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Nach dem öffentlichen Auftritt bat Lappius die vier Germanenfürsten und Gordianus in sein Büro im Prätorium.

Lappius hatte dem Admiral keine Wahl gelassen. Dieser Triumph müsse schließlich gefeiert werden, hatte er Gordianus vorgeheuchelt, und als einer der wichtigsten Männer der Provinz würde er bei der Zusammenkunft der Anführer natürlich nicht fehlen dürfen. Als sich Gordianus trotzdem unter einem Vorwand aus der Affäre hatte ziehen wollen, hatte Lappius ihn sogar vermeintlich scherzhaft gefragt, ob er etwas zu verbergen hätte, was Gordianus natürlich verneinte und sich zähneknirschend gefügt hatte.

Gordianus war nun sichtbar bemüht, seine kühle, selbstbewusste Fassade aufrechtzuerhalten. Ein Teil von ihm schien immer noch zu hoffen, dass die Inszenierung nichts mit ihm zu tun hatte und dass seine Rolle bei der Verschwörung vielleicht nicht aufgedeckt würde.

Als die Tür geschlossen war, postierten sich zwei Liktoren neben Lappius, der sich an seinen Schreibtisch setzte, während zwei weitere neben der Tür in Position gingen. Gordianus ergriff als Erster das Wort.

»Welch eine Überraschung«, rief er. »Und welch ein Triumph, edler Lappius. Auch ich hatte unsere Gäste zu Unrecht verdächtigt, und ich danke den Göttern, dass ihr die Wahrheit ans Licht gebracht habt, bevor wir einen schrecklichen Fehler machen konnten.«

Lappius lächelte Gordianus nur kalt an, der sich weiterhin alle Mühe gab, sich nichts anmerken zu lassen, und angefangen hatte, bei den Germanenfürsten mit kleinen ungelenken Verneigungen Respekt und Dank zu heucheln.

Da öffnete sich die Tür zum Nebenzimmer, und Quintus und Lucretia traten, von Baldwin begleitet, ein.

»Ihr!«, rief Gordianus, und kurz entgleiste ihm die Miene. »Wir«, bestätigte Quintus grinsend, während Baldwin seinem König zuzwinkerte.

Adalbert zwinkerte zurück. Die Germanen hatten das Richtige getan und waren sich sicher, dass sie von diesem Schritt, der sie einiges an Überwindung gekostet hatte, noch lange profitieren würden.

»Du hast verloren, Gordianus«, stellte Lappius fest und lehnte sich genüsslich in seinem Stuhl zurück.

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, antwortete Gordianus. Dass er dabei allerdings hektisch zwischen den Anwesenden hin und her schaute, verlieh ihm keine Glaubwürdigkeit.

»Ich weiß es dafür nur um so besser, Admiral«, sagte Lappius. »Die manipulierten Pfeile. Die falschen Gesichtsbemalungen. Unschuldige germanische Jäger, die zu Unrecht vor Gericht gezerrt wurden, nur um das Bild vom marodierenden Wilden in den Köpfen der Bürger zu verankern. Ein ausgefeilter Plan, das muss ich dir lassen.«

»Ich weiß wirklich nicht, wovon du redest, edler Statthalter. Habe ich nicht alles getan, um diese Stadt zu schützen? Um dich zu schützen?«, appellierte der Admiral an dessen Dankbarkeit.

»Du hast mich vor einem Anschlag gerettet, den du selbst in Auftrag gegeben hast. Einer meiner treuen Liktoren war das Bauernopfer. Allein dafür solltest du schon hängen«, sagte Lappius hart.

Gordianus schluckte. Dann schaute er grimmig zu Quintus und Lucretia herüber. Es war offensichtlich, dass diese elenden Schnüffler hinter allem steckten. Er durchbohrte sie mit Blicken, als würde er ihnen am liebsten sein Schwert in den Bauch rammen.

Doch Quintus und Lucretia hielten seinem Blick ungerührt stand.

»Die Soldaten, die an deiner Verschwörung beteiligt waren und die Villen überfallen haben, um Angst und Schrecken zu verbreiten, und die für dich in den Krieg gezogen wären … die haben wir übrigens bereits aus dem Verkehr gezogen und den Germanen geschenkt – Dutzende kräftiger Sklaven als Geste der Wiedergutmachung«, erklärte Lappius ungerührt.

