Ich lege einen Zahn zu, manövriere mich neben Lacht-immer, die trotz ihres dicken Bauches schneller schwimmen kann als ich. Was für einen Unterschied Schwimmhäute doch machen!
Als ich sie endlich erreicht habe, tippe ich sie an und frage hastig: Macht ihr das oft? Einen Strom reiten?
Sie nickt. Aus ihren Augen leuchtet Vorfreude. So oft wie möglich. Es gibt bloß so selten welche, leider.
Kennt ihr diesen Strom?
Nein, ist ihre Antwort. Wir sind zum ersten Mal in dieser Gegend.
Das beruhigt mich ganz und gar nicht, aber wir können nicht weiterreden, sonst fallen wir hinter die anderen zurück. Ich paddle mit aller Kraft und versuche, nicht an das Foto von dem zertrümmerten U-Boot zu denken, das in unserem Geografiebuch abgebildet war.
Brav-brav überholt mich und er sieht nicht mal so aus, als müsse er sich dabei anstrengen. In seinem Gesicht lese ich dieselbe helle Vorfreude wie bei Lacht-immer. Überhaupt scheint es niemand erwarten zu können, endlich diesen Strom zu erreichen.
Seltsam, Teil eines Schwarms zu sein. Ich schwimme und habe das Gefühl, mit dem Schlag meiner Arme und Beine immer wieder in Einklang zu kommen mit den anderen, Teil zu sein einer einzigen, großen Bewegung. Es ist wie ein Sog, in dem man sich bewegt. Dass alle um mich herum in dieselbe Richtung schwimmen, erzeugt seinerseits eine Strömung, die es mir, wenn ich mich in ihrer Mitte befinde, leichter macht, mitzuhalten. Die anderen tragen mich. Der Schwarm, das ist nicht nur so ein Wort, das ist ein wirkliches Phänomen und ich bin ein Teil davon.
Was verdammt ungewohnt ist. Ich war noch nie in meinem Leben Teil von irgendetwas. Im Gegenteil, ich war immer die Außenseiterin, immer die, die alles allein mit sich ausmachen musste. Ich habe darum kämpfen müssen, wenigstens geduldet zu werden. Oder zumindest übersehen. Toleriert.
Und hier gehöre ich dazu, wie ein Tropfen Wasser zum Meer gehört.
Das ist auf seine Weise völlig überwältigend für mich.
Ich habe immer noch Angst vor dem East Australian Current, der U-Boote zermalmen und Transportschiffe zum Kentern bringen kann, der so stark ist, dass kaum ein Schiff ihn in Gegenrichtung befahren könnte. Ich habe immer noch Angst – oder sagen wir: Respekt? Ehrfurcht? – vor diesem Strom, aber wenn sich die anderen hineinstürzen wollen, werde ich es auch tun. Ich bin wild entschlossen.
Allmählich spürt man etwas, bilde ich mir ein. Das Wasser, durch das wir uns bewegen, ist nicht mehr so ruhig wie bisher, sondern in Bewegung. Es kann nicht mehr weit sein, bis es losgeht. Wie auch immer es sein wird. Gut so, denn meine Muskeln schmerzen schon vor Anstrengung, und wer weiß, ob ich sie nicht noch brauche, wenn wir den Strom … reiten.
Jetzt hält alles an, sammelt sich im Strömungsschatten einer korallenüberwachsenen Felsformation. Rötliche Gorgonienfächer biegen sich in einer steten Strömung, blau-gelb gestreifte Fische halten sich dicht am Boden oder in der Nähe der Korallen, deren winzige Ärmchen nach Nahrung strudeln.
Was wird das jetzt? Wir sind ein Haufen hellhäutiger Leiber, die dicht an dicht im Wasser schweben, und dieselbe Strömung, die die Korallen in eine Richtung zerrt und die Fische zu Boden zwingt, zieht auch an unseren Haaren. Die Schmuckperlen in den Haaren der Frauen funkeln. Ich sehe Zwölf-Kiemen, der ganz vorne schwebt, eine Hand am Stein, sich mit der anderen mit Weißes-Auge unterhaltend. Er hebt immer wieder den Blick, vermutlich, um zu sehen, ob schon alle da sind.
