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Ich halte inne, lasse mich langsam tiefer sinken.

Was ist los?, frage ich mit ungeduldigen Händen.

Er winkt ab. Die Stelle, an der wir uns befinden, eine natürliche Senke, erinnert mich an Fotos altgriechischer Amphitheater aus meinem Geschichtsbuch. Schwimmt-schnell betastet Steine, schaut sich um, bewegt die Hände auf eine Weise, die mir nichts sagt. Ich habe keine Ahnung, was er macht und was das soll.

Ich dachte, dein Schwarm ist hier?, frage ich rasch, als er zu mir herschaut.

Das waren sie, gibt er zurück. Aber sie sind weg.

Weg? Was soll das heißen? Ich sinke tiefer, bleibe aber auf Abstand zu Schwimmt-schnell, der mir in diesem Augenblick fremder denn je erscheint.

»Hey!«, rufe ich.

Er sieht auf, fast erschrocken. Submarines stoßen Laute nur in Momenten der Gefahr aus, hat er mir erklärt. Gut, aber ich bin nur eine halbe Submarine; er wird sich an meine Eigenheiten gewöhnen müssen.

Was ist los?, frage ich noch einmal.

Das hier war unser Lager, erklärt er und breitet die Arme aus, in einer Geste, die die gesamte Kuhle umfasst.

Und jetzt? Ich bleibe weiterhin auf Abstand. Du hast gesagt, wir schwimmen zu deinem Schwarm.

Er nickt, sieht besorgt aus. Sie sind geflohen, erklärt er. Heute früh. Männer in Taucheranzügen sind gekommen. Da hatten sie Angst, entdeckt zu werden.

Woher weißt du das?, frage ich.

Es steht in den Steinen, erwidert er.

Ich betrachte den Boden. Jetzt erst fällt mir auf, dass die Steine, die hier überall liegen, so etwas wie ein Muster bilden. Ist das eine Art Schrift? Eine Zeichensprache, um Nachrichten zu hinterlassen? Offenbar.

Mit dieser Art Schrift kann ich allerdings überhaupt nichts anfangen. Das muss eine ureigene Erfindung der Submarines sein.

Und was heißt das?, will ich wissen. Wo sind sie jetzt?

Er macht ein paar Gebärden, die ich nicht verstehe, und fügt dann hinzu: Da kommen wir heute aber nicht mehr hin. Nicht, ehe es dunkel wird.

So, wie er mich dabei anschaut, habe ich das deutliche Gefühl, dass er dabei denkt: nicht mit einer, die so langsam schwimmt wie ich.

Ich hebe den Blick. Stimmt, es ist dunkler geworden. Ohne groß nachzudenken, habe ich es darauf geschoben, dass wir einfach tiefer gegangen sind, aber das sind wir gar nicht. Ich kann das silberne Schimmern der Meeresoberfläche sehen und die Reflexe, die das schräg einfallende Sonnenlicht auf den Boden zaubert. Wir sind nicht tiefer gegangen, wir sind sogar in relativ flachem Gewässer.

Es wird schlicht und einfach dunkel, weil gleich die Dämmerung anbricht und dann die Nacht.

Mir wird mulmig.

Wir verbringen die Nacht hier, erklärt Schwimmt-schnell mit Gesten, die keinen Zweifel daran lassen, dass er denkt, er hat das Kommando. Es ist ein guter Platz.

Tatsache ist, dass ich noch nie eine Nacht unter Wasser verbracht habe. Nicht dass ich nicht daran gedacht hätte, aber die Zeit, um mich auf diesen Trip hier vorzubereiten, war einfach zu kurz dafür.

Und irgendwo in mir nagt immer noch ein leiser Zweifel, ob ich auch dann noch unter Wasser atmen kann, wenn ich schlafe.

Wie schläft man überhaupt unter Wasser? Ohne sich zuzudecken? Wie verhindert man, dass man einfach davontreibt, womöglich mitten hinein ins Maul eines vorbeikommenden Hais?

Und als wären das alles noch nicht genug Sorgen, soll ich nun meine erste Nacht unter Wasser auch noch allein mit einem nahezu fremden Mann verbringen!

Das Dumme ist: Ich habe keine Wahl. Ich schaffe es unmöglich heute noch zurück. Ich bin mehr als eine halbe Tagesreise von Seahaven entfernt und die Nacht bricht an.

Mein Kopf blubbert auf einmal vor panischen Gedanken.

