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So ziehen wir weiter, weiter nach Süden, weiter mit dem Strom. Uns darin aufzuhalten, wird zur Gewohnheit, mehr noch: Stundenlang mühelos über Korallen und Felsen, Algenteppiche und Sandflecken hinwegzugleiten, vorbei an Schwärmen bunter oder silberner Fische, hat etwas Hypnotisches.

Dass ich mich mit jedem Tag weiter von Seahaven entferne, macht mir inzwischen nichts mehr aus. Immerhin bin ich noch in der Nähe der Küste; im schlimmsten Fall kann ich einfach an Land gehen und mit dem Zug zurückfahren. Wenn mich die Suche nach meinem Vater allerdings hinaus in die wirklichen Weiten des Pazifiks führen sollte … nun, das wird dann etwas anderes sein.

Allerdings sieht es bis jetzt nicht so aus, als habe Schwimmt-schnell überhaupt noch vor, mir bei dieser Suche zu helfen. Auf meine Frage, wann und wie es weitergehen soll, meint er nur, ich solle Geduld haben.

Also gedulde ich mich. Ich bin ja erst eine Woche hier, sage ich mir, und was ist schon eine Woche? Im Grunde weiß ich noch gar nichts. Und auf eigene Faust aufzubrechen, wäre eine ziemlich schlechte Idee, so viel ist mir inzwischen klar.

Zwei Tage später, als wir gerade unser Lager im Schutz einiger Felsen aufgeschlagen haben, kommt Weißes-Auge auf mich zu und bedeutet mir, ihr zu folgen. Sie wirkt dabei so streng wie eine alte Lehrerin, wenn man etwas angestellt hat. Lacht-immer ist gerade nirgends zu sehen, also begleite ich Weißes-Auge mit einem beklommenen Gefühl, das umso stärker wird, je weiter wir uns vom Lager entfernen. Unwillkürlich muss ich darüber nachdenken, was ich den Tag über alles getan und gesagt habe, und mich fragen, was davon unangemessen gewesen sein könnte.

Als wir außer Sichtweite sind, hält sie an, unterhalb einer prachtvollen Korallenwand. Ihr blindes perlmuttfarbenes Auge leuchtet, als sie mich näher heranwinkt.

Es tut mir leid, falls ich gegen eines eurer Gesetze verstoßen habe, erkläre ich mit fahrigen Gesten. Es war keine Absicht.

Sie schüttelt den Kopf. Darum geht es nicht. Mach dir keine Sorgen. Ich wollte mit dir sprechen, weil du von den Luftmenschen zu uns gekommen und nun schon einige Zeit bei uns bist. Ich möchte gern wissen, wie es dir bei uns gefällt.

Irgendwie kann ich das kaum glauben. Sie hat mich bisher kaum eines Blickes gewürdigt.

Sehr gut, versichere ich, und was das betrifft, muss ich ja nicht lügen. Alle sind sehr freundlich zu mir. Ich fühle mich hier fast mehr zu Hause als da, wo ich herkomme. Und ich lerne viel über das Leben im Meer.

Ich glaube, dass sich alle freuen, dich bei uns zu haben, erklärt sie würdevoll. Und ich denke nicht, dass es nur daran liegt, dass du die prophezeite Mittlerin sein sollst. Das mag sein oder nicht, aber es sagt ja nichts darüber, was für ein Mensch die Mittlerin wäre.

Ich lasse den Kopf kurz schräg nach vorn zur Seite kippen, eine Geste, die ich hier bei den Submarines gelernt habe: Man sagt auf diese Weise: »Wenn du es sagst, werde ich nicht widersprechen.«

Schwimmt-schnell sagt das, aber ich weiß nicht, was das bedeuten soll und ob es stimmt, gestehe ich. Eigentlich bin ich nur ein Mädchen, das seinen Vater sucht.

Weißes-Auge mustert mich nachdenklich. Sicherlich hast du aber, seit du zu uns gekommen bist, viel darüber gelernt, wie dein Vater lebt und selber aufgewachsen ist, und kannst ihn dir besser vorstellen, nicht wahr?

Das stimmt, beeile ich mich zu versichern. Aber ich will ihn mir nicht nur vorstellen. Ich will ihm wirklich begegnen.

Wenn das geschehen soll, wird es sicherlich geschehen, meint sie mit Bewegungen, die so wirken, als sei ihr das nicht sonderlich wichtig. Doch du solltest auch darüber nachdenken, was du danach tun willst.

Tja. Wenn ich das mal wüsste.

Meine Hände zögern. Das kann ich jetzt wirklich noch nicht sagen, beginne ich langsam. Ich fürchte zum Beispiel, dass ich nie als Jägerin taugen werde.

Weißes-Auge hebt nur die Schultern. Das ist nicht schlimm. Es gibt viele andere Dinge, die man zum Leben im Schwarm beitragen kann. Dann fragt sie: Hast du überlegt, Kinder zu bekommen?

Wie bitte?

Ehrlich gesagt, erklären meine Hände wie von selbst, fühle ich mich selber noch wie ein Kind.

Sie schmunzelt nur. Das geht allen so, bis sie selbst Kinder bekommen. Auf jeden Fall hast du das richtige Alter. Du könntest einen Mann erhören und alles weitere dem Schicksal überlassen. Wie wäre es mit Taucht-tief?

Jetzt bin ich wirklich verblüfft. Taucht-tief?

Ich kenne ihn, seit er ein Kind ist, meint sie. Ich weiß, dass du ihm sehr gut gefällst. Er ist nur schüchtern, erst recht, da er dich für die prophezeite Mittlerin hält.

Ich dachte, alle Männer und Frauen im Schwarm seien Paare, gestehe ich verdutzt. So wie Schwimmt-schnell und Lacht-immer, wie Zwölf-Kiemen und Lange-Frau …

Oh, nein, wehrt sie ab. Das ist nie so.

Das Gespräch hat eine Wendung genommen, mit der ich nie im Leben gerechnet hätte, aber irgendwo hat sie recht: Wenn ich wirklich in Erwägung ziehe, das Leben an Land hinter mir zu lassen und bei den Submarines zu bleiben, dann muss ich über mehr nachdenken als nur über die nächsten paar Wochen und Monate. Dann muss ich mir klarmachen, wie mein ganzes weiteres Leben aussehen würde.

Der Gedanke macht mir Angst, gestehe ich schließlich. Meine Mutter war ein Luftmensch, mein Vater ein Wassermensch. Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich ein Kind bekomme. Ob es überhaupt unter Wasser wird leben können.

Sie nickt verstehend. Ob ein Kind den Atem hat, weiß man nie. Damit müssen wir leben.

Ich weiß nicht, was sie damit meint, aber dass sie mich so forschend ansieht, dass sie so geduldig darauf wartet, dass ich eine Antwort in mir finde, hilft mit, dass es geschieht, in genau diesem Moment.

Nein, erkläre ich, ich glaube, ich will auf jeden Fall erst meinen Vater finden. Und dann sehe ich weiter. Erst dann.

Sie sieht mich lange nachdenklich an, dann meint sie: Es ist gut, sich darüber klar zu werden, was man will und was man nicht will. Beenden wir unser Gespräch an dieser Stelle. Wenn geschehen ist, was du ersehnst, erinnere dich daran, dass du bei uns willkommen bist.

Damit entlässt sie mich.

Als ich im Lager ankomme, sind alle weg außer den Kindern und Strich-am-Bauch, die auf sie aufpasst. Sie sieht mich neugierig an und wieder einmal spüre ich etwas zwischen uns, eine Anziehung oder eine Spannung, ich weiß es nicht, und wieder einmal weiß ich nicht, was ich sagen soll.

Sie aber auch nicht. Sie lächelt nur, schaut weg, schaut mich wieder an und fragt: Und? War es schlimm?

Also sind solche Gespräche mit der Ältesten manchmal doch Strafpredigten!

Nein, erwidere ich. Dann paddle ich näher, lasse mich neben ihr auf den sandigen Boden sinken und füge hinzu: Sie hat gefragt, ob ich mir nicht einen Mann suchen will.

Strich-am-Bauch lacht lautlos auf. Das ist eine gute Idee.

Wieder dieses Schweigen. Wir sehen Brav-brav zu, der heute tatsächlich ganz brav und hingebungsvoll mit einem anderen Kind das Muschelspiel spielt.

War es schwierig, die Kinder zu kriegen?, frage ich und komme mir unsagbar dämlich dabei vor. Aber ich würde es wirklich gerne wissen.

Strich-am-Bauch scheint meine Frage nicht dämlich zu finden. Sie zuckt nur mit den Schultern und meint: Ich habe Glück gehabt.

Ich merke, wie ich ein wenig in mich zusammensinke. Ich weiß nicht, wie das geht, gestehe ich. Mit der Liebe und so, meine ich.

Sie lacht wieder, schüttelt den Kopf. Was muss man da wissen?, meint sie. Liebe ist ganz einfach. Wenn dir einer gefällt, dann sagst du es ihm. Wenn du ihm auch gefällst, ist alles klar. Wenn nicht, suchst du eben einen anderen.

So hat mir das noch nie jemand erklärt. Ich schaue sie verdutzt an und wäre gern auch so unbekümmert, wie sie wirkt.

Aber der Vater deiner Kinder …?, frage ich.

Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. Ist zu einem anderen Schwarm gegangen. Am Anfang war es schön, aber nach einer Weile haben wir nur noch gestritten. Das war nicht mehr auszuhalten.

Ich nicke betreten. Tut mir leid.

Ach was. Ich war einfach noch zu jung, um dauerhaft bei einem bleiben zu können. Und er auch.

Und die Kinder?

Sie zuckt wieder mit den Schultern. Das ist kein Problem. Wenn du Kinder hast, nimmt dich jeder Schwarm gerne. Ohne Kinder auch, aber mit Kindern natürlich noch lieber.

Mir ist das nicht so klar, aber ich glaube ihr. Ich habe ohnehin den Eindruck, bei den Submarines sind Kinder immer Kinder des ganzen Schwarms.

Ich begreife auch, was es ist, was mich an Strich-am-Bauch so fasziniert: dass sie zu ziemlich das genaue Gegenteil von mir ist. Ich war mein Leben lang eher furchtsam, sie dagegen ist unbekümmert. Ich bin eher einzelgängerisch, sie dagegen ist immer da, wo etwas los ist. Ich suche nach meinem Platz im Leben – sie macht sich darüber überhaupt keinen Kopf: Wo immer sie sich befindet, da ist auch ihr Platz.

Ob beim gemeinsamen Essen, ob beim Zusammen-zusammen: Ab jetzt kann ich nicht mehr anders, als Taucht-tief verstohlen zu beobachten und Ausschau zu halten nach Anzeichen, dass er in mich verliebt ist. Ich entdecke nur keine. Liegt das an mir? Oder hat mir Weißes-Auge Märchen erzählt?

Nicht dass ich enttäuscht wäre. Taucht-tief ist ein netter Kerl, ohne Frage. Er dürfte um die zwanzig sein, etwas jünger als Schwimmt-schnell. Seine Haare schimmern rötlich, seine Augen stehen ein wenig vor und trotz seiner Muskeln wirkt er eher schmal. Er ist einer, der lieber zuschaut und selber wenig sagt, was zumindest etwas wäre, das wir gemeinsam hätten. Und er ist einer der besten Jäger.

Aber wenn ich ihn anschaue und mir vorzustellen versuche, mit ihm … nun ja, ihn zum Vater meiner Kinder zu machen, dann regt sich bei mir so gar nichts. Das ist nichts, was man beschließen könnte, nur weil einem eine alte Frau dazu rät.

Irgendwie hege ich nämlich nach wie vor die romantische Vorstellung, dass man, wenn man dem Partner seines Lebens begegnet, es sofort weiß. Es spürt. Dass in dem Moment der Begegnung etwas überspringt, der Blitz einschlägt – wie immer man es nennen will.

Und das geht mir mit Taucht-tief eben nicht so. Im Gegenteil, wenn Weißes-Auge mich nicht auf ihn aufmerksam gemacht hätte, wäre er mir nie aufgefallen.

Ich warte einen Moment ab, in dem ich mit Lacht-immer allein bin, und frage sie, wie es mit ihr und Schwimmt-schnell gewesen ist. Wie sie gewusst hat, dass er der Mann ist, von dem sie Kinder will.

Das habe ich sofort gewusst, erklärt sie und dreht sich dabei gemächlich um sich selbst. Wir treiben gerade mal wieder mit dem Strom, von dem ich das Gefühl habe, dass er immer schneller wird, je weiter südlich wir kommen. Ich war damals noch bei meiner Mutter, bei einem anderen Schwarm, und hab mich eigentlich noch gar nicht groß für Männer interessiert. Bis er eines Tages aufgetaucht ist, als Kundschafter. Ich hab ihn gesehen und gewusst, den will ich. Den und keinen anderen.

Und er?, frage ich höchst beeindruckt. Hat er es auch gleich gewusst?

Sie lacht glockenhell. Männer wissen so etwas nie, meint sie dann. Aber ich habe es ihm schließlich beigebracht.

Ich muss an Gespräche meiner Klassenkameradinnen denken, die sich ab und zu nicht überhören ließen, weil viele von ihnen über nichts lieber redeten als über Jungs. Wie es scheint, sind die Probleme, die Frauen mit Männern haben, dieselben, egal, auf welcher Seite des Meeresspiegels sie leben.

Was mir in meiner momentanen Situation natürlich auch nicht weiterhilft.

Vielleicht, sage ich mir, wird alles anders, wenn ich erst meinen Vater getroffen habe. Ich frage Schwimmt-schnell am selben Abend, wie er sich die weitere Suche eigentlich vorstellt, aber er meint wieder nur, ich solle Geduld haben.

Ja, ich bin ungeduldig, das stimmt. Aber es stimmt eben auch, dass ich noch keine zwei Wochen bei den Submarines lebe und im Grunde noch keine Ahnung vom Leben unter Wasser habe.

Also übe ich mich in Geduld.