Ich bin da. Ich bin bereit.
Ich habe bloß Schiss.
Plötzlich sind Schwimmt-schnell und Lacht-immer neben mir. Die beiden tauschen einen Blick, der, so scheint mir, mehr sagt, als man in einer halben Stunde Gebärdensprache erklären könnte, dann packt mich Schwimmt-schnell an der Schulter, drückt mich an sich, und ehe ich recht begreife, was das soll, geht es los. Alle setzen sich in Bewegung, schießen in die Höhe, und Schwimmt-schnell lässt mich nicht los, sondern hält mich fest wie ein Schraubstock, während uns seine kräftigen Beinschläge schräg nach oben treiben wie Pfeile, die von einem Bogen schnellen.
Und dann erfasst uns eine Urgewalt aus Wasser, ein wirbelndes Chaos, und reißt uns mit sich. So ähnlich muss es sich anfühlen, auf einen Hypersonic-Zug aufzuspringen.
Doch Schwimmt-schnell lässt mich immer noch nicht los. Ich komme nicht dazu, selber Schwimmbewegungen zu machen, hätte gar nicht den Platz dafür – und sowieso wäre es nur ein wildes Um-mich-Schlagen gewesen, denn ich fühle mich, als würde ich in einer Waschmaschine tauchen, und zwar im Schleudergang. Verwirrend, dass ich Lacht-immer trotzdem neben mir sehen kann, übers ganze Gesicht strahlend.
Die anderen dagegen sind eine wirbelnde Masse rudernder Beine und Arme, wogender Haare und Netze voller Fisch, die wild hin und her schlagen. Unter mir und neben mir ziehen Korallenbänke vorbei, messerscharfe Felsriffe und farbenprächtige unterseeische Gärten von unfassbarer Größe. Doch wir rasen in einem solchen Tempo darüber weg, dass keine Zeit bleibt, sie sich genauer anzuschauen.
Und dann lässt mich Schwimmt-schnell plötzlich los. Alles kommt zum Stillstand. Die anderen haben auch aufgehört zu schwimmen, verharren wie auf ein Kommando in Ruhe, die Arme ausgebreitet …
Und trotzdem schießen wir dahin, getragen von dem mächtigen Strom, der auf einmal ganz ruhig ist, ganz gleichmäßig. Es ist, als säßen wir auf einem unsichtbaren Fließband, das uns über die unglaubliche Landschaft des Great Barrier Reef hinwegträgt.
Ich kann es nicht fassen. Was ist passiert? Ich breite die Arme aus, mache ein, zwei Schwimmzüge, gleite mühelos neben Lacht-immer, die vor Freude strahlt. Na?, fragt sie. Das ist toll, oder?
Ja. Es ist mehr als toll. Es ist das reinste Wunder.
Schwimmt-schnell gleitet mit ein paar Beinschlägen neben uns. Das ist der beste Strom, den wir je hatten, meint er mit Gesten, aus denen eine große Zufriedenheit spricht.
Lacht-immer pflichtet ihm bei. Den sollten wir reiten, so weit es geht, erklärt sie.
Ich weiß, wie weit er geht: bis Sydney. Das sind zweitausend Kilometer oder so, eine ungeheure Strecke jedenfalls.
Aber wie könnte ich ihnen erklären, was Sydney ist?
Um uns herum tauchen immer wieder atemberaubende Korallenformationen auf, die mit ebenso atemberaubender Geschwindigkeit an uns vorbeiziehen. Schluchten und Felsspitzen. Algenwälder und Quallenschwärme. Einmal sogar Delfine, die es ebenfalls draufhaben, einen Strom zu reiten; sie kommen uns besuchen, zur Freude der Kinder, die sich an ihre Rückenflossen hängen und im Strom hin und her tragen lassen, ein Spiel, das die Delfine bereitwillig mitmachen. Eine Weile zumindest, dann katapultieren sie sich wieder durch die turbulente Randzone des Stroms nach draußen und gehen ihren sonstigen Geschäften nach.
