So brechen wir am nächsten Morgen auf, der König und ich, auf einem mit violetten Bändern geschmückten Wal, den Hohe-Stirn mit sicherer Hand führt. Zum ersten Mal sehe ich ihn bewaffnet; er trägt einen Speer quer über dem Rücken, wie es die Kundschafter tun, nur dass sein Speer eine schimmernde Klinge aus blankem Stahl besitzt: eine wahrhaft königliche Waffe also.
Ich bin nervös, habe in der Nacht zuvor nicht viel geschlafen vor lauter Aufregung und lauter Rätselraten darüber, was mich wohl erwartet.
Der König reicht mir die Halteschlaufe, wartet, bis ich sie angelegt habe, und nickt beifällig, als er sieht, dass ich es richtig mache. Dann tippt er dem Wal auf den mächtigen Schädel – eine sanfte Berührung nur, doch sie genügt – und es geht los.
Ich schließe für einen Moment die Augen, wende den Kopf hin und her, lausche meinem neu entdeckten Magnetsinn. Wenn ich mich nicht täusche, reiten wir ungefähr südwärts.
Wir verstehen uns gut mit den Pottwalen, weil wir dasselbe Schicksal teilen, erklärt mir Hohe-Stirn, während wir gemächlich dahingleiten, über Felsen und dunkle Algenteppiche hinweg, von neugierigen Schwärmen blaugrüner Lippfische begleitet. Genau wie wir von den Luftmenschen verfolgt werden, sind auch sie von den Luftmenschen verfolgt worden. Vor einigen Menschenaltern haben die Luftmenschen die Wale beinahe ausgerottet, und das vergessen Wale nicht. Es sind sehr intelligente, empfindsame Wesen, die eine eigene Kultur haben, der unseren in vielem gar nicht so unähnlich.
Die meisten Luftmenschen wissen überhaupt nicht, dass es Wassermenschen gibt, wende ich ein, auch wenn er natürlich recht hat mit dem, was er erzählt. Man hat bis kurz vor den Energiekriegen Jagd auf Wale gemacht, obwohl man genau wusste, dass die Tiere vom Aussterben bedroht waren, nicht nur durch Waljäger, sondern auch durch die damalige starke Vergiftung der Meere.
Das mag so sein, erwidert Hohe-Stirn. Doch diejenigen, die von uns wissen, jagen uns, wie sie einst die Wale gejagt haben.
Nicht alle, widerspreche ich. Es gibt auch Luftmenschen, die den Wassermenschen helfen.
Er schüttelt unwillig den Kopf. Das ist kein Ausgleich. Hilf einem Menschen über einen Tag und du hast ihm einen Tag geschenkt. Töte einen Menschen und du hast ihm alle Tage geraubt, die ihm noch geblieben wären.
Ich nicke bedrückt und fühle mich irgendwie mitschuldig; immerhin bin ich zur Hälfte Luftatmerin. Und ich kann ihm nicht wirklich widersprechen. Die Organisation der Gipiui Chingu hat zwar viele Mitglieder, ist aber nicht sehr einflussreich. Wie groß und wie mächtig dagegen die Organisation der Gegenseite ist, die sogenannten Jäger, weiß niemand so genau. Wenn sie zurzeit nichts unternehmen, hat mir Herr Brenshaw erklärt, dann nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil die Konzerne, die diese Organisation insgeheim betreiben, es gerade nicht für nötig halten.
Deswegen haben wir uns verbündet, die Wale und wir Graureiter, fährt Hohe-Stirn fort. Wir müssen uns gegen die Luftatmer wehren können, sonst werden sie eines Tages auch uns ausrotten.
Damit hat er leider auch recht; das ist genau das, was die Jäger vorhaben. Ihren letzten Versuch in diese Richtung haben wir erst vor wenigen Wochen in Seahaven vereiteln können.
Allerdings: Wäre deren Vorhaben geglückt, wäre es ein Angriff gewesen, gegen den Hohe-Stirn mit allen Pottwalen der Welt nichts hätte ausrichten können.
Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, also lasse ich meine Hände ruhen.