Man kann nachts reisen, wenn der Mond hell genug scheint, erklärt mir Schwimmt-schnell, während er unbekümmert seinen Speer in den sandigen Boden bohrt und den Gürtel ablegt, aber es ist besser, man tut es nicht. Es ist anstrengender und es gibt viele Gefahren, die einem tagsüber nicht drohen.

Ich schwebe immer noch in einiger Entfernung von ihm, etwa einen Meter über dem Boden, und habe das Gefühl, mich nie wieder bewegen zu können. Was wissen Menschen, die ihr ganzes Leben unter Wasser verbringen, über den Mond, frage ich mich, weil es guttut, mich mit einer Frage zu beschäftigen, die nichts mit meinen Ängsten zu tun hat. Dummerweise ist die Antwort leicht: Man hat es ihnen beigebracht. Ihr Schöpfer hat die Submarines nicht nur großgezogen, er hat sie auch ausgebildet und Sonne, Mond und Sterne standen offenbar auf dem Lehrplan.

Schwimmt-schnell öffnet einen seiner Beutel, holt etwas heraus und winkt mir herzukommen. Ich zögere, dann ergebe ich mich meinem Schicksal und gleite mit einem kurzen Schwimmstoß zu ihm hinüber.

Er reicht mir, was er in der Hand hat. Es ist ein länglicher, flacher Streifen aus einem fast schwarzen Material, das sich anfühlt wie weicher Gummi. Schwimmt-schnell nimmt selber auch ein Stück, steckt es sich demonstrativ in den Mund und bedeutet mir, während er heftig kaut, es ihm gleichzutun.

Ich nehme es zögernd. Davon abbeißen klappt nicht, dazu ist es zu zäh, also folge ich seinem Beispiel und schiebe mir den Streifen in den Mund.

Was ist das?, frage ich, während ich kaue. Das Ding schmeckt zäh und salzig; es ist, als kaute ich ein Stück Gummischlauch aus einem untergegangenen Schiff.

Schwimmt-schnell macht eine Gebärde, die ich wieder mal nicht identifizieren kann. Er bemerkt, dass ich ihn nicht verstehe, und wiederholt sie langsamer, und diesmal erkenne ich, dass sie aus den Zeichen für reisen und essen zusammengesetzt ist. Reiseproviant, übersetze ich für mich.

Man macht das aus Algen, erklärt er.

Klar. Woraus auch sonst.

Es hält lange, fährt er fort. Und es gibt Kraft!

Davon bin ich noch nicht wirklich überzeugt, aber auf der anderen Seite ist der Knoten, den ich in meinem Bauch spüre, so dick und groß, dass ich nicht mal sagen kann, ob ich eigentlich Hunger habe oder nicht. Ich sage mir, ich müsste hungrig sein, nachdem ich mehr oder weniger den ganzen Nachmittag über geschwommen bin, mehr als in meinem ganzen bisherigen Leben zusammengenommen. Aber ich kann es nicht spüren, so stark ist die Angst, die mich befallen hat.

Wieso mache ich das alles hier eigentlich?

Um meinen Vater zu finden.

Ich hoffe bloß, er ist all die Mühe auch wert!

Wir vertilgen jeder drei von diesen Dingern. Nach einer Weile habe ich mich an den Geschmack gewöhnt und zu meiner Überraschung machen sie tatsächlich satt.

Während wir gegessen haben, ist es rasch dunkler geworden. Es ist kein Blau mehr, das uns umgibt, sondern ein fahles Schwarz, in dem ich nur noch Umrisse wahrnehme, und auch das nur, weil der Mond scheint.

Mir wird immer unheimlicher zumute, je dichter sich das Dunkel um uns schließt. Schwimmt-schnell und ich können uns kaum noch unterhalten, weil ich seine Gesten nicht mehr erkenne.

Ich zucke zusammen, als er mich plötzlich am Oberarm packt und mit sich zieht.

Er leitet mich hinab zur tiefsten Stelle der Kuhle, bis an einen Platz dicht neben einem steil aufragenden Felsbrocken. Dort lässt er mich los, klopft mit der Hand auf den sandigen Boden und erklärt mit einer ausholenden, langsamen Gebärde: Schlafen.

Dann schlägt er sich mit der Hand vor die Brust, zeigt auf einen Platz etwa einen Schritt weiter draußen und wiederholt: Schlafen. Er legt seinen Speer so ab, dass er ihn jederzeit greifen kann, anschließend legt er sich daneben, mit dem Rücken zu mir.

