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Ich beeile mich, die Station hinter mir zu lassen und vor allem das brackig schmeckende Wasser darum herum, das mir das Gefühl gibt, Schmutz zu schlucken und einzuatmen.

Während ich schwimme, frage ich mich, ob sie mir wohl dabei zusehen. Ob sie mich auf ihren Schirmen beobachten. Irgendwie bin ich überzeugt, dass Ed das tut, deswegen drehe ich mich nicht um.

Ich schwimme und schwimme, fühle mich benommen und sage mir, dass es von dem muffigen Wasser kommen muss und dass Stickstoff nichts damit zu tun haben kann. Dann bin ich mir auf einmal nicht mehr sicher, ob ich überhaupt in die richtige Richtung schwimme.

Eine Weile paddle ich panisch umher, ehe ich die Felsformationen wiederfinde, an denen ich mich auf dem Herweg orientiert habe.

Nirgends eine Spur von Sechs-Finger. Er wird mich doch nicht im Stich gelassen haben?

Hat er nicht. Einen Atemzug, nachdem ich ihn verdächtigt habe, entdecke ich ihn – das heißt, eigentlich den Wal, der unruhig hin und her schwimmt, als könne er es auch nicht erwarten, von hier wegzukommen.

Sechs-Finger scheint genauso erleichtert zu sein, mich zu sehen, wie ich es bin, ihn wiedergefunden zu haben.

Du warst lange weg, hält er mir vor. Ich dachte schon, du kommst gar nicht wieder.

Ich war drinnen, erzähle ich, gleite neben ihn und streife die Halteschlaufe über.

Drinnen? Sechs-Finger hat immer noch alle Hände voll zu tun, Kleiner-Fleck ruhig zu halten. Und? Den Gefangenen gefunden?

Ich schüttele den Kopf. Da ist kein Gefangener. Dein Vater hat sich geirrt.

Sechs-Finger sieht mich warnend an. Sag ihm das bloß nicht, rät er mir. Er hasst es, unrecht zu haben. Er hasst es ausgesprochen.

Ich nicke. Das hätte ich sowieso nicht gewagt, dazu habe auch ich zu viel Schiss vor Hohe-Stirn.

Jedenfalls ist alles ganz anders, erkläre ich.

Sechs-Finger winkt ab. Lass uns erst mal von hier verschwinden. Kleiner-Fleck kann es kaum noch erwarten wegzukommen.

Ich auch nicht, erwidere ich.

Weil ich schon ahne, was jetzt kommt, lege ich mich gleich auf den Bauch, und tatsächlich: Sechs-Finger gibt dem Wal dieselbe Art Schlag wie bei unserem ersten Ritt und das Tier rast mit Höchstgeschwindigkeit los. Diesmal ist es Sechs-Finger, den es umwirft.

Ich schließe die Augen, halte mein Gesicht in das strömende Wasser. Es fühlt sich an, als hielte jemand einen voll aufgedrehten Feuerwehrschlauch direkt auf mich gerichtet – aber es tut gut. Je schneller wir aus der toten Zone kommen, desto besser.

Tatsächlich legen wir den Weg zum Lager in ungleich kürzerer Zeit zurück, als wir für den Hinweg gebraucht haben. Es ist ein mittlerweile vertrauter Anblick: die vielen halb kugeligen Zelte, wie Trauben über die Ebene verstreut, im Mondlicht scharfe Schatten werfend, dazwischen das heimelig grünliche Licht der Glo-Fische in ihren Körben.

Als wir bei der Herde sind, machen wir uns los. Sechs-Finger entlässt Kleiner-Fleck mit einem letzten sanften Klapps, worauf der Wal sofort nach oben schwimmt, um Luft zu holen. Wir setzen uns in Richtung Lager in Bewegung, aber wir haben es nicht besonders eilig. Ein Wachposten sieht uns, grüßt den Prinzen voller Respekt.

Also, meint Sechs-Finger. Was hast du herausgefunden?

Ich erzähle ihm alles. Er sieht mir aufmerksam zu, und je mehr ich berichte, desto sorgenvoller schaut er drein.

Ein dunkler Schatten über uns: Kleiner-Fleck, der uns in weitem Bogen übermütig umrundet, um gleich darauf in die Tiefe zu entschwinden.

