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Am späten Nachmittag drängten sich die Agrippinenser wieder auf dem Forum, bereits zum dritten Mal in kurzer Zeit. Was konnte so wichtig sein, dass sich der Statthalter erneut dem Volk zeigte, wo man doch eben erst einen Anschlag auf ihn verübt hatte? Die Menge war heute noch stiller als beim letzten Mal, und die meisten Bürger waren sich sicher: Das war der Tag, an dem Lappius endlich den Krieg ausrufen würde. Gordianus, der sich einige Fuß hinter dem Statthalter postiert hatte, hatte bereits erfahren, was Lappius verkünden würde, und trug einen triumphierenden Ausdruck im Gesicht, als hätte man ihn höchstselbst zum Kaiser gekürt.

Lappius wollte heute kein Risiko eingehen, seine Liktoren waren rings um ihn angeordnet. Er hatte seiner Leibwache eingeschärft, den Verräter nicht aus den Augen zu lassen. Der Marktplatz war bis zum Bersten gefüllt, Tausende Augenpaare waren gespannt auf den Statthalter gerichtet, der sich auf dem Rostrum in der Exedra an der höchsten Stelle des Forums vor der mächtigen, kunstvoll bemalten Marmorstatue von Kaiser Domitian platziert hatte.

Quintus und Lucretia hatten sich unter das Volk gemischt. Das bevorstehende Schauspiel durften sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Lucretia war mit ihrer Kopfgeldjäger-Aufmachung ohnehin noch gut getarnt, und Quintus hatte von Lappius ein altes Bettlaken bekommen, in das er sich gehüllt hatte. Dreckig wie sie waren, gingen sie mit Leichtigkeit als Bettler durch.

Baldwin konnte dem großen Moment hingegen nicht beiwohnen. Ein Bad in der Menge war ihm nicht geheuer gewesen und er hatte sich zu seiner eigenen Sicherheit entschieden, im Privatgemach des Statthalters zu bleiben.

Im Publikum waren auch Magnus und Cäcilia. Sie waren außer sich vor Sorge um ihre verschwundene Tochter. Jeden, den sie kannten, hatten sie gefragt, ob er Lucretia gesehen hätte, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt. Auch Pola stand weiter hinten in der Menge. Sie war entsetzt gewesen, als sie bei ihrer Rückkehr von dem dekadentesten Fest, das sie jemals besucht hatte, ihre Wohnung völlig demoliert vorgefunden hatte. Nachbarn hatten ihr vom Eindringen der Stadtwache berichtet, und sie konnte das alles überhaupt nicht einordnen.

Statthalter Lappius ließ den Blick über die Menge schweifen. Plötzlich beschleunigte sich sein Atem. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen. Seine Hände begannen zu beben. Er ballte sie schnell zu Fäusten, schloss die Augen und atmete einige Male tief ein und aus. Als er sie wieder öffnete, lag darin ein entschlossener Blick. Er machte einen Schritt nach vorn, hob die Hände und fing mit lauter Stimme zu sprechen an.

»Bürger der Colonia, ich grüße euch! Wie ihr sehen könnt, bin ich gesund. Nichts kann mich davon abhalten, mein Amt auszuüben, wie es meine Pflicht ist.«

Erleichterung war spürbar und die Menge klatschte Beifall.

»Ich habe euch heute zusammenrufen lassen, um einen historischen Wendepunkt in der Beziehung von Römern und Germanen zu verkünden«, fuhr er fort.

Menschen auf dem Forum, aus den verschiedensten Ländern und Kulturen, sahen einander angespannt an. Quintus und Lucretia hingegen wurden nervös. Jetzt wurde es ernst. Die Würfel waren gefallen, und sie konnten nichts mehr tun, als zu hoffen, dass das Spiel zu ihren Gunsten ausging.

Gordianus stand mit stolzgeschwellter Brust da und schien noch einige Handbreit zu wachsen. Dies war der Moment, auf den er so lange hingearbeitet hatte. Die Flotte wartete nur noch auf den Marschbefehl.

Lappius leckte sich nervös über die Lippen und straffte sich. »Die große Nachricht möchte ich euch aber nicht allein überbringen«, fuhr er dann souverän fort. »Ich bitte euch, liebe Agrippinenser, würdevoll und höflich unsere Ehrengäste zu begrüßen. Sie haben einen weiten Weg hinter sich.«

Er drehte sich nach links. Dort traten vier Gestalten aus dem Säulengang, die von zwei Liktoren flankiert wurden. Die Menge traute ihren Augen nicht: Es waren große Männer in einer Tracht, wie sie im freien Germanien getragen wurde. Wilde! Der Feind war hier!

