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Ich erwache mit einem jähen Schrecken und finde mich zwischen bleichen, zitternden Leibern wieder. Was ist los? Es ist heller Tag und es herrscht Panik. Kinder klammern sich an ihre Mütter, Augen sind weit vor Entsetzen, Köpfe werden furchtsam eingezogen. Ich halte Ausschau nach Lacht-immer und entdecke sie inmitten anderer Frauen, die sich ängstlich aneinanderdrängen.

Dann sehe ich die Männer, die mit gezückten Speeren im Wasser schweben, wachsam und kampfbereit. Und ich sehe große dunkle Gestalten, die erschreckend plötzlich aus dem Azurblau rings um uns herum auftauchen und angreifen.

Haie!

Es sind viele, ein halbes Dutzend wenigstens, und sie sind schnell und gierig. Zwölf-Kiemen erwischt einen mit seinem Speer, einen jungen Tigerhai, fügt ihm eine Wunde zu, die ihn zwar abdrehen lässt, aber zugleich noch wütender macht.

Jetzt zittere ich auch. Unwillkürlich paddle ich rückwärts, dränge mich ebenfalls zu den anderen Frauen, und als Kluge-Frau wieder zu mir gekrochen kommt, presse ich sie fest an mich.

Die Haie umkreisen die Männer, umkreisen uns, große, tückische Schatten im tiefen Blau. Sie schnappen nach den Männern, die mit ihren Speeren aus geschnitztem Knochen dagegenhalten. Und sie sind schnell, verdammt schnell und wendig …

Jetzt! Einer der Haie bricht durch, rast auf uns zu, das furchtbare Maul aufgerissen und voller Zähne –

Da schießt Schwimmt-schnell heran wie ein Pfeil, der von der Sehne schnellt, und rammt dem Hai das hintere Ende seines Speers in den Kiefer. Im nächsten Moment fährt er herum und zieht ihm die Knochenklinge über die Nase, worauf der Hai einen schaurigen Laut ausstößt und davonschießt.

Kluge-Frau strampelt vor meinem Bauch, weil ich sie vor Schreck viel zu fest umklammert habe.

Jetzt sind es zwei, die zugleich attackieren, ein großer und ein kleiner. Taucht-tief und Zwölf-Kiemen sind zur Stelle, stoßen zu, wieder und wieder, und als der kleinere Hai abdreht, erwischt Zwölf-Kiemen ihn am Unterleib und reißt ihm den Bauch auf. Blut schießt heraus, ein dunkler Strom von Perlen, der die anderen Haie um den Verstand bringt; sie stürzen sich auf ihn und zerreißen ihn. Die Männer müssen zurückweichen, während die tobenden Haie sich um das Fleisch ihres Artgenossen balgen, so wild schlagen ihre mächtigen Schwanzflossen umher.

Aber sie lassen von uns ab.

Die Gesichter der Männer sind ernst und wachsam. Wir sollten nicht hier bleiben, meint Zwölf-Kiemen mit ausholenden Gebärden. Sie werden zurückkommen.

Alle Blicke richten sich auf Weißes-Auge.

Ja, stimmt sie zu. Gehen wir zurück in den Strom.

Es gibt kein Zögern. Hände greifen blitzschnell nach Vorratsbeuteln und Netzen mit Proviant, dann setzt sich alles in Bewegung, ein Schwarm paddelnder Arme und Beine. Ich schaffe es mit Mühe, meinen Rucksack umzuschnallen, ehe es losgeht; das Netz, in dem ich bis jetzt einen der erbeuteten Fische getragen habe, hängt sich Schwimmt-schnell um, ehe er mich am Arm packt und mit sich zieht. Das ist auch gut so, denn so rasch, wie die anderen heute schwimmen, wäre ich nicht mitgekommen.