Die Reise geht weiter, doch wir unterhalten uns nicht mehr. Hohe-Stirn sitzt vornübergebeugt da, beide Handflächen auf dem Kopf des Pottwals, völlig konzentriert. Ich beobachte ihn mit wachsender Unruhe. Unserem Reittier scheint die Route zu widerstreben, die wir einschlagen, und Hohe-Stirn wirkt, als müsse er es ständig überreden, nicht umzukehren.
Und so unheimlich das sein mag, ich kann den Wal verstehen. Die Meereslandschaft, durch die wir uns bewegen, hat sich dramatisch verändert. Der Meeresboden ist kahl und bleich. Man sieht keine Fische mehr, keine Algen und das Wasser hat einen ungesunden Geschmack, hat etwas an sich, das in den Kiemen beißt.
Es ist, als hätten wir die Erde verlassen und schwämmen über die Oberfläche des Mondes.
Schau genau hin, fordert Hohe-Stirn mich mit raschen, knappen Gebärden auf. Schau, was das Weiße unter uns ist.
Der Wal geht tiefer, doch er wird unruhig, fast bockig. Ich halte mich am Zaumzeug fest und beuge mich zur Seite, um mir den Meeresboden genauer anzuschauen.
Das weiße Zeug, das von weiter oben aussieht wie ausgestreutes Kalkpulver, sind die Überreste toter Tiere.
Die Skelette von Hunderttausenden toter Fische liegen hier, dazwischen ab und zu Knochen größerer Tiere, die von Delfinen vielleicht, von Haien, von Walen.
Wir befinden uns über einem gigantischen Tierfriedhof, weiter als das Auge reicht.
Was ist hier passiert?, frage ich.
Es ist lange Zeit her, erklärt Hohe-Stirn. Ich war noch nicht geboren, da haben Luftmenschen Maschinen hierhergebracht, und diese Maschinen haben den Tod gebracht. Zuerst sind die Tiere gestorben, danach die Pflanzen. Noch heute wächst in weitem Umkreis nichts und die Tiere meiden das Gebiet.
In mir verkrampft sich alles. Eine Methanmine. Es muss eine Methanmine sein, von der er spricht. Das habe ich immer wieder gehört: dass in der Umgebung einer Methanmine die Natur leidet.
Ich habe nur nicht geahnt, wie so etwas aussieht.
Schrecklich, sagen meine Hände wie von selber.
Ich wollte, dass du das siehst, fährt er fort. Ich wollte, dass du verstehst, warum ich denke, dass die Luftatmer nicht ins Meer kommen sollten. Sie können ohnehin nicht hier leben, wie wir es tun, sondern brauchen Maschinen und Anzüge, um unter Wasser am Leben zu bleiben. Doch weil das Meer nicht ihr Lebensraum ist, behandeln sie es achtlos. Sie schütten ihren Müll hinein, verbreiten ihre Gifte und befahren es mit Maschinen, die so laut sind, dass sie unseren Freunden, den Walen, Schmerzen bereiten.
Ich nicke nur. Jedes seiner Worte ist wahr.
Der Große Vater hat uns Wassermenschen geschaffen, damit wir die Ozeane bevölkern und besiedeln, erklärt der König der Graureiter. Und das war weise von ihm. Der Lebensraum der Luftatmer ist das Land, der Lebensraum der Wasseratmer das Meer: Wenn sich alle daran halten, werden wir in Frieden leben.
Mein Herz wird schwer. Das klingt so einfach und einleuchtend, aber leider weiß ich genau, dass es so nicht funktionieren wird. Die Welt der Luftmenschen kann nicht existieren ohne die Energie aus den Methankraftwerken auf den Kontinentalschelfen und den Druckluftspeichern in der Tiefsee. Die Luftmenschen werden das Meer nicht in Ruhe lassen, niemals.
Was ist mit dir?, fragt mich Hohe-Stirn unvermittelt. Wo siehst du deinen Platz? Hier im Meer oder oben bei den Luftmenschen?
Ich seufze. Wenn ich das wüsste!
Eines Tages wirst du dich entscheiden müssen. Sein Blick wird streng. Die meisten Menschen müssen eine solche Entscheidung nicht treffen. Du schon.