»Wiglaf, Fürst der Marser. Gudmunt, Herrscher der Sugambrer. Gerbod, Herzog der Tenkterer. Und König Adalbert von den Usipetern«, rief Lappius aus.

Die Zuschauer waren verwirrt. Fast noch mehr die anwesenden Marinesoldaten, die sofort die Schilde hoben und Lanzen anlegten, als glaubten sie, die germanischen Herrscher wollten gleich über sie herfallen. Am schlimmsten traf es jedoch Gordianus. Er stand plötzlich wie gelähmt, und die Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Die Reaktion der Menge ließ nicht lange auf sich warten:

»Was machen die hier? Raus aus unserer Stadt!«, schrie eine Frau.

»Wir wollen diese Monster hier nicht haben!«, rief ein Mann, und Hunderte Stimmen riefen ähnliche Verwünschungen.

Quintus zog sich das Laken vorsorglich noch etwas tiefer ins Gesicht, und auch Lucretia wurde es leicht mulmig zumute. Doch eine herrische Geste des Statthalters ließ wieder Ruhe einkehren. Die Germanenfürsten schritten ruhig und mit würdigen, ernsten Gesichtern auf Lappius zu, hielten dann aber in gemessener Entfernung an und stellten sich nebeneinander auf.

»Ich habe noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen«, knurrte Gudmunt zum jungen Wiglaf, der neben ihm stand.

»Das alles hier kommt mir vor wie ein Traum«, raunte Wiglaf zurück, der von der Colonia sichtlich beeindruckt, aber auch etwas eingeschüchtert war. Er hatte einen großen Weidenkorb mit sich getragen, der nun vor ihm auf dem Boden stand.

Lappius drehte leicht den Kopf, um Gordianus’ Reaktion aus dem Augenwinkel zu betrachten, und registrierte zufrieden dessen schockierten Gesichtsausdruck.

Die germanischen Fürsten hatten flussabwärts ein Handelsschiff abgepasst, das vom Mare Germanicum kam. Sein Kapitän war ein britannischer Händler namens Tetumus, den König Adalbert kannte, da sein Stamm auch Waren von ihm kaufte. Tetumus legte schon seit Jahren regelmäßig in der Colonia an und war der Hafenbehörde hinlänglich bekannt, so dass das Schiff ohne Überprüfung in den Hafen einlaufen konnte. Gegen eine hübsche Summe Silber hatte sich Tetumus bereit erklärt, die heikle Fracht zu befördern. Nachdem Lucretia und Quintus dem Statthalter den Plan erklärt hatten, wurden die Fürsten am Hafen bereits von zwei seiner treuesten Liktoren erwartet. Zudem waren loyale Wachen an einem Tor auf den Besuch vorbereitet worden, so dass die germanischen Fürsten in die Stadt gelangen konnten, ohne behelligt zu werden. Dieses Vorgehen war nicht ohne Risiko gewesen. Aber es hatte funktioniert.

»Ihr alle wisst von den Überfällen, die unsere Stadt erschüttert haben«, hallte Lappius’ Stimme weit übers Forum, während Gordianus hinter ihm leichenblass wurde. »Viele von euch haben ihr Hab und Gut verloren, manche sogar Verwandte oder Freunde. Doch ich habe euch versprochen, diese Verbrechen aufzuklären. Nun löse ich mein Versprechen ein und verkünde euch hier und jetzt die Wahrheit.«

Er ließ seine Worte kurz wirken, und sprach dann: »König Adalbert möchte einige persönliche Worte der Erklärung an euch richten. Ich werde für ihn übersetzen.«

Wie am Vortag den Germanenfürsten hatte Quintus auch Lappius genauestens die Geschichte eingebläut, die es der Öffentlichkeit zu präsentieren galt. Vielleicht würde es keine wortgenaue Übersetzung werden, doch der Inhalt zählte.

Als Adalbert seinen Namen hörte, trat er wie abgesprochen vor und stellte sich auf die oberste Stufe der Treppe, die zum Marktplatz hinunterführte. Er holte tief Luft. Er war aufgeregter, als man es ihm ansehen konnte. Er war es gewohnt, große Reden zu schwingen – aber nur vor höchstens hundert Leuten. Das hier war etwas ganz anderes. Und er wusste nun, was Quintus auf dem Thingplatz damit gemeint hatte, als er erklärte, dass die Welt viel größer wäre, als die Germanen ahnten, und dass sie darin ihren neuen Platz finden mussten.