Der Griff seiner Hand an meinem Arm schmerzt. Ich schlage mit den Beinen, rudere mit dem freien Arm, aber ich bin nur Ballast für ihn, ein Ballast, der ihm nicht einmal viel ausmacht; wir fallen nicht hinter den anderen zurück. Schwimmt-schnell trägt seinen Namen völlig zu Recht.

Was habe ich mir gestern Abend gewünscht? Dass ich hier bleiben will, unter Wasser, wo das Leben leicht und einfach ist?

Ganz so leicht ist es offenbar doch nicht.

Und es ist auf jeden Fall gefährlicher als in Seahaven. Vor allem für jemand, der so langsam schwimmt wie ich.

Obwohl ein wildes Wirbeln um uns herum herrscht, kann ich spüren, wie wir uns dem Strom nähern. Mir fällt auf einmal ein, wie Tante Mildred und ich vor vielen Jahren in einer U-Bahn-Station in Melbourne gewesen sind, wie ich in die dunkle Tunnelröhre geschaut und plötzlich gespürt habe, dass mir ein Luftstrom entgegenkommt, jene Luft, die eine U-Bahn vor sich her durch die Röhre treibt. So ähnlich fühlt sich das jetzt auch an – nur dass wir nicht warten, bis der Zug hält und sich die Türen öffnen, sondern einfach aufspringen. Wir durchstoßen die turbulente Schicht und sind gleich darauf in der ruhigen Mitte, wo es so aussieht, als würde der Meeresgrund unter uns weggezogen.

Schwimmt-schnell lässt mich los, lächelt mir zu. Hierher folgen sie uns nicht, meint er.

Ich frage mich, woher er das wissen will, aber ich stelle die Frage nicht. Er lebt schon sein ganzes Leben lang im Ozean, zweifellos kennt er sich besser aus als ich. Ich bin es, die zuhören und lernen muss, selbst wenn ich nur ein paar Wochen hierbleiben will.

Lacht-immer kommt auf uns zugepaddelt. Wieder einmal staune ich, wie elegant sie sich bewegt mit ihrem kugelrunden Bauch. Vielleicht, schießt mir der Gedanke durch den Kopf, ist eine Schwangerschaft unter Wasser leichter zu ertragen, weil das Kind im Wasser kein Gewicht hat? Ich muss sie bei Gelegenheit fragen.

Das war ein Schreck am Morgen, was?, meint sie. Geht’s dir gut?

Jetzt wieder, gebe ich zu.

Sie lacht. Gut. Nach einem Blick auf Schwimmt-schnell fügt sie hinzu: Ich muss dir diesen Helden kurz entführen.

Ehe ich begreife, was sie meint, schwimmt sie auf Schwimmt-schnell zu, umfängt und küsst ihn, dann gleiten die beiden davon, einander umarmend und wild knutschend. Ich drehe mich höflich weg und schaue woandershin, zum Beispiel auf die vorbeiziehenden Korallen und die schimmernden Schwärme kleiner Fische zwischen ihnen. Tja, die Liebe. Das ist ein Gebiet, in dem ich mich noch weniger auskenne als im Ozean.

Kluge-Frau winkt mir, ich solle herkommen. Die anderen versammeln sich, Tragnetze gehen herum: Frühstück! Mitten im schnellsten und gefürchtetsten Meeresstrom der Welt! Wenn das nicht exotisch ist, was dann?

Ich geselle mich dazu, bekomme einen Beutel mit Algen gereicht, greife zu. Es sind die hellgrünen, die mir am besten schmecken, und ich habe nach dem Schreck richtig Hunger. Die anderen sind schon wieder bester Dinge, wie es aussieht.

Passiert das oft?, frage ich den etwas älteren Mann, der Flinker-Flechter heißt. Dass Haie angreifen, meine ich, füge ich hinzu, als er mich verwundert anschaut.

Er winkt ab. Das war, weil die Frauen traurig geworden sind, erklärt er.

Jetzt bin ich es, die ihn verwundert anschaut. Traurig?

