Sie gelangten zurück in die Stadt, so wie sie herausgekommen waren – durch die Kanalisation. Gelsa hätte sich die Mühe sparen können, ihre Kleidung zu waschen, ging es Lucretia durch den Kopf, als sie wieder ins stinkende Wasser stiegen. Für Baldwin war die Idee eines Abwassersystems, das die Hygiene in den Straßen gewährleistete, völlig neu. Während sie durch die dunkle Kloake stapften, schienen ihm der Geruch und die Dunkelheit gar nichts auszumachen. Vielmehr bewunderte er die Konstruktion der Anlage und die Beschaffenheit der verputzten Wände. Das war eine etwas merkwürdige erste Begegnung mit der glorreichen Colonia, und doch machte sie auf ihre Weise Eindruck, fand Quintus amüsiert.
Zuerst wollten sie in derselben öffentlichen Latrine wieder herausklettern, wo ihr Abstieg in die Unterwelt zwei Tage zuvor begonnen hatte. Doch Lucretia argumentierte, dass diese zu weit weg vom Prätorium lag. Selbst wenn sie wieder in die Rollen der Kopfgeldjäger und Baldwin in die des Gefangenen geschlüpft wären, hätten sie die Blicke der Leute auf sich gezogen. Und sie wären womöglich von Nachbarn erkannt worden. Diese Gefahr durften sie nicht eingehen, zumal Quintus sich mühevoll einen guten Ruf erarbeitet hatte, den es zu wahren galt.
Auch Lucretia konnte sich Schöneres vorstellen, als Schande über ihre Familie zu bringen. Schnell verdrängte sie den Gedanken an ihre Eltern, die bestimmt krank vor Sorge waren, weil sie seit dem Aufruhr auf dem Forum nicht mehr nach Hause gekommen war, und konzentrierte sich auf ihren Plan.
Sie mussten so nah wie möglich an Lappius herankommen. Da sie ungefähr wussten, an welchen Straßenecken sich die öffentlichen Toiletten befanden, konnten sie sich orientieren. Eine Stunde lang stapften sie in der finsteren, stinkenden Kanalisation herum, die Beine knietief in der braunen Suppe, bis sie sich sicher waren, genau unter der Latrine des Prätoriums angekommen zu sein. Dort arbeiteten sie sich mit Hilfe der zwei Seile, an die Baldwin geknotet gewesen war, ins Gebäude hoch, wobei sie zum Glück niemand beobachtete. Schnell huschten sie durch den hinteren, wenig frequentierten Teil des monumentalen Verwaltungsgebäudes und verbargen sich in einer Nische.
»Und jetzt? Wie sollen wir unbemerkt weiterkommen?«, seufzte Lucretia.
»Nun, es ist Bürgern nicht verboten, sich im Rathaus zu bewegen«, tat Quintus ihre Besorgnis ab. »Und die gewöhnlichen Beamten wissen doch gar nicht, dass wir von Gordianus gesucht werden. Die sind mit ihren Gedanken bei irgendwelchen Listen und Urkunden.«
»Aber wie erklären wir«, fragte Lucretia und deutete dabei auf Baldwin, »warum er bei uns ist? Wer sollte ihn für einen Bürger halten?«
Wie als Antwort hörten sie plötzlich Schritte über den Marmorboden hallen, die näher kamen. Gleich würde sich zeigen, ob Quintus recht hatte. Die drei setzten ihre unschuldigsten Mienen auf und schlenderten den Gang entlang. Um die Ecke bog ein Verwaltungsbeamter, ein kleiner, schmaler Mann mit krausem Bart, der Schriftrollen unter beiden Armen trug. Er stutzte kurz und sah die Fremden etwas verwirrt an, ging dann aber ohne einen Kommentar an ihnen vorbei.
»Guten Tag«, sagte Lucretia höflich.
»Tag«, brummte der Beamte und eilte weiter. Wahrscheinlich hielt er sie für Kanalarbeiter – so verdreckt wie sie waren und mit dem Seilbündel über Quintus’ Schulter.