»Liebe Agrippinenser«, begann er auf Germanisch. »Wir, die Häuptlinge der benachbarten Stämme, möchten uns bei euch in aller Form entschuldigen.«

Lappius übersetzte. Die Menge gab keinen Mucks von sich, zu groß war die Überraschung über diesen unerwarteten Auftritt eines leibhaftigen Barbarenkönigs auf ihrem Forum.

»Auch wir waren von den Überfällen auf eure wunderschöne Stadt sehr überrascht. Durch einen Gesandten, der sowohl römischen als auch germanischen Blutes ist, haben wir erst vor kurzem davon gehört.«

Quintus musste bei seiner Erwähnung unwillkürlich grinsen.

Lappius übersetzte. Noch gab es keine große Reaktion der Bürger, sie lauschten still. Gordianus hingegen räusperte sich nervös.

»Warum darf der reden und nicht ich? Ich bin viel älter«, murrte Gudmunt leise.

»Sei still und hör zu«, zischte Gerbod. »Wenn das hier schiefgeht, kommen wir nicht mehr lebend aus diesem kahlen Steinhaufen raus.«

Adalbert fuhr fort: »Unsere Stämme haben sich miteinander verständigt. Wir stellten fest, dass keiner von uns hinter den abscheulichen Taten steckt. Doch wir fanden heraus, wer die Täter sind: Abtrünnige, die ihr Leben als Räuber bestreiten und auch auf unserer Seite des Rheins ihr Unwesen treiben.«

Lappius übersetzte – beziehungsweise gab das wieder, was mit Quintus abgesprochen war. Er selbst verstand natürlich kein Wort von dem, was der alte König von sich gab.

Zum ersten Mal ging ein Raunen durch die Menge.

»Endlich könnt ihr, Bürger der Colonia, wieder aufatmen und ruhig schlafen, so wie es auch die Männer, Frauen und Kinder in unseren Dörfern können. Wir haben die Missetäter gefasst, und ihnen das gegeben, was ihnen zusteht.«

Der Statthalter gab die Worte des Königs auf Latein wieder. Aus dem Publikum waren erste verhaltene Freudenrufe zu vernehmen, und irgendwo begann eine Frau erleichtert zu schluchzen. Doch der Großteil der Agrippinenser konnte oder wollte noch nicht glauben, was er da hörte, und starrte wie gebannt Lappius und seine seltsamen Gäste an.

Wer sich gefragt hatte, was der geheimnisvolle Korb enthielt, den Wiglaf herangeschleppt hatte, bekam nun die Antwort. Adalbert nickte Wiglaf leicht zu, der den Korb zu ihm brachte und auf der obersten Treppenstufe abstellte.

Auf dem Forum war es nun so still, dass man eine Haarnadel hätte fallen hören.

Mit einem kräftigen Tritt stieß der König den Korb um, der Deckel öffnete sich und die blutverschmierten Köpfe von vier bärtigen Männern rollten heraus. Die Menge schrie entsetzt auf. Die Köpfe kullerten mit einem dumpfen Geräusch die Treppe hinunter auf die Zuschauer zu, die schreiend vor dem grausigen Schauspiel zurückwichen.

Quintus lachte in sich hinein. Diese Idee war von den Germanen selbst gekommen. Nach langen Diskussionen hatten die Fürsten sich mit den Familien einiger kürzlich Verstorbener darauf geeinigt, dass deren Leichen exhumiert und für diese Inszenierung benutzt werden durften. Mit etwas Schweineblut darauf sahen sie ganz frisch aus. Für ihr Opfer im Namen des Friedens würden die Männer in Gimle auf ewig reich belohnt werden.

Als das Publikum den ersten Schock überwunden hatte, brandete frenetischer Applaus auf, und zahlreiche Bürger schrien ihre Erleichterung heraus. Es hatte funktioniert, die Agrippinenser kauften diese Geschichte, die so gar nichts mit der Wahrheit zu tun hatte.