Wir treiben dahin, nein, wir treiben nicht, wir schießen durchs Wasser, werden getragen, und es wird und wird nicht langweilig! Wir schweben in der ruhigen Mitte des Stroms, werden vorbeigeführt an unglaublichen Unterwasserlandschaften, und es ist wie ein Rausch. Gar nicht einmal, weil wir so viel zu sehen bekommen, vielmehr ist es die Bewegung an sich, die schiere Geschwindigkeit, die uns alle ausflippen lässt. Ich war noch nie betrunken, aber so, stelle ich mir vor, muss es sich anfühlen.
So vergeht der Tag: rauschhaft – und viel zu schnell. Obwohl wir Stunden in diesem unsichtbaren Hypersonic-Train aus Wasser zugebracht haben, sind alle enttäuscht, als Weißes-Auge den Ausstieg anordnet. Schwimmt-schnell und Zwölf-Kiemen sind es, die das organisieren; sie sammeln die anderen um sich, sorgen dafür, dass alle Kinder sich an ihren Eltern festhalten, und geben das Zeichen, auf das hin wir abspringen. Die anderen kennen das schon; ich halte mich in Lacht-immers Nähe, und als es losgeht, paddle ich, so schnell ich kann.
Ich habe keine Angst mehr. Nicht die Spur. Dieser eine Tag hat mich in einen Fan des Strom-Reitens verwandelt und das Abspringen empfinde ich als krönenden Abschluss.
Und es ist herrlich! Ich werde herumgewirbelt, abgetrieben, weiß eine ganze Weile nicht mehr, wo oben und unten ist, aber ich kämpfe mich weiter nach draußen und kann mich nicht erinnern, wann mir je irgendetwas so viel Spaß gemacht hat wie das hier.
Mein Glück ist wahrscheinlich, dass Weißes-Auge eine Gegend ausgesucht hat, in der es weit und breit keine gefährlichen Felskanten gibt. Ich werde nämlich ein ziemliches Stück abgetrieben und sagen wir es mal so: Ich habe nicht in jedem Moment so richtig den Überblick, wohin ich paddle.
Doch ich bin nicht die Einzige, der es so geht. Es dauert eine ganze Weile, bis alle wieder beisammen sind, und bis dahin haben Schwimmt-schnell und Zwölf-Kiemen schon einen Lagerplatz ausfindig gemacht. Alle sind ganz aufgekratzt, während wir uns dorthin begeben; offenbar erleben auch die anderen so etwas nicht alle Tage. Das müssen wir morgen gleich wieder machen!, sehe ich Hände sagen, wohin ich schaue.
Das Lager ist eine Art halb offene Höhle mit überhängenden, über und über bunt bewachsenen Felsen. Sehr anheimelnd. Lacht-immer lässt sich neben mich plumpsen, als wir ankommen, streichelt sich den dicken Bauch. Das Baby ist auch ganz begeistert, meint sie lachend. Ich kann spüren, wie es strampelt.
Ich sehe sie an, würde sie am liebsten drücken, ihr sagen, wie toll ich sie finde, wie toll ich alles hier finde, aber das bringe ich nicht fertig. Es tut richtig weh, so wenig kann ich es. Ich bin eben nur zur Hälfte eine Submarine. Meine andere Hälfte ist immer noch die Saha aus Seahaven, die sich in der hintersten Ecke des Klassenzimmers versteckt und froh ist, wenn niemand was von ihr will. Ich habe noch nie eine Freundin gehabt; ich weiß nicht, wie das geht.
Es war toll, sage ich, und es kommt mir so schrecklich lahm vor, nicht mehr als das rauszubringen.
Aber Lacht-immer macht sich nichts daraus. Sie umhüllt mich einfach mit der guten Laune, die sie ausstrahlt, zupft an meinen Haaren herum und meint: Du solltest dir auch mal was Schönes in die Haare flechten. Ein paar Muscheln. Hast du schon alle Perlen verschenkt?
Ja, erwidere ich. Mir ist nicht danach, mich zu schmücken. Mir ist nach … ich weiß auch nicht. Alle.
Du bist sehr großzügig.
Ich schaue sie nur an, muss lachen und weinen zugleich. Ich? Ich bin nicht großzügig. Frau Brenshaw ist großzügig. Ich bin nur ein Mädchen, das nicht weiß, wie ihm geschieht. Wie es so viel Freundlichkeit verdient hat.
