13

Es ist eine traumhaft klare Nacht. Das Licht des fast vollen Mondes rieselt auf uns herab, verzaubert alles ringsum, lässt Korallen zu Silber werden und Fische zu Fabelwesen.

Und mich lässt er nicht schlafen.

Ich habe nicht getanzt, weil ich die Tänze nicht beherrsche, aber ich habe mitgesummt, voller Inbrunst und Abschiedsschmerz, und eigentlich sollte ich müde und entspannt sein und schlafen wie ein Baby. Aber ich kann nicht, nicht in dieser Nacht. Ich liege wie immer zwischen den anderen, die alle schlafen, mit offenen Mündern und sich ab und zu träge umherwälzend. Hier und da bewegen sich Arme schwerelos im Wasser, Seeanemonen gleich, und ich kann nicht schlafen, starre nur hinauf zu der silbern schimmernden Trennfläche zwischen Wasser und Luft, deren Wellen das Mondlicht flimmern lassen.

So kriege ich mit, wie Narbe-am-Kinn sich zusammen mit einem Mann vom Lager entfernt, ihn in den Schatten hoch aufragender Korallen zieht und ihre Arme um ihn schlingt, ehe sie im Dunkel verschwinden, und ich schlafe immer noch nicht, als sie wieder zurückkommen. Sie grinsen beide ziemlich zufrieden und nun erkenne ich den Mann auch: Es ist Taucht-tief!

Auch wenn es Quatsch ist, macht mich das richtig eifersüchtig. Haben nicht alle gesagt, Taucht-tief sei in mich verliebt? Zwar habe ich davon nie etwas bemerkt, aber dass er sich einfach auf eine schnelle Nummer mit dieser narbigen Muskelfrau einlässt, empört mich trotzdem irgendwie.

Über meiner Empörung muss ich eingeschlafen sein, denn ich erwache mit den anderen und es ist heller Tag.

Der Tag unseres Aufbruchs.

Natürlich nicht sofort. Erst wird noch gefrühstückt, und während wir alle kauen, erklären mir die Frauen, wie sehr sie mich vermissen werden, was mich ganz schön verblüfft, weil ich es nicht gewöhnt bin, dass mir jemand so etwas sagt. In meinem bisherigen Leben hat es höchstens meine Tante Mildred gegeben, die mich hätte vermissen können, und selbst bei ihr hält es sich, wie mir unser Telefonat gezeigt hat, in Grenzen.

Auch die Männer kommen fast alle herüber, um mir eine gute Reise und viel Erfolg bei der Suche nach meinem Vater zu wünschen. Sogar Taucht-tief kommt, schüchtern wie immer und so, als sei in der Nacht gar nichts gewesen. Ich hab das doch nicht nur geträumt, oder? Auf einmal bin ich mir nicht mehr sicher.

Lacht-immer belässt es nicht bei guten Wünschen, sondern umarmt mich und knuddelt mich, als sei sie entschlossen, mich doch lieber nicht ziehen zu lassen. Und ich, die ich es normalerweise nicht so mit Umarmen und Küssen und so weiter habe, genieße es, ihren vollen, lebendigen Körper zu spüren, will gar nicht, dass die Umarmung endet.

Aber natürlich endet sie doch. Schwimmt-schnell hat mithilfe einer komplizierten Prozedur, bei der er und die anderen Jäger allerhand Steine und Muscheln auf dem sandigen Boden umhergeschoben haben, mögliche Treffpunkte verabredet. Nun, da er weiß, wo er den Schwarm wiederfinden wird, ist er bereit zum Aufbruch.

Narbe-am-Kinn sowieso. Sie schwebt schon mit verschränkten Armen über dem Lagerplatz und macht ungeduldige Bewegungen mit den Füßen. Wäre sie eine Luftatmerin und gezwungen, auf einem Boden zu stehen, hätten wir garantiert die ganze Zeit ein nerviges Tapp-tapp-tapp zu hören bekommen.

Zum Schluss kommt Weißes-Auge, legt mir die Hand auf die Stirn und schließt für einen Moment die Augen. Von der Verabschiedung Strich-am-Bauchs her weiß ich, dass dies der Segen der Großen Eltern ist, deren Obhut sie mich anvertraut. Und seltsam – obwohl ich weiß, dass der Große Vater ein koreanischer Wissenschaftler war, der verbotene Experimente durchgeführt hat, tut mir ihr Segen gut. Wahrscheinlich, weil es dabei nicht auf irgendwelche Sprüche ankommt, sondern auf den Segnenden.