Weiß er, dass er genau in meinem wunden Punkt herumbohrt?
Ja, aber das ist nicht so einfach, beteuere ich. Ich habe den größten Teil meines Lebens an Land gelebt, auch wenn ich mich dort immer fremd gefühlt habe. Ich habe lange Zeit nicht einmal geahnt, dass es Wassermenschen gibt. Nun bin ich hier, bin mit dem Schwarm von Schwimmt-schnell gereist … Ich zögere. Doch dort fühle ich mich auch fremd. Und ich weiß nicht – ist es, weil ich das Leben an Land gewöhnt bin, oder ist es, weil ich nur zur Hälfte ein Wassermensch bin?
Hohe-Stirn mustert mich mit einem Blick, wie ihn ein strenger, aber gerechter Lehrer an sich hat. Das ist nicht so schwierig, wie du denkst. Der Fehler, den du machst, ist, dass du glaubst, du könntest eine Antwort bekommen, ohne eine Entscheidung treffen zu müssen. Aber was glaubst du – werden die Luftmenschen dich jemals so behandeln, dass du nicht mehr das Gefühl haben wirst, eine Fremde für sie zu sein? Dieselben Luftmenschen, die dem Meer so etwas antun wie das hier?
Ich muss an das denken, was Pigrit mir erzählt hat: dass ich inzwischen »berühmt«, das heißt, zum juristischen Streitfall geworden bin. Dass man mich verbannen will, um die Prinzipien des Neotraditionalismus zu bewahren.
Nein, gestehe ich. Sie werden mich niemals wie eine von ihnen behandeln.
Hohe-Stirn nickt. Siehst du? Doch du kannst dieses Dilemma lösen, und zwar ganz einfach, jetzt sofort: indem du eine Entscheidung triffst. Du kannst beschließen, die Welt oben hinter dir zu lassen und eine von uns zu werden. Der Schwarm der Graureiter hat dich willkommen geheißen, er würde dich auch aufnehmen als eine von uns. Er hält einen Moment lang die Hände über mich, fast wie Weißes-Auge, als sie mich gesegnet hat, und fügt dann hinzu: Du musst es nur wollen.
Ich blicke ihn an, grenzenlos überrascht. So habe ich das noch nie betrachtet. Aber ja, er hat recht! Ich könnte das tatsächlich einfach beschließen.
In diesem Augenblick kann ich es mir sogar vorstellen. Ich sehe mich unter den Graureitern leben, sehe mich eines ihrer Handwerke ausüben, mein eigenes Zelt aufbauen, mit ihnen summen und tanzen. Vielleicht würde mich einer der Wale als Reiterin akzeptieren. Vielleicht würde ich den Kindern der Graureiter Lesen und Schreiben beibringen, wie es sich der König wünscht.
Vielleicht könnte das sogar etwas werden mit Sechs-Finger und mir …
Tante Mildred wird es verstehen. Es wird ihr vielleicht nicht unbedingt gefallen, aber verstehen und akzeptieren wird sie es.
Und der Zonenrat kann mich mal.
Ja, beteuere ich. Ich will es.
Hohe Stirn nickt feierlich. Dann sei willkommen.
Ein Schauer durchrieselt mich, als mir klar wird, dass es nun passiert ist: Ich habe mich entschieden! Ich bin jetzt eine Graureiterin!
Mit anderen Worten: Ich habe endlich meinen Platz in der Welt gefunden. Nein, mehr noch – ich habe ihn gewählt.
Hohe-Stirn senkt die Hände.
Nun will ich dir sagen, was ich gehört habe, fährt er mit ernsten Gebärden fort. Ich habe sagen hören, ein Wasseratmer, der viel Kontakt mit Luftatmern habe, werde in diesem Gebäude dort vorne gefangen gehalten. Und jemand anders hat behauptet, der Name dieses Mannes sei Geht-hinauf.
Als seine Hände diesen Namen formen, durchzuckt es mich wie ein elektrischer Schlag. Mein Vater?
Hohe-Stirn sieht mich mitleidig an. Verstehst du nun, warum ich dir das nicht gleich am ersten Abend sagen wollte?