Mir ist mulmig, als wir uns den Pottwalen nähern. Die Tiere sind größer als Lastwagen, haben eine Haut wie Elefanten und gewaltige Schädel, aus denen uns kleine Augen mustern, so hellwach und neugierig, dass ich erschrecke.
Der Mann, der den großen Wal reitet, hebt die Hand. Narbeam-Kinn hält in ihren Schwimmbewegungen inne und grüßt in einer Art, die ich noch nie gesehen habe: Sie legt ihre rechte Hand auf die Brustmitte, führt sie dann in einem Halbkreis nach oben, sodass die Rückseite der Hand ihre Stirn berührt, und hebt die Hand schließlich empor.
Du kommst spät, maßregelt der Mann auf dem Wal sie mit schroffen Gebärden. Er hat bleiches Haar, das er zu einem Zopf zusammengebunden im Nacken trägt.
Das ist wahr, räumt Narbe-am-Kinn ein. Dann verbeugt sie sich so unterwürfig, wie wir sie noch nie erlebt haben, aber nicht etwa vor dem Mann mit den bleichen Haaren, sondern vor dem Jungen, der auf dem kleinen Wal reitet!
Ich bringe euch die Mittlerin, von der wir gehört haben, erklärt sie und weist auf mich. Dies ist sie. Ihr Name ist Von-oben, weil sie den größten Teil ihres Lebens unter den Luftatmern gelebt hat. Um geduldet zu werden, musste sie die Häute zwischen ihren Fingern opfern. Deswegen kann sie nur langsam schwimmen und so haben wir uns verspätet.
Der Junge erwidert ihren Gruß und ihre Verbeugung nicht, schaut sie nur regungslos an. Er kann nicht viel älter sein als ich; mir ist rätselhaft, wieso auf einmal alle Blicke auf ihn gerichtet sind.
Er nickt, als Narbe-am-Kinn ihren Bericht beendet hat, dann wendet er sich mir zu.
Sein Blick geht mir durch und durch. Ich schaue in leuchtend blaue Augen, in denen ich Traurigkeit lese, Einsamkeit und Melancholie – und Ablehnung. Ich kenne diese Art Blick nur zu gut. Er sieht mich an und wünscht sich, ich wäre nicht hier.
Keine Ahnung, was er gegen mich hat, aber egal, was es ist, es prallt an mir ab. Ich habe sechs Jahre lang die giftigen Blicke von Carilja Thawte ertragen, ihre bösen Streiche erduldet und ihre hässlichen Sprüche überhört: Wenn ich in Seahaven eines gelernt habe, dann, mit Ablehnung fertigzuwerden.
Also halte ich seinem Blick unerschrocken stand. Ich recke mich sogar, damit er sieht, dass ich keine Angst vor ihm habe.
Außerdem bin ich die Mittlerin.
Vielleicht. Was immer das heißen mag.
Schließlich ist er es, der nachgibt und den Blick abwendet. Er gibt dem Mann mit den fahlen Haaren ein Zeichen.
Die Mittlerin ist uns willkommen, erklärt dieser, an Narbeam-Kinn gewandt. Und wer ist der Mann?
Schwimmt-schnell hat offensichtlich keine Lust, sich von der Kundschafterin vorstellen zu lassen, denn er hebt sofort die Hände. Mein Name ist Schwimmt-schnell. Ich bin Kundschafter des Schwarms von Weißes-Auge und begleite die Mittlerin zu ihrem Schutz.
Bedarf die Mittlerin denn deines Schutzes?, will der Mann auf dem Wal wissen.
Da Schwimmt-schnell zögert, antworte ich. Ja. Ich bin nicht vertraut mit den Gefahren des Meeres und bedarf deswegen seines Schutzes.
Der Mann wechselt einen Blick mit dem Jungen, der wieder nickt.
So sei uns ebenfalls willkommen, Schwimmt-schnell, erklärt der Mann mit den fahlen Haaren daraufhin. Mein Name ist Haar-wie-Asche und du magst mit mir reiten. Er deutet auf den Mann auf dem etwas kleineren Wal, der sich bis jetzt noch gar nicht zu Wort gemeldet hat. Narbe-am-Kinn wird mit Breite-Nase reiten. Der Mittlerin gebührt es, den Prinzen zu begleiten.
Den Prinzen? Also muss das der Sohn dieses ominösen Königs der Graureiter sein, von dem Narbe-am-Kinn gesprochen hat.
Das fängt ja gut an.