Von-oben? Lacht-immer legt den Arm um mich, mustert mich besorgt. Was ist denn? Jetzt erst merke ich, dass ich tatsächlich weine; ich schluchze richtiggehend.
Nichts, signalisiere ich, dabei schüttelt es mich; ich weiß gar nicht, wohin mit mir.
Ich habe Angst. Angst, ich könnte irgendetwas sagen oder tun, das mich wieder zur Außenseiterin macht. Ich begreife nicht, wieso sie mich behandeln, als sei ich eine von ihnen, wo ich doch erst gestern zu ihnen gekommen bin, vor gerade mal einem Tag, und überdies von oben komme, von den Luftmenschen, vor denen zu hüten ihre Großen Eltern ihnen doch eingeschärft haben!
Lacht-immer drängt mich nicht weiter, sie hält mich einfach fest und im Schutz ihrer Arme und ihrer mit Muscheln und Perlen durchsetzten langen Haare darf ich weinen, so viel ich will.
Später, als wir alle beisammensitzen und Fisch und Algen essen, versuche ich, es ihr zu erklären. Es ist so schön bei euch. Und dann haben wir den Strom geritten … das war irgendwie zu viel.
Lacht-immer nickt kauend. Ja. Manchmal ist das Leben so schön, dass man weinen muss. Und manchmal ist es so schrecklich, dass man auch weinen muss.
Genau, pflichte ich ihr bei. Ich, die ich bisher nur selten geweint habe, und wenn, dann nur in aller Abgeschiedenheit, ganz allein mit mir.
Muss Lacht-immer etwa auch manchmal weinen? Das kann man sich bei ihr gar nicht vorstellen.
Mein Blick fällt auf Strich-am-Bauch, die zwischen ihren Kindern sitzt. Beide reden auf sie ein, wollen, dass sie ihnen verspricht, morgen wieder den Strom zu reiten, und sie kann immer nur sagen: Wir müssen abwarten, ob die anderen auch wollen. Wir können ja nicht alleine gehen, oder?
Plötzlich treffen sich unsere Blicke. Sie lächelt. Ich lächle unwillkürlich auch.
Kinder!, sagen ihre Hände.
Ich muss lachen. Ich will morgen auch wieder in den Strom, gebe ich zu, worauf sie lachend die Augen verdreht. Brav-brav, der unseren Austausch mitgekriegt hat, rüttelt begeistert an ihrem Arm; es ist, als hätte er mich gerade zum ersten Mal wahrgenommen.
Es ist alles so merkwürdig. Die Submarines machen sich keine Sorgen, habe ich den Eindruck. Wenn sie Hunger haben, jagen sie ein paar Fische und sammeln Algen ein, und schon ist das Problem gelöst. Wenn sie müde sind, legen sie sich in eine Sandkuhle am Boden und schlafen. Und ansonsten amüsieren sie sich. Dass das Leben so einfach sein kann! Das war bisher unvorstellbar für mich und eigentlich ist es das immer noch.
Schlafen, essen, Spaß haben – klingt wie die Beschreibung eines tollen Urlaubs, oder? Nicht dass Tante Mildred und ich je Urlaub gemacht hätten, aber ich habe mitgekriegt, wie andere aus meiner Klasse davon erzählt haben, all inclusive in einer Zone auf den Philippinen oder auf Neuguinea, und da hat das immer so geklungen.
Die Submarines machen das ihr Leben lang, wie es aussieht.
Ich traue mich gar nicht, wieder von meinem Vater anzufangen, den ich ja eigentlich suchen will. Das klingt so nach Arbeit und danach ist mir gerade selber nicht. Wenn wir uns nachher alle auf einem Haufen schlafen legen und morgen früh wieder in den Strom gehen, hab ich erst mal weiter keine Wünsche.
Verrückt. Es ist, als ob ich neben mir stehen würde.
Aber das wird sich mit der Zeit schon geben, sage ich mir und bin beruhigt, dass es irgendwo in mir immer noch eine leise Stimme gibt, die nach Vernunft klingt.