In der Tat würden Marcus Vorenus, Barsemias und die anderen von nun an auf der anderen Seite des großen Flusses leben müssen und weniger wert sein als Hunde, wie Quintus aus eigener Erfahrung wusste. Das konnte schlimmer sein als der Tod – je nachdem, an welchen Besitzer man geriet.

»Einer Verschwörung?«, gab sich Gordianus empört. »Davon habe ich keine Kenntnis. Doch wenn meine Männer in so etwas verwickelt waren, verdienen sie jede Strafe, die du ihnen auferlegst.« Gordianus zog nun alle Register, er nickte langsam, als würde er sich an etwas erinnern und jetzt eins und eins zusammenzählen. »Sie haben sich bei mir über zu wenig Sold beklagt. Und gemurrt, dass sie Soldaten seien und keine Handwerker. Dass ein Krieg uns guttun würde, uns reich machen würde. Aber ich habe das immer von mir gewiesen und versucht, den Haufen zusammenzuhalten. Ich dachte, ich hätte das geschafft.«

»Ach wirklich?«, fragte Lappius. Dann öffnete er die Schublade seines Schreibtisches, zog das Schwert Cäsars heraus, das in einer mit Edelsteinen prächtig verzierten Scheide steckte, und legte das wertvolle Artefakt behutsam vor sich auf den Tisch. Gordianus starrte es entgeistert an.

»Während wir auf dem Forum waren, haben meine Liktoren das hier in einer gut verschlossenen Kiste in deinem Gemach gefunden. Keiner weiß besser als du, worum es sich handelt, nicht wahr?«

Gordianus stand nun mit offenem Mund da. Er rang mit sich.

Lappius provozierte ihn weiter: »Cäsar war dein Vorfahr, denkst du? Und du wolltest ihm nachfolgen? Ihn vielleicht sogar übertreffen? Mit dieser Klinge wärst du im Krieg gegen die Germanen an der Spitze der Rheinflotte gesegelt und hättest deine Männer in die siegreiche Schlacht geführt. Gordianus wäre als großer Held in die Geschichte eingegangen. Als der Feldherr, der Germanien endgültig unterworfen hat. Wer weiß, vielleicht hättest du dadurch sogar zum Kaiser aufsteigen können. Besser als die Flachpfeifen in Rom wärst du dieser Aufgabe allemal nachgekommen! Oder etwa nicht?«

Diese Worte stachen dem Admiral wie Nadeln ins Fleisch, und sein Gesicht lief rot an. Es war deutlich, dass Lappius ihn empfindlich getroffen hatte.

»Gleich gesteht er alles«, flüsterte Lucretia Quintus zu.

»Ich kann es kaum erwarten«, raunte Quintus zurück.

Es war ganz still im Raum. Auch die Liktoren, die normalerweise keine Miene verzogen, starrten nun gespannt zu Gordianus herüber.

»Ihr glaubt, mich zu kennen. Aber ihr irrt euch«, zischte der Admiral und spuckte den Anwesenden die Worte geradezu vor die Füße. »Ich bin ein Nachfahr Cäsars, ja, so weiß es meine Familie. Aber ich wollte das Schwert nicht behalten. Es hätte mir persönlich nichts genützt.«

Mit einer dramatischen Handbewegung fuhr er fort: »Nein, viel nützlicher wäre es als das gewesen, was es ist – als Symbol. Nachdem wir Germanien dem Erdboden gleichgemacht hätten, wäre ich mit dem Schwert in die Colonia heimgekehrt. In einer großen, feierlichen Zeremonie hätte ich es zurück in den Marstempel gebracht, wo es hingehört. Und die Bürger hätten gesagt: ›Gordianus hat richtig gehandelt. Er hat Roms Ehre gerettet. Den Beweis hält er ja in Händen. Das war jedes Opfer wert.‹«

Gordianus holte tief Luft. Einen Moment wirkte er abwesend und seine Augen starrten reglos in die Ferne.

