Sie lassen mich zurück. Sie ziehen ab und lassen mich, die sie vor ein paar Tagen noch als Mittlerin gefeiert haben, an dieses verdammte Wrackteil gefesselt zurück.
Ist das die Strafe? Nicht einfach nur Einsamkeit, nicht einfach nur Verbannung – sondern Tod durch Verhungern?
Das darf doch alles nicht wahr sein!
Ich beginne, meine Fesseln hin und her zu ziehen und zu zerren, jetzt, da keine Wachen mehr da sind, die mich daran hindern könnten. So scharfkantig und rostig, wie der metallene Pfahl ist, sollten die Schnüre schnell durchzuwetzen sein.
Aber das ist nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe keinen festen Stand, und wann immer mich eine unbedachte Bewegung mit dem Ding in Kontakt bringt, sticht oder schneidet es mich. Nur gut, dass ich meine Rückseite nicht sehen kann; so, wie sie brennt, muss sie mittlerweile von blutigen Striemen übersät sein.
Inzwischen tauchen schon die ersten Fische auf, die sich dafür interessieren: für mein Blut, das in dünnen roten Fäden um mich herum schwebt.
Nur eine Frage der Zeit, bis ein Hai auftaucht und mich vor dem Tod durch Verhungern bewahrt.
Dieser Gedanke lässt mich meine Anstrengungen verdoppeln, aber wie sehr ich auch ziehe und wetze, die Schnüre – oder was immer es ist, mit dem sie mich gefesselt haben – geben nicht nach. So gefährlich das Wrackteil ansonsten ist, ausgerechnet die Stelle, an der ich festgebunden bin, hat nirgends eine scharfe Kante.
Die Schnüre geben nicht nach und sie scheinen enger zu werden, je mehr ich gegen sie ankämpfe. Meine Hände fühlen sich schon ganz geschwollen an, wie abgeschnürt von den Stricken um meine Gelenke.
Ich halte erschöpft inne. Das funktioniert so nicht. So leicht machen sie es mir nicht, die Graureiter und ihr wahnsinniger König.
Wenn ich mich wenigstens ein bisschen ausruhen könnte! Nicht einmal das geht. Sobald ich nicht aufpasse, bohrt sich irgendwo irgendetwas in meine Haut.
Ein kleiner Fisch kommt näher, entblößt winzige, scharfe Zähne und macht Anstalten, mich zu beißen. Ich zucke herum, bewege mich wild genug, um ihn zu verscheuchen, doch dabei schneide ich mich erneut und diesmal ist es eine tiefe, schmerzhafte Wunde.
Schließlich beginne ich zu schreien.
Ob mein Schrei diesmal eine Chance hat, denjenigen zu erreichen, für den er gedacht ist – Schwimmt-schnell, der versprochen hat, mir zu helfen und mich zu beschützen –, weiß ich nicht. Eher nicht.
Trotzdem schreie ich weiter. Zumindest hält es die kleinen Fische mit den kleinen Zähnen auf Abstand. Und ich weiß nicht, was ich sonst noch tun könnte.
Es strengt an. Unter Wasser schreit es sich schwerer als an der Luft. Immerhin, ab und zu schneide ich mich an dem Pfahl; in diesen Momenten geht es wie von selbst.
Dann, plötzlich, sehe ich in der Ferne einen Schatten.
Ich halte inne, blinzle, schaue genauer hin, halb erfüllt von Hoffnung, halb von der Angst, mich zu täuschen.
Doch. Da ist ein Schatten. Ein Schatten, der immer näher kommt.
Und der immer größer wird.
Oh nein. Das ist nicht Schwimmt-schnell. Das kann nicht Schwimmt-schnell sein.
Dazu ist der Schatten viel zu groß.
Es muss ein Hai sein. Der mein Blut wittert. Beute.
Ich habe längst aufgehört zu schreien. Ich würde mich gern verstecken. Ich würde gern …
Am liebsten würde ich jetzt einfach aufwachen. Zu Hause. In meinem Bett. Und nachher beim Kaffee Tante Mildred von dem schrecklichen Traum erzählen, den ich geträumt habe.
