Aber –«, sage ich und halte inne. Klar, für die Taylors muss es so aussehen, als würde der Zonenrat nach zweierlei Maß messen. »Das heißt, von den Submarines weiß es niemand?«
Pigrit schüttelt den Kopf. »Nach wie vor das bestgehütete Geheimnis der Welt. Und die Brenshaws legen sich mächtig ins Zeug, damit das auch so bleibt.«
»Dann ist doch alles halb so wild, oder?«
Ich sehe ihn seufzen. »Das Problem ist, dass der Zonenrat auf keinen Fall erlauben kann, dass die Taylors zurückkommen. Das, was sie getan haben, ist ein so eindeutiger Verstoß gegen die Prinzipien des Neotraditionalismus, dass sie ihn nicht tolerieren können. Auf der anderen Seite bestehen die Brenshaws darauf, das Geheimnis um die Existenz der Submarines zu wahren, selbst um den Preis, den Prozess vor dem Höchsten Gericht zu verlieren.«
Der Familie Brenshaw gehört das wichtigste Unternehmen der ganzen Zone, ihr Wort hat von daher enormes Gewicht.
»Das ist ein unlösbarer Konflikt«, stelle ich fest.
Pigrit legt den Kopf zur Seite. »Leider nicht. Eine Lösung gibt es.«
»Nämlich?«
»Sie überlegen, dich auch zu verbannen.«
»Was?«
»Der Form halber. Sie würden dich dafür entschädigen. Ein eigenes Apartment in einer freien Zone deiner Wahl, ein Stipendium, finanzielle Unterstützung, all so was.«
Das zu hören, ist wie ein Schlag in die Magengrube. »Das können sie doch nicht machen!« Aber dann wird mir klar, dass sie das sehr wohl machen können. Der Zonenrat hat bis jetzt nur über den Fall James Thawte entschieden, über mich dagegen noch nicht. »Warum hat mir Tante Mildred davon nichts gesagt?«
»Sie weiß es noch nicht«, sagt Pigrit ernst. »Das wird bis jetzt nur intern diskutiert.« Das heißt, er hat es über seinen Vater erfahren.
Die Tafel scheint auf einmal so schwer zu sein, dass ich sie kaum noch halten kann. »Dann hat es nicht viel Sinn, wenn ich zurückkomme, oder?«
Pigrit hebt die Schultern und sieht plötzlich sehr traurig aus. »Auf lange Sicht betrachtet eher nicht, stimmt«, sagt er.
Deswegen ist er mein Freund: Es ist oft unangenehm, was er einem sagt. Aber man kann sich darauf verlassen, dass es immer die Wahrheit ist.
»Allerdings meint Dad, so ein Verfahren, das kann sich auch lange hinziehen«, fährt er fort. »Gut möglich, dass man es so weit verschleppen kann, dass du das Abschlussjahr noch machen kannst.«
»Bei James Thawte ging es ganz schnell.«
»Das war etwas anderes. Der ist ja quasi mit Blut an den Händen erwischt worden. Aber bei dir wollen sie die Entscheidung hinauszögern. Sie haben Dad mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt, und als er gesagt hat, im Moment hätte er keine Zeit, weil er sich auf die Konferenz in Sydney vorbereiten muss, meinten sie, kein Problem, er könne sich ruhig ein halbes Jahr Zeit lassen oder auch länger.«
Das beruhigt mich nur wenig. »Ein Gutachten? Was für ein Gutachten?« Pigrits Vater ist schließlich kein Biologe oder Mediziner, sondern Historiker. Zwar der vielleicht berühmteste Historiker Australiens, aber eben genau das.
»Sie wollen eine detaillierte Darlegung, wie sich die Haltung des Neotraditionalismus zur Gentechnik entwickelt hat«, erklärt Pigrit. »Was eigentlich kein Gutachten mehr ist, sondern ein ganzes Buch.«
Ich will nicht in einer der freien Zonen leben, schon gar nicht gezwungenermaßen. Vor allem aber will ich nicht, dass Tante Mildred aus Seahaven weggehen muss, wo sie zum ersten Mal im Leben glücklich ist.
»Wann ist denn diese Konferenz in Sydney?«, frage ich, einfach so, weil ich das Gefühl habe, irgendetwas sagen zu müssen und nicht weiß, was.
»Am dritten Wochenende im Februar«, sagt Pigrit. Ich sehe an seiner Handbewegung, dass er den Kalender einblendet, um nachzuschauen. »Neunzehnter und zwanzigster. Susanna und ich fahren hin. Wir kriegen sogar von Donnerstag bis Montag frei.«
»Frei? Und die Volldampf erlaubt das?«
»Sie ist nicht wiederzuerkennen«, meint Pigrit. »Handzahm geworden, sozusagen.«
»Wird bestimmt toll, oder?«, sage ich in dem Versuch, mich für die beiden zu freuen. Wenn ich selber schon nichts habe, über das ich mich freuen kann.
