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Ich starre sie an, kann kaum glauben, dass ich das richtig verstanden habe, frage noch einmal nach.

Komm, sagt sie nur. Ich bring dich zu ihr.

Ich folge ihr wie betäubt. Ist das wirklich wahr? Ausgerechnet jetzt, gerade als ich dicht davor war, die Suche aufzugeben?

Die anderen weichen zur Seite, lassen uns passieren, schauen mich eigenartig an. Sogar ein paar Clownfische, die zwischen ihnen schwimmen, glotzen in meine Richtung.

Dann erblicke ich sie. Weißes-Auge sitzt auf einem Stein und neben ihr eine Frau, die ich noch nie gesehen habe.

Und Lacht-immer, die mich voller Freude anstrahlt.

Und Schwimmt-schnell, der finster dreinschaut.

Was ist hier los?

Da bist du ja endlich, begrüßt mich Weißes-Auge. Dann stellt sie mich der Fremden vor: Das ist Von-oben. Von-oben, dies ist die Kundschafterin Narbe-am-Kinn.

Ich mache die Geste des Grußes, aber ich tue es mit dem Gefühl, alles nur zu träumen. Narbe-am-Kinn? Der Name ist ein Witz. Die Frau hat Narben am ganzen Körper! Sie sieht aus, als würde sie jede Woche mit Haien kämpfen – und als würde es ihr Spaß machen!

Hallo, Von-oben, sagen ihre Hände, während sie mich von Kopf bis Fuß mustert.

Es ist ein unangenehm durchdringender Blick, aber vielleicht muss das so sein, wenn man als Kundschafter unterwegs ist. Ich mustere sie ebenfalls. Sie trägt eine Kette aus Hai-Zähnen um den Hals und sieht auch sonst höchst verwegen aus. Ihre Augen sind blaugrau, ihre Haare zimtbraun und rabiat kurz geschnitten. Ihre Arme wirken drahtig und sie hat enorme Schwimmhäute zwischen den Fingern, genau wie Schwimmt-schnell.

Stimmt es, dass du meinen Vater kennst?, frage ich. Gehthinauf?

Sie nickt. Er hat eine Zeit lang bei meinem Schwarm gelebt, erklärt sie. Während ihre Hände sprechen, scheint sie jede meiner Reaktionen zu studieren. Wo er hingegangen ist, weiß ich nicht. Ich war nicht da, als er uns verlassen hat. Aber ich kann dich zu unserem König bringen. Er wird es wissen.

Ich bin verblüfft, dass sie wirklich das Handzeichen für »König« benutzt (die gespreizte Hand hinter dem Kopf, sodass die Finger eine Krone andeuten), ein Zeichen, bei dem in meinem Lexikon der Gebärdensprache stand: »Veraltet. Nur noch gebräuchlich, um alte Märchen nachzuerzählen. Nicht verwenden, um gewählte Regierungschefs oder Repräsentanten zu bezeichnen!«

Und vor allem bin ich verblüfft, dass Schwimmt-schnell recht behalten hat. Wir haben gesungen und getanzt, und nun ist diese Kundschafterin gekommen. Und das Problem, meinen Vater zu finden, löst sich von selber!

Gut, erwidere ich. Dann bring mich zu deinem König. Bitte, füge ich hinzu.

Im nächsten Augenblick packt mich Schwimmt-schnell am Arm und zieht mich mit sich. Sobald wir ein Stück von den anderen entfernt sind, redet er mit hastigen, kleinen Handzeichen auf mich ein: Warte. Nicht so schnell. Mir gefällt das alles nicht.

Wieso?, frage ich verwundert zurück. Genau auf so etwas haben wir doch gewartet. Oder etwa nicht?

Lacht-immer kommt hinzu, kugelrund und ungewöhnlich ärgerlich auf den Vater ihres Kindes. Von-oben hat recht, meint auch sie. Das ist eine Fügung. Dafür haben wir gesungen.

Schwimmt-schnell gibt einen knurrenden Laut von sich. Er schaut zu den anderen hin, die uns alle neugierig beobachten, dann erklärt er mit Gesten, die so klein sind, dass niemand außer uns sie versteht: Das wäre alles gut und schön, wenn sie nicht ausgerechnet von den Graureitern käme!

Ich sehe, wie Lacht-immer auf diesen Einwand hin unwillkürlich nickt. Man kann es sich nicht aussuchen, meint sie.

Die Rede ist offenbar von einem Schwarm, der keinen besonders guten Ruf genießt.

Was ist mit diesen Graureitern?, frage ich mit ebenso kleinen Gesten wie Schwimmt-schnell.

Er schaut noch finsterer drein, als er es schon die ganze Zeit tut. Es war unvorsichtig, der Frau alles über Von-oben und ihren Vater zu erzählen, meint er, an Lacht-immer gewandt. Dann sieht er mich an und fährt fort: Die Graureiter sind ein schrecklich herrschsüchtiger Schwarm. Sie wollen, dass alle sich ihnen anschließen und tun, was sie sagen. Beziehungsweise, was ihr Ältester sagt. Er schüttelt den Kopf, korrigiert sich: Nein, es ist nicht ihr Ältester. Sie haben einen Anführer, dem sie folgen.

Er scheint es nicht über sich zu bringen, das Zeichen für »König« zu benutzen; vielleicht aber auch einfach nur, weil man das nicht auf unauffällige Art tun kann.

Eins ist jedenfalls klar: Schwimmt-schnell hat absolut keine Lust, sich von Graureitern etwas sagen zu lassen.