Er hat Hunger, erklärt Sechs-Finger. Du auch?

Nein, erwidere ich.

Doch, ich habe Hunger, aber ich will jetzt nichts essen. Ich bin auch müde und will doch nicht schlafen. Das Einzige, was ich will – was ich mir wünsche –, ist, dass Sechs-Finger sagt, dass ihm leidtut, was er heute Nachmittag gesagt hat, und dass er mich … nun ja, dass er mich liebt. Und dann müsste er mich küssen. Nichts täte ich jetzt gerade lieber, als ihn noch einmal zu küssen, und noch einmal, und noch einmal, und es müsste nicht beim Küssen bleiben.

Aber nicht, wenn er nicht will. Ich verstehe nicht, wogegen er sich sperrt, verstehe auch nicht, warum er mir nicht wenigstens erklärt, was los ist, aber ich kann regelrecht spüren, dass da eine Mauer zwischen uns ist.

Was ich nicht verstehe, ist, wieso das so ist. Wieso ist da eine Mauer, während ich gleichzeitig das Gefühl habe, dass irgendetwas ihn und mich unglaublich stark verbindet?

Gut, ich kenne ihn erst seit Kurzem. Vielleicht täusche ich mich einfach. Schließlich habe ich ja eigentlich keine Ahnung von der Liebe. Ich könnte nicht mal sagen, was uns denn verbindet!

Ich weiß nur, dass es ganz schön wehtut.

Er kriegt von alldem überhaupt nichts mit, ist mit seinen Gedanken ganz woanders. Als wir bei meinem Zelt angelangt sind, meint er: Lass uns morgen früh noch einmal darüber reden.

Ich schaue ihn verwirrt an. Reden? Worüber?

Was wir meinem Vater sagen.

Ach so. Wenn er nur wüsste, wie egal es mir gerade ist, was wir seinem Vater sagen oder nicht sagen! Ich schaue ihn an, studiere seine Augen, die selbst jetzt, mitten in der Nacht, blau zu leuchten scheinen, und gäbe etwas darum, wenn ich wüsste, warum sie so traurig wirken, so einsam, so melancholisch.

Er schaut mich auch an, aber ich habe nicht das Gefühl, dass er mich sieht. Sein Blick ist auf ein Problem gerichtet, das er mit seinem Vater hat, würde ich sagen.

Ja, gebe ich schließlich zurück. Lass uns morgen früh noch einmal darüber reden.

Gute Nacht, meint er und macht keinerlei Anstalten, mir wenigstens einen höflichen Gutenachtkuss zu geben.

Gute Nacht, antworte ich, dann wende ich mich ab und schlüpfe in mein Zelt.

Und schlafe ein, kaum dass ich mich hingelegt habe.

Das Nächste, was ich wahrnehme, ist, wie mich jemand reichlich unsanft an der Schulter rüttelt. Ich komme zu mir, drehe mich noch halb verschlafen um in der Erwartung, Schwimmt-schnell zu sehen, der mir irgendetwas Wichtiges sagen will. Aber nicht er ist es, der mich weckt, sondern eine Frau, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Sie trägt das violette Haarband der Königswache und erklärt, ich solle mit ihr kommen, zum König.

Ich?, frage ich verdattert zurück.

Sie rümpft die Nase. Ist hier sonst noch jemand?

Es ist nur eine rhetorische Frage, das ist mir schon klar, aber ich antworte trotzdem: Ja, zum Beispiel Schwimmt-schnell. Mein Begleiter.

Der ist nicht mehr da, erwidert sie.

Allmählich wird mir unheimlich, was da gerade passiert. Nicht mehr da?, frage ich zurück. Was heißt das?

Sie mustert mich kühlen Blicks. Dein Begleiter hat das Lager gestern verlassen.

Verlassen?, wiederhole ich fassungslos. Wieso das?

Keine Ahnung, meint sie.

Hat er eine Nachricht hinterlassen?

Nein.

In meinem Bauch verkrampft sich alles. Schwimmt-schnell fort, einfach so? Wie kann das sein? Er hat doch versprochen, auf mich aufzupassen!