Ein Prinz. So ein Quatsch. Vor hundert Jahren oder so hat es noch richtige Könige gegeben – oder eben Leute, die von anderen dafür gehalten wurden, warum auch immer; das versteht man heutzutage nicht mehr so richtig. Sogar Australien hatte bis zu den Bürgeraufständen einen König als Oberhaupt, obendrein einen, der nicht einmal auf dem Kontinent gelebt hat, sondern in Europa – in England, wenn ich mich recht entsinne.
Vielleicht hat Schwimmt-schnell ja recht mit seiner Skepsis diesen Graureitern gegenüber. Ich bin jedenfalls froh, dass er bei mir ist.
Aber habe ich das jetzt richtig verstanden? Diese Leute reiten auf Pottwalen und offenbar ist geplant, dass wir den Rest des Weges auf diese Weise zurücklegen?
Soll mir recht sein. Was mich anbelangt, bin ich die letzten drei Tage lange genug aus eigener Kraft geschwommen.
Narbe-am-Kinn, die mit alldem natürlich vertraut ist, gleitet bereits neben den Reiter, der Breite-Nase heißt, ein Name, von dem sich aus der Entfernung nicht sagen lässt, ob er zutreffend ist. Während sie sich am Geschirr des Pottwals festmacht, tauschen die beiden ein paar rasche Gebärden aus, zu rasch, als dass ich mitkriege, worüber sie sich unterhalten.
Schwimmt-schnell zögert. Während er sich dem großen Pottwal nähert, sieht er zu mir herüber, die ich mich noch überhaupt nicht gerührt habe.
Du auch, fordert er mich auf.
Schon klar, erwidere ich.
Ich zögere auch. Ich schwebe vor diesen drei gewaltigen Tieren, ringsum nur endloser, kahler Meeresboden und das diffuse dunkle Blau des Ozeans, und habe wieder einen von diesen Momenten, in denen ich mich am liebsten in den Arm kneifen würde, um sicherzugehen, dass ich nicht nur träume.
Also gut. Ich soll mit dem Prinzen reiten. Ausgerechnet.
Ich würde ja lieber mit Schwimmt-schnell tauschen, aber vermutlich ist es nicht ratsam, die Ehre abzuschlagen. Die Graureiter sind die erste Spur zu meinem Vater, oder zumindest so etwas Ähnliches, und diese Chance werde ich nutzen, so gut ich kann.
Ich gebe mir einen Schubs und gleite auf den Wal zu. Mir ist, als könnte ich spüren, wie mich der Prinz dabei abschätzig beobachtet. Neben den eleganten Bewegungen der beiden Kundschafter müssen meine Schwimmzüge wie das Plantschen eines kleinen Kindes aussehen.
Als ich ihn erreiche, grüße ich den Prinzen, was er sofort erwidert. Es wirkt sehr höflich. Mein Name ist übrigens Sechs-Finger, erklärt er und weist seine Hände vor.
Tatsächlich – er hat an jeder Hand sechs Finger! Das ist mir bis jetzt gar nicht aufgefallen.
Mein Name ist Von-oben, erwidere ich verdattert. Im nächsten Moment ärgere ich mich über mich selber: Das weiß er doch, das hat Narbe-am-Kinn schon gesagt! Bei den Luftmenschen habe ich einen anderen Namen, aber den kann ich unter Wasser nicht sagen, fahre ich fort.
Er nickt nur, als wüsste er, wovon ich rede. Und ich merke, dass ich nervös bin.
Warum? Weil er ein Prinz ist, wie es sie eigentlich nur noch in Märchenbüchern gibt?
Nein – wohl eher, weil er ziemlich gut aussieht. Gut aussehende Jungs haben mich schon immer nervös gemacht. Der Prinz ist von drahtiger, fast magerer Gestalt, durchtrainiert und kräftig. Er hat dunkelblonde Haare, die er als Zopf trägt wie die anderen Reiter auch. Es wirkt wie eine Art Abzeichen.
Hier. Er reicht mir eine Schlaufe aus geflochtener Schnur, die Teil des Zaumzeugs ist und stabiler wirkt als alles andere, was ich bis jetzt an Flechtwerk unter Wasser gesehen habe. Mach dich damit fest.
Er mustert mich aus seinen eisblauen Augen. Meine Bikinihose fällt ihm auf, die so deutlich anders ist als der Lendenschurz, den er trägt, dann wandert sein Blick zu meinem Rucksack aus ParaSynth.
Seine scharf gezeichneten Augenbrauen heben sich. Man merkt, dass du von oben kommst, meint er.
Ist das jetzt abfällig gemeint? Keine Ahnung. Auf jeden Fall werde ich mich davon nicht irritieren lassen. Ich nicke nur und wende meine Aufmerksamkeit dem Problem zu, mich mithilfe der Schlaufe am Zaumzeug des Pottwals zu befestigen. Wie? Indem ich sie mir um den Bauch lege, nehme ich an. Und wie zieht man sie fester?