Lappius nutzte diesen positiven Schwung. Er trat demonstrativ neben Adalbert und legte freundschaftlich eine Hand auf seine Schulter, ohne dabei jedoch zu anbiedernd oder vertraut zu wirken. Auch Adalbert fand in seiner Erwiderung der Geste das richtige Maß. Die beiden Männer nickten sich versöhnlich zu, und der Germanenkönig trat wieder zurück zu seinesgleichen.

»Ich danke euch, ehrenwerte Fürsten«, hob Lappius an. »Mit eurem selbstlosen Einsatz habt ihr unsere Stadt vor einer Katastrophe bewahrt, und wir sind euch zu ewigem Dank verpflichtet.« Dann wandte er sich an sein Volk: »Liebe Bürger, wir alle, ich eingeschlossen, sind Opfer unserer Vorurteile geworden. Wir können keine Gruppe von Menschen für ein Verbrechen verurteilen, das nur einige wenige begangen haben.«

Lucretia hoffte, dass Lappius mit dieser positiven Botschaft ins Schwarze traf, und es schaffen würde, die entzweite Gemeinschaft wieder zusammenzubringen. Diese Hoffnung schien nicht unberechtigt. Zustimmendes Gemurmel erhob sich in der Menge. Die Menschen sehnten sich bei den Wirren der letzten Wochen nach Frieden. Auch Gordianus hatte wohl rasch seine Taktik angepasst und zeigte wieder seine stolze Miene, als sei das Ganze sein Verdienst.

Lappius appellierte: »Während die Germanen links des Rhenus seit Jahrzehnten Freunde, Ehepartner oder Kinder von Römern sind, erscheinen uns die Germanen rechts des Flusses nach wie vor fremd. Dabei sind es Menschen, die nur in Frieden leben wollen, so wie wir. Wir werden weiter aufeinander zugehen, damit Missverständnisse wie dieses nie wieder auftreten.«

Applaus ertönte, der langsam lauter wurde. Die Menge war noch unsicher, ob sie sich der Meinung des Statthalters anschließen sollte. Zu tief hatten sich in vielen Köpfen die Schauergeschichten eingeprägt, die man sich über die Fremden erzählte.

Lappius deutete nun an das offene, östliche Ende des Forums: »Seht, unsere Ara. Das größte Heiligtum weit und breit. So wichtig ist dieser Altar, dieses Bindeglied zwischen unserer Welt und der der Götter, dass er im Namen unserer Stadt verewigt ist.«

Hunderte Köpfe in der Menge drehten sich und schauten nun mit einer Mischung aus Stolz und Ehrfurcht zu dem gewaltigen, erhöhten Altar.

Gordianus wollte den Moment ausnutzen, in dem alle Augen auf den Altar gerichtet waren, und hielt nach einem Fluchtweg Ausschau. Doch zu allen Seiten standen Liktoren, während er von seinen Mitverschwörern keinen zu entdecken vermochte.

»Auf diesem Altar opfern nicht nur wir Römer unseren Göttern, sondern auch diejenigen Germanen, die unsere Lebensweise angenommen haben, den ihren. Ich finde, dass auch die Stämme rechts des Rhenus das Recht haben sollten, ihren Glauben bei uns zu leben. Daher habe ich beschlossen, dass einmal im Jahr eine Zusammenkunft stattfinden soll, bei der auch die, die uns noch fremd sind, mit uns gemeinsam eine Zeremonie durchführen. Mit dieser Congregatio werden wir einen neuen, dauerhaften Bund der Einigkeit in ganz Germanien schließen, auf dass wir noch Hunderte Jahre in Frieden leben, Handel treiben und miteinander gedeihen können«, schloss Lappius seine Rede und schüttelte dann demonstrativ jedem der Germanenfürsten die Hand.

Die Menge war begeistert. Tosender Beifall erklang, und Jubelrufe ertönten. Auch Gordianus applaudierte nun gezwungenermaßen. Lappius war zufrieden mit sich. Er hatte seine drohende Niederlage in einen gewaltigen Sieg verwandelt. Gestern hatte er noch als überfordert gegolten, heute war er die Lichtgestalt, der große Einiger. Gordianus starrte ihn von hinten finster an, aber der Statthalter erwiderte seinen Blick nicht, sondern winkte seinen Bürgern und genoss den Moment seines Sieges, wohl wissend, dass er den Verräter in seinem Rücken damit zur Weißglut trieb.

»Wir haben es geschafft!«, rief Lucretia triumphierend.

Die beiden Ermittler fielen sich glücklich in die Arme, nur um sich nach einem Moment leicht beschämt wieder voneinander zu lösen.