23

Ich fahre herum – und erstarre.

Ich habe mich nicht verhört. Als sich meine Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt haben, sehe ich tatsächlich einen dürren, alten Mann, der nur eine kurze Hose trägt. Er hat mehr Haare auf der Brust als auf dem Kopf – schneeweiße, flusige Haare in beiden Fällen –, auf seinem Schädel glänzt es feucht, und er steht in genau der Tür, die ich eben beinahe geöffnet hätte. Eine Hand hat er immer noch am Lichtschalter.

Was jetzt? Ich habe das Gefühl, ich müsste irgendetwas sagen, aber was? Keine Ahnung, also sage ich nichts. Er sagt auch nichts und so stehen wir beide da, starren einander an und wissen nicht weiter.

Plötzlich blinzelt er wie jemand, der sich nicht sicher ist, ob er träumt oder nicht, und meint: »Unglaublich. Es gibt euch also tatsächlich.«

Ich rühre mich nicht, überlege aber, ob ich einfach losrennen soll. Vielleicht kann ich ihn überraschen und entkommen.

Aber bei näherem Hinsehen: eher nicht. Er steht genau zwischen mir und dem Schott. Er bräuchte nur den Arm auszustrecken, um mich abzufangen.

»Unglaublich«, sagt er noch einmal. Dann beginnt er, mit der Faust gegen die Wand zu trommeln, was ein dumpfes Wummern erzeugt, das durch das gesamte Bauwerk dröhnt. »He!«, ruft er dabei, so laut er kann. »Kommt schnell her und schaut, was uns da besucht!«

Ich weiche zurück, erschrocken darüber, wie laut dieser magere alte Mann sein kann, werfe einen raschen Blick in die andere Richtung, hin zu der Tür mit dem Glaseinsatz.

»He, he«, schmunzelt der Alte, der meinen Blick natürlich bemerkt. »Probier’s ruhig. Die ist abgeschlossen.«

Eine zweite Tür öffnet sich und eine dicke, kaum weniger alte Frau tritt heraus, die ebenfalls nur einen Slip trägt. Sie hat lange, wirre, feucht verklebte Haare, die sie sich verschlafen aus dem Gesicht streift.

»Was ist denn …?«, beginnt sie, sieht mich, hält in der Bewegung inne und meint: »Oh.«

Aus einer dritten Tür kommt ein junger Mann mit einem Vollbart, der an seinem Kinn klebt wie Gips. Auch er trägt nur das Nötigste, Boxershorts in diesem Fall.

»Erinnert ihr euch«, fragt der alte Mann voller Begeisterung, »was ich euch über die Fischer von Jamdena erzählt habe? Die steif und fest behaupten, es gäbe Unterwassermenschen? Bitte sehr – hier ist der Beweis. Es gibt sie tatsächlich.«

Alle starren mich an. Mich, die ich was drum gäbe, wenn sich jetzt einfach ein Loch auftun und mich verschlingen würde. Da haben sich die Leute von den Gipiui Chingu so viel Mühe gegeben, die Submarines zu schützen, und es weit über hundert Jahre lang geschafft, ihr Geheimnis zu wahren – und ausgerechnet ich, die Mittlerin, in die alle so große Hoffnung gesetzt haben, ausgerechnet ich verrate es!

Die Frau tritt einen Schritt auf mich zu, nimmt mich genauer in Augenschein. Alles an ihr ist schlaff und wabbelig, aber ihre Augen sind hellwach und klar, scheinen von innen her zu leuchten.

»Siehst du das?«, fährt der Alte fort. »An der Seite ihres Brustkorbs? Das müssen Kiemen sein. Genau so haben es die Fischer berichtet. Und keiner hat ihnen geglaubt. Na, das wird sich jetzt ändern. Wir müssen –«

»George«, unterbricht die Frau ihn, »das ist alles Quatsch. Ich hab dieses Gesicht schon mal gesehen. Das ist dieses Mädchen, von dem sie gerade überall im Netz reden. Dem sie irgendwelche Fisch-Gene eingepflanzt haben, sodass es unter Wasser atmen kann.«

»Was?« George schnappt nach Luft. »Louise, was redest du da?«

»Sie heißt … warte, gleich fällt’s mir ein … Saha«, sagt die alte Frau. Sie schaut mir in die Augen und fragt: »Stimmt’s?«

Ich räuspere mich. »Ja. Saha Leeds.«

»Du bist irgendwo aus dem Norden, nicht wahr? Seahaven?«

»Ja«, gebe ich zu.

»Ha!«, entfährt es dem jungen Mann, der bis jetzt noch keinen Ton von sich gegeben hat. »Genmanipuliert? Ich dachte, das da oben ist eine neotraditionalistische Zone?«

»Deswegen machen sie ja auch so einen Stress darum«, meint Louise. Sie richtet den Zeigefinger auf mich und befiehlt: »Warte.«

Als ob ich etwas anderes tun könnte! Ich schaue zu, wie sie in ihrem Zimmer verschwindet und gleich darauf wieder zum Vorschein kommt, mit zwei T-Shirts, einem gelben, das sie mir reicht, und einem blauen, das sie sich selber überstreift. »Zieh das an, damit wir in Ruhe reden können«, sagt sie. »Der junge Mann hier stammt aus einer anglikanischen Zone und kann in Gegenwart halb nackter Frauen nicht richtig denken.«

»Das ist nicht wahr«, verteidigt sich der.

»Ed – das ist doch kein Vorwurf«, meint Louise. »Du kannst ja nichts für deine Erziehung. Ich will nur kein Risiko eingehen.«

Ed schnaubt noch einmal, aber in seinen Augen liegt ein Funkeln, bei dem mir unwohl ist, und so schlüpfe ich rasch in das T-Shirt. Das mir viel zu groß ist; mein Rucksack verschwindet darunter und es hängt trotzdem an mir wie ein Kleid.

»Also, erzähl«, fordert Louise mich auf. »Was um alles in der Welt machst du hier?«

Ich weiß immer noch nicht so richtig, wie ich mich hier herausreden soll. »Der Zugang war offen …«, sage ich nervös. »Ich dachte, ich könnte mich ein bisschen umschauen …«

Louise schaut die anderen an. »Das haben wir jetzt von unserer Faulheit.«

George zuckt mit den Schultern. »Das erste Mal in dreißig Jahren, dass so etwas passiert. Das finde ich jetzt kein Drama.«

»Der Lukenmechanismus ist verrostet, weißt du, und schon davor war es immer eine Heidenarbeit, das Ding zu verriegeln«, erklärt mir Louise. »Deswegen hat niemand von uns übertriebene Lust, mit der Verwaltung zu streiten, damit das repariert wird.« Sie winkt ab. »Also gut – aber warum? Ich meine, warum hier bei uns?«

»Na ja«, druckse ich herum. »Da war diese tote Zone. Und mittendrin die Methanmine. Das hat mich interessiert.«

Sie hebt die Hand. »Moment. Was heißt das? Du bist einfach so des Weges geschwommen und hast plötzlich das zerstörte Gebiet hier bemerkt?«

»Aber Seahaven ist tausend Kilometer entfernt«, wendet der junge Mann mit dem Vollbart ein. Irgendwie doch auffällig, dass ihm das vorhin, als wir die T-Shirts noch nicht anhatten, nicht eingefallen ist.

»Na, wenn sie unter Wasser atmen kann, ist das doch kein Problem«, brummt George.

»Och, tausend Kilometer weit zu schwimmen, ist allerdings respektabel«, meint Louise. Sie mustert mich. »Ist das so? Du bist die ganze Strecke geschwommen?«

Ich will nicht lügen, aber die Wahrheit sagen will ich auch nicht. »Ich hab mich vom East Australian Current tragen lassen«, erkläre ich. »Dass der mich so schnell so weit fortbringt, hat mich selber überrascht.«

»Faszinierend«, meint Louise und strahlt auf einmal, als wäre ich ihre leibliche Tochter und sie stolz auf mich. »Und du kannst das wirklich, einfach so unter Wasser leben?«

»Ja«, sage ich.

»Und wie … wie verpflegst du dich unterwegs? Wo schläfst du?«

»Meistens esse ich Algen«, erzähle ich. »Manchmal auch Fisch, oder Muscheln. Und schlafen … einfach auf dem Meeresboden, mit dem Rücken gegen einen Stein oder so.«

George räuspert sich vernehmlich. »Aber, sag mal – meines Wissens sind die Sommerferien in allen australischen Zonen längst vorbei. Müsstest du nicht in der Schule sein?«

Das macht mich richtig verlegen. »Eigentlich schon«, gebe ich zu.

Louise lacht, ein Lachen, das in eine Art Husten übergeht. »Ah, das gefällt mir. Was sagst du dazu, George, alter Streber? Ich meine – welche Behörde will sie denn finden, wenn sie sich nicht finden lassen will? Großartig.«

»Der East Australian Current«, wirft Ed nörgelnd ein, »verläuft weit über hundert Kilometer westlich von uns.«

Die beiden anderen schauen ihn an, dann wieder mich.

»Und die bist du einfach geschwommen?«, fragt Louise.

Ich zucke mit den Schultern. »Ich bin schon eine ganze Weile unterwegs.«

»Und dann hast du plötzlich bemerkt, dass kilometerweit alles tot ist, nichts wächst – auch nichts, was du essen könntest –, und da hast du gedacht, du schaust mal nach, was es damit auf sich hat.«

»So in der Art«, behaupte ich und habe das Gefühl, rot zu werden. Aber vielleicht sieht man das ja nicht in dem grellgelben Licht, das sie hier verwenden.

Louise schüttelt den Kopf. »Irgendwie glaub ich dir das nicht. Einfach so?« Sie streift sich ein paar hartnäckige Strähnen aus dem Gesicht. »Übrigens sind wir keine Methanmine, wie kommst du auf die Idee? Wir sind eine simple Forschungsstation.«

Sie hat ja recht, mir das nicht zu glauben, aber umgekehrt fällt es mir auch schwer. »Eine Forschungsstation?«, frage ich zurück. »Forschung für was? Für chemische Waffen?«

Louise lacht entwaffnend. »Sieht so aus, wenn man sich draußen umschaut, nicht wahr?« Sie wird wieder ernst. »Nein. Was stimmt, ist, dass hier mal eine Methanmine war. Eine der ersten überhaupt, kurz nach den Energiekriegen. Die haben damals alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, und es wurde genau die Katastrophe, die Skeptiker befürchtet hatten. Man musste die Minenanlage abbauen, die Bohrungen versiegeln und so weiter. Unser Job ist es, zu beobachten und zu dokumentieren, wie sich das Gebiet wieder erholt. Was es tut – aber sehr, sehr langsam.«

»Draußen an Ihrer Station«, sage ich, »habe ich das Logo von Thawte Industries gesehen.«

Louise nickt. »Ist ja auch unübersehbar.«

»Ich kenne James Thawte«, fahre ich fort, auch wenn das leicht übertrieben ist. »Und ich glaube nicht, dass ihn diese Art von Forschung interessiert.«

»Das nicht«, wendet George ein. »Aber ihn muss interessieren, was der Weltmeeresrat sagt. Der war es nämlich, der damals alle Firmen, die mit Unterwasserbergbau zu tun haben, dazu verdonnert hat, solche Forschungseinrichtungen zu gründen.«

»Der Weltmeeresrat«, wiederhole ich begriffsstutzig.

»Das ist das internationale Gremium, das alle Entscheidungen hinsichtlich der Weltmeere trifft«, erklärt mir Ed, der offenbar so etwas wie das wandelnde Lexikon an Bord spielt. »Das sich übrigens demnächst in Sydney im Rahmen der Seerechtskonferenz trifft.«

Ach ja. Pigrit hat so etwas erwähnt, fällt mir wieder ein.

»Wir hoffen, dass da neue Beschlüsse gefasst werden, denn natürlich geben die Konzerne für uns und unsere Kollegen in ähnlichen Gebieten so wenig Geld aus wie nur möglich«, meint Louise. »Deswegen knirscht und quietscht hier auch alles. Weil die Bezeichnung ›altersschwach‹ für diese Station äußerst geschmeichelt wäre.«

Sie hebt den Zeigefinger und wir lauschen alle vier: Tatsächlich, ganz weit entfernt hört man es knarren und klappern, seufzen und knistern.

»Der Luftdruck«, erklärt George. »Jede Welle über uns verändert die Höhe der Wassersäule und damit den Luftdruck im Inneren der Station, ungefähr alle dreißig Sekunden, je nach Wetter. Das geht auf die Ohren und jeder Gegenstand, der luftdicht verschlossen ist und bei Druckveränderungen Geräusche von sich gegen kann, tut es.«

»Ehrlich gesagt«, räume ich ein, »ist es nicht reiner Zufall, dass ich hier bin.«

Louise klatscht triumphierend in die Hände. »Ha! Wusst ich’s doch.«

Ich mustere die drei. Je länger das Gespräch geht, desto mehr kommen die drei mir vor, als stünden sie unter Drogen. Was aber vielleicht einfach ein Effekt ist, den wir in der Schule einmal durchgenommen haben: Wird ein menschlicher Körper über längere Zeit einem wesentlich höheren Luftdruck ausgesetzt, führt das zu einer Art Delirium. Der Grund ist, dass sich durch den höheren Druck mehr Stickstoff im Blut löst, was so ähnlich wirkt wie Lachgas.

»Man hat mir gesagt«, fahre ich fort, entschlossen, mich nicht mit Small-Talk abspeisen zu lassen, »hier würde jemand gefangen gehalten.«

Sie schauen mich alle mit großen Augen an.

»Gefangen gehalten?«, echot Louise. Ed kichert im Hintergrund.

»Ja«, sage ich.

»Wer?«, will George wissen und kratzt sich die weiß behaarte Brust.

»Weiß ich nicht. Irgendjemand eben.«

»Bei uns?«

»Ja«, wiederhole ich.

»Da hat man dir Unsinn erzählt«, sagt Louise energisch.

Ich weiche ihrem Blick nicht aus. »Das würde ich an Ihrer Stelle auch sagen, wenn ich jemanden gefangen halten würde.«

Sie lacht wieder. Es klingt wie rumpelnde Steine. »Du musst mir nicht glauben. Du kannst dir die Station ansehen.« Sie streckt die Hand aus. »Komm, ich führ dich herum.«

Tatsächlich führen mich dann alle drei durch die Gänge. Sie zeigen mir die Labors, die Probensammlungen und die Arbeitsstationen. Alle zwei bis drei Tage, erfahre ich, lassen sie eine Boje zur Meeresoberfläche aufsteigen, die sich, sobald sie an die Luft kommt, automatisch über einen Satelliten ins Netz einklinkt und alle bis dahin angesammelten Daten überträgt, Briefe abruft und so weiter.

Sie zeigen mir die Aufbereitungsanlagen für Sauerstoff und Frischwasser, die Anlage, in der Abfälle komprimiert werden, und den kleinen Thorium-Reaktor, der den nötigen Strom liefert. Es gibt eine Kühlkammer für verderbliche Lebensmittel und eine Trockenkammer für Sachen, die nicht feucht werden dürfen.

»Überall sonst ist es immer feucht«, erklärt mir Louise. »Nichts trocknet wirklich. Handtücher schimmeln, Metall rostet, Kekse werden im Nu weich und der Kaffee schmeckt komisch, weil man Wasser nicht zum Kochen bringt.«

Alle drei Wochen kommt ein Schiff mit einer neuen Besatzung, aber sie müssen eine mehrtägige Dekompression durchlaufen, ehe sie wieder nach Hause können.

Besonders stolz sind sie auf ihre Toiletten. »Früher sind die Dinger in Unterwasserhabitaten regelmäßig explodiert«, erzählt mir George kichernd. »Unsere machen es schon dreißig Jahre ohne Probleme.«

»Außer, als du neulich –«, gluckst Louise.

»Ach, halt den Mund«, unterbricht George sie.

Sie zeigen mir auch die Überwachungsanlage: sechs Kameras, die die Umgebung der Station rund um die Uhr beobachten. Als sie in den Aufzeichnungen ein Stück zurückgehen, kann ich mir selber dabei zusehen, wie ich angeschwommen komme und durch alle Fenster gucke.

Ich kriege erst einen heißen Schreck, als ich das sehe, doch dann atme ich auf: Sechs-Finger und sein Wal sind zu weit entfernt, um von den Kameras erfasst zu werden.

»Wir wissen immer noch nicht, wer dir das erzählt hat von wegen, wir würden jemanden gefangen halten«, fällt George wieder ein, während man auf dem Schirm sieht, wie ich mich der Einstiegsluke nähere. »Ich meine, würde man in so einem Fall nicht einfach die Polizei verständigen?«

»Ja«, sage ich. »Das hätte ich wohl tun sollen.« Ich muss mich da irgendwie herausreden, ich weiß bloß nicht, wie.

Aber zu meiner Erleichterung lässt George das Thema gleich wieder fallen und die anderen scheint es auch nicht sonderlich zu interessieren. Sie wirken alle drei wirklich leicht beduselt.

»Die Zeit«, sagt Louise plötzlich. »Wir müssen auf die Zeit achten. Nicht dass sie zu lange hierbleibt.«

»Ja, du hast recht«, pflichtet ihr George bei und legt die Stirn in Grübelfalten. »Wann ist sie denn aufgetaucht? Ich hab nicht auf die Uhr geschaut.«

»Wir brauchen bloß die Aufzeichnungen anschauen«, sagt Ed. »Da ist die Uhrzeit eingeblendet.« Er legt den Finger auf den Schirm und zieht ihn nach links, bis zu der Stelle, an der ich in die Schleuse tauche. »Da. Gekommen ist sie um 95,2. Und jetzt haben wir 98.«

George wendet sich mir zu. »Tja, junge Dame. Ich fürchte, das heißt, dass wir dich wieder fortschicken müssen.«

»Es ist wegen dem Stickstoff«, fügt Louise hinzu. »Ich weiß nicht genau, wie das bei dir funktioniert, da du Kiemen hast, aber normalerweise ist es so, dass sich unter dem hohen Druck mehr Stickstoff im Blut löst, was sehr gefährlich werden kann, wenn –«

»Wenn der Druck zu schnell wieder nachlässt, ich weiß«, sage ich. Niemand kann in Seahaven aufwachsen, ohne das zu lernen, in einer Stadt, deren Industrie sich zum größten Teil unter Wasser befindet. Lässt der Druck zu schnell nach, perlt der Stickstoff im Blut aus, was zu schweren Schäden, Behinderungen oder sogar zum Tod führen kann. Deshalb müssen Taucher, die längere Zeit in der Tiefe gearbeitet haben, ziemlich viel Zeit in sogenannten Dekompressionskammern verbringen, in denen der Luftdruck langsam wieder auf das normale Maß abgesenkt wird.

»Früher hat man bei solchen Einsätzen statt gewöhnlicher Luft ein Gemisch aus Helium und Sauerstoff geatmet, damit hat man solche Probleme nicht«, erzählt George. »In alten Filmen kann man das noch sehen; die Stimmen klingen in so einer Atmosphäre lustig, wie Gänsegeschnatter. Aber bei den heutigen Preisen für Helium ist daran natürlich nicht mehr zu denken.«

Ich nicke. Auch das weiß ich. In den vorigen beiden Jahrhunderten sind die Menschen total verschwenderisch mit Helium umgegangen. Man hat Milliarden von Luftballons für Kinder damit gefüllt und sogar riesige Luftschiffe und irgendwann war so gut wie keines mehr da. Weil Helium, ein Edelgas, das leichter ist als Luft, einmal freigelassen hoch in die Atmosphäre aufsteigt und im Weltraum verschwindet.

»Es heißt, bei dem Druck, den wir in der Station haben«, erklärt mir Louise, »ist nach spätestens 6 Units eine kritische Sättigung des Bluts erreicht. Wir gehen lieber auf Nummer sicher, wenn wir mal Besuch haben …«

»Was so gut wie nie der Fall ist«, wirft George lachend ein.

»… und sagen, nach zwei Units ist Schluss«, fährt Louise fort. »Jetzt sind es schon fast drei. Andererseits wirst du ja wohl nicht gleich zur Oberfläche aufsteigen, oder?«

Ich schüttele den Kopf.

»Gut. Warte lieber ein paar Tage damit. Bis dahin löst sich der Stickstoff hoffentlich wieder. Solltest du beim Aufsteigen Schmerzen haben – sofort wieder abtauchen, ja?«

»Ich pass auf«, verspreche ich.

Sie begleiten mich alle bis in den Schleusenraum. Es fühlt sich an wie eine lustige Party, die zu Ende geht, weil es spät in der Nacht ist. Zumindest stelle ich es mir so vor; ehrlich gesagt war ich noch nie auf einer richtigen Party.

Ich ziehe das T-Shirt wieder aus und reiche es Louise zurück. Sie nimmt es, tätschelt mir zum Abschied die Backe und hakt dann Ed unter, um ihn sanft aus dem Raum zu ziehen. »Wir zwei gehen schon mal, hmm?«, meint sie gurrend.

George bleibt noch. »Schade«, sagt er. »Also, nicht dass ich es bedaure, deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Aber es wäre auch toll gewesen, wenn sich diese Legende von den Unterwassermenschen bestätigt hätte. Klar, man kann nur schwer erklären, woher eine solche Spezies kommen sollte. Trotzdem finde ich die Vorstellung aufregend. Ich rede immer gern mit den Fischern, wenn ich in Neuguinea bin, weißt du? Tapfere Leute, mit ihren schlichten Holzbooten. Wissen eine Menge über das Meer. Eine Menge.«

Er streckt mir die Hand hin. Ich schüttele sie. »Auf Wiedersehen«, sage ich.

George lächelt. »Wohl eher nicht«, meint er. »Ist meine letzte Schicht hier unten. Man wird nicht jünger.«

Ich blicke ihn noch einmal an, einen mageren alten Mann mit wirrem Silberhaar, dann trete ich über den Rand des Ausstiegs und verschwinde wieder im Wasser. Ein Atemzug, und alle Luft ist wieder aus meinem Körper verschwunden.