Irgendwann weiß ich nicht mehr, wo ich bin, wo ich herkomme, wo ich hinwill. Meine Schwimmbewegungen erlahmen. Ich schwebe in einer konturlosen azurblauen Unendlichkeit, die über mir heller wird und unter mir dunkler, aber ich sehe den Meeresgrund nicht mehr und auch keine Fische, nicht einen einzigen.
Ich höre auf, mich zu bewegen. Entsetzen erfüllt mich. Ich habe so etwas schon einmal erlebt. Damals, bei einem meiner ersten Tauchgänge. Kurz bevor der Hai aufgetaucht ist und mich angegriffen hat. Damals war der Ozean um mich herum genauso gestaltlos und leer.
Damals? Es kommt mir vor, als sei das Jahre her, dabei sind seit jenem Tag erst vier Wochen vergangen. Aber mir kommt es auch vor, als sei es Jahre her, dass ich von der Kaimauer von Seahaven ins Meer gesprungen bin. War das wirklich heute? Bin ich wirklich erst vor ein paar Stunden aufgebrochen, um mich auf die Suche nach meinem Vater zu machen? Meinem Vater, der irgendwo in den Ozeanen lebt – möglicherweise! – und von dem ich nichts weiß außer seinem Namen: Geht-hinauf.
Jetzt gerade kommt mir das vor wie die dümmste Idee aller Zeiten.
Ich verharre, drehe mich mit unmerklichen Schwimmbewegungen um mich selbst, halte Ausschau. Kein Hai. Bis jetzt jedenfalls.
Dann schreie ich.
Schall trägt unter Wasser weit und er bewegt sich darin mehr als dreimal so schnell wie in Luft. Zum Glück, denn so hat mein Schrei eine Chance, denjenigen zu erreichen, für den er gedacht ist: Schwimmt-schnell, der versprochen hat, mir bei der Suche nach meinem Vater zu helfen. Außerdem hat er versprochen, mich zu beschützen – aber er scheint ständig zu vergessen, dass ich nicht so schnell schwimme wie er. Meine Mutter hat mir die Schwimmhäute zwischen meinen Fingern am Tag nach meiner Geburt entfernen lassen, aber selbst wenn sie das nicht getan hätte, wäre es mir unmöglich, mit diesem Mann mitzuhalten, der durchs Wasser schießen kann wie eine Rakete.
Ich warte. Nach ein paar Augenblicken mache ich einen dunklen Fleck in der blauen Unendlichkeit vor mir aus, dann eine Bewegung, die sich zu meiner Erleichterung nicht in einen Hai, sondern in Schwimmt-schnell verwandelt. Er lacht mich frech an, obwohl er genau weiß, dass das heute schon zum dritten Mal passiert ist.
Tut mir leid, behaupten seine Hände, aber sein Grinsen erzählt eine ganz andere Geschichte.
Kein bisschen tut es dir leid, widerspreche ich ihm mit ärgerlichen Gebärden. Ich bin sicher, dass meine Augen reinen Zorn versprühen. Was, wenn ein Hai gekommen wäre? Du hättest nicht einmal gemerkt, wie er mich frisst!
Er gibt sich unbekümmert. Hier sind keine Haie, behauptet er.
Das kannst du nicht wissen.
Doch.
Nein. Das sagst du nur so, aber in Wirklichkeit hast du mich einfach wieder vergessen.
Er zuckt mit den Schultern, schaut sich gelassen um. An jenem Tag hat er mich gegen den Hai verteidigt. Wenig später habe umgekehrt ich ihm das Leben gerettet; damals hat er erheblich mehr Respekt gezeigt!
Was immer er in der Gefangenschaft durchgemacht hat, es scheint keine Spuren hinterlassen zu haben. Er ist immer noch groß und muskulös, hat lange, wallende Haare und natürlich bleiche Haut wie vermutlich alle Submarines. Er trägt nur eine Art Lendenschurz und die Kiemen in seinem Brustkorb flattern sanft im Rhythmus seines Atems. Wir haben, als alles vorüber war, seinen Knochenspeer wiedergefunden und auch den Gürtel mit den Beuteln, in denen er allerlei rätselhafte Dinge bei sich trägt, sodass er jetzt wieder genau so aussieht wie an dem Tag, an dem ich ihm zum ersten Mal begegnet bin.