Schwimmt-schnell sieht in die Runde, hebt die Hände. Bis wir uns wiedersehen.

Bis wir uns wiedersehen, erwidern die anderen.

Lacht-immer lächelt tapfer, aber ich kann sehen, dass es ihr schwerfällt. Vielleicht weint sie sogar, aber im Meer kann man Tränen nicht sehen.

Dann schwimmen wir los.

Ich schwimme den beiden einfach nach. Weiß Schwimmt-schnell, wohin es geht? Ich weiß es jedenfalls nicht und ich habe auch genug damit zu tun, nicht hinter den beiden zurückzufallen. Ich habe ihnen eingeschärft, bloß nicht zu vergessen, dass ich nicht so schnell vorankomme wie sie, aber ich bezweifle stark, dass sie daran denken werden.

Noch kann ich mithalten. Doch der Preis dafür ist, dass mir nach kurzer Zeit schon die Arme wehtun. Für jeden Schwimmzug, den einer der beiden macht, muss ich zwei machen.

Auch wenn ich keine Ahnung habe, wohin wir unterwegs sind, merke ich doch, dass wir uns quer zur bisherigen Reiseroute des Schwarms bewegen, vom Festland weg, mit anderen Worten: hinaus in den offenen Pazifik.

Noch so ein »Was mache ich eigentlich hier«-Moment. Bis jetzt war ich noch nie so weit von der Küste entfernt, dass ich nicht in einem, maximal zwei Tagen hätte zurück an Land schwimmen können. Doch nun liegen Tausende von Kilometern vor mir mit nichts als Wasser und weniger Inseln, als man bräuchte, um auch nur die Landfläche einer kleinen australischen Zone zusammenzukriegen.

Kommt mir das nur so vor oder wird das Wasser dunkler? Kälter? Blauer?

Narbe-am-Kinn schwimmt voraus und Schwimmt-schnell hält sich neben ihr. Zwischen den beiden ist eine Spannung spürbar, dass man jeden Moment damit rechnet, Blitze durchs Wasser zucken zu sehen. Sie würden beide nur zu gerne rausfinden, wer von ihnen schneller schwimmt, aber sie können es nicht, ohne mich zu verlieren, und das ärgert sie. Aber was soll ich tun? Ich bin nun mal keine Rakete, ich bin ein Land-Wasser-Mischling ohne Schwimmhäute.

Ich habe mir fest vorgenommen, es nach Möglichkeit nicht zu tun, nur wenn es unbedingt nötig ist, aber es wird nötig, noch ehe wir Mittag haben: Ich muss einen Schrei ausstoßen, weil die beiden vor mir im endlosen Blau des Pazifiks verschwunden sind.

Der Punkt ist: Hier draußen gibt es Haie. Und andere, auch nicht gerade harmlose Tiere. Tiere, die Lebewesen interessant finden, die Töne von sich geben.

Kein Wunder, dass ich nicht so lange warten muss wie am Anfang, als ich noch mit Schwimmt-schnell alleine unterwegs war, in der Nähe der Küste, wo sich die Haiabwehrgebiete überlappen. Mein Schrei ist noch nicht verhallt, da kommen sie schon beide angeschossen und diesmal schwimmen sie wirklich um die Wette!

Schwimmt-schnell ist als Erster bei mir.

Entschuldige, signalisiert er, aber er schaut Narbe-am-Kinn dabei triumphierend an.

Wir kommen langsamer voran, als ich dachte, erklärt Narbeam-Kinn mit grimmiger Miene.

Ich hebe die Hände in einer abwehrenden Geste und spreize die Finger dabei. Ich kann nichts dafür. Und ich habe es euch vorher gesagt.

Das hat sie, bestätigt Schwimmt-schnell.

Narbe-am-Kinn winkt ab. Dann lasst uns nicht noch mehr Zeit verlieren, meint sie, wendet sagenhaft elegant auf der Stelle und schwimmt wieder los.

Immerhin nicht mehr in dem bisherigen Affenzahn.

Um die Mittagszeit herum machen wir eine kurze Pause, essen ein paar Stücke von dem seltsamen Reiseproviant. Wir essen schwebend, weil der Meeresboden gerade so tief unter uns liegt, dass es da unten zu dunkel wäre, um sich zu unterhalten – allerdings unterhalten wir uns dann doch nicht, abgesehen von einem dürren Austausch über den weiteren Weg. Narbe-am-Kinn macht ein Geheimnis daraus, wo unser Ziel liegt, so viel ist klar.