»Siehst du, ich hab es dir doch gesagt«, grinste Quintus. Baldwin mischte sich nun ein: »Wie stellst du dir das vor, mein Freund? Euer Fürst wird doch sicher von den Verschwörern abgeschirmt. Wie wollt ihr an den Wachen vorbei?«
»Er fragt, wie wir an den Wachen vorbeikommen«, übersetzte Quintus, schon etwas weniger freudig. Der Einwand war berechtigt. Schlimmstenfalls würden sie festgenommen werden, bevor sie auch nur ein Wort gesagt hätten.
Baldwin zeigte auf die Seile, deutete dann nach oben, und sagte: »Warum versuchen wir es nicht von oben?«
Diesmal brauchte Lucretia keine Übersetzung. Sie verstand sofort. »Das könnte klappen«, sagte sie. »Der Statthalter residiert im obersten Stockwerk. Wenn wir irgendwie aufs Dach gelangen, könnten wir uns zu ihm abseilen. Dann würde keine der Wachen merken, dass wir da sind.«
Eine bessere Idee hatten sie nicht. Sie betraten den Innenhof des Prätoriums, den ein bezaubernder kleiner Garten voller blühender Blumen und Sträucher zierte. Sie warteten, bis zwei Mitglieder der Kurie, die sich am Rand des Gartens unterhielten, gegangen waren. Dann huschten sie quer über den Hof in das Treppenhaus, das am anderen Ende des Gebäudeteils lag, in dem sich auch die Gemächer des Statthalters befanden. Sie hetzten die Stufen hinauf, und lugten im obersten Stockwerk vorsichtig in den hohen Gang. Die Luft war rein. Schnell fanden sie ein leeres Büro, aus dem sie auf das Vordach steigen konnten. Von dort aus nahmen sie den oberen Teil des Daches in Angriff. Baldwin kletterte schnell und behände, Quintus gab sich Mühe, es ihm nachzutun. Lucretia tat sich noch schwerer, aber gerade als sie spürte, wie ihre Kräfte sie verlassen wollten, hatte auch sie es auf das Dach geschafft. Das Rathaus war eines der höchsten Gebäude der Stadt, und von hier oben hatte man einen Ausblick über die ganze Colonia.
Während Quintus und Lucretia noch verschnauften und darauf bedacht waren, nicht auf einem Dachziegel auszurutschen, war Baldwin überwältigt vom Anblick der Stadt, von der er schon so viel gehört hatte. Ein ganzes Meer aus weißen Wänden und roten Dachziegeln, auf die die Sonne brannte, breitete sich vor ihm aus.
»Das ist unglaublich«, sagte er. »Wer hat das nur alles gebaut?«
»Vorwiegend Soldaten«, erklärte Quintus.
»Wie viele Menschen leben hier?«
»Etwa zwanzigtausend, ohne die Vororte«, sagte Quintus und ergänzte schnell: »Vielleicht so viele wie in fünfzig, sechzig germanischen Dörfern.«
Baldwin machte große Augen.
»Sehr beeindruckend«, murmelte er, und kam sich in diesem Moment klein und rückständig vor. Wie einfach doch die Lebensweise seiner Familie war.
Lucretia schaute lieber nicht hinaus auf das Häusermeer, sondern hielt den Blick auf ihre Füße gerichtet. Als sie vorhin einmal den Fehler gemacht hatte, in die Tiefe zu blicken, hatte sie sofort eine starke Beklommenheit verspürte, die sie zuvor nie gekannt hatte. Plötzlich hatte ihr Nacken zu kribbeln und das Dach unter ihr zu schwanken begonnen.
»Alles in Ordnung?«, fragte Quintus Lucretia. »Du bist so blass.«
»Alles gut«, antwortete Lucretia knapp angebunden. »Kommt, da entlang«, sagte Quintus und balancierte vorsichtig über den First.
Unter ihnen ging es bestimmt fünfzig Fuß in die Tiefe. Würden sie hier stolpern, konnten sie einen Sturz vielleicht knapp überleben – oder auch nicht.
