Tatsächlich taucht irgendwann eine prächtig geschmückte Frau auf, um uns abzuholen. Sie hat zahllose Perlmuttscheiben in ihr Haar geflochten, trägt Ketten an ihren Oberarmen und hat Muster auf die Haut gemalt mit Farben, die dem Wasser offenbar standhalten.
Hier, meint sie und hält uns zwei Halsketten aus winzigen Muscheln hin. Legt das an.
Ich nehme eine der Ketten, falte sie auseinander. An einer Stelle sind drei violett gefärbte Streifen Stoff befestigt. Wozu soll das sein?, frage ich.
Es weist euch als Gäste des Königs aus, erklärt sie.
Ich wechsle einen Blick mit Schwimmt-schnell, der wenig beeindruckt mit den Schultern zuckt und sich die Kette einfach umlegt. Na gut, warum nicht? Ich folge seinem Beispiel.
Kommt, fordert sie uns auf.
Wir schwimmen mit ihr. Als wir den Festplatz erreichen, begreife ich, dass nicht der gesamte Schwarm der Graureiter an dem Festessen teilnehmen wird, sondern nur ein ausgesuchter Teil davon. Rings um einen großen, flachen Felsen sind zahllose Stangen in den Boden gerammt, an denen kunstvoll geflochtene Gebilde hängen, die wie Wappen aussehen. Mitten auf der makellos sauberen Felsfläche steht eine lange Reihe niedriger Tische, die gerade so hoch sind, dass man mit übergeschlagenen Beinen darunterpasst. Wir sind nicht die ersten Gäste, ungefähr die Hälfte der Plätze ist schon besetzt.
Hier entlang bitte, meint die Frau, die uns führt. Sie weist Schwimmt-schnell einen Platz zu, bedeutet mir, ihr zu folgen, und zeigt dann auf einen anderen Platz, rund vier Tischlängen von Schwimmt-schnell entfernt.
Kann er nicht neben mir sitzen?, frage ich.
Das ist nicht vorgesehen, erwidert die Frau verlegen und deutet wieder auf den Platz, an dem sie mich haben will. Bitte, hier.
Na gut. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Also setze ich mich, schaue mich um. Den Prinz sehe ich nirgends. Nimmt er nicht an dem Fest teil?
Es wird allmählich dunkel. Allzu lange sollten sie sich mit dem Beginn des Festes nicht mehr Zeit lassen, sonst wird man nichts mehr sehen.
Doch genau in dem Moment, in dem ich das denke, sehe ich einen Zug von Lichtern, die sich auf den Festplatz zu bewegen. Was ist das? Ich kneife die Augen zusammen, beuge mich vor. Es sind Leute, die große Körbe daherbringen, Körbe, aus denen Licht dringt, ein blasser, grünlich gelber Schein.
Sie platzieren die Körbe entlang der Tische, und als sie einen Korb vor den Tisch stellen, an dem ich sitze, erkenne ich, was es damit auf sich hat: In den Körben drängen sich Glo-Fische!
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Wissen die Submarines, dass Glo-Fische gentechnisch erzeugte Wesen sind, genau wie sie selbst? Wir haben das in der Schule gelernt, sogar eine Prüfung darüber geschrieben. Glo-Fische wurden vor über hundertfünfzig Jahren in Amerika geschaffen; man hat, wenn ich mich recht entsinne, Gene von Glühwürmchen in die Gene von Fischen eingebaut und auf diese Weise Fische erhalten, die im Dunkeln leuchten. Es waren die ersten gentechnischen Lebewesen, die frei verkauft wurden und bald darauf in Millionen Aquarien geschwommen sind.
Und natürlich kam es, wie es kommen musste: Irgendwann gelangten Glo-Fische auch in die Umwelt. Sei es, dass sie aus Versehen in die Kanalisation gespült wurden, sei es, dass man sie aus falsch verstandener Tierliebe in Bächen und Teichen ausgesetzt hat oder sie mit Schiffen, die sie an Bord hatten, untergingen – sie erreichten schließlich auch die Ozeane.
Anfangs hielt man das für ein Problem, das sich von selber lösen würde, weil die Fische ja im Dunkeln leuchteten und damit leichte Beute für Raubtiere aller Art sein sollten. Doch wie so oft kam es nicht so, wie man sich das dachte, im Gegenteil: Die anderen Fische schienen vor den leuchtenden Wesen Angst zu haben und so konnten sich die Glo-Fische im Lauf der Zeit über alle Maßen vermehren. Heute ist es vielerorts ein gewohntes Naturschauspiel, dass riesige Schwärme leuchtender Fische nachts vor den Küsten das Meer erhellen.
