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Irgendwann – nach einem herrlich langen Ritt – wird der Wal langsamer. Ich hebe den Kopf und erblicke Felsen, auf denen das Sonnenlicht von der nahen Meeresoberfläche tanzt. Dazwischen tummeln sich mehr Submarines, als ich je zuvor auf einem Haufen gesehen habe.

Das Lager der Graureiter. Wir sind da.

Wir sind auch die ersten. Wir haben die anderen beiden Wale hinter uns gelassen, worauf der Prinz nicht wenig stolz zu sein scheint.

Ich bin vollkommen begeistert. Der Ritt auf diesem Wal war das Aufregendste, was ich je erlebt habe.

Jetzt, da der Wal nur noch langsam und sanft durchs Wasser gleitet, kann ich mich wieder aufsetzen.

Sechs-Finger gibt dem Wal weiterhin Signale, indem er ihn streichelt. Das Tier hält an. Der Prinz macht sich los, und als er sieht, dass meine Schlaufe sich unter dem Rucksack verhakt hat, hilft er mir.

Und?, fragt er dann. Wie hat es dir gefallen?

In der Art, wie er seine Gebärden ins Wasser zeichnet, liegt so viel ehrliche eigene Begeisterung, dass ich nicht anders kann, als zuzugeben: Großartig. Ich bin völlig hin und weg.

Sechs-Finger lächelt kurz, dann gleitet er an der Seite des Wals abwärts und legt die Hand neben dessen Auge. Die beiden so ungleichen Wesen blicken einander lange an. Ich beobachte fasziniert, was da geschieht. Sie kommunizieren auf irgendeine Weise miteinander – aber ich habe keine Ahnung, wie.

Schließlich wendet sich der Prinz mir zu und erklärt: Ich nenne ihn Kleiner-Fleck. Siehst du den Fleck da oben? Er deutet auf eine dunkle Stelle an der linken Flanke des Wals, die wie die Narbe einer alten Wunde aussieht. Deswegen. Die Wale rufen sich untereinander mit ihren eigenen Namen, doch die können wir nicht verstehen.

Ich nicke. Diese Geräusche, die sie machen?

Das ist ihre Sprache, erklärt der Prinz. Damit können sie sich über riesige Entfernungen verständigen. Manchmal übermitteln sie so auch Botschaften für uns, das ist sehr praktisch.

Kleiner-Fleck öffnet das Maul, als würde er alles mitkriegen und müsste deswegen grinsen. Ich zucke zusammen. Seine Zähne sind länger als meine Handspanne. Es ist eine Sache, in einem Schulbuch zu lesen, dass Pottwale zwanzig Zentimeter lange Zähne haben, aber eine völlig andere, dicht neben diesen Zähnen im Wasser zu schweben.

Aber, fährt Sechs-Finger fort, man muss aufpassen. Diese Klicklaute können gefährlich sein. Ein Wal, der mit voller Lautstärke klickt, kann einen umbringen, wenn man zu nahe daran ist.

Dieser Wal scheint allerdings keine derartige Absicht zu verfolgen. Er klappt das Maul wieder zu, stellt sich leicht schräg und reibt sich an Sechs-Finger, auf eine Weise, die einerseits schrecklich bedrohlich aussieht – immerhin dürfte der Wal hundertmal so schwer sein wie sein Reiter –, andererseits aber eindeutig etwas Verspieltes hat.

Die beiden mögen sich, das steht fest.

Mein Blick fällt auf einen seltsamen, länglichen Knubbel, der mir auch schon am Zaumzeug der anderen Wale aufgefallen ist: Es müssen Dutzende von Flechtschnüren sein, die da ineinander verschlungen sind, sowohl auf der rechten wie der linken Seite, und ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wozu.

Ohne mir etwas zu denken, tippe ich Sechs-Finger auf die Schulter und erschrecke, als er bei der Berührung zusammenfährt.

Ich hebe sofort die Hände. Entschuldige.

Wahrscheinlich darf man Prinzen nicht einfach so anfassen.

Schon gut, erwidert er. Ich … Er beendet den Satz nicht. Was ist?

Ich wollte nur wissen, was das da ist, erkläre ich zaghaft und deute auf das dicke Geflecht.

Meine Frage entlockt ihm ein Lächeln. Das sind weitere Schlaufen. Dutzende davon. Um Dinge zu transportieren. Oder Leute.

Verstehe, gebe ich zurück.

Außerdem verstärkt diese Partie das Zaumzeug an einer Stelle, die sonst besonders leicht reißt, fügt Sechs-Finger hinzu.

Ich wage es einfach: Ich strecke meinen Arm aus und lege die Hand an die Seite des Wals, in die Nähe seines Auges. Er weicht nicht zurück, schaut mich nur aufmerksam an.

Einen verwirrenden Moment lang habe ich das Gefühl, dass er mich auch mag.

Ist es schwierig, das zu lernen?, frage ich. Einen Wal zu reiten?

Sechs-Finger lächelt so wissend, als könne er meine Gedanken lesen. Meine Gefühle spüren. Meine Sehnsucht.

