Mein Herz setzt einen Schlag lang aus, um im nächsten Augenblick zu hämmern wie verrückt. Mein Vater? Dort vorne, in diesem seltsamen Gebäude? Kann das wirklich wahr sein?
Im ersten Moment kommt es mir extrem unwahrscheinlich vor. Von wem will Hohe-Stirn das gehört haben? Und wieso sollte eine Energiefirma einen Submarine in einer Methanmine gefangen halten?
Dann fallen mir die Ereignisse in Seahaven wieder ein. Das Gefängnis, in dem ich Schwimmt-schnell wiedergefunden habe, und das gentechnische Labor, in dem ein Virus entwickelt werden sollte, der ausschließlich Submarines befällt und tötet.
Was, wenn sie es wieder probieren?
Nur diesmal an einem Ort, an dem sie vor neugierigen Nachbarn sicher sind?
Vielleicht ist es doch nicht so unwahrscheinlich.
Meine Gedanken rasen. Wie und wo kann ich mehr darüber herausfinden? Wenn ich wüsste, wo genau wir uns befinden, ließe sich feststellen, wem die Mine gehört. Damit könnte ich mich an das Netzwerk der Gipiui Chingu wenden, die dank ihrer Verbindungen bestimmt mehr wissen.
Ich würde den Gefangenen gerne befreien, unterbricht Hohe-Stirn meine Gedanken. Nur weiß ich leider zu wenig über dieses Bauwerk. Es ist groß, sehr groß. Wo halten sie ihn gefangen? Welche Waffen und Abwehreinrichtungen besitzen sie und wie kann man sie überwinden?
Ich hebe hilflos die Schultern. Über solche Dinge weiß ich auch nichts.
Wirklich nicht? Hohe-Stirns Hände machen so scharfe Bewegungen, als wollten sie das Wasser zerschneiden. Wie kann das sein, wenn du doch dein ganzes bisheriges Leben unter Luftatmern verbracht hast?
Ich weiß es eben einfach nicht!, setze ich mich zur Wehr. Er stellt sich die Welt der Luftatmer offenbar viel einfacher vor, als sie ist. Mit so etwas hatte ich nie zu tun.
Hohe-Stirns Augen funkeln. Ich weiß nicht, ob ich dir das glauben soll, erklärt er. Mir kommt es eher so vor, als ob du immer noch zu den Luftmenschen hältst.
Nein!, erwidere ich, aber ich bin mir selber nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch so ist. Dass ich das Land als meine eigentliche Heimat betrachte. Dass ich es nie schaffen werde, es wirklich hinter mir zu lassen.
Dann fällt mir ein, dass ich ja meine Tafel habe und damit die Möglichkeit, nach Informationen zu suchen. Und Frau Brenshaw und die Freunde der Tiefe zu alarmieren.
Hastig erkläre ich dem König, dass ich unter Umständen herausfinden kann, was er wissen will. Ich muss dafür nur irgendwo eine Weile nach oben gehen, an Land. Auf irgendeine Insel in der Nähe. Soll ich versuchen, ihm zu erklären, was ich mit meiner Tafel alles machen kann? Was das Netz ist? Funkwellen? Vielleicht besser, ich fange gar nicht erst davon an. Schließlich verstehe ich selber nicht so genau, wie das alles funktioniert.
Hohe-Stirn mustert mich lange und eindringlich.
Gut, entscheidet er endlich. Tu das. Ich werde es als Gelegenheit betrachten zu sehen, auf welcher Seite du stehst. Sechs-Finger soll dich begleiten und dir den Weg zeigen.
An diesem Abend finde ich ein Stück Stoff in den Farben der Graureiterfrauen in meinem Zelt vor, violett und gelb, dazu eine aus Fischhaut geflochtene Kordel.
Ein Lendenschurz.
Ich lasse mich auf den Boden sinken, nehme den Stoff in die Hände und begreife, dass es mehr ist als nur ein Stück Stoff. Es ist ein Symbol. Eine Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen. Zu zeigen, wo ich mich selber sehe.
Zu beweisen, dass ich eine Graureiterin bin.
Ich zögere. Befühle den Stoff, der sich leicht anfühlt, eher wie ein Büschel Gras als wie Textil. Betrachte die Farben und frage mich, wie sie die wohl herstellen.
Aber natürlich mache ich das alles nur, um das Eigentliche hinauszuschieben. Ich sehe wieder Hohe-Stirn vor mir und seine Hände, wie sie sagen: Mir kommt es eher so vor, als ob du immer noch zu den Luftmenschen hältst.
Nein. Ich bin jetzt eine Graureiterin.
Entschlossen streife ich meine Bikinihose ab, falte sie zusammen und stopfe sie in den Rucksack. Dann ziehe ich den Lendenschurz zwischen den Beinen hindurch und befestige ihn mit der Kordel, so, wie ich es bei den anderen Submarines gesehen habe. Ich muss herumprobieren, bis das Ganze einigermaßen hält, und natürlich sitzt es nicht so fest wie die elastische Hose aus ParaSynth, aber schließlich kriege ich es hin.
Verglichen mit dem engen Sitz der ParaSynth-Hose kommt es mir fast vor, als wäre ich nackt.
Trotzdem fühlt es sich gar nicht schlecht an.
Irgendwie – freier.