Daran könne man unseren Lehrern zufolge sehen, dass man nie wisse, welche Folgen es auf lange Sicht habe, wenn man in den genetischen Code von Lebewesen eingreife.
Dass die leuchtenden Fische einmal bei den Festen eines Königs der Unterwassermenschen als Tischdekoration dienen würden, ist zweifellos eine der Folgen, an die damals niemand gedacht hat.
Nach und nach füllen sich die Plätze an den Tischen. Alle Gäste tragen dieselben Halsketten mit den violetten Fransen und diejenigen, die an mir vorbeikommen, nicken mir grüßend zu. Links von mir nimmt ein etwas älterer, ziemlich muskulöser Mann Platz, der mich respektvoll begrüßt und sich als Tötet-Haie vorstellt. Im Hintergrund sieht man andere herumwuseln, offenbar mit weiteren Vorbereitungen für das Fest beschäftigt.
Und dann … kommt er.
Der König der Graureiter.
Zuerst tauchen vier Schwimmer auf, die an langen Stöcken so etwas wie Fahnen schwenken, schmale Bänder aus weißem Stoff, die sinnverwirrende Muster ins silbern-halbdunkle Wasser zaubern. Als alle Augen auf ihre Darbietungen gerichtet sind, weichen die Fahnenschwimmer zur Seite, zwei nach links, zwei nach rechts. Aus dem Raum, den sie freigeben, kommt ein Mann zum Vorschein, der mit langsamen, hoheitsvollen Schwimmbewegungen herangleitet. Immer wieder unterbricht er seine Bewegungen, um jemandem zuzuwinken, ein paar Worte mit jemand anders zu wechseln, kurzum, er macht aus dem einfachen Vorgang, sich zu Tisch zu begeben, ein echtes Spektakel.
Sein Name, Hohe-Stirn, passt vollkommen. Er ist größer als die meisten Submarines, womöglich sogar größer als Zwölf-Kiemen und er hat den größten Kopf, den ich je bei einem Menschen gesehen habe. Er wirkt nicht monströs oder so etwas, nein, aber man sieht ihn einfach und denkt automatisch: was für ein riesiger Kopf!
Entsprechend hoch ist seine Stirn. Sein Gesicht scheint überhaupt nur aus Stirn zu bestehen, aus einer Stirn, die sich in einem fort nachdenklich in Falten legt, amüsiert hebt oder missbilligend runzelt, je nachdem, was gerade angesagt ist.
Dieser König braucht keine Krone. Mit seiner Stirn hat er etwas viel Besseres.
Auch ich sitze da und bin völlig in Bann gezogen. Und vollends geplättet bin ich, als ich begreife, wieso der Platz links neben mir noch frei ist: Es ist der Platz, an dem der König sitzen wird!
Was er nicht einfach so tut. Nein, er schwebt heran, wendet mir seine ganze königliche Aufmerksamkeit zu und lächelt mich an, als habe er sein Leben lang auf diese Begegnung gewartet. Dann greift er nach meiner Hand, hebt sie an seine Lippen und … haucht etwas darauf, was nur die Unterwasser-Version eines Handkusses sein kann!
Ich habe noch nie gesehen, dass jemand das macht. Ich kenne Handküsse nur aus ururalten Filmen, aus Filmen, die so alt sind, dass man das Gefühl hat, die Tafel staubt ein, wenn man sie anschaut.
Sei willkommen, Mittlerin, erklärt der König mit feinen, eleganten Gebärden. Wir haben schon viel von dir gehört.
Ich bin völlig baff. So baff, dass ich keine Sekunde lang nachdenke, sondern sofort zurückfrage: Von mir gehört? Von wem denn?
Mal ehrlich: Wann und wie will er von mir gehört haben? Es ist erst ein paar Wochen her, dass ich Schwimmt-schnell getroffen habe, der diese Story angefangen hat von wegen, ich sei die Mittlerin.
Das Lächeln des Königs wird noch breiter. Ich lege viel Wert darauf zu wissen, was im Reich des Meeres Wichtiges vor sich geht, erwidert er. Und was könnte es Wichtigeres geben als das Erscheinen der Mittlerin, die uns schon so lange prophezeit worden ist?