Es wird dunkel, aber nicht richtig finster: Es ist Vollmond, das Mondlicht rieselt als fahles, geisterhaftes Licht auf uns herab und erzeugt eine Stimmung, die alles noch unwirklicher erscheinen lässt. Die Farben verschwinden, die Gesichter werden noch bleicher. Und niemand scheint heute Lust zu haben, sich schlafen zu legen.
Im Gegenteil, es herrscht eine merkwürdig angespannte Stimmung.
Was ist los?, frage ich Lacht-immer mit verstohlenen Gebärden.
Sie streicht mir über den Arm, erklärt dann: Wir machen ein Zusammen-zusammen.
Ich habe keine Ahnung, was sie meint. Von Schwimmt-schnell weiß ich, dass die Submarines mit »zusammen« auch ihren Schwarm bezeichnen; die Gebärde für »Schwarm« oder »Gruppe« (für die man zwei Hände braucht) benutzen sie nur für Fischschwärme. Ich übersetze mir das nur deshalb als »Schwarm«, weil die Freunde der Tiefe dieses Wort verwenden.
Aber was um alles in der Welt ist ein Zusammen-zusammen?
Ich bin gespannt.
Plötzlich merke ich, wie ein Rucken durch die anderen geht. Es hat mit Weißes-Auge zu tun, die sich von ihrem Platz etwas abseits erhoben hat und nun in die Mitte des Lagers gleitet. Im Niedersinken schließt sie die Augen und breitet die Hände aus, und diejenigen, die bei ihr sitzen, ergreifen sie, greifen nach anderen, und schon halten wir uns alle an den Händen.
Und dann … beginnt jemand zu summen.
Erst bin ich überzeugt, mir das nur einzubilden, aber nach einer Weile fallen auch andere ein, wird das Summen immer lauter, immer stärker. Und irgendwann kann ich nicht anders, als ebenfalls zu summen, Teil zu werden dieser Schwingung, die uns alle erfasst hat, die uns einhüllt. Ich schließe die Augen, höre mein eigenes Summen und wie es mit dem Summen der anderen eins wird, und als ich die Augen wieder öffne, ist es mir, als säßen wir in einem ungeheuren Dom aus Klang.
Es ist magisch. Es ist unglaublich. Und es beginnt gerade erst.
Die Stimmen trennen sich, hohe Töne schichten sich über tiefe. Etwas wie eine Melodie entsteht, aber es ist doch etwas anderes, etwas, für das ich kein Wort kenne. Was als gemeinsames Summen begonnen hat, wird zu einem Konzert, zu einem Sphärengesang, zu einem Chor von Engelsstimmen.
Je länger es geht, desto mehr habe ich das Gefühl, mich aufzulösen. Ich werde zu Klang. Ich treibe mit den Tönen, den Akkorden, den Melodien empor, werde eins mit dem Wasser, mit den Submarines, mit meinen Verwandten, meinem Schwarm. Ich höre auf, ich zu sein, und werde Teil eines Wir, was entsetzlich ist und herrlich zugleich, mir Angst macht und mich gleichzeitig mit ungekanntem Glück erfüllt.
Endlich bin ich nicht mehr alleine. Endlich bin ich nicht mehr einsam. Endlich, endlich bin ich da, wo ich hingehöre. Und in diesem Moment kann ich mir vorstellen, nie mehr nach Seahaven zurückzugehen.
All meine Gedanken denken sich von selber, ich höre nur zu, bin allenfalls einverstanden. Ich bin vollauf damit beschäftigt, zu summen, zu singen, beizutragen zu diesem unsichtbaren Gebäude aus Klang, das wir hier am Meeresgrund errichten.
Ich weiß nicht, wie lange wir so sitzen und tönen. Einige Stunden, denke ich, aber sie fühlen sich an wie Jahre, wie eine kleine Ewigkeit, und eigentlich ist es mir egal. Es geht so lange, wie es geht, und als schließlich Stille einkehrt, ist es eine Stille so tief und so friedlich, wie ich sie noch nie erlebt habe. Irgendwann lösen sich unsere Hände voneinander, gleiten wir ans unterste Ende des Lagers, drängen uns schweigend und sanft zusammen, und als ich einschlafe, bin ich so glücklich wie noch nie im Leben.