Ja, stimmt, er war sauer auf mich. Und ich bin nicht darauf eingegangen. Obwohl ich es hätte tun sollen. Es war nur … so viel los. Und es war irgendwie schwierig.

Aber dass er so sauer war, dass er einfach abhaut, ohne Abschied, ohne alles? Das habe ich nicht geahnt.

Und es trifft mich tief. Wieder einmal bin ich allein, ganz auf mich selbst gestellt.

Die Frau wartet. Ungeduld strömt von ihr aus wie schlechter Geruch.

Ich komme, erkläre ich. Moment.

Ich schnalle meinen Rucksack wieder um. Ich hätte gerade kein gutes Gefühl dabei, ihn in diesem Zelt zu lassen, auch wenn man mir versichert hat, es sei meines.

Als wir das Zelt verlassen, gesellen sich zwei weitere Wachen zu uns, kräftige Männer, die beunruhigend ernst dreinschauen. So, als hätten sie den Auftrag, zu verhindern, dass ich es wie Schwimmt-schnell mache und auch einfach abhaue.

Skeptische Blicke streifen uns von allen Seiten, während wir das Lager durchqueren. Als wir beim Zelt des Königs angelangt sind, öffnen die Wachmänner mir die beiden Hälften des Vorhangs vor dem Eingang, und die Frau winkt mich vorbei: Ich soll allein zum König.

Na gut. Ich mache eine letzte, zögerliche Schwimmbewegung, die mich durch die Öffnung trägt, und sofort schließt sich der Vorhang hinter mir wieder.

Hohe-Stirn wartet schon. Mit verschränkten Armen schwebt er über seinen Holzkisten und schaut mich erwartungsvoll an. Nein, eher streng. Wenn nicht sogar ungehalten. Er hat definitiv keine gute Laune und das macht mir in diesem Moment richtig Angst.

Ich verneige mich und muss an Narbe-am-Kinn denken, diese knallharte Frau, die sich vor dem König genauso ehrerbietig verbeugt hat, wie ich es jetzt versuche.

Vor dem Prinzen hat sie sich ebenso verneigt, was mich zu der Frage bringt, wo Sechs-Finger eigentlich steckt? Ich hatte darauf gezählt, ihn hier anzutreffen, aber keine Spur.

Am liebsten würde ich den Kopf einfach gesenkt halten, denn solange ich zu Boden blicke, kann Hohe-Stirn mich nicht maßregeln. Aber das geht natürlich nicht, also schaue ich langsam wieder auf.

Du warst in der toten Zone, stellt der König mit knappen Gebärden fest.

Im ersten Augenblick wundert es mich, dass er das weiß, aber dann wird mir klar, dass das so erstaunlich auch wieder nicht ist. Jede Menge Leute können gesehen und ihm berichtet haben, in welche Richtung sein Sohn und ich davongezogen sind – wenn Sechs-Finger es ihm nicht sogar selbst erzählt hat.

Ja, gebe ich also zu.

Warum?

Ich habe zuerst versucht, auf anderem Wege etwas darüber zu erfahren, verteidige ich mich, verwundert, dass ich mich deswegen verteidigen muss, aber es hat nicht geklappt. Also habe ich mir gedacht –

Du hast gedacht, du könntest etwas herausfinden, das uns entgangen ist, unterbricht Hohe-Stirn mich.

Ich verstehe seine vorwurfsvolle Haltung nicht. Ich habe gedacht, ich kann vielleicht etwas herausfinden, das Euch weiterhilft, erwidere ich.

Und? Er mustert mich spöttisch. Hast du?

Allmählich wird meine Wut stärker als meine Angst. Ich denke schon, erkläre ich. Ich bin hineingegangen, habe mit den Leuten darin geredet und eine Menge Dinge erfahren. Zwar ist das nicht der Plan gewesen, aber das muss ich ihm ja nicht auf die Nase binden.

Die hohe Stirn des Königs legt sich in Furcht einflößende Falten. So? Eine Menge Dinge? Was denn zum Beispiel?

Ich denke an Sechs-Fingers Rat, Hohe-Stirn besser nicht direkt zu sagen, dass er sich geirrt hat. Aber wenn ich einfach erzähle, was passiert ist und was ich erfahren habe, kann sich niemand angegriffen fühlen, oder?