Er nickt kauend. Ja. Das riechen die Tiere. Wir passen dann immer besonders gut auf. Er wiegt den Kopf, seine Hände zögern, ehe er hinzufügt: Aber es waren ziemlich viele, das stimmt. Mehr als sonst.

In meinem Bauch flattert noch ein Echo der Furcht, die mich vorhin gepackt hat. In der Schule haben wir gelernt, dass Haie nirgends auf der Welt Menschen so häufig angreifen wie rings um Australien und dass niemand weiß, warum das so ist.

Gerade wäre mir lieber, ich wüsste das nicht. Ihr habt uns gut verteidigt, lobe ich ihn und versuche, tapfer zu lächeln.

Ja, das war aufregend, gibt er zu. Er schnüffelt in meine Richtung, dann fragt er: Du bist aber nicht traurig, oder?

Nein, gebe ich verwirrt zurück. Nur erschrocken.

Er lacht, als hätte ich einen guten Witz gemacht. Die Frauen werden manchmal alle auf einmal traurig, das ist das Problem. Er hebt die Schultern. So ist das eben.

Mir dämmert endlich, wovon er redet: Einige Frauen des Schwarms haben letzte Nacht ihre Periode bekommen! Manche Tiere reagieren darauf, das haben wir auch in der Schule so gelernt. Deswegen habe ich mit meinem Aufbruch von Seahaven gewartet, bis meine Periode vorbei war – die eh sehr kurz ist, Tante Mildred ist immer ganz neidisch –, und habe fürs nächste Mal eine von diesen Periodenglocken dabei, wie Bergbautaucherinnen sie benutzen.

Eigenartig, dass sie »traurig« dazu sagen. Ist das wieder einer dieser Fälle, in dem eine Gebärde bei ihnen mehrere, für mich ungewohnte Bedeutungen hat? Oder ist damit wirklich Trauer gemeint, weil sie nicht schwanger geworden sind? Ich weiß es nicht. Ich will aber auch nicht nachfragen. Vielleicht ein andermal.

Das Liebespaar ist mit Knutschen fertig und gesellt sich zu uns. Lacht-immer weist den Beutel mit den leckeren Algen ab. Haben wir keine Muscheln mehr?, will sie wissen. Das Baby hat so Lust auf Muscheln!

Alle lachen und irgendjemand hat noch ein Netz mit ein paar Austern. Lacht-immer macht sich genüsslich darüber her.

Ich hab immer Hunger, erklärt sie mir zwischendurch. Seit ich schwanger bin – nichts als Hunger.

Dabei lacht sie. Man kann förmlich sehen, wie sehr sie sich auf ihr Kind freut.

Wir verbringen den ganzen Tag im Strom, aalen uns faul im Wasser, lassen die farbenprächtigsten Rifflandschaften an uns vorbeiziehen. Ich muss von oben erzählen, von den Höhlen, die sich die Menschen über Wasser bauen, von Schiffen und von Flugzeugen. Es wundert mich, dass die Submarines etwas über Flugzeuge wissen, aber offenbar waren sie irgendwann in der Nähe eines dicht am Meer gebauten Flughafens – Singapur vielleicht –, haben die Köpfe aus dem Wasser gestreckt und zugesehen, wie Maschinen starten und landen.

Also erzähle ich, die ich noch nie geflogen bin, was ich über Flugzeuge weiß. Die Idee, dass man auf technischem Wege ein fremdes Element bereisen kann, fasziniert sie. Für sie ist alle Technik »Metall«. Dass ein Flugzeug ganz aus Metall besteht, finden sie einleuchtend, zugleich flößt es ihnen Ehrfurcht ein: so viel Metall! Sie sind froh um jedes kleine Stück davon, um ein Messer, eine Nadel, eine Klammer, selbst um ein Stück Blech von einer Dose.

