucretia spürte, wie ihr allmählich die Kraft ausging. Nun packte sie doch die Angst.

»Das ist Selbstmord«, wimmerte sie und krallte ihre Finger noch fester in die Rinde des Stammes.

»Genau das, was ich jetzt hören will«, entgegnete Quintus. Beide spürten sie, wie mit jedem Fuß, den sie zurücklegten, das Wasser tiefer und kälter wurde.

»Ich frage mich, was unter uns ist. Vielleicht irgendwelche Seeungeheuer«, ächzte Lucretia.

»Spar dir die Spucke und strample«, herrschte Quintus sie atemlos an. Er hatte ebenso viel Angst wie sie.

Langsam kamen die Lichtpunkte auf der anderen Flussseite näher. Es handelte sich tatsächlich um Fackeln, getragen von Marinesoldaten, die mit Schild und Lanze bewaffnet in geordneten Abständen am Rand der Rodungsstelle standen. Quintus und Lucretia sahen Schatten zwischen den Lichtern herumhuschen. Es waren zum Holzfällen abkommandierte Soldaten in schlichter Arbeitskleidung, die Sägen und Äxte bei sich trugen. Auch wenn es noch keine offizielle Kriegserklärung gab, liefen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren.

»Nicht mehr weit«, sagte Lucretia und bemühte sich, zuversichtlich zu klingen.

»Wir sind erst auf der Hälfte«, keuchte Quintus. Sein ganzer Körper schmerzte – nicht nur von der Anstrengung, sondern auch von der Kälte. Lucretia ging es nicht anders, sie spürte ihre Füße kaum noch. Der breite Strom war Anfang Mai noch weit davon entfernt, eine angenehme Badetemperatur zu haben.

»Wie kommen wir eigentlich wieder zurück?«, keuchte sie. »Schön, dass du vorausdenkst, aber dafür ist jetzt wirklich nicht der geeignete Zeitpunkt«, blaffte Quintus.

Er spähte vorsichtig über den Baumstamm und sah ein Dutzend Holzfäller, die einen frisch geschlagenen, von Ästen befreiten Baumstamm mit Seilen zu einem Lastkahn zerrten.

»Zu-gleich! Zu-gleich!«, rief ein Offizier, und in diesem Takt näherte sich das Holz seinem Ziel. Der dumpfe Schlag der Äxte und das markante Geräusch der Sägen waren nun deutlich zu hören.

Quintus und Lucretia duckten sich hinter ihren Baumstamm und strampelten verbissen weiter. Trotz des mittlerweile eisigen Wassers stand ihnen der Schweiß auf der Stirn. Bald schien das Ufer in greifbare Nähe zu kommen. Zum Glück hatte die Strömung sie an der Rodungsstelle vorbeigetrieben, so dass sie nun an einem stockfinsteren Fleck stromabwärts Land ansteuerten.

»Gleich haben wir es geschafft«, seufzte Lucretia erleichtert. Normalerweise hätte sie das finstere Ufer geängstigt, aber nun erschien es wie eine Erlösung. Quintus bekam als Erster wieder schlammigen Boden unter die Füße. Wie am linken Ufer wuchs hier überall Schilf, das die beiden vor den Blicken der Soldaten verbarg. Quintus zerrte den Stamm ein paar Fuß weiter in Richtung Land und ließ sich dann völlig erschöpft auf die Erde fallen. Lucretia ließ sich neben ihn sinken und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das war wahrlich keine Unternehmung für eine anständige junge Dame, dachte sie. Das würde sie niemals jemandem erzählen können.

»Gut gemacht«, lobte sie jetzt ein erleichterter Quintus.

»Danke, du schlägst dich auch ganz ordentlich«, sagte Lucretia trocken. Sie mochte keine bevormundenden Kommentare, auch wenn sie gerade tatsächlich selbst stolz auf sich war.

Ein dumpfer Knall drang von flussaufwärts zu ihnen herüber. Ein weiterer Baum war gefällt.