Ich hebe meine Hände, um ihm in Erinnerung zu rufen, wie sie aussehen, und erkläre ihm dann: Ich bin Schwimmt-langsam! Denk bitte daran!
Er lacht wieder. Nein, nein. Du bist die Mittlerin zwischen den Welten, die uns prophezeit worden ist, sagen seine Gesten. Während er seinen Händen beim Reden zusieht, scheint er ein wenig ernster zu werden. Er wiederholt das Zeichen des Bedauerns und erklärt dann: Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir da.
Das hast du heute schon oft behauptet, gebe ich zurück, aber nur, um den Moment noch ein wenig hinauszuzögern, in dem ich weiterschwimmen muss. Ich bin noch nie so lange am Stück geschwommen. Ich war auch noch nie so lange am Stück im Wasser, geschweige denn unter Wasser.
Tatsächlich ist es überhaupt erst einige Wochen her, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben ins Meer gewagt habe.
Schwimmt-schnell neigt den Kopf und grinst. Heute früh habe ich auch noch nicht gewusst, wie langsam du schwimmst!
Diesmal bemüht er sich wirklich, mir nicht davonzuziehen. Er schwimmt ein Stück voraus, mit ruhigen, eleganten Bewegungen, und ich habe das Gefühl, ich muss für jeden Schwimmzug, den er macht, zwei machen.
Ich kann meiner Mutter nicht böse sein. Es hat mir zweifellos eine Menge Ärger erspart, nicht auch noch Schwimmhäute zwischen den Fingern zu haben. Die Kiemen an meinem Oberkörper waren schlimm genug, jedenfalls, solange ich geglaubt habe, es seien Wunden, die aus irgendeinem Grund nicht vollständig heilten.
Die azurblaue Unendlichkeit hört wieder auf, so konturlos zu sein. Ein Schwarm silberner, pfeilförmiger Fische taucht auf und schwenkt ab, als er uns bemerkt, was aussieht wie ein schimmernder Vorhang, der durchs Wasser gezogen wird. Ich kann den Meeresboden wieder sehen. Keine Ahnung, in welche Himmelsrichtung wir schwimmen. Es ist mir völlig schleierhaft, wie sich Schwimmt-schnell orientiert, aber er wirkt, als sei er sich seiner Sache sicher. Ich hoffe, der Eindruck täuscht nicht.
Es kommt mir immer noch ganz unglaublich vor, dass erst ein paar Stunden vergangen sein sollen, seit ich Seahaven verlassen habe. Am Anfang ist der Meeresboden flach gewesen und voller Kabel und Rohrleitungen und klobiger Geräte, aber das haben wir alles längst hinter uns gelassen. Wir sind weit draußen, zumindest für meine Begriffe.
Vor zwei Monaten hatte ich noch Angst vor dem Wasser!
Und jetzt bewege ich mich darin, als sei ich hier zu Hause.
Obwohl – wer weiß? Vielleicht bin ich das ja.
Ich verliere mich in Gedanken, während meine Arme und Beine unentwegt die immer gleichen Bewegungen vollziehen. Das Gefühl, mich dadurch vorwärtszubewegen, hat sich wieder eingestellt, allerdings kostet es mich spürbar viel Kraft und Anstrengung. Bei Schwimmt-schnell dagegen sieht alles elegant und mühelos aus.
Er schwimmt schräg unter mir, ich kann das Spiel seiner Muskeln beobachten. Er trägt seinen aus einem großen Knochen geschnitzten Speer auf dem Rücken, an einem dünnen, geflochtenen Gurt befestigt. Ich denke, dass er ihn eigentlich behindern müsste, aber es sieht nicht so aus.
Allerdings ist mein kleiner ParaSynth-Rucksack, in dem ich ein paar Sachen mit auf die Reise genommen habe, von denen ich glaube, nicht darauf verzichten zu können, eigentlich auch nicht hinderlich. Womöglich liegt das tatsächlich an seiner dreieckigen Form, wie die Verkäuferin behauptet hat. Die Gurte sitzen jedenfalls so gut, dass ich ihn überhaupt nicht bemerke.
