Ich weiß nicht, wovor ich Angst habe, aber ich habe welche. Vielleicht vor Hohe-Stirn. Wahrscheinlich sogar. Vielleicht aber auch vor der toten Zone, in die wir uns bewegen.
Kleiner-Fleck ist deutlich weniger gehorsam als der Pottwal, auf dem ich mit Hohe-Stirn geritten bin. Hätte ich es nicht schon erlebt, wie blind der Wal ihm gehorcht, ich würde nicht auf die Idee kommen, dass Sechs-Finger ein Graureiter ist. Das Tier bockt, dreht ab, hält störrisch an. Am schlimmsten ist es, wenn Kleiner-Fleck sich schüttelt und uns abwirft und wir hilflos in den Schlaufen hängen, bis ihn Sechs-Finger irgendwie wieder beruhigt.
Ich krieg das hin, versichert mir Sechs-Finger, wann immer er eine Hand frei hat.
Ich nicke nur. Inzwischen bin ich gar nicht mehr so überzeugt davon, dass es eine gute Idee war, das Problem auf diese Weise anzugehen.
Die Nacht ist hell. Bleiches Licht erfüllt den Meeresgrund. Silberne Lichter und dunkle Schatten huschen umher, aber es sind keine Anzeichen von Leben – oder jedenfalls das meiste davon nicht –, sondern nur Reflexe, Schatten, Lichtspiele.
Der Boden ist leblos. Das weiße Pulver der zermahlenen Knochen leuchtet im Mondlicht unheilvoll.
Kommt mir das nur so vor oder ist der Weg weiter als neulich?
Er dauert auf jeden Fall länger.
Kleiner-Fleck fühlt sich unwohl, das spüre sogar ich. Wäre er ein Menschenkind, ich würde sagen: Es ist dicht davor, sich in wütendem Protest auf den Boden zu werfen und mit den Füßen zu strampeln. Sechs-Finger hat alle Hände voll zu tun, den Wal zum Weiterschwimmen zu bewegen, und ich sitze daneben und komme mir vor wie eine Tierquälerin, weil das alles meine Idee war.
Aber wir könnten den Weg nicht aus eigener Kraft schwimmen. Ich jedenfalls nicht. Schon gar nicht in dieser übel riechenden Umgebung, wo einem das Wasser im Hals brennt. Der Wal braucht nur ein, zwei Male mit der Schwanzflosse zu schlagen, um uns eine Strecke voranzubringen, für die ich auf mich allein gestellt eine Viertelstunde gebraucht hätte.
Einmal müssen wir eine Pause machen. Das heißt, Kleiner-Fleck macht eine, während Sechs-Finger sich anstrengen muss, ihn davon abzuhalten, einfach umzudrehen und zurückzuschwimmen.
Doch irgendwann sieht es so aus, als habe sich das Tier damit abgefunden, dass wir hier sind und nicht umkehren werden. Kleiner-Fleck schwimmt nach wie vor zögerlich, aber er scheint es nur noch hinter sich bringen zu wollen, und zwar so schnell wie möglich.
Kurz darauf taucht das Bauwerk in der Ferne auf. Wie ein Schattenriss steht es da, ein flaches Oval auf Stelzen. Ein paar helle Punkte sind zu erkennen: Fenster, in denen Licht brennt.
Sechs-Finger hält an. Näher heran schaffe ich es nicht, erklärt er. Ich kann auch nicht mit dir kommen. Wenn ich ihn alleine lasse, haut er ab.
Ich nicke. Das ist mir gar nicht so unrecht. Kein Problem. Hauptsache, du wartest auf mich.
Versprochen, erwidert er ernst.
Gut. Ich nehme die Halteschlaufe ab, ziehe meinen Rucksack zurecht und steige höher. Einen Moment lang verspüre ich den irritierend starken Impuls, ihn zum Abschied zu küssen, aber dann fällt mir wieder ein, dass er denkt, er dürfe das nicht tun. Also lasse ich es und beschränke mich auf ein knappes: Bis später. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird.
Ich warte auf jeden Fall, verspricht er. Egal, wie lange es dauert.
Ich nicke. Ich beeile mich.
Dann schwimme ich los.
Nach dem langen, trotz allem schnellen Ritt auf dem Wal habe ich nun das Gefühl, überhaupt nicht vorwärtszukommen mit meinen armseligen Schwimmbewegungen. Festzustecken. Mich durch Gallerte zu bewegen, nicht durch Wasser. Ich schwimme und schwimme, doch die Methanmine kommt einfach nicht näher.
Bald bin ich erschöpft, weniger von der Anstrengung als vielmehr von dem leblosen, wie abgestorben schmeckenden Wasser, durch das ich mich kämpfe und das ich atmen muss. Kann es sein, dass es nicht so viel Sauerstoff enthält wie normales Meerwasser? Keine Ahnung. Auf jeden Fall hat es etwas Betäubendes.
Halb ohnmächtig erreiche ich das Bauwerk endlich. Es ist größer, als es von Weitem ausgesehen hat, und obwohl das Licht kaum ausreicht, um mehr als Hell und Dunkel zu unterscheiden, entdecke ich auf der Außenhülle ein unangenehm vertrautes Logo: das im Wasser schwimmende T von Thawte Industries.
Das passt ja. Unwillkürlich muss ich daran denken, wie James Thawte die Submarines »Missgeburten« genannt hat, die sich »wie die Schmeißfliegen vermehren«, »widernatürliche Kunstmenschen, die ein verrückter Professor aus einer Laune heraus in die Welt gesetzt hat«. Und an seine Pläne, ein Virus zu entwickeln, um sie alle auszurotten.
Es passt, dass ich das Logo seiner Firma hier wiederfinde, mitten in einer Zone des Todes.
Und es erschreckt mich auch. Bis zu diesem Moment war ich so mit mir und meinen armseligen Schwimmkünsten beschäftigt, dass ich gar nicht über Gefahren nachgedacht habe, die mir drohen könnten. An Kameras, Annäherungsmelder, Radar und dergleichen. Womöglich dröhnt dadrinnen schon längst der Alarm und ich kriege es jeden Moment mit Kampftauchern zu tun!
Dafür ist es allerdings erstaunlich ruhig. Einen Alarm hätte ich hören müssen, ebenso wie die Schritte von Leuten, die zu ihren Taucheranzügen hasten. Aber ich höre nicht das geringste Geräusch.
Ich warte, bis sich mein aufgeregt schlagendes Herz wieder beruhigt hat, dann gleite ich sachte näher heran, bis ich eine der Stützen berühren kann. Es ist eine filigrane Gitterkonstruktion aus dünnen, schräg zueinander stehenden Stangen und Streben, an der man sich gut festhalten kann.
Behutsam lege ich mein Ohr an eine der dickeren Vertikalstangen. Nichts. Ich höre ein leises, fernes Summen, die Aggregate der Lebenserhaltungssysteme vermutlich, das ist alles.
Also gut. Kein Grund, länger zu zögern. Ich lasse los, paddle mit den Füßen und treibe langsam aufwärts, hinauf zu dem riesigen stählernen Gebilde, das dunkel über mir hängt.
Seltsam. Gut, ich gebe zu, dass ich im Unterricht nie besonders gut aufgepasst habe, wenn es um den Tiefseebergbau ging – aber müsste eine Methanmine nicht irgendwo große Tanks haben, in denen das gewonnene Methan aufbewahrt wird, bis Schiffe es abholen? Zumindest müsste eine Pipeline in Richtung Festland abgehen. Aber ich sehe hier weder das eine noch das andere. Auch keine Bohrvorrichtungen.
Ich mustere die Unterseite des Bauwerks und schüttele unwillkürlich den Kopf. Alles, was ich dort sehe, ist eine offen stehende Druckschleuse und eine Halterung, in der ein Mini-U-Boot hängt.
Das hier muss irgendetwas anderes sein.
Also steige ich weiter empor, bis ich mit den Fingerspitzen die Hülle berühre. Dann schwimme ich daran nach außen, umrunde vorsichtig die Außenkante und mache mich an die Erkundung der Oberseite.
Hier gibt es viele Fenster, erstaunlich große sogar, wenn man bedenkt, dass wir uns unter Wasser befinden und man Fenster in unterseeischen Bauwerken als Schwachstellen betrachtet. Die meisten davon sind sanft erleuchtet, schimmern in der Dunkelheit.
Ich nähere mich dem ersten Fenster sehr, sehr langsam, schiebe den Kopf Millimeter für Millimeter über den Rand.
Und schaue in eine Art Küche mit einem runden Esstisch in der Mitte. Fünf Stühle darum herum. Alles aufgeräumt und verlassen, nur über der Tür, die hinausführt, leuchtet ein kleines weißes Element.
Hmm. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ein ziemlich alltäglicher Anblick. Jemand wohnt hier. Gut, das war irgendwie klar.
Ich paddle weiter. Durch das nächste Fenster sehe ich den Schleusenraum. Auch hier eine sanfte Nachtbeleuchtung. In der Mitte ist ein dunkler Kreis, in dem sich Wasser bewegt, an den Wänden stehen Sauerstoffflaschen in Halterungen und hängen Taucheranzüge zum Trocknen. Alles wirkt ein bisschen schlampig, anders als die penibel aufgeräumte Küche vorhin.
Erstaunlich: Der Zugang zum Meer scheint tatsächlich offen zu sein. Ich müsste nur unter den Bau und durch die kurze Röhre an dessen Unterseite schwimmen und würde dort drinnen auftauchen.
Man hat hier offenbar keine sonderliche Angst vor ungebetenem Besuch.
Nun, warum auch – mitten in einer toten Zone: Wer sollte da schon kommen?
Weiter. Hinter den nächsten paar Fenstern ist es dunkel und ich vermeide es, allzu lange zu versuchen, trotzdem etwas zu erkennen: Wenn jemand darin sein sollte, würde er mich womöglich als Schattenriss vor dem Hintergrund des mondbeschienen Meers wahrnehmen.
Noch mehr Fenster, alle groß und hell. Ein Drittel des Gebildes habe ich schon umrundet. Hinter den Scheiben sehe ich … hmm, was? Arbeitsräume. Laboratorien. Maschinenanlagen.
Aber nirgends so etwas wie einen Gefangenen.
Wäre ja auch zu einfach gewesen. Früher, in den alten Burgen, waren die Verliese bestimmt nicht ohne Grund immer in den tiefsten Kellern, wo nie jemand zufällig hinkam.
Ich schwimme weiter, umrunde das Bauwerk vollends und halte bei dem Fenster an, hinter dem der Schleusenraum liegt.
Was nun? Was habe ich Nützliches erfahren, das ich Hohe-Stirn berichten könnte? Nichts. Ich weiß nicht mal, was das hier ist! Eine Methanmine ist es nicht – aber was dann?
Und vor allem weiß ich nicht, wo der Gefangene ist oder ob es überhaupt einen Gefangenen gibt.
Mit anderen Worten: Ich kehre mit leeren Händen zurück.
Und das will ich nicht. Nicht, seit ich weiß, mit was für einem Blick mich der König dafür anschauen wird.
Ich mustere noch einmal das Innere der Schleusenkammer, suche die Wände nach Kameras ab, nach irgendwelchen Geräten, die so aussehen, wie ich mir Alarmanlagen vorstelle – aber da ist nichts. Alles wirkt arglos, harmlos, unkompliziert.
Und der Zugang ist offen. Ich könnte einfach aus diesem runden Wasserloch auftauchen, leise herausklettern und mich drinnen umsehen.
Genau das, beschließe ich, werde ich tun.
Ich stoße mich ab und lasse mich in die Tiefe sinken. Nur nicht lange darüber nachdenken, sonst überlege ich es mir am Ende noch anders. Tiefer, tiefer, bis ich unter dem Bauwerk bin, dann zwei, drei Schwimmzüge und ich habe die Einstiegsluke erreicht. Ich packe den Rand der Röhre, schwimme hinein und aufwärts … und schon taucht mein Kopf aus dem Wasser.
Alles bleibt still. Keine Alarmsirene, die aufheult, kein rotes Licht, das sich zu drehen beginnt. Einfach nur Stille. Leises Tropfen von zweien der Taucheranzüge ist zu hören, ein fernes Rauschen, das wohl von der Belüftungsanlage kommen dürfte, und ab und zu ein metallisches Knacken und Knirschen, dessen Ursprung ich nicht identifizieren kann.
Flüchtig muss ich an eine lange zurückliegende Physikstunde denken. Damals hat uns der Lehrer, Herr Enesco, das Prinzip der Taucherglocke erklärt. Er hat ein simples Trinkglas genommen und mit der Öffnung nach unten in ein mit Wasser gefülltes Aquarium gedrückt. Bevor er das gemacht hat, hat er gefragt, was passieren wird. Immerhin ein Drittel der Klasse war überzeugt, dass sich das Glas einfach mit Wasser füllen würde. Was natürlich nicht passiert ist – stattdessen konnte man im Inneren des Glases eine silberne Trennfläche sehen, oberhalb derer sich die im Glas eingeschlossene Luft befand.
Genauso, erläuterte Herr Enesco, könnte man einen beliebigen Hohlkörper, der unten offen ist, ins Meer abtauchen. Wenn man weit genug oben säße, würde man trocken bleiben und Luft zu atmen haben, zumindest eine Weile. Vorausgesetzt, der Hohlkörper ist luftdicht – andernfalls würde die Luft entweichen und das Wasser eindringen.
Der springende Punkt dabei ist, dass der Druck des Wassers und der Druck der Luft immer gleich hoch sind. Wäre das Aquarium groß genug gewesen und hätte Herr Enesco sein Wasserglas, sagen wir, bis in eine Tiefe von zehn Metern hinabgedrückt, wäre der Wasserdruck doppelt so hoch gewesen und folglich die Luft darin auf das halbe Volumen zusammengepresst worden.
Was bedeutet, dass der Luftdruck in diesem Ding hier ziemlich hoch sein muss, wenn er ausreicht, das Wasser draußen zu halten.
Es fühlt sich auch so an. Als ich mich so geräuschlos wie möglich aus dem Wasserloch hieve, ist es, als füllten sich meine Lungen statt mit Luft mit einer seltsam zähen, fast klebrigen Substanz. Einen Moment lang habe ich Atemnot, muss mich erst mal auf den geriffelten Metallrand setzen, bin dicht davor, mein Vorhaben aufzugeben und mich zurück ins Meer zu retten.
Doch dann vergeht es. Es bleibt seltsam, aber ich kann atmen. Leise erhebe ich mich und tappe auf nassen, nackten Sohlen los. Drei Gänge führen von der Einstiegskammer aus weiter; ich wähle den, der so aussieht, als führe er in Bereiche, die man von außen nicht einsehen kann.
Es gibt ein Schott, das sich mit ein paar Hebeln verriegeln ließe, doch es steht offen, genau wie die anderen beiden auch. Ich trete hindurch. Dahinter besteht der Boden nicht mehr aus nacktem Metall, sondern ist mit genopptem Kunststoff belegt, was die Gefahr verringert, auszurutschen und lautstark hinzufallen.
Dann: Türen, alle zu meiner Rechten. Welche davon wage ich zu öffnen? Ich suche nach Beschriftungen, Hinweisschildern, entdecke aber nichts. Mit der Hand auf der ersten Klinke zögere ich. Ich suche ein Gefängnis, fällt mir ein: Vielleicht sollte ich erst einmal nach einer Tür suchen, die so aussieht, als sei sie verriegelt und der Zutritt verboten? Zudem dürfte sich eine Gefängniszelle wohl kaum in unmittelbarer Nähe der einzigen Fluchtmöglichkeit befinden.
Also weiter. Am Ende des Flurs wartet eine Tür mit Glaseinsatz. Gut, so werde ich wenigstens sehen, was mich dahinter erwartet.
Ich bin noch fünf Schritte davon entfernt, als plötzlich rings um mich helles Licht aufflammt und eine tiefe Männerstimme ausruft: »Na, so was! Wen haben wir denn da?«