Das mag ja alles sein, erwidere ich. Aber was hat das mit mir und meinem Vater zu tun? Ich will nur wissen, wo ich ihn finden kann. Dafür braucht sich niemand den Graureitern anzuschließen.

Lacht-immer nickt in Schwimmt-schnells Richtung. Da hat sie recht.

Schon, räumt er ein. Ich misstraue denen einfach. Die Graureiter sind eine hinterhältige Bande. Wer weiß, ob ihre Kundschafterin nicht einfach lügt. Du hast es ihr ja leicht gemacht, wirft er Lacht-immer vor.

Und was hätte sie davon zu lügen?, fragt Lacht-immer zurück.

Schwimmt-schnell zuckt mit den Schultern. Weiß ich nicht. Ich kann nicht denken wie ein Graureiter. Ich will es auch gar nicht können.

Ein bellender Laut lässt uns herumfahren. Weißes-Auge hat ihn ausgestoßen und nun befiehlt sie uns mit einer knappen Geste zu sich.

Wir gehorchen.

Von-oben, beginnt Weißes-Auge langsam, die Kundschafterin Narbe-am-Kinn hat sich bereit erklärt, dich zu ihrem Schwarm zu bringen. Ist es das, was du willst?

Ich zögere. Was ich will, ist, meinen Vater zu finden.

Narbe-am-Kinn sieht Weißes-Auge an, blickt mit vorgerecktem Unterkiefer in die Runde und erklärt dann: Du wirst deinen Vater bei uns nicht mehr finden. Aber du wirst jemanden finden, der dir sagen kann, wohin er gegangen ist.

Wie lange ist es her, dass er euren Schwarm verlassen hat?, hake ich nach.

Sie überlegt. Während sie das tut, wird mir klar, dass das eine ziemlich dumme Frage war, denn mit den Zeitbegriffen der Submarines kenne ich mich immer noch nicht richtig aus.

Eine Frau meines Schwarmes war schwanger, als Geht-hinauf gegangen ist, erklärt Narbe-am-Kinn. Und sie hat ihr Kind noch nicht.

Mit anderen Worten: Es ist weniger als neun Monate her. Eher nur ein halbes Jahr.

Ich spüre, wie mein Herz vor Aufregung heftig schlägt. Dann würde ich gern mit dir gehen.

Es ist eine Chance. Eine bessere werde ich so bald nicht wieder kriegen, egal, was für Probleme Schwimmt-schnell mit den Graureitern hat.

Im nächsten Moment ist er neben mir, so unvermittelt, dass ich richtig zusammenzucke. Er hebt die Hand, fordernd, und als Weißes-Auge ihm mit einem Nicken das Wort erteilt, erklärt er mit weit ausholenden, entschiedenen Gesten: Ich glaube der Kundschafterin nicht. Jeder weiß, dass die Graureiter alle dazu bringen wollen, sich ihnen anzuschließen. Und Narbe-am-Kinn hat uns nichts über Geht-hinauf erzählt, was sie nicht zuvor von uns erfahren hat.

Die Kundschafterin lächelt nur geringschätzig und erwidert: Es sind viele Gerüchte über uns in Umlauf, weil wir mächtig sind und uns viele darum beneiden. Selbstverständlich achten wir die Freiheit aller Schwärme. Wir bieten lediglich all jenen unseren Schutz an, die von den Luftatmern bedroht werden.

Es sieht schrecklich unehrlich aus, wie sie das sagt. Irgendwas an ihr erinnert mich an meine Erzfeindin Carilja, die auch immer so scheißfreundlich getan hat, wenn sie darauf aus war, jemandem das Leben zur Hölle zu machen. Meistens mir.

Trotzdem bin ich entschlossen, Narbe-am-Kinn zu begleiten. Der einzige Weg, mit den Cariljas dieser Welt fertigzuwerden, ist der, sich von ihnen keine Angst machen zu lassen.

Wir werden uns den Graureitern nicht anschließen, erklärt Weißes-Auge, an Narbe-am-Kinn gewandt, und wir brauchen auch keinen Schutz vor den Luftatmern. Bist du dennoch bereit, Von-oben bei der Suche nach ihrem Vater zu helfen?

Selbstverständlich, erwidert die Kundschafterin sofort.

Schwimmt-schnell wedelt aufgeregt mit den Händen. Vonoben ist die prophezeite Mittlerin zwischen den Welten. Sie hat bis jetzt bei den Luftatmern gelebt und wenig Erfahrung mit dem Leben im Wasser. Ich habe versprochen, ihr bei ihrer Suche zu helfen, und sie hat sich meinem Schutz anvertraut

Das ist doch ganz einfach, mischt sich Lacht-immer ein. Du gehst einfach mit und passt auf Von-oben auf!

Zustimmendes Nicken, so weit das Auge reicht. Auch mir gefällt diese Idee außerordentlich gut.

Nur Schwimmt-schnell nicht. Unser Kind kann jeden Tag zur Welt kommen, protestiert er. Da will ich dabei sein!

Lacht-immer schüttelt schmunzelnd den Kopf und ich sehe, dass auch Weißes-Auge lachen muss.

Ach was, winkt Lacht-immer ab. Bis dahin ist noch viel Zeit.

Weißes-Auge hebt die Hand, und als alle zu ihr hersehen, erklärt sie: So werden wir es machen. Wenn Von-oben es wünscht, soll sie mit Narbe-am-Kinn zum Schwarm der Graureiter gehen und Schwimmt-schnell soll sie begleiten.

Sie sieht Narbe-am-Kinn fragend an, die mit einer gelassenen Geste ihr Einverständnis bekundet.

Und nun, fährt Weißes-Auge fort, wollen wir essen, singen und tanzen!