Ich konzentriere mich auf die Atmung. Das Wasser riecht – oder sollte man besser sagen, schmeckt? – nein, eigentlich gibt es gar kein passendes Wort dafür, wie sich Wasser anfühlt, das man nicht trinkt, sondern atmet –, jedenfalls, es ist frisch und wohltuend. Das war bisher nicht immer der Fall; wir haben einen Streifen durchquert, in dem es nach Abwässern und Schmutz schmeckte, dumpf und stickig und unangenehm, ein andermal mussten wir einen Bereich passieren, in dem es stechend chemisch roch.
Aber jetzt, so weit draußen, schmeckt es so, wie es sollte.
Mein Plan kommt mir dagegen immer noch vor wie der reine Wahnsinn.
Ich glaube, ich habe mich von Schwimmt-schnells Zuversicht anstecken lassen. Als ich ihm erklärt habe, ich würde gerne meinen Vater kennenlernen, hat er gemeint, ja, warum nicht, er werde mir helfen, ihn zu finden. Das sei er mir schuldig. Und so, wie er mich dabei angeschaut hat, klang das alles machbar.
Aber vielleicht ist er einfach nur ein wenig naiv?
Auf jeden Fall war ich naiv. Ich hätte mir eigentlich klarmachen können, wie riesig die Ozeane sind! Und ich meine wirklich RIESIG! Die Ozeane bedecken siebzig Prozent der Erdoberfläche. Das sind mehr als 360 Millionen Quadratkilometer. Australien ist nicht mal acht Millionen Quadratkilometer groß, und von Australien habe ich in meinem ganzen Leben nur ein paar Ecken gesehen. Richtig auskennen tue ich mich nur in Seahaven, das mit Mühe vier Quadratkilometer Fläche bedeckt. Vier!
Aussichtslos. Vielleicht ganz gut, dass ich mir das vorher nicht überlegt habe, sonst wäre ich bestimmt gar nicht erst aufgebrochen.
Denn andererseits: Was hätte ich denn sonst tun sollen? Ich musste es wenigstens probieren, wenn sich schon die Chance dazu geboten hat. Alles andere hätte ich mir mein Leben lang nicht verziehen.
Und dann war da noch Frau Brenshaw. Sie ist Mitglied der Gipiui Chingu, der geheimen Organisation der Freunde der Tiefe, die die Submarines schützen, seit es sie gibt.
»Selbst wenn du deinen Vater nicht finden solltest«, hat sie mir erklärt, »wird alles, was du uns nach deiner Rückkehr über die Submarines erzählen kannst – wie sie leben, wie sie denken, was sie sich wünschen und wovor sie sich fürchten –, einfach alles wird ungeheuer nützlich sein. Wir wissen so wenig über sie. Wir kennen sie nur von kurzen Begegnungen, nur durch das Glas von Tauchermasken hindurch. Du aber wirst mit ihnen leben können – das ist eine einmalige Chance!«
Das hat mich auch überzeugt.
»Das Wichtigste«, hat sie mir eingeschärft, »ist, dass die Existenz der Submarines weiterhin geheim bleibt. Stell dir vor, was los wäre, wenn bekannt würde, dass es eine zweite Menschenart gibt – eine künstliche noch dazu! –, die unter Wasser leben kann. Was da für eine Jagd losbrechen würde!«
»Und was kann ich da tun?«, habe ich gefragt.
»Nun, zunächst musst du unterwegs den Kontakt zu Schiffen und so weiter meiden. Und vielleicht bietet sich dir die Gelegenheit, den Submarines zu erklären, warum sie es lassen sollen, Pipelines zu beschädigen und Minenanlagen zu bestehlen. Warum das viel zu riskant ist. Wir können ihnen alles geben, was sie wollen! Wirklich. Geld spielt keine Rolle. Alles, was uns fehlt, ist ein Weg, wie sie uns mitteilen können, was sie brauchen und wie wir es ihnen zukommen lassen können.«
Ich habe versprochen, mein Möglichstes zu tun. Vermutlich wird das, was Schwimmt-schnell immer wieder sagt – dass ich die Mittlerin zwischen den Welten sei –, darauf hinauslaufen, dass ich eine Art Lieferdienst aufziehe.