An diesem Abend machen wir kein Zusammen-zusammen, wir legen uns einfach schlafen und wachen am anderen Morgen wieder auf. Diesmal kommen keine Haie, und als ich nachfrage, erfahre ich, dass die meisten Frauen schon nicht mehr »traurig« sind. Ich vermute mal, meine kurze Periode ist ein Erbe meiner Submarin-Seite.

Beim Frühstück sind alle dafür, dem Strom weiter zu folgen; sie sind gespannt, wohin er führt.

Ich weiß, wohin er führt, aber – weiß ich es denn wirklich? Sydney, das ist im Grunde auch für mich nur ein Name auf einer Landkarte. Tante Mildred und ich sind nur einmal mit dem Zug durch Sydney durchgefahren, und da war ich erst neun.

Irgendwann am Nachmittag sind die Jäger plötzlich ganz aufgeregt. Strich-am-Bauch hat in der Ferne irgendetwas entdeckt, gibt Zwölf-Kiemen ein Zeichen, der rasch ein paar Gebärden mit Weißes-Auge wechselt, worauf diese nickt, und dann bricht auf einmal Hektik aus: Wir sollen den Strom alle verlassen, so schnell wie möglich!

Ich habe keine Ahnung, worum es geht, bin nur erschrocken und denke wieder an Haie. Immerhin schaffe ich es, die Strömung aus eigener Kraft zu verlassen, und kann auch danach mit den anderen mithalten, die den Jägern eher gemächlich folgen. Alarmstufe Rot scheint also nicht zu herrschen.

Als ich dazu komme, Lacht-immer zu fragen, was eigentlich los ist, erklärt sie, die Jäger hätten ein Viele-Fische-Netz entdeckt; das wolle man sich nicht entgehen lassen.

Was um alles in der Welt ist ein Viele-Fische-Netz?

Kurz darauf sehe ich mit eigenen Augen, was gemeint ist: Vor uns hängen fünf riesige, trichterförmige Netze von der Meeresoberfläche ins Wasser und darin schwimmen Unmengen von Fischen dicht an dicht im Kreis.

Eine Fischfarm!

Ein heißer Schreck durchzuckt mich, als mir klar wird, worum es sich dabei handelt: Das müssen die Fischfarmen von Cooktown sein! Weiter nördlich gibt es keine Fischfarmen mehr, das weiß ich zufällig.

Cooktown, du meine Güte! So weit südlich bin ich schon?

Das heißt, dass ich, wenn ich nach Seahaven zurückwill, die ganze Strecke auch wieder zurückschwimmen muss – bloß diesmal ohne eine Meeresströmung, die mich trägt!

Der bloße Gedanke lässt meine Arme und Beine lahm werden.

Lacht-immer gleitet neben mich, strahlt mich an. Heute werden wir essen, bis wir platzen!, meint sie.

Unwillkürlich grinse ich. Ja, die Fischfarmen servieren den Submarines die Nahrung sozusagen abholbereit. Alles, was sie tun müssen, ist, ein Loch ins Netz zu schneiden und zuzugreifen.

Ich verfolge, wie Taucht-tief und Schwimmt-schnell sich mit gezückten Messern dem ersten Netzbecken nähern. Die anderen Jäger folgen ihnen in einigem Abstand, die Speere stoßbereit in den Händen.

Doch da halten die beiden plötzlich inne. Sehen sich an, wechseln ein paar rasche Zeichen, die ich aus der Entfernung nicht lesen kann. Was ist los? Jetzt verharren alle, zupfen sich an den Nasen, schütteln die Köpfe.

Es riecht schlecht, meldet Schwimmt-schnell schließlich mit ausholenden Gebärden zurück. Die Fische sind nicht gut.

Das ist das Signal für Weißes-Auge, sich in Bewegung zu setzen. Sie schwimmt langsam und behäbig, ungefähr so wie ich, und wir schauen alle gebannt zu, wie sie die Gruppe der Jäger erreicht und ebenfalls zu schnüffeln beginnt. Gemeinsam mit Zwölf-Kiemen nähert sie sich dem Netz so weit, dass sie es berühren kann, dann schaut sie lange in das Gewühl der Fischleiber dahinter.