Im Laufe des Nachmittags verliere ich das Gefühl, mich übermäßig anstrengen zu müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass sich die beiden meinem Tempo angepasst haben, oder daran, dass ich ins Schwimmen hineingefunden habe. Man hat mir schon immer nachgesagt, dass ich ziemlich kräftig sei, sowohl, was meinen Körperbau, als auch, was meine Muskelkraft anbelangt, und tatsächlich habe ich gerade das Gefühl, endlos so weiterschwimmen zu können, bis hinüber nach Südamerika, wenn es sein muss.

Doch gerade als ich so richtig schön in Fahrt bin, hält Narbeam-Kinn an.

Was ist?, frage ich.

Ihr Blick streift mich nur. An Schwimmt-schnell gewandt, meint sie: Vor uns liegt ein Abgrund. Ich frage mich, ob wir es bis hinüber schaffen, ehe die Nacht hereinbricht.

Wie breit ist er?, will Schwimmt-schnell wissen.

Sie erklärt es ihm, aber mit Maßeinheiten, die mir nicht das Geringste sagen.

Er überlegt, schüttelt dann den Kopf. Nein. Das schaffen wir nicht mehr.

Dann müssen wir auf dieser Seite übernachten, meint sie.

Schwimmt-schnell verzieht das Gesicht. Jetzt schon? Bis zum Abend ist es noch lange.

Wir könnten etwas jagen, schlägt Narbe-am-Kinn vor. Dann hätten wir frischen Fisch zu essen, nicht nur Algenzeug.

Ich habe die Unterhaltung der beiden mit zunehmender Verwunderung verfolgt. Was ist das Problem?, frage ich. Wieso können wir nicht weiterschwimmen?

Narbe-am-Kinn schaut mich genervt an. Weil vor uns ein Abgrund liegt. Also hätten wir kein Lager für die Nacht. Entweder müssten wir die ganze Nacht hindurch schwimmen oder schwebend schlafen und ich glaube nicht, dass du eines von beidem kannst.

Ich blinzle verwirrt. Wieso? Ein Abgrund hat doch auch einen Boden?

Einen, den wir nicht erreichen können, erwidert Narbe-am-Kinn. Deswegen heißt er Abgrund.

Schwimmt-schnell mischt sich ein. Hast du schon einmal ausprobiert, wie tief du tauchen kannst?

Nein, gebe ich zu. Wieso?

Wir können nicht beliebig tief tauchen, erklärt er geduldig. Die einen mehr, die anderen weniger. Warum, glaubst du, heißt Taucht-tief so, wie er heißt?

Über Narbe-am-Kinns Gesicht huscht ein winziges Lächeln, als dieser Name fällt, ein Lächeln, das von angenehmen Erinnerungen zeugt. Wieder zuckt diese alberne Eifersucht in mir auf. Ich ärgere mich über mich selbst.

Ich schaue Schwimmt-schnell an und frage: Was geschieht, wenn man zu tief taucht?

Er zuckt mit den Schultern. Es tut weh. Wenn man nicht kehrtmacht, wird man krank. Oder stirbt.

Und dieser Abgrund ist zu tief für uns?, vergewissere ich mich noch einmal.

Viel zu tief, bestätigt er.

Und das mit dem schwebenden Schlafen …?

Er schüttelt den Kopf. Das kann man machen, wenn man muss. Einer müsste wach bleiben und auf die anderen aufpassen, Wache halten und so weiter. Aber das ist anstrengend. Wir wären morgen früh so erledigt, dass wir nicht mehr weit kämen.

Ich schaue Schwimmt-schnell an, schaue Narbe-am-Kinn an und fühle mich hilflos. Die beiden sind erfahrene Kundschafter, ich bin ahnungslos wie ein Baby, was den Ozean anbelangt. Also hebe ich ergeben die Schultern. Na gut. Machen wir es so, wie ihr es sagt.

Narbe-am-Kinn nickt nur, dann lässt sie sich tiefer sinken. Wir tun es ihr gleich. Es ist nicht weit bis zum Meeresboden, und als wir ihn erreichen, sehe ich ehrlich gesagt immer noch nichts von einem Abgrund.

Man merkt aber, dass wir inzwischen weit vom Great Barrier Reef entfernt sind. Hier ist alles kahl, nur ein paar einsame Algen wiegen sich in sanften Strömungen. Ein länglicher, silbern glänzender Fisch umkreist uns misstrauisch. Ansonsten finden wir Sand vor, Steine und hier und da Abfall aus der Welt der Luftatmer: verrostete Metallteile, Glasscherben, eine aufgeplatzte Batterie.