Ach so. Ich soll geschützt von dem Felsen hinter mir schlafen, und er bewacht mich von vorne. Sieht so aus, als wäre ich ganz umsonst in Panik geraten.

Ich lege mich ebenfalls hin, suche nach einer bequemen Lage. Es fühlt sich ungewohnt an, sich zum Schlafen nicht zuzudecken, aber erstaunlicherweise ist mir nicht kalt, jedenfalls nicht besonders. Und habe ich mir vorhin Sorgen gemacht, man könnte im Schlaf davontreiben? Jetzt merke ich, dass das Unsinn ist: Ich brauche nur alle Luft aus meiner Lunge entweichen zu lassen, schon bin ich schwer wie ein Stein.

Aber natürlich kann ich nicht einfach einschlafen, obwohl ich furchtbar müde bin. Mir geht schrecklich viel im Kopf herum und das unheimliche Dunkel um mich herum beruhigt auch nicht gerade. Immer wenn ich am Eindämmern bin, spüre ich auf einmal etwas, von dem ich sicher bin, dass es ein Krabbeltier sein muss, das über mich herfallen will … Um dann jedes Mal festzustellen, dass es einfach nur meine Kiemen sind und das Wasser, das ihnen entströmt und den Sand ein wenig aufwirbelt.

Ein weiches Kissen wäre hilfreich. Ich weiß nicht, wohin mit meinem Kopf. Da ist ein flacher Stein, der die richtige Höhe hätte, aber er ist mir auf die Dauer zu hart. Ich häufe stattdessen etwas Sand auf, doch der fühlt sich nach einer Weile genauso hart an, nur nicht so sauber: Dauernd geraten mir Sandkörner in die Nase. Schließlich beginne ich, mit allerlei Stellungen zu experimentieren, bei denen ich den Kopf auf einem Arm ablegen kann. Was garantiert dazu führen wird, dass mir der Arm einschläft.

Schwimmt-schnell hat diese Probleme offenbar alle nicht. Es dauert keine fünf Minuten, bis er tief und fest schläft. Schöner Wächter! Er liegt da wie ein Sandsack, den Kopf auf dem angewinkelten Arm, und gibt nach einer Weile leise, seltsam summende Geräusche von sich: Hört es sich so an, wenn jemand unter Wasser schnarcht?

Wieder einer dieser Momente, in denen sich mir die Frage stellt, welcher Affe mich gebissen hat, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Hier liege ich nun, in zehn oder zwanzig Metern Tiefe auf dem Meeresgrund, und fühle mich wie der einsamste Mensch auf Erden. Es kommt mir einmal mehr völlig unglaublich vor, dass ich die Welt, die ich bisher gekannt habe – Seahaven, Tante Mildred, meinen besten Freund Pigrit, die Schule und so weiter –, erst heute Vormittag verlassen habe.

Na gut, versuche ich mich zu beruhigen, ein Abenteuer, bei dem es einem dauernd nur gut geht, ist keins. Und die Momente, in denen etwas schiefgeht, man verzweifelt oder panisch oder sonst irgendwie am Ende ist, sind genau die Erlebnisse, die sich später am besten erzählen lassen.

Falls man das Ganze überlebt.

Schwimmt-schnell verändert ab und zu im Schlaf seine Lage und ich zucke jedes Mal zusammen, wenn er das tut.

Ich werde kein Auge zutun, das weiß ich genau. Wie denn?

Und was, frage ich mich, während ich da im Sand liege und in die unheimliche dunkle Meeresnacht blicke, wenn ein hungriger Hai hier vorbeikommt? Haie schlafen nie, haben wir in der Schule gelernt. Sie müssen immer in Bewegung sein, sonst ersticken sie, und jemand, der immer in Bewegung ist, muss doch auch immer Hunger haben …

Dann fällt mir wieder ein, was Schwimmt-schnell aus den Steinen herausgelesen hat: dass Taucher hier gewesen sind, Männer in Taucheranzügen, vor denen Schwimmt-schnells Schwarm geflohen ist! Was ist denn mit denen? Was, wenn die wiederkommen und uns entdecken?

Ich überlege, Schwimmt-schnell wachzurütteln, um ihn danach zu fragen, aber ehe ich mich dazu durchringen kann, schlafe ich ein.