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Es könnten eine Million Jahre vergangen sein, als sich unsere Lippen wieder voneinander trennen, oder nur eine Sekunde, ich weiß es nicht. Irgendwie haben sich meine Arme um ihn geschlungen und seine um mich, was ich sofort ausnutze, um ihn ein zweites Mal zu küssen.

Und wieder lässt die Berührung jede Zelle meines Körpers erzittern. Ja, ich gebe es zu, sogar ich habe, wenn auch nur heimlich, von meinem ersten Kuss geträumt und davon, wie es sich anfühlen würde – aber dass es so sein würde, hätte ich nie zu träumen gewagt. Die Welt rings um uns herum könnte untergehen, ich würde es nicht mitbekommen, denn es gibt nur noch ihn und mich, nein, uns, weil die Grenzen zwischen uns für einen herrlichen Moment lang verschwunden sind.

Es ist schön, ihn zu küssen. Ihn zu halten. Ihn zu spüren. Vor allem ist es schön, dass es passiert. Ich fühle mich, als wäre ich mein Leben lang mit einem Schlüssel in der Hand durch die Straßen einer endlosen Stadt geirrt, von Haus zu Haus, und als hätte ich nun endlich die Tür gefunden, in der mein Schlüssel passt.

Ich muss an Strich-am-Bauch denken und was sie über die Liebe gesagt hat. Dass sie ganz einfach ist. Ich habe ihr das nicht geglaubt, aber jetzt tue ich es.

Es ist tatsächlich ganz einfach. Ganz leicht. Wunderbar leicht. Und wunderbar schön.

Ich habe endlich meinen Platz gefunden.

Ich küsse Sechs-Finger noch einmal, und noch einmal, und noch einmal. Je öfter ich es tue, desto mehr erfüllt mich eine heiße, herrliche Strömung, unwiderstehlicher als der East Australian Current, eine Strömung, der ich mich am liebsten einfach überlassen würde, um mich von ihr tragen zu lassen, wo immer sie hinführt.

Aber ich kann es nicht. Nicht weil mir die Ermahnungen Tante Mildreds eingefallen wären – sie sind mir eingefallen, sondern weil ich spüre, dass es Sechs-Finger ganz und gar nicht so geht. Dass er zögert. Sich zurückhält. Ich möchte mich ihm ganz und gar öffnen, aber er will das nicht.

Was ist?, frage ich und schaue ihn forschend an, mein Gesicht dicht vor seinem, meine Kiemen flatternd von all dem Wasser, das durch sie hindurchströmt.

Er dreht den Kopf weg, schaut sich um und erklärt: Wir sind da. Er deutet auf eine steil ansteigende Felswand. Das ist ein kleines Riff, das aus dem Meer ragt.

Ich habe die Felswand nicht bemerkt und nichts könnte mir gerade gleichgültiger sein als Riffe, die aus dem Meer ragen.

Das meine ich nicht, erwidere ich.

Sein Blick weicht dem meinen aus. Ich hätte das nicht tun dürfen, meint er bedrückt.

Was? Mich zu küssen?

Ja.

Warum nicht? Meine Hände zittern, als ich das frage, und mir ist, als könnte ich seine Antwort schon sehen: dass er eine andere hat. Oder womöglich, dass er der Prinz der Graureiter ist und sich nicht verlieben darf wie normale Leute, sondern diejenige zur Frau nehmen muss, die ihm sein Vater aussucht.

Bei den Königen der Luftmenschen war das jedenfalls so, wenn ich mich recht an meinen Geschichtsunterricht erinnere.

Er macht eine unbestimmte Handbewegung, dann fügt er hinzu: Ich weiß nicht, was ich tun soll. Was richtig ist. Ich habe dich geküsst, weil ich … weil ich nicht anders konnte.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Was will er mir damit sagen? Ich verstehe es nicht.

Auf jeden Fall muss es so sein, dass Sechs-Finger irgendetwas mit sich herumträgt, ein Geheimnis vielleicht. Oder dass er schreckliche Angst vor seinem Vater hat, dem König.

Bloß – warum? Gut, ich verstehe nicht viel von Politik und derlei Dingen. Aber wenn der König mich allen Ernstes für die prophezeite Mittlerin hält, dann sollte eine Verbindung zwischen ihr und seinem Sohn doch in seinem Sinne sein, oder? Oder sehe ich das falsch?

Keine Ahnung. Ich lasse Sechs-Finger los, gleite ein Stück von ihm weg und frage: Magst du mich denn?

Er nickt.

Aber?

Ich habe Angst, dir wehzutun.

Der Junge ist mir ein Rätsel. Warum? Was könntest du tun, das mir wehtut?

Das kann ich dir nicht sagen, erklärt er mit bebenden Händen. Sein Brustkorb bläht sich, seine Kiemen flattern auf eine Weise, die einem abgrundtiefen, aber lautlosen Seufzer entspricht. Vielleicht eines Tages.

Nun seufze ich auch. Und nehme mir vor, Strich-am-Bauch was zu erzählen, sollte ich sie je noch einmal treffen. Von wegen, die Liebe ist leicht!

Na gut, erwidere ich. Dann lass uns bis dahin tun, weswegen wir hier sind.

Gerade würde ich mich lieber hinter gesprochener Sprache verstecken, weil ich das Gefühl habe, dass meine Hände und mein Körper gnadenlos verraten, wie mir wirklich zumute ist: nach Heulen nämlich.

Ich deute nach oben. Ich geh jetzt an Land und schaue, was ich über diese Methanmine herausfinde.

Und vor allem muss ich dringend irgendwohin, wo ich schreien und toben kann, ohne dass mich jemand sieht.

Sechs-Finger nickt, die Kiefer so fest zusammengepresst, dass man die Muskeln an seinem Kinn sehen kann. Gut. Ich warte hier.

Ich löse die Halteschlaufe, konzentriere mich ganz auf das, was zu tun ist. Ohne Sechs-Finger noch einmal anzuschauen, wende ich das Gesicht aufwärts, erzeuge Luft im Brustkorb, Auftrieb, der mich nach oben zieht, hinauf ins flimmernde Licht der Meeresoberfläche.

Es tut gut, durchs Wasser zu schießen, so schnell, wie ich es sonst aus eigener Kraft nie kann.

Das Licht kommt näher, empfängt mich – und dann bin ich wieder an der Oberfläche, schnaube das restliche Wasser durch die Kiemen aus, hole tief Luft, halte mich paddelnd auf der Stelle und schaue mich um. Da ist die Insel. Ein kahler, winziger Felsen, nur ein paar Schwimmzüge entfernt, weit und breit die einzige Erhebung.

Meine Beine zittern, als ich an Land gehe, aber diesmal ist es nicht die Umstellung. Diesmal ist es Enttäuschung.

Der Felsen ist rau und scharfkantig; ich muss aufpassen, mich nicht zu verletzen. Außer ein paar Flechten scheint auch hier nichts zu wachsen und ich muss eine Weile suchen, ehe ich einen Fleck gefunden habe, an dem ich mich setzen kann.

Irgendwie hat mich das Aufpassen von meiner Enttäuschung abgelenkt. Eigentlich wollte ich erst mal weinen, aber jetzt sitze ich einfach nur da und kann nicht. Es ist, als sei das, was ich gerade erlebt habe, tatsächlich in einer anderen Welt passiert, in einem ganz anderen Leben.

Oder der große Jammer kommt erst noch. Auch möglich.

Ich zwänge mich aus den Trägern meines Rucksacks, hole die Tafel heraus, schalte sie ein. Während sie sich aktiviert, überlege ich, wie ich bei der Suche nach Informationen am besten vorgehe. In den normalen Bibliotheken werde ich nichts finden, das über Allgemeinwissen hinausgeht. Und von meiner Schülertafel aus habe ich natürlich keinen Zugriff auf die Unterlagen von Firmen oder Zonenverwaltungen.

Am besten, ich kontaktiere gleich Frau Brenshaw.

Dann wird die Tafel hell und all meine Überlegungen erweisen sich als hinfällig.

Denn: Ich habe hier draußen kein Netz!

Erst kann ich es gar nicht glauben. Ich war noch nie irgendwo, wo man kein Netz gehabt hätte. Ich stehe auf, halte die Tafel in die Höhe, in jede Himmelsrichtung … aber das Netzsymbol bleibt grau, egal, was ich mache.

Das darf nicht wahr sein. Ich setze mich wieder, muss an all das denken, was ich Hohe-Stirn versprochen habe, und spüre wieder meine Beine zittern. Was jetzt?

Ich suche nach den Diagnose-Routinen. Die habe ich noch nie gebraucht, in all den Jahren nicht, aber ich finde sie schließlich und lasse sie laufen. Sie melden, dass mit dem Gerät alles in Ordnung ist. Nur eben: kein Netz.

Mist. Ich schalte die Tafel ab, warte eine Weile, starre auf den endlosen Horizont, auf all das Wasser, das mich umgibt.

Dann schalte ich sie wieder ein, doch auch das hilft nichts. Kein Netz, egal, was ich mache. Ich bin zu weit vom Festland entfernt und von den Schifffahrtslinien ebenfalls.

Schließlich gebe ich auf, schalte die Tafel ab und verstaue sie sorgfältig wieder im Rucksack. Ich klettere zurück ans Wasser, warte, bis ein paar größere Wellen vorübergezogen sind, dann lasse ich mich hineingleiten und tauche ab.

Sechs-Finger ist noch da. Mehr noch, er ist mir gefolgt, schwimmt so dicht unter der Oberfläche herum, dass ich fast den Verdacht habe, er hat mich beobachtet.

Du kannst das tatsächlich, stellt er fest. Du kannst an die Luft gehen und wieder zurück ins Wasser kommen, gerade so, wie es dir gefällt.

Ich mustere ihn verwirrt, verstehe nicht, wieso ihn das jetzt so beeindruckt. War es nicht genau das, was sich die Submarines seit jeher über diese ominöse Mittlerin erzählen?

Außerdem war ich nicht besonders lange oben. Dem Tagebuch meiner Mutter nach zu schließen, hätte mein Vater es locker genauso lange an der Luft ausgehalten.

Ja, erwidere ich. Bloß hat es nichts genützt. Ich versuche, ihm zu erklären, was das Problem ist, und im Gegensatz zu seinem Vater habe ich bei ihm das Gefühl, dass er versteht, was mit dem Netz gemeint ist.

Eine Weile schweben wir ratlos im lichten Blau, umschwirrt von ein paar orange-gelben Anemonenfischen. Dann meint Sechs-Finger: Lass uns zurückreiten.

Genau das tun wir, schweigend und bedrückt. Wir schwimmen zurück zu Kleiner-Fleck, der uns aufmerksam mustert und unsere veränderte Stimmung zu spüren scheint. Wir steigen auf, machen uns fest, und der weitere Ritt verläuft ruhig und ohne jegliche Kapriolen.

Einmal greift Sechs-Finger nach meiner Hand, aber ich entziehe sie ihm. Ich bin nicht mehr in Stimmung für seine Annäherungen. Und das hat nicht einmal etwas mit meiner Enttäuschung zu tun, sondern damit, dass ich nun auch Angst habe, Angst vor dem König. Ich habe Hohe-Stirn versprochen, dass ich mehr über die Methanmine herausfinde, und kann mein Versprechen nun nicht halten. Irgendwie weiß ich, dass das gar nicht gut ist.

Womöglich werde ich Sechs-Finger bald verstehen, auch ohne dass er mir erklärt, was mit ihm los ist.

In der blauen Ferne zeichnet sich die Zeltstadt der Graureiter ab. Es wird schon dunkel, man sieht kleine Lichtpunkte, wo die Körbe mit den Glo-Fischen stehen.

Waren wir so lange unterwegs? Den ganzen Tag? Es hätte auch ein Monat gewesen sein können, ich habe kein Gefühl mehr für die verstrichene Zeit. Unser erster Kuss scheint Stunden gedauert zu haben – das schweigende Nebeneinandersitzen allerdings auch.

Es ist eine helle Nacht. Auch wenn der Mond nicht mehr ganz voll ist, ist der Himmel doch klar und der Meeresboden liegt wie verzaubert unter seinem silbernen Licht.

Auf einmal kommt mir eine Idee.

Sag mal, wende ich mich an Sechs-Finger, könntest du das eigentlich auch – mich zu der Methanmine bringen?

Er mustert mich befremdet. Was?

Die Methanmine, die mir dein Vater gezeigt hat – weißt du, wo die ist?, hake ich nach.

Klar.

Und könntest du Kleiner-Fleck dazu bringen, mit uns dorthin zu schwimmen?

Sein Gesicht wird immer skeptischer. Du meinst – jetzt?

Ich nicke entschlossen. Vielleicht finde ich auf diese Weise etwas heraus, das deinem Vater weiterhilft.

Ich habe keine Ahnung, was das sein könnte, aber garantiert verstehe ich mehr von Luftmenschentechnik als jeder Submarine.

Vielleicht ist es ja auch ganz einfach. Vielleicht muss ich nur einmal um das Bauwerk herumschwimmen und durch die Fenster schauen, um einen Submarine in einem Wassertank zu entdecken. Was schon alles wäre, was wir wissen müssten.

Sechs-Finger zieht die Backen ein. Wenn dabei irgendetwas schiefgeht, reißt uns der König den Kopf ab.

Was soll dabei schiefgehen?, erwidere ich, erfüllt vom Mut der Verzweiflung.

Er kaut nachdenklich auf seiner Unterlippe, streckt und dehnt die Finger, ehe er antwortet.

Dann meint er: Also gut. Ich bring dich hin.