Narbe-am-Kinn huscht suchend hin und her, fasst hier in den Sand und da und zeigt schließlich auf eine bestimmte Stelle, die sich für mich nicht großartig von den anderen unterscheidet. Hier ist es gut, erklärt sie mit entschiedenen Gesten.

Schwimmt-schnell widerspricht ihr nicht, fragt nur: Was machen wir? Erst jagen?

Ja, meint Narbe-am-Kinn und schnallt den Speer ab, den sie über dem Rücken trägt. Die Mittlerin soll hier auf uns warten.

Mir wird mulmig zumute. Ich bin irgendwo im Pazifik und die beiden wollen mich alleine lassen? Reizende Aussichten. Aber ich bin entschlossen, mir nichts anmerken zu lassen, schon gar nicht Angst, also signalisiere ich einfach mein Einverständnis.

Kann aber sein, dass meine Gebärden so zittrig ausfallen, dass die beiden sie gar nicht wahrnehmen.

Immerhin, Schwimmt-schnell löst einen seiner Tragbeutel vom Gürtel, legt ihn auf die Stelle, an der wir übernachten wollen, und meint: Du passt darauf auf, ja?

Ich nicke nur und sehe zu, wie auch er seinen Speer packt, und dann ziehen die beiden los. Ohne mich können sie ihre volle Geschwindigkeit entfalten, und das tun sie auch umgehend: Wie zwei Pfeile zischen sie davon und sind einen Augenblick später in dem tiefen Blau verschwunden, das mich umgibt.

Ich lasse mich in den Sand sinken und versuche, mich nicht so einsam zu fühlen, wie ich bin. Ich lenke mich ab, indem ich darüber nachdenke, was Schwimmt-schnell gerade erklärt hat: dass die Submarines nicht beliebig tief tauchen können.

Wie tief ich hier wohl sitze? Das ist schwer zu schätzen. An dem Armband, das mir Lacht-immer geschenkt hat, kann ich noch den grünen Streifen ausmachen, den gelben aber nicht mehr, also befinde ich mich etwa in fünfzig Metern Tiefe.

Das ist nicht viel. Aus dem Schulunterricht, in dem ich viel zu oft weggehört habe, als es um das Meer ging, erinnere ich mich vage, dass der größte Teil der Ozeane zwischen zweitausend und sechstausend Metern tief ist. So flach wie hier ist es nur auf einem Schelf, also einem der Festlandsockel, der jeden Kontinent und die meisten Inseln umgibt.

Und die meisten Schelfe sind ausgesprochen eng – gewissermaßen nur kleine Treppenstufen, ehe es hinabgeht in die Tiefsee. Ausgedehntere Schelfgebiete gibt es nur an wenigen Stellen auf der Welt, zum Beispiel zwischen Australien und Neuguinea, im Südchinesischen Meer zwischen Borneo, Sumatra und Thailand – ein Schelf, das sich angenehm breit entlang der chinesischen Küste bis hoch ins Gelbe Meer zieht, bis nach Korea also, und das dürfte der Weg gewesen sein, den die Submarines nach ihrer Vertreibung genommen haben.

Wenn die Submarines nicht tiefer tauchen können als, sagen wir, zweihundert Meter, dann hat sich Yeong-mo Kim das mit der Besiedlung des Meeresbodens nicht besonders gut überlegt.

Andererseits gäbe es Lacht-immer ohne ihn nicht.

Und mich auch nicht, fällt mir ein. Zumindest nicht so. Jetzt, da ich weiß, wie es ist, unter Wasser atmen zu können, würde ich um nichts auf der Welt mehr darauf verzichten wollen.

Gar nicht so einfach, zu einem Urteil zu kommen. Außerdem ist es egal, wie man die Taten des Professors bewertet, es ist eben, wie es ist, und man wird damit zurechtkommen müssen.

Ich schaue mich um. Immer noch nichts zu sehen. Wahrscheinlich schwimmen die beiden gerade um die Wette und verschwenden keinen Gedanken an mich. Ich weite den Brustkorb, erzeuge Luft in mir und lasse mich von ihr ein Stück emportragen, dann setze ich mich mit ein paar sanften, gemütlichen Schwimmzügen in Bewegung, in die Richtung, in die wir unterwegs gewesen sind.

Ich muss nicht weit schwimmen. Nach etwa zweihundert Metern taucht eine dunkle Linie schräg unter mir auf, und als ich mich ihr vorsichtig nähere, sehe ich, dass es tatsächlich eine Abbruchkante ist, hinter der es abrupt in die Tiefe geht, hinab in eine lichtlose, unergründliche Schlucht, bei deren Anblick es mich schaudert.