»Ich kann’s kaum erwarten«, wirft Susanna ein. »Ich war noch nie in Sydney.«
»Es haben sich dreimal so viele Teilnehmer angemeldet wie erwartet«, erzählt Pigrit. »Deswegen haben sie die Konferenz in den Ocean Dome verlegt. Weil die Räume der Universität nicht groß genug gewesen wären.« Er kriegt leuchtende Augen. »Der Ocean Dome, Saha! In dem riesigen Saal mit dem Aquarium darum herum! Das wird der Hammer.«
»Toll«, sage ich und versuche, begeistert zu klingen. Ich habe natürlich Fotos von diesem Saal gesehen – wer nicht? Wenn man dort im Auditorium sitzt, muss es aussehen, als säße man unter einer gigantischen Muschelschale, die sich direkt ins Meer öffnet. Was sie in Wirklichkeit natürlich nicht tut, vielmehr liegt der Rand der kuppelförmigen Decke auf einem Aquarium voller Tropenfische, das die riesige Tribüne halbkreisförmig umschließt und durch das von draußen Sonnenlicht hereinfällt. Das sieht auf Bildern grandios aus, aber alle, die schon mal dort waren, sagen, in Wirklichkeit sei es noch toller.
Doch meine Stimmung kann das gerade auch nicht heben.
»Und«, fügt Pigrit hinzu, »es steht jetzt fest, dass WorldNet die gesamte Konferenz live überträgt.«
»WorldNet?«, wiederhole ich. WorldNet ist das größte Netzwerk der Welt – was interessiert die eine Konferenz von Historikern?
»Ja«, bekräftigt Pigrit. »Das wird die wichtigste Seerechtskonferenz seit dreißig Jahren. Jede Menge Politiker aus aller Welt kommen. Alle Mitglieder des Weltmeeresrats. Und so weiter. Und alle werden sich anhören müssen, was Dad über die Geschichte des Seerechts der letzten zweihundert Jahre zu sagen hat.«
»Spannend«, sage ich, obwohl mir das Seerecht gerade kaum gleichgültiger sein könnte. »Na, dann wünsch ich euch auf jeden Fall schon mal viel Spaß in Sydney.«
Pigrit runzelt die Stirn. »Du kommst doch aber vorher zurück, oder? Ich meine – Schule und so …«
»Mal sehen«, sage ich und fühle mich auf einmal so entsetzlich müde. »Ist eine ziemliche Strecke. Und in die andere Richtung gibt es keinen Strom, der einen tragen würde.«
»Verstehe«, sagt er. »Pass auf jeden Fall auf dich auf!«
»Ich melde mich vielleicht noch mal«, sage ich. Dann schalte ich ab.
Jetzt weiß ich endgültig nicht mehr, wohin ich soll. Ich lege die Tafel zurück in die Sonne, rolle mich unter dem überhängenden Stein zusammen und weine mich in den Schlaf.
Als ich wieder aufwache, steht die Sonne schon ziemlich tief, die Tafel ist voll aufgeladen und ich habe Hunger. Höchste Zeit, zum Schwarm zurückzukehren.
Falls die mich in der Zwischenzeit nicht auch verstoßen haben.
Diesmal achte ich darauf, die Tafel richtig auszuschalten, ehe ich sie wieder einpacke. Dann schnalle ich meinen Rucksack um, klettere zum Ufer hinab und tauche unter. Lasse alle Luft aus mir entweichen und atme wieder Wasser, frisches, weiches Meerwasser.
Es fühlt sich an, wie nach Hause zu kommen.
Ich schwimme den Weg zurück, den ich gekommen bin, mit raschen, straffen Schwimmzügen. Je länger ich schwimme, desto wütender werde ich auf die Leute in Seahaven, auf den Zonenrat, auf alle Luftmenschen. Sollen sie doch machen, was sie wollen! Sollen sie sich doch ihre ach so edlen Prinzipien sonst wohin stecken! Ich bin nicht auf sie angewiesen. Ich kann einfach ins Meer springen und bin weg, und alles, was ich brauche – etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen –, finde ich auch alleine, wenn es sein muss.
Zwischendurch wundere ich mich, dass ich mich nicht verirre, aber das tue ich tatsächlich nicht, sondern erreiche das Lager ohne Probleme.
Und sie sind tatsächlich alle noch da.
Aber es herrscht eine eigenartige Anspannung, wie ich sie noch nie erlebt habe. Sie begrüßen mich, aber nur mit einem kurzen Nicken, so, als sei ich nur mal eben zum Pinkeln um die Ecke gewesen. Andere mustern mich, als sei ihnen erst vorhin wieder eingefallen, dass ich ja zur Hälfte ein Luftmensch bin und sie Luftmenschen nicht leiden können.
Ich halte nach Lacht-immer Ausschau, sehe sie aber nirgends.
Dafür treffe ich auf Lange-Frau.
Was ist denn los?, frage ich mit raschen Handbewegungen.
Eine Kundschafterin ist angekommen, erklärt sie mit ernstem Gesicht. Und sie behauptet, sie kennt deinen Vater.