»Hier muss es sein«, sagte Quintus jetzt, als sie am Rand des Daches angekommen waren, und wandte sich an Lucretia: »Ich schlage vor, wir lassen dich zu ihm hinunter.«
»Was? Mich? Nein!«, entfuhr es Lucretia. Sie war froh, noch halbwegs festen Boden unter den Füßen zu haben, und um nichts in der Welt wollte sie diese Position aufgeben.
»Es geht nicht anders. Du bist von uns dreien am leichtesten«, erklärte Quintus. Lucretia musste zugeben, dass das stimmte. Quintus spürte ihr Unwohlsein und versuchte es etwas einfühlsamer: »Es kann nichts passieren, Lucretia. Baldwin und ich halten das Seil fest. Ich bitte dich. Wir brauchen dich jetzt. Die ganze Colonia braucht dich.«
Lucretia verdrängte ihre Angst. In dieser halsbrecherischen Höhe an einem Seil zu baumeln, war wirklich das Allerletzte, was sie wollte, aber es musste wohl sein. Also versuchte sie, sich zu beruhigen, indem sie ein paar tiefe Atemzüge machte. In ihrem Magen rumorte es, und für einen kurzen Moment war ihr schwindelig, um sie herum drehte sich alles – aber das merkten die Männer nicht. Lucretia konzentrierte sich, schnappte sich dann kurz entschlossen das Seil, wickelte es sich mehrmals um die Taille und knotete es fest.
Statthalter Lappius saß auf der Bettkante in seinem Gemach. Er fühlte sich unwohl und rieb sich die Schläfen. Nach einer langen, unruhigen Nacht hatte er sich zu einer Entscheidung durchgerungen und sie am Morgen Gordianus mitgeteilt. Am Nachmittag würde er sie auf dem Forum verkünden. Er betete zu den Göttern, dass es die richtige war.
Gordianus’ Wachen statteten ihm regelmäßige Kontrollbesuche ab, und selbst seine Liktoren, die ausschließlich seinen Befehlen zu gehorchen hatten, waren aus Sorge um seine Unversehrtheit auf Gordianus’ Seite eingeschwenkt und erlaubten ihm nicht, seine Räumlichkeiten zu verlassen. Er durfte nur nach nebenan ins Büro gehen, um sich Schriftrollen zum Lesen zu holen, war aber ansonsten zu völliger Untätigkeit verdammt, die ihn zermürbte. Seine treuen Leibwächter waren zu Gefängniswärtern geworden. Er bereute es, sich auf diese Vorsichtsmaßnahme eingelassen zu haben.
Plötzlich hörte er ein Klopfen. Aber nicht an der Tür. Da, noch einmal. Es war hinter ihm. Er fuhr herum und erblickte durch das trübe Glas des Fensters Lucretia, die ihm zuwinkte. Lappius erschrak heftig und sprang auf. Lucretia sah es von draußen, machte eine beschwichtigende Geste und bedeutete ihm, das Fenster zu öffnen. Lappius rang nach Luft, und nachdem sich sein Puls wieder etwas beruhigt hatte, trat er vorsichtig näher und kam Lucretias Aufforderung nach.
»Entschuldige die Störung, edler Statthalter«, grüßte ihn Lucretia, in schwindelerregender Höhe über dem Pflaster baumelnd. Sie war um Höflichkeit bemüht, konnte ihr Unwohlsein aber nicht komplett verbergen.
»Moment, kennen wir uns nicht? Aus der Villa der Bulbos?«, fragte Lappius atemlos. Er wirkte verängstigt, und Lucretia konnte es ihm nach dem Mordversuch an ihm nicht verdenken.
»Richtig. Ich bin Lucretia Veturius, Freundin der Familie«, sagte sie bemüht selbstbewusst, doch das leichte Zittern in ihrer Stimme war unüberhörbar.