Am nächsten Morgen bemerkt Schwimmt-schnell die Veränderung natürlich sofort.
Jetzt siehst du aus wie eine von denen, meint er missbilligend.
Es wäre der Moment, ihm zu gestehen, dass ich mich dem Schwarm der Graureiter angeschlossen habe, aber dazu bin ich zu feige und so schaue ich nur an mir herab und erwidere: Ich finde, es steht mir.
Er verdreht die Augen. Ich frage mich allmählich, was ich eigentlich noch hier mache.
Mich beschützen?, erwidere ich. Als er nur das Gesicht verzieht, füge ich hinzu: So schlecht ist es hier doch gar nicht, oder?
Er schüttelt den Kopf. Jetzt redest du auch schon wie eine von denen. Er schnappt seinen Speer und befestigt ihn auf dem Rücken, dann deutet er in Richtung einiger Submarines, die uns zuwinken und bedeuten, mit ihnen zu kommen. Lass uns essen gehen.
Ich nicke nur, verblüfft über die schlechte Laune, die er an den Tag legt, und folge ihm.
Während des Frühstücks muss ich mich wieder Fragen stellen, zum Beispiel der, warum ich noch keine Kinder habe.
Tja.
Ich versuche zu erklären, dass Luftmenschen in meinem Alter für gewöhnlich noch keine Kinder haben, sondern sich fast noch selber wie welche fühlen. Das finden alle in der Runde höchst merkwürdig und man einigt sich darauf, dass Luftatmer äußerst eigenartige Menschen sind.
Womit sie gar nicht so unrecht haben.
Das Auftauchen des Prinzen erlöst mich schließlich. Auch er bemerkt mein neues Outfit, kommentiert es aber nicht, sondern meint nur: Mein Vater hat gesagt, ich soll dich zur nächsten Insel bringen.
Das wäre hilfreich, bestätige ich.
Gut. Dann komm, meint er und schwimmt los.
Diesmal ist es nicht so weit, Kleiner-Fleck wartet gleich außerhalb des Lagers. Er bewegt den Unterkiefer, als er mich erblickt; es sieht aus, als würde er grinsen.
Wir steigen auf, machen uns fest und los geht es. Ich halte mich bereit, mich auf den Bauch gleiten zu lassen, falls wir wieder so ein Tempo vorlegen wie beim ersten Mal, aber heute verzichtet Sechs-Finger darauf. Wir reiten nur so schnell, dass man noch bequem aufrecht sitzen kann.
Der Prinz wirkt verschlossener als je zuvor und ich verstehe nicht, warum. Ich muss immerzu an das Zusammen-zusammen vor zwei Tagen denken und wie unsere Blicke miteinander verschmolzen sind, eine Ewigkeit lang: Das kann ihn doch nicht kaltgelassen haben!
Oder? Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, Jungs zu verstehen, aber jetzt gerade kapiere ich überhaupt nichts.
So sitzen wir nebeneinander auf dem Rücken des Pottwals und unsere Hände rühren sich nicht. Sechs-Finger schaut mich nicht einmal an, starrt nur geradeaus in das flirrende Blau vor uns und tut so, als wäre ich gar nicht da.
Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. Ich tippe ihn an und frage, als er unwillig herschaut: Du hast gesagt, Kleiner-Fleck mag mich.
Ja, erwidert er mit einer Gebärde, die knapper kaum sein könnte.
Große-Mutter auch? Ja.
Und was ist mit dir?
Er sieht mich an, wirkt regelrecht erschrocken dabei, presst die Lippen aufeinander und rührt keinen Finger.
Ich versenke meinen Blick wieder in den seinen und zumindest für mich fühlt es sich wieder genauso magisch an wie vorgestern beim Zusammen-zusammen.
Als wir bei den Walen waren, beginne ich mit zaghaften Gesten, da hatte ich einen Moment lang das Gefühl, du wolltest mich küssen.
Sechs-Fingers Blick flackert. Ist das Panik? Wenn ja, warum? Er schaut zur Seite, hält es aber nicht durch, sondern schaut mich wieder an und hat dabei die Hände so verkrampft, als müsse er verhindern, dass sie etwas verraten, das sie nicht verraten sollen.
Ich atme tief ein, kühles, frisches Wasser, und versuche, nicht auf das Flattern in meinem Bauch zu achten. Aber ich muss das jetzt durchziehen, sonst drehe ich noch durch.
Ich hätte, erkläre ich behutsam, nichts dagegen gehabt. Ich würde nur gern wissen, ob … ob …
Dann weiß ich nicht mehr weiter, schaue ihn nur hilflos an. Er erwidert meinen Blick, während es in seinem Gesicht arbeitet, und so starren wir uns an wie gebannt. Diesmal sind es keine zwanzig Schritte, die uns voneinander trennen, diesmal ist es nicht einmal eine Armlänge, und seltsam, auf diese Distanz entwickeln Blicke eine Anziehungskraft, einen Magnetismus, der uns zueinander zieht, immer näher und näher, und noch näher, und noch näher, bis sein Gesicht dicht vor meinem ist und meines dicht vor seinem und ich spüren kann, wie das Wasser zwischen uns hindurchströmt, durch den winzigen Spalt, den wir ihm noch lassen.
Und dann berühren seine Lippen die meinen.