Ich starre ihn an und habe keine Ahnung, was ich darauf antworten soll. Meine Hände schweben wie gelähmt im Wasser. Schließlich schaffe ich es, sie sagen zu lassen: Jedenfalls danke für die Einladung.
Ich bin es, der danken muss, meint der König. Vor allem Narbe-am-Kinn, die dich zu uns gebracht hat. Er wendet sich der Kundschafterin zu, die ein Stück weiter unten am Tisch hockt und den Gruß ihres Königs mit einer tiefen Verbeugung erwidert.
Dann ist es endlich so weit: Hohe-Stirn gleitet mit einer gekonnten, eleganten Bewegung auf den Platz an meiner Seite, sieht in die Runde und hebt die Hände. Beginnen wir!, fordert er. Genießt das Fest zu Ehren unseres Gastes, der Mittlerin!
Alle an den Tischen heben ihre Hände ebenfalls und schütteln sie wild. Unter anderen Umständen hätte das wahrscheinlich ziemlich lustig ausgesehen, in diesem Augenblick aber, zusammen mit dem tiefen Brummen aus vielen Kehlen, das diese Geste begleitet, jagt es mir einen Schauer über den Rücken.
Dann geht es los. Diejenigen, die mit dem Servieren beauftragt sind, kommen mit allerlei Behältnissen angepaddelt, Behältnissen aus Stahl zumal, der den Submarines kostbar ist, und stellen sie vor uns hin.
Ich starre das Ding an, das vor mir gelandet ist. Das ist doch eine Frühstücksbox, wie Minenarbeiter sie verwenden, oder? Ich meine, dieselben Gefäße in Seahaven schon einmal gesehen zu haben, in dem Geschäft für Sportausrüstung in der Freedom Street.
Aber dort haben die Graureiter sie garantiert nicht her.
Eigentlich ist die einzig mögliche Erklärung die, dass sie sie aus dem Lager einer Methanmine gestohlen haben.
Irgendwie lustig. Und für die Minengesellschaft ein erträglicher Verlust; so eine Frühstücksbox kostet höchstens zehn Kronen und sie schmeißen die Dinger ohnehin alle paar Monate fort.
Wenn die wüssten, dass sie hier als königliches Essgeschirr dienen!
Alle warten, dass der König den Deckel seiner Dose lüftet, doch der winkt erst huldvoll zwei Männern zu, die mit seltsamen Gerätschaften der Reihe der Tische gegenübersitzen. Die beiden verbeugen sich auf das Zeichen hin und fangen dann an, zu … musizieren!
Der eine hat ein Metallband mit hölzernen Handgriffen vor sich, einer altmodischen Baumsäge nicht unähnlich, wie ich sie einmal im Museum von Carpentaria gesehen habe. Dieses Metallband biegt er hin und her, während er es mit einer Art Geigenbogen bearbeitet, und erzeugt so geisterhafte, lang gezogene Töne, die das Wasser erfüllen, als würden sie von jedem einzelnen Wassermolekül aufgenommen und reflektiert.
Der andere hat ein Instrument, das mithilfe von Saiten funktioniert, die auf einem Metallkorpus gespannt sind und gezupft werden. So ein Instrument habe ich in einer Fernsehsendung schon einmal gesehen, aber ich komme nicht darauf, wie es genannt wird. Eine Harfe ist es nicht, da bin ich mir sicher. Eine Zither? Keine Ahnung. Jedenfalls, der etwas versponnen wirkende Mann kann das Ding spielen, und wie! Er entlockt ihm perlende Melodien, die auf verblüffende Weise mit den Tönen harmonieren, die sein Partner produziert, und doch nichts ähneln, was ich je im Leben gehört habe.
Gefällt es dir?, will der König von mir wissen.
Ich nicke beeindruckt. Und wie!
Das sind Gespaltene-Lippe und Breite-Hand, die begabtesten Musiker, die das Geschlecht der Wassermenschen je hervorgebracht hat, erklärt Hohe-Stirn stolz. Meiner Einschätzung nach jedenfalls.
Sie spielen wundervoll, bestätige ich.
So ist es. Aber nun wollen wir niemanden länger hungern lassen, erklärt der König und greift nach dem Deckel seiner Dose.
Alle anderen tun es ihm gleich, als hätten sie nur ungeduldig auf diesen Moment gewartet.
