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Quintus und Lucretia waren schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Gelsa hätte die beiden gern noch länger bei sich behalten, sie bekocht und mit ihren Geschichten unterhalten, doch die Zeit drängte. Niemand wusste, wie lange ihnen noch bliebe, bis der Statthalter den Krieg erklären würde. Aus diesem Grund hatte Adalbert vorgeschlagen, die Strecke bis zum Fluss nicht zu Fuß, sondern auf Pferden zurückzulegen, und Baldwin hatte seine zwei besten Tiere gesattelt.

Quintus’ Freund würde sie in die Stadt begleiten. Das war nicht ungefährlich, aber Baldwin hatte sich freiwillig dazu bereit erklärt. Quintus wusste um seine Beweggründe. Es ging ihm nicht um Ruhm und Ehre oder um die Stärkung seiner Position als König Adalberts Nachfolger. Nein. Er wollte ganz ohne Hintergedanken sein Volk retten, und konnte so nebenbei auch endlich einmal die Stadt sehen, von der ihm Quintus so viel erzählt hatte.

Lucretia waren die großen Tiere nicht geheuer, doch nach allem, was sie geschafft hatte, würde sie auch diese Herausforderung meistern, da war sie sich sicher. Sie sah zu, wie Quintus zu Baldwin, der schon oben saß und die Zügel hielt, auf das Pferd stieg. Auf dem zweiten Roß saß bereits ein germanischer Reiter namens Sigmund, der sie begleiten würde. Lucretia tat es Quintus gleich, schwang sich rasch hinter den Mann und hielt sich an ihm fest. Sobald das erste Tageslicht den Weg erhellte, trieben sie die Pferde zum Galopp an. Anfangs hielt Lucretia die Augen geschlossen und hoffte nur, diesen wilden Ritt heil zu überstehen. Aber bald hatte sich Lucretia an das Tempo und den Rhythmus des Pferdes gewöhnt, und das Reiten begann, ihr Spaß zu machen. Das Wetter an diesem Tag war blendend. Junge Vögel zwitscherten hungrig in ihren Nestern, und Eichhörnchen suchten nach den Vorräten, die sie im letzten Jahr angelegt hatten.

Auf den Rücken der Pferde kamen sie zügig voran, und schon bald hörten sie Geräusche, die ihnen bedeuteten, dass sie die heikelste Station ihrer Reise erreicht hatten – die Rodungsstelle am Ufer lag nun vor ihnen. Aus unmittelbarer Nähe drangen das Schlagen der Äxte und das Knirschen der umstürzenden Bäume zu ihnen herüber, und nur wenige hundert Fuß vor ihnen lichtete sich der Wald.

In sicherer Entfernung hielten sie an und stiegen ab. Mit den germanischen Worten, die sie am Vortag gelernt hatte, dankte Lucretia Sigmund, der daraufhin etwas freundlich Klingendes erwiderte, nach den Zügeln von Baldwins Pferd griff und mit beiden Tieren wieder im Wald verschwand.

Jetzt wurde es ernst. Quintus, Lucretia und Baldwin hatten genau abgesprochen, was jeder von ihnen zu tun hatte.

»Bereit für die Maskerade?«, fragte Quintus.

Lucretia nickte tapfer. Ihr war sehr unwohl bei dem, was nun bevorstand. Der Trick, mit dem sie zurück auf die andere Seite gelangen wollten, konnte leicht schiefgehen. Aber wieder hinüberzuschwimmen, war keine Alternative. Die Stadt lag stromaufwärts, und bei dem starken Sog würden sie zudem noch weit abgetrieben werden. Dann zur Stadt zurück zu laufen, würde viel zu lange dauern.

In der Tat war Zeit ein entscheidender Faktor bei ihrem Plan. Quintus hoffte, dass die Fürsten, die auf dem Thingplatz gewesen waren, ebenfalls wie verabredet aufgebrochen waren. Auch wenn sie sich betont selbstsicher gegeben hatten, war ihr Unterfangen nicht weniger gefährlich.

Jetzt nahm Baldwin die zwei Gürtel ab, die um seine Hüften geschnallt waren. An beiden hing ein Dolch in einer Scheide. Einen Gürtel reichte er Quintus, den anderen Lucretia, die sie sich umschnallten.

»Und, sehen wir jetzt aus wie Kopfgeldjäger?«, fragte Quintus auf Germanisch und guckte herausfordernd.

»Ehrlich gesagt, nein«, grinste Baldwin. »Du hast zu wenig Narben. Und zu wenig Muskeln. Du solltest dich mehr bewegen, alter Freund.«

»Ich stemme täglich meinen Griffel, das muss reichen«, winkte Quintus ab.