Quintus setzte sich auf und spähte über das Schilf. Lucretias Kopf tauchte vorsichtig hinter seinem auf. Sie konnten die Rodungsstelle nun besser sehen. Die Marine hatte bereits einen etwa dreißig Fuß breiten Streifen zwischen Wald und Ufer geschlagen. Auf einer Strecke von fast einer halben Meile wimmelte es nur so von Holzfällern. Man wollte wohl schnell Fakten schaffen, bevor die ersten Germanen Wind davon bekamen.

Plötzlich ertönte ein durchdringender Pfeifton, und Männerstimmen schrien durcheinander.

»Sie haben uns gesehen!«, zischte Quintus panisch und duckte sich.

»Nein, warte«, sagte Lucretia, »ich glaube, da ist jemand verletzt.«

Tatsächlich konnten sie durch die Bäume schemenhaft erkennen, dass einer der Soldaten von dem soeben gefällten Baum getroffen worden war. Die Schmerzensschreie waren jetzt deutlich zu hören. Dutzende seiner Kameraden eilten herbei und hoben den Stamm an, damit der Verwundete geborgen werden konnte. Ein schnell herbeigeschafftes Tuch diente als Ersatz für eine Trage, und vier Männer schleppten den armen Teufel unter Aufsicht eines Offiziers zu einem der schlanken Kriegsschiffe, das direkt am Ufer ankerte und mit einer am Bug kunstvoll bemalten hölzernen Seeschlange furchteinflößend aus der Finsternis aufragte.

Quintus begriff, dass dies ihre Chance war, unbemerkt von hier wegzukommen, jetzt da alle Soldaten mit dem Unfall beschäftigt waren.

»Wir müssen dort hinüber«, er zeigte auf eine Stelle hinter der Rodung, gut sechshundert Fuß entfernt. »Dort beginnt der Weg, der zu meinem Dorf führt. Los, komm!«

Geduckt huschten sie am Waldrand entlang. Während sie sich ihrem Ziel näherten, konnten sie Stimmen hören, die der Wind herübertrug.

»Ich hoffe, er überlebt.«

»Der ist hart im Nehmen.«

Die Stimmen gehörten zwei Soldaten, die eine große Säge hin und her bewegten, wie das Geräusch verriet, das ihre Unterhaltung untermalte.

»Gefahr gehört eben dazu«, sagte der eine, der in den Wald hinausspähte.

»Ja, ist doch viel besser, als immer nur im Kastell rumzusitzen. Endlich passiert mal wieder was«, pflichtete ihm der andere bei.

»Und wenn die Germanen kommen – nun, sollen sie nur! Dann bekommen die dreckigen Wildschweine meine Lanze zu spüren«, rief der erste, und seine Prahlerei kam gut an, wie zustimmendes Lachen um ihn herum bewies.

Die Stimmen wurden allmählich leiser, und auch die Arbeitsgeräusche verebbten langsam. Quintus und Lucretia waren weiter vorgedrungen und hatten den Zugang zum Handelspfad Richtung Osten erreicht.

»Und«, fragte Quintus trocken, »Lust auf einen erholsamen Spaziergang durch den nächtlichen Urwald?«

»Du meinst, ohne störende Fackeln? Aber dafür mit hungrigen Wölfen?«, griff Lucretia seinen Galgenhumor auf.

»Genau. Und warte, bis du die lieblichen Paarungsrufe der Wildkatzen und die Schreie der bezaubernden Eulen gehört hast.«

»Ich kann es kaum erwarten«, erwiderte Lucretia, als die Schatten des Waldes sich über sie legten.

Lucretia war froh, dass Quintus nicht aussprach, wie ihr tatsächlich zumute war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so ausgeliefert und ohne jede Hoffnung gefühlt. Die Erschöpfung, die nassen, schlammigen Kleider, die Sorge ihrer Eltern, der drohende Krieg – alles das zusammen lag ihr wie eine schwere Last auf den Schultern und schien sie zu Boden drücken zu wollen. Ist es nicht das, was ich immer wollte? , verfluchte sie sich innerlich selbst. Habe ich mir nicht ein Leben voller Abenteuer gewünscht? Doch aufzugeben lag ihr nicht im Blut, und so biss sie die Zähne zusammen und stapfte verbissen weiter über Stock und Stein.