Endlich lässt sie das Netz wieder los und gibt mit einer knappen Geste ihr Einverständnis abzuziehen.

Die Fische sind krank, erklärt uns Schwimmt-schnell, als er sich wieder zu uns gesellt. Ganz unten liegen viele tote Tiere. Es ist nicht gut, sie zu essen.

Schade, meint Lacht-immer. Ich habe so Hunger.

Er fährt ihr mit der Hand liebevoll durch die Haare. Das Baby hat Hunger. Unser Kind wird ein Vielfraß.

Wir schwimmen eine Weile umher, ziellos, wie es mir vorkommt, bis wir endlich lagern. Wir verzehren die Fische, die wir noch haben, dann gehen die Jäger wieder auf die Jagd. Lacht-immer, ein paar andere Schwangere und die Älteren hüten die Kinder, und die übrigen sammeln Algen. Ich ziehe zusammen mit Wildes-Haar los und lasse mir von ihr beibringen, welche Algen essbar sind und welche nicht. Nebenbei erbeuten wir ein paar von den Muscheln, die als Zahnputz-Kaugummi verwendet werden.

Wildes-Haar ist etliche Jahre älter als ich und ich habe erst das Gefühl, sie kann mich nicht recht leiden. Aber nach einer Weile merke ich, dass sie nur sehr ruhig und gleichmütig ist und nicht redet, wenn es nichts zu reden gibt. Sie erklärt mir, was man über die Algen wissen muss, und als wir uns wieder auf den Rückweg machen, gesteht sie, dass sie gerne auch so einen Rucksack hätte wie ich.

Könnte ich ihr versprechen, ihr einen zu besorgen? Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Dazu müsste ich nach Seahaven zurück, so ein Ding kaufen, den Schwarm von dort aus wiederfinden …

Noch während mir das alles durch den Kopf geht, kommt ihr die Idee: Ich werde Flinker-Flechter bitten, mir einen zu machen, erklärt sie und strahlt.

Damit scheint sie zufrieden zu sein, aber ich bin es nicht. Was bin ich für eine Mittlerin, wenn ich nicht mal einen so simplen Wunsch erfüllen kann? Ich sollte mir vielleicht mal gründlich überlegen, wie ich solche Dinge organisieren könnte.

An diesem Abend wird wieder gesungen, aber der Gesang dient diesmal nur als Begleitung zu einem komplizierten Tanz, den Lange-Frau und Zwölf-Kiemen aufführen. Sie stellen, erklärt mir Lacht-immer, die Großen Eltern dar, wie sie beschließen, die Wassermenschen zu erschaffen. Ich schaue gebannt zu, und obwohl ich bestimmt nicht mal die Hälfte kapiere, verstehe ich dank dessen, was ich über die Geschichte der Submarines weiß, doch vieles: Ich sehe den Großen Vater, wie er über das gewaltige Meer blickt, wie der Wunsch in ihm wächst, es mit Menschen zu bevölkern, und wie er sich der Großen Mutter anvertraut und ihre Zustimmung gewinnt. Ich sehe, wie die beiden arbeiten (und kann mir das Labor dazu zweifellos besser vorstellen als die anderen), wie sie ein Gehege unter Wasser abgrenzen und wie sie immer auf der Hut sein müssen, nicht entdeckt zu werden. Und schließlich, wie die Große Mutter das erste Wasserkind gebiert: eine starke Vereinfachung, denn nach allem, was man über Professor Yeong-mo Kim weiß, müssen mehrere Dutzend Leihmütter beteiligt gewesen sein, vermutlich Frauen, die in extremer Geldnot waren. Das hat man ihm jedenfalls vor Gericht damals vorgeworfen.