Es ist eine eigentümliche Mischung aus verschiedenen Stücken Fisch, diversen Algen und – Obst! Ich identifiziere schmale Apfelschnitze, Mangostücke und einige herbe Beeren. Woher haben die Graureiter das? Davon, dass Apfelbäume unter Wasser wachsen würden, habe ich jedenfalls noch nie gehört.
Vielleicht, überlege ich, treiben sie heimlich Handel mit ein paar Bauern auf entlegenen Inseln, die kein Wort darüber verlauten lassen.
An der Tafel des Königs isst man natürlich nicht mit bloßen Fingern. Der Metallbox liegt eine schmale, zweizinkige Gabel bei, die jeder ebenso pflichtschuldig wie gekonnt benutzt, um die Bissen zum Mund zu führen. Alles ist von einer gelatineartigen Soße umhüllt, die selber nach nichts schmeckt, aber klebrig ist und so verhindert, dass die Teile einfach davonschwimmen.
Sogar Schwimmt-schnell, sehe ich, fügt sich den hiesigen Sitten, wenn auch mit sichtlichem Widerstreben. Überhaupt wirkt er ziemlich schlecht gelaunt, wie er da sitzt und zusehen muss, wie sich die beiden Frauen zu seiner Rechten und Linken an ihm vorbei unterhalten.
Ich hoffe, es wird dir bei uns gefallen, meint Hohe-Stirn.
Stimmt es, dass mein Vater bei Euch gelebt hat?, bringe ich meine drängendste Frage an. Geht-hinauf?
Hohe-Stirn nickt. Ja. Er hat mir einige Zeit gedient.
Und wohin ist er gegangen?
Anstatt mir zu antworten, beugt sich der König vor, spießt eine der Apfelscheiben auf, führt sie zum Mund und beginnt, sie genussvoll zu kauen.
Es betrübt mich, feststellen zu müssen, dass dir das Fest zu deinen Ehren so wenig bedeutet, erklärt er dann mit hoheitsvollen Gebärden. Wir sind alle sehr glücklich, dich bei uns zu haben. Ich denke, das wirst du heute festgestellt haben. Doch alles, woran du denkst, ist, uns so schnell wie möglich wieder zu verlassen.
Ich schrumpfe unter seinen Vorwürfen in mich zusammen und bin froh um das blasse Licht der Glo-Fische, in dem man nicht sehen kann, dass ich rot anlaufe.
Er hat ja recht, ich bin ein schrecklicher Gast.
Verzeiht, erwidere ich verlegen. Was soll ich sonst sagen? Dass das eben die Frage ist, die mich gerade am meisten beschäftigt? Bestimmt keine gute Idee.
Eine richtige Mittlerin, eine, die wirklich die ist, die prophezeit wurde, wüsste bestimmt, was sie in dieser Situation sagen und tun müsste. Ich weiß es auf jeden Fall nicht.
Vielleicht, versuche ich behutsam zu erklären, mache ich diesen Eindruck, weil mich das alles hier völlig überwältigt. Ich habe noch nie ein derartiges Fest erlebt und es hat auch noch nie zuvor ein Fest zu meinen Ehren stattgefunden.
Das scheint ihn ein wenig zu versöhnen; zumindest entlockt es ihm ein Lächeln.
Es gibt vieles, was ich dir über deinen Vater erzählen kann, erklärt er dann. Doch du wirst es mir überlassen müssen, zu entscheiden, wann die Zeit dafür gekommen ist.
Wie Ihr meint, erwidere ich und frage mich, ob es vielleicht einfach typisch für Submarines ist, Leute, die dringend etwas wollen, warten zu lassen. Schwimmt-schnell hat es schließlich genauso gemacht. Er hat es nur anders ausgedrückt.
Ich tue das wohlgemerkt nicht, um dich festzuhalten oder daran zu hindern, deinen Vater zu finden, fügt Hohe-Stirn hinzu. Aber es gibt einige Dinge, die du erst verstehen musst, bevor du mit dem, was ich dir über Geht-hinauf zu sagen habe, etwas anfangen kannst. Dinge über uns Wassermenschen im Allgemeinen, und Dinge über uns Graureiter im Besonderen.
Was für Dinge zum Beispiel?
Er lächelt versonnen. Genieße das Fest. Wir werden in den kommenden Tagen genügend Zeit haben, uns über sehr vieles zu unterhalten.