Lappius lugte aus dem Fenster in die Tiefe. Die Irritation über die Absurdität der Situation schien seine Furcht in den Hintergrund zu drängen. »Aber was um alles in der Welt machst du hier draußen?«, fragte er irritiert.
»Ich habe Quintus Tibur und einen Gast dabei. Wir müssen dich dringend sprechen. Dies war der einzige Weg, unbemerkt zu dir zu kommen.«
Lappius dachte nach.
Lucretia spürte, wie das Seil ihr zunehmend in die Eingeweide schnitt. Tief unter ihr lag der steinharte Boden, den sie auf keinen Fall sehen wollte, weswegen sie den Blick starr auf Lappius gerichtet hielt. Sie hoffte inständig, dass sie und Quintus beim Statthalter einen so guten Eindruck hinterlassen hatten, dass er sie als vertrauenswürdig einstufte und sie anhören würde.
Lappius hatte sich beruhigt und betrachtete fassungslos die drei Gestalten, die vor ihm standen. Den Anwalt und die Händlerstochter kannte er ja schon, wenngleich nicht in einem solchen Aufzug und nicht mit einem solchen Geruch. Höflicherweise ließ er das unkommentiert. Immerhin hatte die junge Frau wieder etwas an Gesichtsfarbe gewonnen, seit er sie durch das Fenster gezogen hatte.
»Bei allen Göttern. Wo kommt ihr her? Wo seid ihr gewesen?«, wollte er leise wissen.
»In Germanien, im Dorf meiner Vorfahren«, erklärte Quintus.
»Nachdem Gordianus’ Männer versucht haben, uns zu töten, konnten wir nicht in der Stadt bleiben«, ergänzte Lucretia.
Dem Statthalter stockte der Atem. Quintus wollte etwas sagen, aber Lappius hob unterbrechend die Hand und fragte: »Moment, Moment, Gordianus hat – was …?«
»Wir haben uns nach dem Anschlag auf dem Forum in die Wohnung von Quintus Tibur geflüchtet. Kurz darauf sind Marinesoldaten gewaltsam eingedrungen«, vertiefte Lucretia ihre Ausführung selbstbewusst. Nach dem luftigen Abenteuer war es ihr noch kurz flau im Magen gewesen, doch dieses Gefühl hatte sich schnell in ein euphorisches Kribbeln verwandelt – und in Stolz.
»Aber warum sollten sie euch töten wollen?«, fragte Lappius völlig verständnislos. Und fügte mit einem Blick auf Baldwin, der ihm ganz und gar nicht geheuer vorkam, hinzu: »Und wer ist dieser Mann?«
»Zu deiner ersten Frage: Weil wir zu viel über seine Verschwörung wissen«, sagte Quintus im Flüsterton. »Und zur zweiten: Das ist Baldwin, ein angesehener Krieger vom Stamm der Usipeter und mein Freund seit Kindertagen. Ohne ihn wären wir nicht zurück über den Rhenus gekommen, und er ist hier, um den Kooperationswillen der Germanen zu demonstrieren.«
Lappius betrachtete den Usipeter genauer. Baldwin war der erste freie Germane von der rechten Flussseite, dem Lappius begegnete. Der Fremde war groß und kräftig, so wie man es sich über die Wilden erzählte. Aber er hatte eigentlich ein sympathisches Gesicht. Und seine Zähne sahen gar nicht aus wie das Gebiss eines Raubtiers, als er freundlich lächelte. Er wirkte wie ein ganz normaler Mensch.
»Guten Tag und danke für den Empfang«, stellte sich Baldwin höflich vor. Lappius verstand zwar kein Wort dieser Sprache, die für ihn rau und kehlig klang, aber es waren doch keineswegs die Laute eines Tieres, wie man sie den Unbezwungenen oft andichtete. Quintus übersetzte, und der Statthalter nickte Baldwin anerkennend zu.
»Ich hatte mir euren Fürsten größer vorgestellt«, sagte Baldwin zu Quintus, der das nun lieber nicht übersetzte.