Es ist seltsam, hier zu sitzen und zu sehen, wie Lacht-immer und die anderen, die den Tanz bestimmt schon unzählige Male gesehen haben, mit der Geschichte mitgehen. Seltsam auch, weil das, was Yeong-mo Kim gemacht hat, sowohl nach den damaligen wie den heutigen Gesetzen ein Verbrechen war – doch die Submarines feiern ihn. In ihren Augen ist er ein Heilsbringer, denn ihm verdanken sie, dass sie leben. Und, das spürt man mit überwältigender Klarheit: Sie leben gerne.

An einem der nächsten Tage kehrt Kleiner-Daumen, einer der Jäger, zurück mit der Neuigkeit, er habe ein Finde-Viel entdeckt.

Das versetzt den gesamten Schwarm in freudigen Aufruhr. Alle außer den ganz Alten, ganz Kleinen und den Schwangeren setzen sich in Bewegung – auch ich, denn ich will wissen, was ein Finde-Viel ist.

Schwimmt-schnell kommt natürlich auch mit, und während wir schwimmen, werde ich das Gefühl nicht los, dass er auf mich aufpasst. Er könnte viel weiter vorne sein, aber er lässt sich Zeit.

Na gut. Besser spät als nie. Wenn er auf dem Weg von Seahaven zum Schwarm genauso umsichtig gewesen wäre, hätten wir jedenfalls nicht so oft Streit gekriegt.

Kleiner-Daumen führt uns und er führt uns in die Tiefe. Wir passieren scharfe Felsabbrüche, folgen abfallenden Geröllhalden und es wird immer dunkler.

Strich-am-Bauch schwimmt schräg vor mir. Ich beobachte, wie ihre schönen langen Haare voller bunter Glasperlen im Wasser wehen, und während wir hinabtauchen, beginne ich zu verstehen, wieso die blauen und violetten am beliebtesten sind: weil man ihre Farben am längsten sieht! Rot ist die erste Farbe, die verschwindet. Sie hat einen ganzen Strang roter Perlen im Haar, aber als wir etwa zwanzig Meter tief sind, erscheinen sie nur noch als dunkelgraue Kugeln.

Dann verschwinden die gelben.

Und dann sind wir da.

Ein Finde-viel, stellt sich heraus, ist nichts anderes als eine unterseeische Mülldeponie.

Es ist ein ekelhafter Anblick. Tausende leerer, größtenteils zerbrochener Flaschen. Haufenweise Dosen in allen Größen, von Rost zerfressen. Bauschutt. Ein alter Kühlschrank. Säcke und Netze, in denen irgendwelches Zeug ist; ich will lieber nicht wissen, was. Und von alldem geht ein grässlicher Geschmack aus, der einem in der Nase beißt und die Zunge pelzig werden lässt.

Aber die Submarines machen sich begeistert darüber her, suchen die Müllhalde nach Dingen ab, die sie brauchen können. In erster Linie haben sie es auf Metall abgesehen – verbogene Nägel und Schrauben, zerdrückte Aluminiumdosen, Unterlegscheiben und was weiß ich nicht noch alles.

Ich sammle nichts, sondern halte mich am Rande des Geschehens, umrunde die Halde nur und schäme mich, zur Hälfte ein Luftmensch zu sein. Mir wird richtig schlecht und ich weiß nicht, ob es von dem Anblick kommt oder von dessen üblen Ausdünstungen.

Mein Blick fällt auf einen Haufen großer, zylindrischer Dinge. In der graublauen Farblosigkeit dieser Tiefe kann ich nicht ausmachen, worum es sich handelt. Ich schwimme näher, teils, um mich zu beschäftigen, während die anderen sammeln, teils aus Neugier.

Es sind Fässer aus Plastik. Blau, wie es scheint. Sie haben metallene Deckel, die ziemlich angefressen aussehen, und auf einem der Fässer entdecke ich einen Aufdruck.