Jedenfalls verstehe ich inzwischen gut, warum meine Mutter so ein Geheimnis um meine Herkunft gemacht hat. Zu ihrer Zeit gab es auch schon Genmanipulierte in den freien Zonen und dieselben heftigen Diskussionen darüber wie heute. Aber wenn jemand blaue Haut hat oder nachtleuchtende Haare, dann sind das nur winzige Veränderungen seines Gen-Codes. Mit dem, was Professor Yeong-mo Kim vor über hundert Jahren gemacht hat – eine ganz neue Spezies zu erschaffen, Chimären aus Mensch und Fisch –, ist das überhaupt nicht zu vergleichen.
Wobei meine Mutter über diese Hintergründe nichts gewusst hat. Sie wollte einfach nur, dass ich in Ruhe aufwachsen kann, und sie hat sich gedacht, dass das ohne Tarnung und Maskerade nicht gehen würde. Wenn sie nicht so früh gestorben wäre, hätte sie mir bestimmt irgendwann gesagt, dass mein Vater ein Submarine war. So war es ihre Schwester, meine Tante Mildred, die mich nach dem Tod meiner Mutter großgezogen und das Geheimnis bewahrt hat – fast zu lange!
Überhaupt, Tante Mildred. Wenn ich es mir genau überlege, ist sie die Schlüsselfigur des Ganzen. Wäre sie gesund auf die Welt gekommen, gäbe es mich gar nicht.
Aber Tante Mildred wurde ohne Gehör geboren. In den meisten Fällen kann man so einen Geburtsfehler operativ beheben, durch ein Implantat oder eine Nervenverpflanzung, aber in ihrem Fall war das nicht möglich. Sie war also … nun, obwohl ihr Zustand so selten ist, gibt es dafür interessanterweise eine Menge verschiedener Begriffe. In neotraditionalistischen Zonen sagt man taubstumm dazu, was die Sache meiner Ansicht nach gut trifft, denn dadurch, dass sie taub war, hat sie auch nicht sprechen gelernt; sie ist also stumm durch ihre Taubheit. In anderen Zonen ist der korrekte Begriff gehörlos, stumpy, ohrlos (völlig daneben), inkorrektabel (geht’s noch unklarer?), akustisch herausgefordert oder schlicht no-hear.
In der Konzernzone, in der Tante Mildred geboren ist, sprach man offiziell von einem sensorischen Geburtsfehler Nummer 201 und ließ ihr die altehrwürdige internationale Gebärdensprache beibringen. Und dem Rest der Familie auch.
Deshalb beherrschte meine Mutter die Gebärdensprache, als sie an der Küste einer der indonesischen Inseln einem Menschen begegnete, der unter Wasser zu Hause war. Er konnte nicht sprechen, aber er benutzte die Gebärden, und so konnten die beiden miteinander reden, sich ineinander verlieben und … Tja, und ich war das Ergebnis: ein Mischling, jemand, der sowohl Luft als auch Wasser atmen kann. Der erste bekannte Mensch, der das kann, behaupten jedenfalls die Leute von den Gipiui Chingu.
Da mich meine Tante großgezogen hat, beherrsche ich die Gebärdensprache natürlich auch. Sie ist für mich sogar fast eine zweite Muttersprache, denn Englisch habe ich in den letzten zehn Jahren nur noch gesprochen, wenn ich das Haus verlassen habe. Manchmal träume ich sogar in Gebärden!
Trotzdem habe ich oft das Gefühl, Schwimmt-schnell nicht wirklich zu verstehen.
Wie wird es mir bei seinem Schwarm ergehen? Die Submarines verstecken sich seit weit über hundert Jahren vor den Menschen und sie haben allen Grund dazu. Die Landbewohner laden nicht nur ihren Müll in den Ozeanen ab, legen Kabel und Pipelines hindurch und bauen Bodenschätze am Meeresgrund ab, ohne sonderlich viel Rücksicht zu nehmen – manche von ihnen machen auch Jagd auf die Submarines!
Und nun komme ich, eine halbe Submarine, eine, die bisher an Land gelebt hat. Wie werden sie mir begegnen? Mir wäre bedeutend wohler, wenn ich das wüsste.
Ich schwimme und schwimme, und etwas Geheimnisvolles passiert: Irgendwann vergesse ich, dass ich schwimme, ich gleite nur noch durch das Wasser, durch die blaue Tiefe, bewege mich vorwärts und denke nicht mehr darüber nach, wie ich das mache.