Vielleicht, weil er diese Sehnsucht selbst kennt.

Das kommt darauf an, meint er. Das, was man lernen kann, lernt man leicht. Es ist das, was man nicht lernen kann, was es schwierig macht.

Ich hebe die Augenbrauen. Was heißt das?

Du kannst dir keinen Wal aussuchen. Es sind die Wale, die dich aussuchen.

Verstehe, gebe ich zurück, enttäuscht.

Plötzlich sind wieder klackernde Geräusche zu hören, nur mehr davon, von irgendwo jenseits des Lagers.

Ihr habt noch mehr Wale?, frage ich.

Er schüttelt den Kopf. Sie gehören uns nicht. Sie sind freiwillig bei uns. Aber – ja, es sind ziemlich viele.

Nun kommen auch die beiden Wale an, die wir hinter uns gelassen haben. Ihre Reiter kümmern sich nicht so hingebungsvoll um ihre Tiere wie Sechs-Finger; sie bringen sie nur zum Anhalten, springen dann ab und gleiten durch das Wasser davon.

Mir fällt wieder ein, dass ich ja eigentlich auf der Suche nach meinem Vater bin.

Stimmt es, was Narbe-am-Kinn erzählt hat?, frage ich den Prinzen. Dass Geht-hinauf bis vor Kurzem bei euch gelebt hat?

All die Lebhaftigkeit von gerade eben ist mit einem Schlag aus Sechs-Fingers Gesicht verschwunden.

Bist du nur deshalb gekommen?, fragt er, auf einmal wieder ganz der unnahbare Prinz der Graureiter.

Ich breite die Hände aus. Er ist mein Vater, erkläre ich. Und ich bin auf der Suche nach ihm.

Sechs-Finger nickt abweisend. Ja, ich weiß. Mein Vater wird dir mehr darüber erzählen können. Heute Abend, beim Festessen.

Ein Festessen?, wundere ich mich.

Er neigt in einer spöttischen Geste den Kopf. Dir zu Ehren. Mittlerin.

Schwimmt-schnell kommt heran. Er wirkt, als habe ihm der Ritt nicht sonderlich gefallen.

Alles in Ordnung?, will er wissen und gleitet neben mich.

Ich nicke. War ein toller Ritt.

Er hebt skeptisch die Brauen und mustert den Prinzen, als verdächtige er ihn, mich belästigt zu haben.

Falls Sechs-Finger es bemerkt, lässt er es sich nicht anmerken. Er weist in Richtung des Lagers und schlägt vor: Geht ruhig schon ins Lager. Narbe-am-Kinn soll euch führen. Man erwartet euch.

Ja, drängt Schwimmt-schnell. Lass uns gehen.

Ich wende mich noch einmal Sechs-Finger zu. Danke für den Ritt.

Er nickt nur, schaut wieder so finster drein, als wünsche er mich weit fort. Narbe-am-Kinn ist von irgendwoher aufgetaucht und wartet in respektvollem Abstand.

Also setzen wir uns in Bewegung und lassen den Prinzen zurück.

Was ich zu sehen bekomme, hat mit der Art Lager, wie es der Schwarm von Schwimmt-schnell und Lacht-immer aufschlagen, nichts mehr zu tun. Es lässt mich eher an eine Art Unterwasser-Stadt denken, die sich gerade im Aufbau befindet.

Es beginnt schon damit, dass hier unglaublich viele Submarines leben. Die Graureiter sind eindeutig kein Schwarm wie alle anderen. Die Submarin-Schwärme, die ich bis jetzt kennengelernt habe, bestanden aus zwanzig, dreißig Erwachsenen und mindestens noch einmal so vielen Kindern. Hier brauche ich erst gar nicht mit dem Zählen anzufangen. Es müssen Hunderte sein, die hier herumwuseln, womöglich mehr als tausend.

Und doch hat man nicht das Gefühl von Chaos. Alles wirkt wohl organisiert. Die Leute schwimmen hin und her und gehen emsig irgendwelchen Tätigkeiten nach, aber es ist kein Durcheinander, sondern sieht aus wie ein mechanisches Uhrwerk mit all seinen ineinandergreifenden Zahnrädern. (Ehrlich gesagt kenne ich mechanische Uhrwerke nur aus alten Filmen. Die Vorstellung, dass man auf diese Weise einmal wirklich die Zeit gemessen hat, kommt mir bizarr vor, gefällt mir aber.) Diese Leute hier bauen etwas auf.

Eine Stadt.

Gut, verglichen mit Städten an Land ist es nur eine Zeltstadt: halbrunde Gebilde aus einem groben Tuch, das über halbkreisförmig gebogene Stangen gespannt ist, die im sandigen Boden stecken. Kinder spielen vor den Eingängen der Zelte, Frauen sitzen daneben und flechten oder knüpfen Netze. Ich sehe auch welche, die an richtigen Handwebstühlen arbeiten. Sie sind, fällt mir auf, fast alle gleich gekleidet. Die meisten Frauen tragen gestreifte Lendenschurze in den Farben Gelb und Violett, die Männer bis auf wenige Ausnahmen welche aus grauem Leder mit schwarzen Streifen darauf. Individuell ist nur, was man an Ketten um den Hals, Schmuck um den Arm oder in den Haaren trägt.