»Von welcher Verschwörung redet ihr?«, kam Lappius zur Sache. Sein Gefühl, dass Gordianus eigene Ziele verfolgte, hatte ihn also nicht getäuscht. Umso gespannter war er jetzt, die Perspektive seiner Gäste zu hören.
»Der Anschlag auf dich ist nicht von Germanen verübt worden, sondern von Verrätern aus den eigenen Reihen«, begann Quintus.
»Gordianus wollte dich ängstigen und isolieren. Und wie es aussieht«, sagte Lucretia und blickte sich um, »ist es ihm gelungen.«
»Einer meiner eigenen Leute hat auf mich geschossen? Das kann ich nicht glauben«, erwiderte Lappius empört.
»Der Schütze war sehr geschickt. Die Pfeile trafen genau dort, wo sie sollten. Sonst wärst du längst im Elysium, verehrter Prokonsul«, entgegnete Quintus mit einem Seitenblick auf die Tür, hinter der er Lappius’ Bewacher vermutete.
»Auch an den Überfällen, die die Umgebung wochenlang geplagt haben, war kein einziger Germane beteiligt«, fuhr Lucretia fort. »Es waren enge Vertraute des Admirals, die mit einer Inszenierung die Furcht der Bevölkerung befeuern sollten.«
Lappius konnte, wollte nicht glauben, was er hörte, und sprang auf: »Das geht aber nun doch zu weit. Wie kommt ihr denn auf solche Theorien? Das ist doch reiner Unsinn. Ich hätte euch für klüger gehalten!«
»Es sind keine Theorien, es sind Fakten. Bitte hör uns weiter an«, bat ihn Quintus mit besänftigender Stimme.
»Wir sind durch umfassende Nachforschungen zu unseren Schlüssen gelangt. Es gab zwei wesentliche Spuren, die wir verfolgt haben: Ein Bild in Form eines Dreizacks, das meine sterbende Freundin mir unmittelbar nach dem Überfall mit ihrem Blut auf den Unterarm gemalt hat. Es führte uns zu ihrem Mörder, der eine solche Tätowierung an der gleichen Stelle trug. Und dieser Mann war ein Römer namens Livio, ein Marinesoldat aus dem Umfeld des Optio Marcus Vorenus, der rechten Hand des Admirals.«
Das war für Lappius schon nachvollziehbarer. Er hatte von Livios Tod gehört – seine Leiche war im Hafenbecken gefunden worden. Das war ihm gleich schon seltsam vorgekommen. Und Vorenus, dem er auch einmal begegnet war, war ihm verschlagen erschienen.
»Dieser Livio ist ertrunken, richtig?«, fragte Lappius und ergänzte: »Ein merkwürdiger Zufall.«
»Kein Zufall. Wir haben Cordia, eine erfahrene germanische Hebamme und Heilerin, die Leiche untersuchen lassen«, wandte Quintus ein.
»Ihr wart fleißig«, kommentierte der Statthalter anerkennend. Auch wenn er das alles noch nicht fassen konnte, so fand er das, was er hörte, doch so fesselnd, dass er unbedingt mehr wissen wollte.
Lucretia erklärte: »Der Mann ist durch einen Schlag auf den Schädel gestorben. Es liegt nahe, dass Livio von seinen eigenen Kameraden aus dem Weg geräumt wurde. Vielleicht, weil er Gewissensbisse hatte und auspacken wollte.«
»Du hast vorhin noch eine zweite wesentliche Spur erwähnt. Welche ist das?«, hakte Lappius nach.
»Ein Fund in der Villa Bulbo, wo wir uns zum ersten Mal begegnet sind, edler Lappius«, fuhr Lucretia fort. »Während des Überfalls wurde dort ein Geheimfach mit Wertgegenständen geplündert. Es war allerdings hervorragend getarnt. Kein Eindringling, erst recht kein Germane, dem eine solche Art des Verstecks völlig fremd ist, hätte es finden können.«
»Nur der Hausherr kannte das Versteck?«, dachte Lappius mit.