»Und was ist mit mir?«, wollte Lucretia wissen.

Sie war heilfroh gewesen, wieder in ihre eigene Kleidung zu schlüpfen, nachdem Gelsa sie gewaschen hatte, und trug nun zur Tarnung noch einen Wollmantel von Baldwins Frau darüber. Er war zwar viel zu warm für das Wetter, aber der Schatten, den die hochgezogene Kapuze auf ihr Gesicht warf, verlieh ihr tatsächlich etwas Geheimnisvolles.

»Perfekt«, sagte Quintus. Dann wandte er sich Baldwin zu: »Jetzt kommt der unangenehme Teil.« Er nahm die beiden Seile von der Schulter, die er mit sich getragen hatte.

»Mach schon«, sagte Baldwin und hielt seinem Freund die Hände hin. Quintus begann, ihn an den Handgelenken zu fesseln.

»Für einen Gefangenen sieht er viel zu gepflegt aus«, fand Lucretia. Sie griff Baldwin in den Bart und zerzauste ihn. Dann tat sie das Gleiche mit seinem Haar. Das reichte aber noch nicht aus, und so bückte sie sich, fuhr mit der Hand durch den Schlamm und dann durch Baldwins Gesicht, was er tapfer ertrug.

»Ja, jetzt passt es. Nun nur noch die Schlinge. Tut mir leid, alter Freund«, sagte Quintus, während er das geknotete Seil um Baldwins Hals legte und daran zog.

»Das reicht«, keuchte Baldwin.

Sie setzten sich in Bewegung. Quintus ging voran und führte den vermeintlichen Gefangenen hinter sich her. Lucretia, mit der Kapuze über dem Kopf, ging hinter ihnen. Sie hatte den Dolch gezückt und hielt seine Klinge auf Baldwins Rücken gerichtet, so als wäre sie bereit, jederzeit zuzustechen, sollte er versuchen zu fliehen.

Als sie an den Rand der Lichtung gelangten, blieben sie kurz stehen, um den Anblick zu verarbeiten, der sich ihnen bot. Vor ihnen lag eine Art Schlachtfeld – mit Bäumen statt Kriegern als Opfer. Die Marinesoldaten hatten in kürzester Zeit ganze Arbeit geleistet. Hunderte von Stämmen lagen dort, und über allem hing der Geruch von Baumharz schwer in der Luft. Baldwin war regelrecht überwältigt von der Tatkraft der Römer, als er beobachtete, wie unzählige uniformierte Männer im Gleichschritt und mit voller Kraft die gefällten Bäume zu den Lastkähnen am Ufer zogen. Von überallher hörte man die Sägen, mit denen jeweils Männer zu zweit Stämme zerteilten oder große Äste davon abtrennten. Sie schienen alle ohne Unterlass zu arbeiten und sich keine Pause zu genehmigen.

»Das haben sie alles an einem Tag vollbracht?«, raunte Baldwin ungläubig. Erst jetzt wurde ihm klar, welche Gefahr den Völkern des freien Germaniens wirklich drohte.

»An einem Tag und in zwei Nächten«, nickte Quintus.

Er sah sich um. Sie durften auf keinen Fall einem Soldaten in die Arme laufen, der sie womöglich wiedererkannte. Das war das Heikle an ihrem Plan: Sie wollten die Marine für ihre Zwecke einspannen, durften dabei aber nicht enttarnt werden.

»Da drüben«, raunte Lucretia und nickte mit dem Kopf nach rechts. Sie hatte einen alten Bekannten entdeckt, und Quintus folgte ihrem Blick: Da war einer der Männer, die im Hafen bei der Bergung der Leiche und später beim Überfall in seiner Wohnung dabei gewesen waren. Es war also gut möglich, dass auch seine beiden Kameraden und noch dazu der Offizier Vorenus hier waren, die ihre Maskerade sofort durchschauen würden. Doch noch waren sie vor einer Entdeckung sicher – der Mann stand hundertfünfzig Fuß entfernt und hatte sie nicht bemerkt.

»Lasst es uns bei dem dort versuchen«, wisperte Quintus und zeigte auf einen jungen Soldaten mit leichtem Silberblick, der in entgegengesetzter Richtung stand. Sie mussten die Nerven bewahren. Das Trio steuerte mit festem Schritt auf den Soldaten zu, der offenbar Wachdienst am Waldrand hatte.