»Was aus mir danach geworden wäre?«, nahm er seinen Monolog danach wieder auf, und fuhr in bitterem Ton fort: »Das weiß ich nicht. Ein Kriegsheld, sicher. Damit hätte ich mich zufriedengegeben. Jemand mit meiner einfachen Herkunft kann es im Reich sowieso nicht bis an die Spitze schaffen. Da habe ich mir nie etwas vorgemacht.«

Lappius nickte zufrieden. Aber für Quintus waren noch nicht alle Fragen beantwortet: »Wenn nicht für Ruhm und Ehre, für was das alles? Reichtum?«

Der Admiral drehte sich zu Quintus. »Quintus Tibur! Wer hätte gedacht, dass ich an einem einfachen Rechtsverdreher scheitere. Und einem … Mädchen«, stieß er verachtend hervor.

»Diese junge Frau ist um einiges klüger als du, und auch eine größere Patriotin. Du solltest dir lieber ein Beispiel an ihr nehmen«, schaltete sich Lappius wieder ein.

Lucretia schmeichelte es, dass er offenbar große Stücke auf sie hielt, doch Gordianus brachte das zur Weißglut.

»Größere Patriotin? Dass ich nicht lache. Wofür ich das alles getan habe? Für Rom. Nur für Rom!«

»Wie kann ein Krieg, der durch Lügen herbeigeführt wird und bei dem Tausende Unschuldige sterben, im Sinne Roms sein?«, fragte Lucretia entgeistert.

»Rom ist nur mächtig, solange es seine Grenzen weiter ausdehnt«, rief Gordianus genervt. Offenbar hielt er die Umstehenden für ungebildet. Oder begriffsstutzig. Oder beides.

»Das Imperium ist ein gewaltiger, schwerfälliger Apparat geworden, der sich mit gigantischen Staatsausgaben von innen heraus selbst auffrisst. Und je größer er wird, desto schwerer ist er in Gang zu halten. Aber dafür braucht man nicht nur Geld, das in Germanien ohnehin nicht zu holen ist, sondern vor allem …«

Quintus ging ein Licht auf: »Sklaven!«

»Genau!«, rief Gordianus aus. »Das ganze Reich dreht sich nur wie ein gut geöltes Rad, solange Sklaven es antreiben. Aber auch Sklaven werden alt und sterben. Jede verlorene Arbeitskraft schwächt das Reich. Und wer keine Kriege führt und neues Land erobert, dem gehen diese Arbeitskräfte schon innerhalb einer Generation aus. Sklaven wachsen nicht auf Bäumen. Die muss man sich nehmen.«

Er ließ seinen Blick über den Statthalter, seine Leibwächter, über die Germanenfürsten, über Lucretia, Quintus und Baldwin gleiten.

»Ohne Sklaven wird Rom untergehen. Ich bin kein Verräter«, schloss Gordianus seine Ausführungen.

»Danke für dein Geständnis. Es ehrt dich. Und ich glaube dir, dass dir deine Prinzipien immer wichtiger waren als jede Bereicherung. Aber dir ist klar, Gordianus, dass du diesen Raum nicht ungestraft verlassen wirst. In deinem Namen wurde gemordet und geplündert. Großer wirtschaftlicher Schaden wurde angerichtet. Und das Schlimmste ist, du hast die Colonia an den Rand eines Bürgerkrieges getrieben.«

»Ich akzeptiere jede Strafe«, sagte Gordianus fest.

»Hast du eine Ahnung, worüber die reden?«, raunte Gerbod dem König der Usipeter zu.

»Sie diskutieren seine Strafe, nehme ich an«, flüsterte der alte Adalbert zurück.

»Weil du gestanden hast und dich kooperativ zeigst, lasse ich dir die Wahl«, meinte Lappius. »Entweder kannst du selbst zum Sklaven werden und deinen Männern im germanischen Urwald Gesellschaft leisten. Dann liegt dein Schicksal in den Händen derer, die du zu Unrecht bezichtigt hast. Oder du beendest die Sache hier und jetzt.«

Gordianus atmete langsam aus. Beide Aussichten waren wenig erheiternd. Ganz still stand er mit gesenktem Kopf da, wie ein Mann, der wusste, dass ihm kein Ausweg mehr blieb und er am Ende seines Weges angelangt war. Gordianus nahm Haltung an. »Helft mir, die Rüstung auszuziehen«, forderte er die Liktoren entschlossen auf.