»Das nahmen wir zuerst auch an. Ich habe dann noch mal mit Aemilius Bulbo geredet. Ihm ist eingefallen, dass sein Neffe bei einem Besuch zufällig das geöffnete Fach gesehen hatte. Und dieser Neffe ist kein Geringerer als der Optio Marcus Vorenus«, schloss Lucretia.
»Dann muss Vorenus Teil der Räuberbande gewesen sein, es geht gar nicht anders«, stellte Lappius tonlos fest. Ein beklemmendes Gefühl überkam ihn. Wem konnte er hier überhaupt noch trauen?
»Nun, und zur Krönung des Ganzen haben wir zufällig aus nächster Nähe miterlebt, wie das Schwert aus dem Tempel gestohlen worden ist. Eine weitere Tat, die man den Germanen in die Schuhe geschoben hat, obwohl sie rein gar nichts damit zu tun haben«, sagte Quintus, der sich den besten Part bis zum Ende aufgehoben hatte.
»Wie bitte? Ihr wart Augenzeugen? Wie denn das?«, fragte Lappius, der nun gar nichts mehr verstand.
»In der Nacht haben wir uns beim Südtor auf die Lauer gelegt. Wir wollten herausfinden, wie die Räuber in die Stadt gelangen«, sagte Lucretia.
»Das habe ich mich tatsächlich auch gefragt: Wie sind sie immer so einfach reingekommen?«, gab Lappius zu, gab sich aber nach kurzem Nachdenken selbst die Antwort: »Lasst mich raten. Die Wachen am Tor waren Verbündete und haben die Schurken einfach durchgelassen.«
»Volltreffer«, bestätigte Quintus. »Sie stecken unter einer Decke. Daher haben die Räuber den Wächter am Marstempel auch nicht getötet, sondern ihm nur einen Kinnhaken verpasst, um es wie einen Überfall aussehen zu lassen. Er hat ihnen Cäsars Klinge freiwillig ausgehändigt.«
»Weil er Teil der Bande war«, sagte Lappius leise und mehr zu sich. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, während er das Puzzle zusammensetzte. Tatsächlich ergab alles, was seine Besucher ausführten, immer mehr Sinn und passte auch zu seinen eigenen Beobachtungen. »Und das Schwert ist sicher nicht in Germanien«, stellte er fest.
»Ganz bestimmt nicht«, antwortete Quintus. »Ich würde alles, was ich habe, darauf verwetten, dass Gordianus es zu seinem persönlichen Besitz auserkoren hat. Wusstest du, dass der Admiral sich für einen Nachfahren Julius Cäsars hält?«
»Nein. Aber … wenn das tatsächlich so ist, dann glaubt er vielleicht sogar, dass er sich nur genommen hat, was ihm auch zusteht«, überlegte Lappius. »Dieser Verbrecher hat mich von Anfang an hintergangen und benutzt. Und ich habe mich einlullen lassen, bin wie ein Frischling in seine Falle getappt!«
Lappius wollte wütend mit der Faust auf den Tisch schlagen, konnte sich aber eben noch bremsen, als ihm einfiel, dass das seine Bewacher alarmieren würde.
»Mach dir keinen Vorwurf, edler Statthalter. Der Admiral hat all das monatelang, vielleicht jahrelang ausgeheckt. Lang bevor überhaupt feststand, dass du hier Verwalter werden würdest«, tröstete ihn Lucretia.
Lappius’ Körper straffte sich. Er sah erst Quintus, dann Lucretia und zuletzt Baldwin lange an. Quintus zitterte innerlich und betete zu allen Göttern, sowohl zu den römischen als auch den germanischen, dass der Statthalter ihnen glauben und angemessen reagieren würde. Wenn die Ergebnisse ihrer Ermittlungen ungehört verhallten, würde es Krieg geben. Tausende, vielleicht Zehntausende Menschenleben hingen an diesem einen Moment.
Und dann endlich sprach Aulus Bucius Lappius Maximus den erlösenden Satz: »Wie können wir ihn aufhalten?«