»Verdammt nochmal, was ist denn hier los?«, bellte Quintus. Er versuchte so zu reden, wie er es für einen rohen Kopfgeldjäger angemessen hielt. Lucretia musste ein Grinsen unterdrücken. Baldwin spielte artig den gebrochenen, erschöpften Gefangenen und bemühte sich, möglichst unterwürfig dreinzuschauen.

»Halt, wer seid ihr?«, rief der Soldat, hob den Schild und legte seinen Speer auf die Ankömmlinge an. Als er Baldwin erblickte, der einen guten Kopf größer war als er selbst, ergänzte er: »Hier dürfen keine Germanen passieren!«

»Wir sind keine Germanen, Dummkopf«, zischte Lucretia unter ihrer Kapuze hervor.

Der Soldat betrachtete sie. In der Tat war ihre Haut viel zu dunkel, also war er gewillt, ihr zu glauben.

»Aber der dort!«, sagte der junge Mann mit bemüht fester Stimme und wies mit der Spitze seines Speers auf Baldwin.

»Richtig, aber der ist unser Gefangener, der geht dich nichts an«, blaffte Quintus und spuckte auf den Boden.

Hoffentlich übertreibt er es jetzt nicht , dachte Lucretia.

»Wir sind Mellonia und Brutus. Kopfgeldjäger«, sagte Lucretia und versuchte, einschüchternd zu klingen.

Der Soldat musterte sie zweifelnd. Diese kleine zierliche Frau wollte eine Kopfgeldjägerin sein?

Quintus bemerkte den Blick des Soldaten und bemühte sich, möglichst dreckig zu lachen: »Schon viele haben den Fehler gemacht, sie zu unterschätzen. Mellonia ist die beste Fallenstellerin weit und breit. Und Expertin für Gifte«, erklärte er. »Und ich mach’ den verfluchten Rest und brate den Gesuchten eins über den Schädel.«

Baldwin knurrte wie ein Tier und rüttelte an seinem Strick. Quintus zog ihn fester, so dass sein alter Freund ächzen musste, was ihm leidtat, doch das Schauspiel war notwendig. Demonstrativ hielt Lucretia ihren Dolch an Baldwins Kehle.

»Noch eine Bewegung, und ich schlitz’ dich auf, du germanische Drecksau«, kläffte sie so vulgär, wie sie nur konnte.

Der Soldat blickte zwischen den dreien hin und her. Der Mann und die Frau waren ihm nicht geheuer. Mit Leuten wie ihnen legte man sich besser nicht an.

»Was ist hier eigentlich los, verdammt, wo sind die ganzen Bäume hin? Als wir zur Jagd aufgebrochen sind, war noch alles normal«, murrte Quintus und blickte düster auf den Fluss.

»Wir legen eine Sicherheitsschneise an. Der Statthalter hat die Rodung angeordnet«, erklärte der Soldat.

»Und wo ist Ferox, unser Fährmann, verflucht nochmal? Der Hurensohn sollte uns doch hier abholen!«, zischte Lucretia unter ihrer Kapuze hervor.

»Der Fährverkehr ist eingestellt«, sagte der Soldat entschuldigend. »Keiner darf rüber. Ihr auch nicht.«

»Was soll denn das?«, brauste Quintus auf. »Wir waren eine Woche lang im verfluchten Urwald unterwegs, um den Mörder hier zu kriegen. Woher hätten wir wissen sollen, was hier vor sich geht? Wir riskieren unser Leben, und du kommst mir jetzt mit diesem Schwachsinn?«

Lucretia hoffte inständig, dass ihre für diese Geschichte viel zu saubere Kleidung sie nicht verraten würde, doch der Soldat schien zum Glück keine große Leuchte zu sein.

»Äh … ja«, räumte er nachdenklich ein, »das stimmt schon. Ihr konntet es natürlich nicht wissen. Und Händler seid ihr auch keine.«

»Ganz sicher nicht!«, lachte Lucretia höhnisch.

Quintus machte eine versöhnlichere Miene.

»Hör mal, Junge, du bist doch vernünftig. Der Kerl hier ist ein dreckiger Mörder. Wir haben ihn im Auftrag einer armen römischen Witwe gejagt. Das Monster hat ihre Tochter umgebracht und ist dann auf die andere Seite abgehauen.«

»Das ist ja schrecklich«, sagte der junge Soldat erschüttert.

»Aber wir sorgen dafür, dass er vor Gericht gestellt wird und seine Strafe kriegt, der Lump«, versprach Lucretia. War das Wort Lump zu brav gewesen? Lucretia war auf die Schnelle nichts Derberes eingefallen.

»He, Strabo, alles in Ordnung da drüben?«, schallte jetzt eine Männerstimme zu ihnen.