Zwei Liktoren legten ihre Rutenbündel ab und gingen zu ihm. Sie lösten die Riemen des Brustpanzers, den er immer noch trug, und legten ihn zu Boden.

»Lasst es mich mit dem Schwert meines Ahnen tun«, bat er Lappius und blickte auf die Klinge Cäsars.

»Nein, die heilige Klinge darf nicht besudelt werden.« Er legte das Schwert demonstrativ wieder in die Schublade seines Schreibtisches zurück. »Dein eigenes muss genügen.«

Gordianus kniete sich neben seiner Rüstung auf den Boden und zog seinen Gladius, der ihn durch so viele Schlachten begleitet hatte, mit dem er unzählige Männer besiegt und getötet hatte, aus der Scheide. Einen Moment lang wog er ihn in den Händen. Dann drehte er das Schwert wortlos um, hielt die Arme weit von sich gestreckt und stützte den Knauf auf dem Boden ab. Die stählerne Spitze zeigte nun genau auf seinen Bauch. Er atmete schwer.

Lappius gab einem seiner Liktoren ein Zeichen, der daraufhin die Tür zu Lappius’ Privatgemächern öffnete.

Mit einer einladenden Geste wandte sich Lappius an seine Gäste: »Bitte.« Er schaute Gordianus ein letztes Mal in die Augen und schritt durch die Tür. Quintus und die Germanen taten es ihm gleich. Lucretia war froh darüber. Sosehr sie den Admiral für das, was er getan hatte, auch verachtete, wollte sie das nicht mit ansehen. Schnell folgte sie den anderen.

Noch bevor sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, hörten sie wie Gordianus tief einatmete.

»Für Rom!«, rief er und stürzte sich in sein Schwert. »Mögen sich die Würmer an ihm laben«, sagte Wiglaf.

»Das kannst du laut sagen«, pflichtete ihm Gerbod bei. Aus seiner Sicht war der Verräter viel zu leicht davongekommen, in seinem Stamm kannte man weit grausamere Bestrafungsmethoden für einen solchen Fall.

»Danke für deine Hilfe«, sagte Quintus zu Baldwin und umarmte ihn herzlich.

»Für dich tu ich alles, alter Freund«, antwortete Baldwin gerührt. Auch er war über alle Maßen froh, dass seine Familie und er weiter in Frieden leben konnten.

Lucretia beobachtete die zwei Freunde wehmütig. Die Person, mit der sie diesen Moment am liebsten geteilt hätte, war nicht hier. Doch immerhin hatten sie jetzt sowohl ihren Mörder, als auch den Drahtzieher des Verbrechens zur Strecke gebracht. Nun konnte Nephele in Frieden ruhen, im ewigen Frühling auf den elysischen Feldern wandeln und ihr irdisches Leid vergessen.

Für einen Moment hing bedrückte Stille im Raum. Es war vorbei.

Der Statthalter wandte sich nun Quintus und Lucretia zu: »Quintus Tibur und Lucretia Veturius. Zwei Namen, die ich mir merken werde. Zwei Namen, denen alle Bewohner der Colonia den künftigen Frieden verdanken. Wir brauchen Bürger wie euch, die sich für die Gerechtigkeit einsetzen. Ich danke euch von Herzen für alles, was ihr getan habt. Wenn ich euch jemals einen Gefallen erweisen kann, sagt es mir. Und ich will euch ermutigen, diesen Weg weiter zu gehen. Ihr leistet Rom wichtige Dienste. Ich werde euch zukünftig bei all euren weiteren Nachforschungen unterstützen.«

Quintus und Lucretia waren überwältigt.

»Wie danken dir«, sagte Quintus stolz.

»Du kannst auf uns zählen«, versprach Lucretia.

Nun wandte sich Lappius den übrigen Anwesenden zu: »Was hier und heute geschehen ist, muss unter uns bleiben. Niemand außerhalb dieses Raumes darf davon erfahren. Kann ich diesbezüglich auf euch zählen? Dann schwört es!«

Quintus übersetzte die Bitte für die germanischen Fürsten. Alle nickten und hoben feierlich die Hand zum Schwur.