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Einige Tage später trafen sich Quintus und Lucretia zur Mittagszeit an der Imbissstube, die im Erdgeschoss von Quintus’ Wohnblock lag. Als sie sich zum ersten Mal dort getroffen hatten, hatte Lucretia nichts vom gegrillten Siebenschläfer abbekommen. Deshalb lud Quintus sie heute dazu ein. Da das Thermopolium über keine Sitzplätze verfügte, schlenderten sie zum Forum, ließen sich auf einer der breiten Stufen an dessen Westende nieder und genossen dort das zarte Fleisch des gut gewürzten Nagetiers.

Sie hatten sich seit dem schicksalhaften Nachmittag im Prätorium nicht mehr gesehen. Die Lösung des Falls hatte ihnen viel abverlangt, und sie hatten beide erst einmal das Bedürfnis gehabt, sich auszuruhen und etwas Distanz zwischen sich und das Geschehene zu bringen.

Gordianus war schnell bestattet worden. Mit großen militärischen Ehren und mit einem prunkvollen Grabstein in der Nähe des Flottenkastells, der an ihn erinnern sollte. Seine Verbrechen hatte Lappius, der die Grabrede gehalten hatte, natürlich nicht erwähnt, sondern den Toten nur im besten Licht erscheinen lassen. Suizid wurde als offizielle Todesursache beibehalten, allerdings umgedeutet: Gordianus, der seit dem Verlust von Frau und Tochter stets betrübt gewesen war, hatte sich schließlich aus Melancholie das Leben genommen, um den vermissten Liebsten ins Elysium zu folgen. Eine romantische Geschichte, die viel Mitgefühl hatte aufkommen lassen.

Die Stadt selbst war wie ausgewechselt. Sie hatte schon fast wieder zu ihrer unbeschwerten, offenen Stimmung zurückgefunden. Hier und da sah man Römer, die ein schlechtes Gewissen plagte und die Germanen nun besonders zuvorkommend behandelten. Die Zeichen standen auf Versöhnung. Lucretia hatte es nicht so deutlich bemerkt wie Quintus, aber auch ihr war die Wandlung aufgefallen. Und beide waren insgeheim stolz darauf, etwas Wesentliches dazu beigetragen zu haben. Auch wenn sie sonst niemandem jemals davon erzählen konnten.

Quintus und Lucretia kauten schweigend. Nachdem sie lange die vorbeieilenden Passanten auf dem Forum beobachtet und dem Rattern der Räder der Pferdefuhrwerke gelauscht hatten, ergriff Quintus das Wort.

»Ist dir sicher nicht leichtgefallen, das alles zu erklären. Welche Geschichte hast du deinen Eltern aufgetischt?«

»Oh, das war dieses Mal tatsächlich nicht so einfach«, lachte Lucretia und leckte das köstliche Fett von den Lippen. »Mein Vater, sonst immer lammfromm, ist ganz schön laut geworden. Vor allem, weil ich ihnen ja keine Nachricht hinterlassen hatte und einfach verschwunden war. Da hätte meine übliche Ausrede, ich wäre bei meiner Schwester gewesen, wirklich nicht gezogen.«

»Ich hoffe, du hast dich nicht mit der Wahrheit gerettet«, entgegnete Quintus. »Obwohl sie die ganz sicher nicht geglaubt hätten. Ich kann ja selbst noch immer kaum fassen, was wir erlebt haben.«

Lucretia sah Kinder, die am Sockel der nicht weit entfernten Kaiserstatue spielten. Sie waren so unbeschwert. Lucretia beneidete sie. Es war noch gar nicht so lange her, da war sie selbst so klein gewesen. Und doch schien ihr das nun unendlich fern.

»Nein, ich pflege mich an Schwüre zu halten. Ich habe meinen Eltern aufgetischt, ich hätte auf der Flucht vor den Germanen Panik bekommen und wäre in den Laden eines Händlers geflohen. Der hatte mich dann aber aus Versehen eingesperrt und war aus Verunsicherung über die Überfälle am nächsten Tag nicht zur Arbeit gekommen.«

»Nicht schlecht, das muss ich mir merken«, schmunzelte Quintus.

»Das wäre fast nach hinten losgegangen. Mein Vater wollte sich gleich mit dem Händler anlegen. Aber ich habe es ihm ausgeredet und gemeint, die Leute hätten eben auch große Angst gehabt. Und es hätte allen unheimlich leidgetan, und sie hätten sich tausendfach bei mir entschuldigt.«

»Schön, dass du so großzügig verzeihen kannst«, lachte Quintus. »Da bist du ja glimpflich davongekommen. Du weißt nicht, was meine Frau für Fragen gestellt hat, als ich endlich zurückgekommen bin.«

»Ui«, sagte Lucretia und riss die Augen auf, »aufgebrochene Tür, zerstörte Möbel, Bettlaken, die aus dem Schlafzimmerfenster baumeln …«

»Ich habe es mit einer Verwechslung erklärt. Habe Pola erzählt, die Stadtwache wäre hinter einem Dieb her gewesen, der einen Patrizier auf dem Forum um seine Geldbörse erleichtert hätte. Der Dieb hätte sich zu Verwandten im obersten Stockwerk unseres Hauses geflüchtet, aber die Stadtwache hätte sich geirrt und einen Stock zu tief gesucht, und deshalb ist unsere Wohnung leider in Mitleidenschaft gezogen worden«, berichtete Quintus.