Verdammt! Ohne den Kopf zu wenden, wusste Quintus, wer da rief. Der thrakische Akzent des Verräters war unverkennbar. Der Einzige weit und breit, der sie erkennen konnte. Und er kam näher. Quintus und Lucretia wendeten sich unauffällig ab, so dass er sie nur von hinten sehen konnte.

»Alles in Ordnung, Barsemias. Ich komm schon klar«, rief der Jüngere ihm zu.

Gerade wollte Barsemias sich wieder umdrehen, als sein Blick an Lucretia und Quintus hängenblieb. Die zierliche Frau in Kombination mit dem großen Kerl – irgendetwas daran kam ihm bekannt vor. Stirnrunzelnd ging er zurück auf seinen Posten.

Lucretia schwitzte unter ihrer dicken Kapuze Blut und Wasser. Jede Minute länger, die sie hier verbrachten, machte die Sache gefährlicher.

»Kannst du nicht eine Ausnahme für uns machen, Junge?«, bearbeitete Quintus den Soldaten weiter.

»Das Kopfgeld, das wir für den Mörder kriegen, kann sich sehen lassen«, lockte Lucretia.

Quintus griff die Idee sofort auf: »O ja, schon von dem Vorschuss hätten wir die Taverne leersaufen können. Oder sie gleich kaufen.«

Der Soldat dachte nach. Dann sah er sich verschwörerisch um.

»Na gut, also … vielleicht kann ich euch helfen. Wenn ihr das Kopfgeld mit mir teilt. Also, euren Vorschuss. Ich würde ja quasi mithelfen, dass das Untier vor den Richter kommt, stimmt’s?«

»Stimmt«, sagte Quintus. Zum Glück hatte er etwas Geld dabei. »Was ist dein Preis?«

»Zehn Denare«, forderte der Junge mit leiser Stimme.

Quintus widerstand dem Drang, sofort zuzustimmen. Er musste in seiner Rolle glaubwürdig bleiben. »Acht«, hielt er dagegen.

»Na gut, neun«, murrte der Soldat. »Mein letztes Angebot.«

»Alles klar«, ging Quintus darauf ein. »Du bist ein harter Hund.«

Der Soldat war sichtlich stolz auf sein Verhandlungsgeschick. »Folgt mir.«

Er setzte sich in Bewegung und führte die drei quer über die riesige Lichtung auf eines der Kriegsschiffe zu, die am Ufer lagen. Die geschnitzte Figur, die an seinem Bug in die Luft ragte, zeigte einen blauen Fisch. Die Besatzung war gerade dabei, die Leinen loszumachen. Der Soldat winkte dem Kapitän zu, der an der Reling stand, einem massigen Mann mit grauen Locken.

»Ich habe hier noch zwei Passagiere!«

»Wir sind keine Fähre«, rief der Seebär mürrisch zurück.

»Es sind Römer. Beide in der Stadt wohnhaft. Sie führen einen Gefangenen mit sich«, erklärte der Soldat.

»Na gut, wir schmeißen sie im Hafen raus«, murrte der Kapitän und winkte die drei missmutig an Bord.

Lucretia fiel ein Stein vom Herzen. Es hatte geklappt!

Quintus drückte dem Soldaten seinen Geldbeutel in die Hand. »Dank dir, Mann, du bist in Ordnung. Es sind genau zehn drin. Kannst sie behalten«, brummte er. »Vielleicht besser, wenn deine Kameraden davon nichts erfahren …«

»Oh, danke!« Der Soldat steckte den Beutel freudig ein.

Hoffentlich würde er erst hineinschauen, wenn sie abgelegt hatten, dachte Quintus, denn es befanden sich nur vier Münzen darin – und die waren aus Bronze, nicht aus Silber.

Lucretia musste an Nephele denken. Nur aufgrund ihres gewaltsamen Todes hatte sie überhaupt begonnen zu ermitteln. Sie hatte sich geschworen, Nephele zu rächen. Und jetzt spürte sie das erhebende Gefühl, diesem Ziel einen beträchtlichen Schritt näher gekommen zu sein. Nepheles Mörder, Livio, war bereits von den eigenen Männern beseitigt worden. Doch Lucretia würde nicht ruhen, bis auch der Kopf der Schlange abgeschlagen war. Admiral Gordianus.

Zusammen mit Quintus und ihrem Gefangenen eilte sie über die Planke, die vom sandigen Uferstreifen auf das Schiff führte. Diese Herausforderung hatten sie gemeistert, doch es standen ihnen noch weit größere bevor.