Im nächsten Moment wedelt der Prinz mit den Händen. Nein, nein. Er zeigt mir, wie er selber die Schlaufe trägt: Vor der Brust nämlich, so, dass die Schnur unter den Armen hindurch über den Rücken geht und der Knoten vorne sitzt.
Na gut. Das ist ungewohnt, aber ich werde deswegen keinen Streit anfangen. Ich ziehe die Schnur bis zu den Achselhöhlen hoch und schiebe sie hinten unter den Rucksack, was ziemlich praktisch ist, weil der sie dann in dieser Position hält. So lasse ich mich im Schneidersitz auf dem Kopf des Pottwals nieder, direkt neben dem Prinzen, und schaue mich erwartungsvoll um.
Oh. Wie es aussieht, haben alle nur auf mich gewartet: Ich sehe Narbe-am-Kinn neben Breite-Nase hocken, Schwimmt-schnell neben Haar-wie-Asche und alle schauen sie ungeduldig zu mir herüber.
Tut mir leid, erkläre ich hastig. Von mir aus kann es jetzt losgehen.
Sechs-Finger erwidert nichts, sondern gibt nur den anderen Graureitern das Zeichen zum Aufbruch. Dann beugt er sich vor, legt die Hand auf die Stirn des Pottwals, schließt die Augen und beginnt, sanft auf die graue, speckige Haut zu klopfen.
Es ist, als erwache das Tier aus einem tiefen Schlaf. Was mich wundert, schließlich hat es mich vorhin neugierig angeschaut. Wie regungslos es die ganze Zeit geblieben ist, merke ich erst jetzt, da es sich mit einem mächtigen Schlag seiner Schwanzflosse in Bewegung setzt, genau wie die beiden anderen, ausgewachsenen Wale.
Es fühlt sich tatsächlich an wie Reiten. Der gewaltige Körper unter mir hebt und senkt sich, ein wellenartiges Schwingen, einem ruhigen Pulsschlag gleich. Zugleich fühle ich die ungeheure Kraft, die in diesem Tier steckt, eine Kraft, der Menschen nichts entgegenzusetzen hätten, würden die Wale sich ihnen nicht freiwillig unterordnen.
Auf einmal finde ich das alles unglaublich. Mein Herz pocht wild. Am liebsten würde ich laut aufjauchzen.
Genau in dem Moment merke ich, wie Prinz Sechs-Finger mich durchdringend von der Seite mustert. Ich zucke zusammen. Was soll das jetzt? Es ist ein prüfender Blick, ein Blick, von dem ich eine Gänsehaut bekomme.
Aber ich lasse mir nichts anmerken, sondern nicke ihm nur zu, mit ausdruckslosem Gesicht. Mir nichts anmerken zu lassen, darin habe ich große Übung.
Er lächelt seltsam. Seine blauen Augen leuchten, als seien Lampen dahinter. Dann streckt er die Hand wieder aus, versetzt dem Pottwal einen kräftigen Schlag und stößt gleichzeitig einen hellen Schrei aus.
»AIIII!«
Im selben Moment schießt der Wal los wie ein Pfeil, der von einer Sehne schnellt. So rasend, wie das Wasser nun um den Leib des riesigen Tiers strömt, halte ich der Strömung nicht mehr stand; sie reißt meine Beine nach hinten, und hätte ich nicht die Schlaufe um die Brust, ich würde haltlos davonwirbeln. So knalle ich mit der Vorderseite auf den Rücken des Wals, meine Hände greifen wie von selber panisch umher, kriegen das Zaumzeug zu fassen und krallen sich fest.
Mann! Was für ein Tempo!
Sechs-Finger ist es natürlich genauso ergangen, nur dass er darauf gefasst war, im genau richtigen Moment die Beine gespreizt hat und elegant in die Bauchlage geglitten ist.
Er hätte mich wirklich vorwarnen können, der blöde Kerl.
Ich beschließe, den Prinzen nicht weiter zu beachten, sondern die Reise zu genießen. Nachdem ich mich tagelang von morgens bis abends abgestrampelt habe, kann ich es sehr schätzen, ohne eigene Anstrengung durchs Wasser getragen zu werden. Auf einem Pottwal zu reiten, ist – wenn ich mal für einen Moment ausblende, dass neben mir ein gut aussehender Kerl hängt, der mich offenbar nicht leiden kann – noch grandioser, als mit dem East Australian Current zu treiben.
Ich frage mich, ob ich das lernen könnte. Ob ich eine Graureiterin werden könnte.
Ich halte mein Gesicht in den scharfen Strom des Wassers und kann mir im Moment nichts Großartigeres vorstellen.