»Nicht schlecht. Und das hat sie geglaubt?«

»Hat sie. Glaube ich zumindest. Zum Glück haben die Nachbarn dich nicht gesehen, sonst wäre ich wirklich in Erklärungsnot gekommen.«

»Und ich erst!«, grinste Lucretia. »Tut mir leid, dass ihr jetzt auf dem Boden essen müsst.«

»Wir haben schon neue Möbel gekauft«, sagte Quintus. »Ich habe behauptet, wir hätten von der Wache eine Entschädigung für das Missverständnis bekommen. In Wirklichkeit habe ich natürlich alles aus eigener Tasche bezahlt. Na, Hauptsache, gut aus der Sache rausgekommen.«

Beide lachten.

»Und was hast du jetzt vor?«, fragte Lucretia.

»Ich mache, was ich immer mache«, antwortete Quintus leicht verwundert. Das Geschäft lief gut, er hatte neue Klienten gewonnen, sein Ruf als Anwalt wurde zusehends besser und er damit immer bekannter. Quintus fügte hinzu: »Die Frage ist doch eher, was du jetzt vorhast, Lucretia Veturius.«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie und atmete langsam aus. Quintus spürte, dass sie etwas belastete. Aber statt nachzuhaken wartete er geduldig, bis sie sich ihm von selbst anvertraute.

»Das, was ich in den letzten Wochen erlebt habe«, setzte sie an, »das war etwas Besonderes. Wir haben so viel gewagt, so viel erreicht. Ich fühle mich ganz anders als zuvor.«

»Erwachsener?«, fragte Quintus.

»Ab wann ist ein Mensch erwachsen? Kann man das an einem einzigen Moment festmachen?«, sinnierte Lucretia. »Es ist eher so, als hätte jemand einen Schleier von meinen Augen gezogen. Als sei ich vorher halb blind gewesen und könnte erst jetzt klar sehen. Die Menschen klar sehen. Das sehen, was sie umtreibt. Verstehen, warum sie tun, was sie tun.«

»Ich weiß, was du meinst. So ging es mir in meinen ersten Jahren in der Colonia ständig. Das war eine neue Welt, die ich entdeckt habe. Und ich entdecke vor Gericht auch immer noch Neues. Seiten, die ich an Menschen bisher nicht gekannt habe. Leider oft die finsteren Seiten. Die schrecklichsten. Aber wer Gerechtigkeit will, muss dem Unrecht ins Auge blicken.«

Lucretia wusste genau, was er meinte. »Es ist, als hätte ich eine Grenze überschritten. Und ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr dorthin zurückkann, woher ich gekommen bin. Ich fühle mich jetzt viel freier, aber zugleich noch gefangener als zuvor. Ich kann diesen inneren Widerspruch selbst nicht einordnen. Aber er fühlt sich nicht schlecht an. Im Gegenteil.«

Quintus schwieg. Er kannte diese Empfindungen, zumindest zum Teil. Als er zum ersten Mal in einem römischen Gerichtssaal einen Anwalt gesehen hatte, war es so gewesen, als hätte er sich selbst gesehen. Ab diesem Moment war klar gewesen, wohin sein Weg ihn führen würde. Er wusste also, wie es sich anfühlte, seine Berufung zu finden. Nicht jedoch, wie es war, ihr nicht folgen zu können.

Lucretia wandte sich Quintus zu und sah ihn durchdringend an. Das Sonnenlicht schien warm auf ihre braune Haut. Ein Windhauch wehte den Geruch ihrer lockigen dunklen Haare, die mit parfümiertem Olivenöl eingerieben waren, zu Quintus hinüber.

»Wäre ich ein Mann, würde ich dich jetzt bitten, bei dir in die Lehre gehen zu dürfen«, sagte Lucretia.

»Ich habe noch nie darüber nachgedacht, jemanden auszubilden«, lenkte Quintus verwundert ein und fügte hinzu: »Aber wenn ich es tun würde, könnte ich mir keinen besseren Lehrling als dich wünschen.«

Lucretia biss sich auf die Unterlippe. Sie beide wussten, dass es nie dazu kommen würde, und schwiegen betreten.

»Wir können natürlich weiter zusammenarbeiten«, sagte Quintus, um Zuversicht bemüht. »Vorausgesetzt, dir gehen die Ausreden nicht aus, um dich von zu Hause wegzustehlen.«

Lucretia lächelte. Das waren die Worte, die sie hören wollte.

»Das werden sie schon nicht. Und es muss ja sein, denn wir haben ja sozusagen einen Auftrag von ganz oben«, ergänzte sie mit gespielt wichtiger Miene.

»Allerdings«, pflichtete ihr Quintus bei. »Der Statthalter hat selbst gesagt, wir sollen weitermachen …«

»… und dass er uns sogar unterstützt, wenn es geboten ist«, ergänzte Lucretia.

»Dieser Pflicht müssen wir natürlich nachkommen. Mal sehen, was das Schicksal mit uns vorhat«, sagte Quintus und schob sich den letzten Bissen seines gegrillten Siebenschläfers in den Mund.

»Das war köstlich. Das nächste Mal geht auf mich«, sagte Lucretia.

»Jederzeit«, freute sich Quintus.

In diesem Moment schien alles im Einklang. Sie fühlten sich aufgehoben zwischen den weißen Häusern mit ihren Säulengängen und hellroten Ziegeldächern. Fühlten sich wohl zwischen den schimpfenden Wirtinnen und mürrischen Händlern, alten Ratsherren und jungen Bäuerinnen, braven Bürgern und Halsabschneidern, all den Streitenden und Liebenden, wie sie zusammen hier in der Colonia lebten, am breiten Fluss mit seinen Schiffen und Möwen, in diesem letzten Außenposten römischer Zivilisation, der sich den endlosen Wäldern der Terra Incognita so mutig zugewandt hatte. Hier, an der Grenze der bekannten Welt, waren sie zu Hause. Das war ihre Stadt. Und wenn die wieder ihre Hilfe bräuchte, wären sie zur Stelle. Denn das nächste Unheil würde sicher nicht lange auf sich warten lassen.