Mal abgesehen davon, dass mir sowieso nichts anderes übrig bleibt.

Es stimmt, dass die Zerstörungen in der toten Zone von einer Maschine stammen, die man dort einmal errichtet hat, beginne ich. Ich weiß nicht, ob es eine Gebärde für das Wort »Methanmine« gibt, und selbst wenn, würde es dem König wohl nichts sagen. Aber diese Maschine ist schon lange nicht mehr da. Das Bauwerk ist einfach nur eine Wohnung unter Wasser, in der ein paar Forscher leben.

Weiß Hohe-Stirn, was Forschung ist? Ich zögere, es von mir aus zu erklären. Das könnte er so verstehen, dass ich ihn für zu ungebildet halte.

Was ist mit dem Gefangenen?, will Hohe-Stirn wissen.

Es gibt keinen Gefangenen, erwidere ich.

Das haben sie dir gesagt. Woher willst du wissen, dass es stimmt?

Ich halte seinem wütenden Blick stand, bin aber froh, dass ich im Wasser schwebe und nicht stehen muss, denn meine Knie fühlen sich gerade an wie Pudding. Sie haben mir alles gezeigt, antworte ich so ruhig wie möglich. Ich habe jeden einzelnen Raum gesehen und da war nirgends ein Platz, an dem man einen Gefangenen hätte unterbringen können.

Seine Augen verengen sich misstrauisch. Er verschränkt die Arme, denkt nach. Mir ist, als könnte ich zusehen, wie sich eine dunkle Wolke um ihn herum bildet.

Was für Waffen haben sie?, fragt er schließlich.

Ich erschrecke. Ich habe keine gesehen, erwidere ich hastig. Ich glaube auch nicht, dass sie welche haben.

Wie viele Leute sind es?

Drei. Eine Frau und zwei Männer. Ich stoße einen unwilligen Laut aus. Sie sind harmlos. Es sind einfach Wissenschaftler – Leute, die beobachten, wie sich das Leben in der zerstörten Zone entwickelt, die alles aufschreiben, sich überlegen, was daraus zu folgern ist –

Ich weiß, was Wissenschaftler sind, unterbricht mich der König ungehalten.

Er verschränkt die Arme wieder, schaut grüblerisch mal zu dieser, mal zu jener Seite, gleitet auf und ab und hin und her. All seine Bewegungen zeugen von einem Zorn, den ich nicht verstehe und den er nur mühsam bändigen zu können scheint.

Weißt du, was ich glaube?, fragt er schließlich.

Was?, erwidere ich verdutzt.

Dass nichts stimmt von dem, was du mir erzählt hast.

Ich reiße die Augen auf. Doch!

Nein. Du lügst.

Ich lüge nicht, verwahre ich mich.

Mit einer heftigen Bewegung bringt sich Hohe-Stirn direkt vor mein Gesicht. Ist die Gegend dort vergiftet oder nicht?, fragt er und bohrt dabei seinen Blick in den meinen.

Ja, erwidere ich.

Und waren es die Luftatmer, die sie vergiftet haben?

Ja, gebe ich zu, aber vor langer –

Was für einen Sinn, fragt der König weiter, sollte es haben, etwas erst zu zerstören und hinterher zu erforschen?

Das ist tatsächlich eine gute Frage, auf die ich so aus dem Stand heraus auch keine Antwort habe. Alles, was ich tun kann, ist, hilflos die Schultern zu heben.

Alles, was du berichtest, hält er mir vor, sagst du nur, um die Luftatmer zu schützen. Du bist noch immer auf deren Seite. Und das wiederum heißt, dass du dein Versprechen, die Welt oben hinter dir zu lassen und eine Graureiterin zu werden, gebrochen hast!

Das ist ja nicht zu fassen. Das ist nicht wahr!

Hohe-Stirn beachtet mich nicht länger, sondern stößt einen scharfen, bellenden Laut aus, bei dem mir eine Gänsehaut über den Rücken läuft. Im nächsten Augenblick kommen die Wachen von draußen hereingeschossen, ihre Speere im Anschlag.

Nehmt sie fest, verfügt der König und zeigt auf mich. Bindet ihr die Hände auf den Rücken und bringt sie zum Gerichtspfahl.