Es ist der Zauber der Unterwasserwelt, der mich wieder in seinen Bann schlägt. Fische, die wie Schwärme funkelnder Edelsteine dahinzischen, Algen, die unter mir über den sandigen Meeresboden wogen, ätherische Medusen, denen wir in weitem Bogen ausweichen – es ist eine völlig andere Welt als die, aus der ich komme, die ich gewöhnt bin. Es ist eine Welt, in die ich schon immer gehört habe, ohne es zu ahnen, und die ich nun, endlich, für mich entdecke.
Jetzt gerade denke ich, es ist auch die Welt, die mir von beiden besser gefällt.
Wir haben jenen Bereich, der sich anfühlte wie Niemandsland, durchquert und befinden uns wieder in der Nähe eines Korallenriffs, das vermutlich ein Teil des Great Barrier Reef ist. Aber dieser Name ist etwas, das auf Landkarten steht, nicht etwas, das hier unten, angesichts der wirklichen Korallen und ihrer überwältigenden Pracht aus Farben und Formen, irgendeine Bedeutung hat. Hier ist es einfach ein Lebensraum für Fische, Krabben und anderes Getier.
Und für uns. Für uns Submarines.
Schwimmt-schnell sieht sich nach mir um, macht ein Zeichen mit der Hand. Ich muss nachdenken, was er gemeint haben könnte, denn seine Gebärdensprache und jene, die ich gelernt habe, sind nicht völlig identisch. Wie sollte es auch anders sein? Immerhin ist es über hundert Jahre her, dass die ersten Submarines diese Sprache erlernt haben; es ist im Gegenteil eher erstaunlich, dass ich den Dialekt, der sich in dieser Zeit entwickelt hat, doch relativ gut verstehe.
Schließlich dämmert mir, was er meint: dass wir gleich da sind.
Mit einem Schlag ist die Anspannung zurück. Ich vergesse das Staunen und Freuen, vergesse, in welcher Welt der Wunder ich mich befinde. Jetzt gilt es. Gleich werde ich einem ganzen Schwarm von Submarines begegnen.
Ich habe Geschenke dabei, wie es sich gehört: etliche Messer, mitsamt haltbaren Scheiden aus Kunststoff, um sie am Gürtel zu tragen, sowie eine Menge bunter Glasperlen, von denen Submarine-Frauen angeblich nicht genug kriegen können. Jedenfalls sagen das die Leute von den Gipiui Chingu, und Schwimmt-schnell hat es mir, als ich ihn am Anfang unserer Reise gefragt habe, bestätigt.
Also sollte ich eigentlich beruhigt sein.
Ich bin es nur nicht.
Ich versuche, zu Schwimmt-schnell aufzuschließen, aber das ist nicht so einfach, denn jetzt, so dicht vor dem Ziel, schwimmt er doch wieder schneller, als ich ihm folgen kann. Sosehr ich auch strample, er zieht mir davon und verschwindet hinter einer schräg aufragenden Riffkante etwa fünfzig Meter voraus.
Er ist bestimmt ein guter Kundschafter, so pfeilschnell, wie er durchs Wasser schießt. Aber er ist und bleibt ein miserabler Reiseleiter.
Ich mache weit ausholende, rasche Schwimmzüge und wundere mich über mich selbst, dass ich dazu noch imstande bin. Dass ich so ausdauernd bin, habe ich nicht geahnt. Dumpfe Erinnerungen an den Sportunterricht in der Mittelstufe tauchen vor meinem inneren Auge auf. Ich habe es immer gehasst, über eine Meile zu laufen.
An Land war es schmerzhaft, außer Atem zu kommen. Hier, im Wasser, passiert mir das nicht. Auch wenn die Muskeln zittern vor Anstrengung, das Wasser strömt in mich hinein und durch meine sanft flatternden Kiemen wieder hinaus, und ich habe alles, was ich brauche.
Endlich bin ich auch an der Riffkante, umrunde sie mit einem kraftvollen Schwimmzug. Dann sehe ich Schwimmt-schnell dicht über dem Boden schweben und sich umsehen.
Aber nur ihn, sonst niemanden. Da ist kein Schwarm.
Und als Schwimmt-schnell den Kopf hebt und mich ansieht, weiß ich, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte.