10

Ich schalte die Tafel ein, aber in der Sonne ist es so hell, dass man nichts sieht. Also ziehe ich mich in den Schatten zurück, wo es besser auszuhalten ist, und prüfe die Einstellungen.

Aha. Ich muss beim Einpacken der Tafel vergessen haben, sie vollständig auszuschalten. Das heißt, das Ding hat die ganze Zeit versucht, ein Netz zu finden: aussichtslos unter Wasser. Kein Wunder, dass die Batterie leer war.

Na gut. Als Nächstes schaue ich nach, wo ich überhaupt bin.

Schock!

Der Felsen, auf dem ich hocke, ist der Nares Rock, was mit anderen Worten heißt, dass ich an die siebenhundertfünfzig Kilometer von Seahaven entfernt bin! Die Felsspitze, die ich im Norden über dem Horizont aufragen sehe, muss zur Insel Holbourne gehören. Ich weiß im Moment nicht genau, zu welcher Zone diese Inseln gehören, aber auf jeden Fall habe ich nicht nur die neotraditionalistische Zone hinter mir gelassen, sondern darüber hinaus noch zwei weitere Zonen.

Immerhin haben sie ein gutes Netz, sogar hier draußen. Ich rufe Tante Mildred an und es tut richtig gut, sie zu sehen.

Sie schlägt erst mal die Hände zusammen, als sie mich erblickt. Es war zwar klar, dass ich mich wahrscheinlich nicht oft melden werde, aber natürlich hat sie sich trotzdem Sorgen gemacht; so ist sie nun mal.

Tut mir leid, signalisiere ich rasch. Es ging nicht eher.

Sie nickt tapfer, versucht, sich nichts anmerken zu lassen und ganz unbekümmert zu wirken. Ist alles okay?, fragt sie. Hast du deinen Vater gefunden?

Ich schüttle den Kopf. Mir geht’s bestens. Aber das mit meinem Vater … das ist nicht so einfach, wie ich gedacht habe.

Der Ozean ist groß, meint sie und schafft ein erstes Lächeln, das nicht allzu gezwungen aussieht. Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, du kommst zurück, bevor das neue Schuljahr wieder losgeht.

Ich stutze. Ach ja, richtig. Ich blende verstohlen den Kalender ein und kriege den nächsten Schock. Es ist schon Dienstag, der 18. Januar! Das heißt, die Schule beginnt morgen!

Das schaff ich nicht mehr, muss ich zugeben. So was Blödes!

Das Leben unter Wasser hat mein Zeitgefühl völlig ausgeschaltet. Und die Schule … die hab ich komplett vergessen!

Ob das ein Zeichen ist? Wenn ich ohnehin bei den Submarines bleibe, kann es mir ja egal sein, ob die Schule mich rausschmeißt oder nicht.

Frau Van Steen hat gesagt, falls du dich meldest, soll ich dir ausrichten, dass sie dir den Platz in der Klasse freihält, erklärt mir Tante Mildred. Du musst natürlich den verpassten Stoff nachholen, aber wenn du für deine Suche länger brauchst, als die Sommerferien dauern, dann ist das in Ordnung, sagt sie.

Das wundert mich jetzt wirklich. Frau Van Steen, ihrer Neigung zu cholerischen Anfällen wegen allgemein Full Steam genannt, »Volldampf« also, ist die Direktorin der Schule und auch für eine Menge anderer Eigenheiten bekannt, aber bestimmt nicht für Nachsicht, Milde und Verständnis. Insbesondere mich hat sie seit jeher auf dem Kieker.

Das kann nur bedeuten, dass ihr jemand Druck macht. Jemand, der auf meiner Seite ist und Einfluss hat. Eine Beschreibung, die eigentlich nur auf Frau Brenshaw passt.

Ich nicke. Jetzt, da ich meine Tante wieder sehe, wird mir klar, dass ich nicht einfach untertauchen und wegbleiben kann. Selbst falls ich mich entscheiden sollte, bei den Submarines zu bleiben, muss ich noch einmal nach Seahaven zurück und meinen Entschluss mit ihr besprechen. Und mich trotzdem ab und zu melden.

Aber ich weiß gerade selber nicht, was ich will, und mit alldem kann ich sie jetzt unmöglich belasten, deswegen erwidere ich nur: Ich weiß noch nicht, wie lange ich brauche. Aber morgen früh werde ich auf jeden Fall nicht in der Schule sein können.

Wo bist du eigentlich gerade?, will sie wissen.

Ich winke ab. Irgendwo im Great Barrier Reef. Was gibt’s denn bei dir Neues?

Ach, hier ist alles wie immer, meint sie. Ich werde froh sein, wenn die Schule wieder losgeht und die regelmäßige Arbeit. Es ist ganz nett, frei zu haben, aber jetzt reicht es wieder. Tante Mildred putzt in der Schule die Toiletten; ich schätze, es ist eher das Geld, das sie vermisst, und nicht die Arbeit.

Triffst du dich noch mit Nora?

Sie nickt, lächelt. Sie spielt verdammt gut Go. Ich muss mich richtig anstrengen. Und wir kochen oft zusammen. Das macht Spaß.

Gut. Es ist gut, dass Tante Mildred endlich eine Freundin gefunden hat. Nora McKinney gehört ebenfalls zu den Gipiui Chingu und beherrscht deswegen auch die Gebärdensprache.

Ich sehe, wie Tante Mildred auf die Uhr schaut. Sie kommt übrigens jeden Moment, wir sind zum Kochen verabredet, erklärt sie. Vielleicht willst du noch mit ihr sprechen?

Das will ich definitiv nicht. Es würde darauf hinauslaufen, mir von ihr Löcher in den Bauch fragen zu lassen über mein Leben mit den Submarines, und dem fühle ich mich gerade nicht gewachsen. Deswegen rede ich mich raus: Das geht nicht, die Batterie meiner Tafel ist so gut wie leer. Sag ihr einen Gruß, ich melde mich irgendwann selber bei ihr.

Schade, meint Tante Mildred. Das hätte sie sicher gefreut. Und du weißt noch nicht, wann du zurückkommst?

Ich weiß noch nicht mal, ob ich zurückkomme, aber das kann ich ihr natürlich unmöglich sagen, deswegen ist meine Antwort: Nein, aber ich melde mich rechtzeitig vorher.

Dann schalte ich ab, damit es auch so aussieht, als hätte meine Tafel keinen Strom mehr.

Ich muss das Ganze erst mal verdauen.

Morgen früh fängt also die Schule wieder an. Das Abschlussjahr, das wichtigste von allen. Kaum zu glauben.

Ich muss mich echt entscheiden.

Wenn ich bei den Submarines bleibe, dann brauche ich keinen Abschluss, kein Studium, keinen Beruf. Ich werde keinen Bürger-Vertrag unterzeichnen müssen, sobald ich achtzehn werde, werde keine ID brauchen und kein Konto, und Steuern werde ich auch keine zahlen müssen. Ich werde einfach nur Algen sammeln, Kinder hüten und singen.

Das Problem ist, dass mir diese Aussicht ziemlich langweilig vorkommt.

So schlecht ist das moderne Leben gar nicht. Es stimmt schon, es ist ziemlich kompliziert, aber dafür ist es auch interessant. Man kann Bücher lesen, Fahrrad fahren (wenn man eins hat), schöne Kleidung tragen (wenn man sie sich leisten kann), und auch wenn der Fisch, den man an Land kaufen kann, nicht an den heranreicht, den man bei den Submarines bekommt, ist die Auswahl an gutem Essen doch enorm viel größer als da unten im Ozean!

Die Vorstellung, dass meine Tante ihre Freundin heute vielleicht mit einem Lammbraten bewirtet, lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Ich nehme die Tafel wieder an mich, studiere die Karte der Umgebung. Angenommen, ich verabschiede mich morgen früh von Lacht-immer und dem Schwarm und schwimme an Land: Das wären rund fünfundzwanzig Kilometer. Die könnte ich bis zum Abend schaffen. Ich würde in der Gegend um Bowen an Land gehen und in Bowen gibt es einen Bahnhof, an dem zweimal pro Tag ein Zug der Küsten-Linie in Richtung Norden hält: morgens um 41 Tick – das ist ungefähr halb zehn Uhr nach neotraditionalistischer Zeitrechnung – und nachmittags um 70 Tick, kurz nach sechzehn Uhr also. Selbst wenn ich mir Zeit ließe, wäre ich spätestens am Wochenende wieder in Seahaven, und in der ersten Schulwoche, die eh keine ganze Woche ist, passiert sowieso nichts Wichtiges.

Die Tafel wird mir in den Händen schwer.

Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.

Dann fällt mir ein, wen ich noch anrufen wollte. Ich räuspere mich, spreche probehalber ein paar Worte in die Luft: »Hallo« und »Guten Tag« und »Wie geht’s?« Das fühlt sich ungewohnt an, noch ungewohnter, als sich wieder an die Schwere zu gewöhnen: Ich habe seit vier Wochen praktisch kein Wort mehr gesprochen!

Na gut, das wird sich finden, sage ich mir und rufe Pigrit an.

Das Rufzeichen leuchtet auf dem Schirm. Das tut es ziemlich lange, ehe es endlich von einem Gesicht abgelöst wird. Doch nicht das Gesicht meines besten Freundes erscheint, sondern das von Susanna Kirk, mit der er neuerdings zusammen ist.

»Oh, hallo, Saha«, begrüßt sie mich. Ihre Stimme zu hören, eine menschliche Stimme, die Worte und Sätze sagt, kommt mir äußerst absurd vor.

»Hallo, Susanna«, sage ich mühsam. »Ist Pigrit da?«

»Ja, warte.«

Sie trägt mich – oder besser gesagt, Pigrits Tafel – durch das Zimmer, und als ich einen Moment lang ein Skelett erblicke, weiß ich, dass es Pigrits Zimmer sein muss.

Aber ich schätze mal, er hat die letzten vier Wochen Besseres zu tun gehabt, als die lateinischen Namen der Knochen auswendig zu lernen.

Endlich taucht auf dem Schirm das vertraute dunkelhäutige Gesicht mit der breiten Nase und dem breiten Grinsen auf: Pigrit, der mir geholfen hat, das Geheimnis meiner Herkunft zu lüften.

»Hi, Saha«, ruft er. »Schön, dich zu sehen! Na, ist dir eingefallen, dass morgen die Schule wieder losgeht?«

Ich seufze. »Nein, hatte ich völlig vergessen. Ich hab vorhin meine Tante angerufen, die hat mich daran erinnert.«

»Und? Wo steckst du?«

»Ich sitze gerade auf dem Nares Rock, falls dir das was sagt.«

Pigrit kneift die Augen zusammen, überlegt kurz und pfeift dann bewundernd. »Oha. Das ist in der Syntech-Zone, oder? Bowen, Proserpine, Whitsunday-Inseln und so weiter. Da bist du ja ganz schön weit gekommen.«

»Ich hatte ja auch vier Wochen Zeit«, sage ich. »Und wir sind mit dem East Australian Current gereist.«

»Im Ernst?«

»War genial.« Es tut so gut, ihn zu sehen, ihn und auch Susanna, die ihm über die Schulter späht. »Und? Was hat sich in Seahaven getan, während ich fort war?«

Er legt die Stirn in Falten. »Hmm, lass mal überlegen …«

»Verstehe«, spotte ich. »Ihr habt die Ferien komplett im Bett verbracht und überhaupt nichts mitgekriegt.«

Susanna kichert.

Ich kann nicht sehen, ob Pigrit rot wird, dazu ist seine Haut zu dunkel, aber etwas verlegen wirkt er auf jeden Fall. »Ganz so war es nicht –«

»Nein«, meint Susanna, »ein paarmal waren wir auch am kleinen Strand.«

Die beiden scheinen wirklich schwer verliebt zu sein. Ich werde ganz neidisch. Strich-am-Bauch fällt mir ein und wie sie mir erklärt hat, Liebe sei doch ganz einfach. Wie es aussieht, ist sie das auch – für alle außer mich.

»Nein, im Ernst«, sagt Pigrit und klingt plötzlich ernst. »Die wichtigste Neuigkeit dürfte sein, dass du inzwischen berühmt bist, Saha.«

»Berühmt?«, wiederhole ich bang. »War ich das nicht schon?« Meine Aktion auf dem Gründungsfest, als ich Jon Brenshaw beim Schwimmwettbewerb das Leben gerettet habe, hat für ziemlichen Wirbel gesorgt, ja, aber ich war eigentlich davon ausgegangen, dass sich der längst wieder gelegt hätte.

Pigrit reibt sich verlegen das Kinn. »Die Sache ist die, dass Aufnahmen von deiner Anhörung die Runde durch die Medien gemacht haben. Vor allem die Aussage von Doktor Walsh, dass du eine Chimäre bist.« Er hört gar nicht auf, sich das Kinn zu reiben. »Erinnerst du dich an die Eltern, die ihrem Kind ein Geparden-Gen haben einpflanzen lassen und deswegen aus der Zone verbannt worden sind?«

»Ja, klar«, sage ich. Daran erinnert sich jeder, denn die Sache hat damals für allerhand Wirbel gesorgt. Das Ehepaar Taylor, beides berühmte Sportler – George Taylor ist australischer Meister über 1.000 Meter gewesen, Paris Taylor Olympiasiegerin über 100 und 200 Meter –, haben ihrem Sohn Geparden-Gene implantieren lassen, um ihn zum besten Läufer aller Zeiten zu machen. Und das wäre vielleicht sogar nie aufgefallen, wenn sie ihn nicht schon vor seiner Geburt für ein Sport-Internat angemeldet hätten.

»Die haben angekündigt, den Zonenrat wegen ihrer Verbannung zu verklagen«, fuhr Pigrit fort. »Deinetwegen.«