Doch unsere Ankunft bringt alles durcheinander. Sobald die Leute uns bemerken, lassen sie zu Boden sinken, was immer sie gerade in Händen halten, stoßen andere an, die uns noch nicht bemerkt haben. Dann setzen sie sich alle in Bewegung, mit freudigen, aufgeregten Schwimmbewegungen und Leuchten in den Augen.

Ist sie das?, fragen zahllose Hände und Narbe-am-Kinn antwortet: Ja, das ist sie. Das ist die Mittlerin, von der alle erzählen.

Ich habe das Gefühl zu schrumpfen unter all den geradezu ehrfürchtigen Blicken, die plötzlich auf mich gerichtet sind. Was soll ich tun? Unmöglich kann ich vor all diesen Leuten eine Diskussion mit der Kundschafterin anfangen darüber, wieso ich nicht das Gefühl habe, die zu sein, die die alte Prophezeiung gemeint hat.

Also hebe ich nur die Hände und erwidere: Hallo.

Worauf viele Augen erschrocken aufgerissen werden. Sie sehen alle sofort, dass ich keine Schwimmhäute habe. Eine Beobachtung, die manche zu einer ehrfürchtigen Verbeugung veranlasst, was erstens äußerst merkwürdig aussieht und was ich, zweitens, absolut nicht gewöhnt bin. In meinem bisherigen Leben ist es noch nie jemandem eingefallen, sich ehrfürchtig vor mir zu verneigen – meistens musste ich froh sein, wenn man mich nicht gepiesackt hat.

Und jetzt das.

Dabei wünsche ich mir doch nur, einfach wie ein normaler Mensch behandelt zu werden.

Bemerkt Narbe-am-Kinn, dass mir all die Verehrung zu viel wird? Vielleicht. Jedenfalls verlangt sie: Geht wieder an die Arbeit. Die Mittlerin ist Gast des Königs. Ihr werdet noch Gelegenheit genug haben, sie zu sehen und zu sprechen.

Schließlich gelangen wir zu einem leeren Zelt. Narbe-am-Kinn bedenkt Schwimmt-schnell mit einem Blick, den ich nicht deuten kann, weist dann auf das Zelt und erklärt: Hier könnt ihr schlafen, solange ihr bei uns zu Gast seid. Sie hebt eine Verzierung an, die neben dem Eingang hängt, drei längliche Streifen violetten Stoffs. Es ist das Gästehaus des Königs.

Ich nicke ihr zu. Danke.

Heute Abend findet ein Fest zu deinen Ehren statt, fährt Narbe-am-Kinn fort. Jemand wird kommen und euch abholen.

Sie entbietet uns einen knappen Abschiedsgruß und schießt dann davon, so schnell, wie ich sie unterwegs kaum je erlebt habe.

Schwimmt-schnell gleitet um das Zelt herum, späht ins Innere, sieht sich um und meint: Gefällt mir nicht. Das erinnert mich alles an deine Stadt über dem Wasser. Auch lauter Bauwerke, überall. Er hält inne, streckt die Finger von sich, verzieht das Gesicht. Bestimmt muss er gerade an seine Gefangenschaft denken.

Ich befühle den Stoff, die elastischen Stangen. Woher sie die wohl haben?

Leben die Graureiter immer hier?, frage ich. Immer am selben Ort?

Nein, erwidert Schwimmt-schnell. Aber sie haben Wale, deswegen können sie mehr Dinge mit sich tragen.

Das klingt einleuchtend. Ich schaue mich ebenfalls um. Mich erinnert die Stadt der Graureiter nicht an Seahaven. Außerdem imponiert mir, wie es hier aussieht: Die bunten Blasen überall sind ein lustiger Anblick und die vielen Erwachsenen, die dazwischen ihren Geschäften nachgehen, und die spielenden Kinder haben etwas Friedvolles.

Mir gefällt es, gestehe ich.

Was wiederum Schwimmt-schnell nicht gefällt. Eine Höhle aus Stoff?, regt er sich auf. So ein Unsinn, das schützt doch vor gar nichts. Das beißt jeder Hai sofort durch. Er schaut noch einmal hinein, dann deutet er auf den Platz vor dem Eingang. Du kannst drinnen schlafen. Ich schlafe hier, mit dem Speer vor mir.

Ich glaube, wende ich ein, die Graureiter stellen nachts Wachen auf. Ich weiß nicht, ob sie das tun, aber es erscheint mir logisch, bei so vielen Leuten.

Er schüttelt den Kopf. Egal. Sein Finger zeigt wieder auf die Stelle vor dem Zelteingang. Hier. Ich schlafe hier.

Erst einmal, versuche ich, ihn zu besänftigen, findet ja das Fest statt.