In dicken Buchstaben lese ich ein langes, kompliziertes Wort, offenbar der Name einer Chemikalie. Darunter steht ein Datum – August 2095 –, daneben prangt ein Totenkopf.

Mit anderen Worten, die Fässer liegen schon seit über einem halben Jahrhundert hier – und sie enthalten Gift!

Ich schwimme erschrocken rückwärts. Mit dem Kleingedruckten halte ich mich erst gar nicht mehr auf; in dem schwachen Licht ist es ohnehin kaum zu lesen. Ich entferne mich so vorsichtig wie möglich, dann suche ich Schwimmt-schnell und berichte ihm, was ich gefunden habe. Wir sollten schnell weg von hier, füge ich hinzu.

Gift?, fragt er zurück. Woher weißt du das?

Es steht drauf, erkläre ich noch einmal.

Er hebt die Brauen. Du kannst die Schrift der Luftmenschen lesen, meint er. Natürlich kannst du das.

Er stößt einen Warnschrei aus. Als alle zu ihm hersehen, erklärt er ihnen mit weit ausholenden Gesten, was los ist. Doch anstatt das Weite zu suchen, schwimmen sie erst mal zu den Giftfässern hin und beäugen sie neugierig.

Die Zeichen faszinieren sie, und dass ich sie lesen kann, nicht minder. Was genau passieren könne, wollen sie wissen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als noch näher heranzuschwimmen und die Warnhinweise durchzulesen, so gut es geht.

»Ätzend. Darf nicht in Kontakt mit Augen oder Schleimhäuten kommen«, entziffere ich. Beim Übersetzen lasse ich das mit den Schleimhäuten weg; ich weiß nicht, wie ich ihnen erklären soll, was damit gemeint ist. Und wie übersetzt man »ätzend«? Gefährlich für die Augen: Das sollte reichen, oder?

Die anderen nicken nur, sehen einander an, sind beeindruckt. Mehr aber auch nicht.

Ich mache mich an die nächste Zeile. »Kann sich bei Kontakt mit Wasser entzünden.« Na, großartig!

Als ich das übersetze, reißen alle die Augen auf. Feuer? Unter Wasser? Das jagt ihnen einen mächtigen Schrecken ein. Auf einmal sind sich alle einig, dass sie eigentlich genug Sachen gefunden haben und es an der Zeit ist, das Finde-viel zu verlassen. Und dann hauen sie so schnell ab, dass ich Mühe habe, hinterherzukommen.

Das wundert mich, denn: Woher wissen Wassermenschen, was Feuer ist?

Als wir zurück im Lager sind, frage ich sie und sie erklären es mir: Es gibt an manchen Orten im Meer Berge, an deren Spitze Feuer austritt, heiß und hell und stinkend, und wer damit in Berührung kommt, verbrennt. Unterseeische Vulkane, verstehe ich. Davon war in der Schule öfter die Rede. Taucht-tief erzählt, dass der Schwarm, aus dem er stammt, etliche Jäger verloren hat, als plötzlich so ein Feuer ausbrach, und einer, der überlebt hat, hieß danach Narbige-Haut.

Ach ja, fällt ihnen ein, und die Luftmenschen. Die machen auch Feuer, wenn sie unter Wasser sind. Helles Feuer an Stäben aus Metall, das in den Augen schmerzt und zischt. Das klingt erst wirr, aber dann kapiere ich: Sie meinen Schweißarbeiten an Gebäuden, die am Meeresgrund errichtet werden, Methankraftwerke und Minen zum Beispiel.

Wir bleiben hier nicht, verfügt Weißes-Auge schließlich mit entschiedenen Gebärden. Morgen gehen wir wieder in den Strom.

Der uns noch weiter nach Süden bringen wird, wo noch viel mehr Menschen leben als im Norden und es entsprechend mehr Industrie gibt. Ich bezweifle, dass es dort besser sein wird – aber das behalte ich für mich.