Der Schatten kommt immer näher, wird immer größer.
Wenn es ein Hai ist … wenn es einer ist, dann hoffe ich, verdammt noch mal, dass er sich beim Zubeißen den ganzen Pfahl durch den Schädel bohrt und daran eingeht!
Mein Herz wummert wie eine Trommel. Ich starre nur noch auf das, was sich da nähert, unfähig, mich zu rühren. Wozu auch? Ich kann ja nirgendwo mehr hin.
Immer näher. Immer größer. Und dann, endlich, werden Konturen sichtbar.
Es ist kein Hai.
Es ist ein Wal.
Und Sechs-Finger reitet ihn.
Ich sinke in mich zusammen. Endlich. Er ist gekommen. Er ist doch gekommen.
Auf einmal ist mir, als könnte ich meine Fesseln keine Sekunde länger ertragen. Als müssten meine Arme absterben, wenn Sechs-Finger mich nicht sofort losbindet.
Aber das tut er nicht. Stattdessen zieht er ein dickes Tau vom Zaumzeug des Wals herüber und befestigt es an dem Pfahl, an dem auch ich hänge, zurrt es fest gegen den Widerstand des Tieres, das so unruhig ist, wie ich es noch nie erlebt habe, auch nicht, als wir durch die tote Zone geschwommen sind. Es bockt und wehrt sich und bringt die metallene Stange derart zum Zittern, dass ich mich erneut schneide.
Verdammt, was soll das? Ja, ich bin froh, dass Sechs-Finger gekommen ist, dass er mich nicht vergessen hat. Aber gleichzeitig bin ich wütend, dass er erst jetzt kommt. Verdammt wütend. Stinksauer, um genau zu sein. Ich könnte ihm die Augen auskratzen.
Und gleichzeitig möchte ich ihn küssen.
Verrückt.
Ich zerre an meinen Fesseln, so wild, dass sie mir die Handgelenke noch ärger abschnüren. Kleiner-Fleck windet sich hin und her, rüttelt an dem Pfahl, gibt schmerzhaft laute Klickgeräusche von sich, so laut, dass sie Echos erzeugen.
Seine Schwanzflosse wirbelt Sand vom Boden auf und hüllt uns in eine weiße Wolke. Die Fische, die bis jetzt immer noch darauf gelauert haben, ein Stück von mir abzubeißen, flüchten.
Jetzt endlich zückt Sechs-Finger sein Messer, gleitet hinter mich und beginnt, sich mit meinen Fesseln zu beschäftigen.
Das scheint schwieriger zu sein als gedacht. Er säbelt und säbelt, zerrt und zieht, pikst mich einmal versehentlich, sägt weiter. Es dauert Ewigkeiten, bis die Stricke endlich, endlich nachgeben und ich wieder frei bin.
Endlich haben wir auch beide wieder die Hände frei, um zu reden.
Wir müssen fliehen, erklärt Sechs-Finger hastig, als ich mich umgedreht habe. Vater wird uns beide umbringen, wenn er erfährt, was ich getan habe. Aber ich … ich konnte dich nicht einfach hierlassen!
Das will ich doch hoffen, erwidere ich und reibe mir dann weiter die Handgelenke. Ich tauche hinab zum Boden, weil ich unbedingt die Fesseln befühlen muss: Es sind geflochtene Schnüre aus einem seltsam festen Leder, keine Ahnung, von welchem Tier, aber ungemein zäh. Ich hätte keine Chance gehabt, mich daraus aus eigener Kraft zu befreien.
Was ist das für eine bescheuerte Strafe?, frage ich und lasse die Schnüre fallen. Jemanden an dieses Ding zu fesseln und …
Es ist ein Todesurteil, erwidert Sechs-Finger ernst.
Obwohl ich mir das schon gedacht habe, ist es ein Schock, es bestätigt zu bekommen.
Aber wieso?, frage ich. Was habe ich denn getan?
Du hast seinen Zorn erregt.
Seinen Zorn? Womit denn? Das ist doch verrückt!
Sechs-Finger nickt. Der König ist ein sehr, sehr kluger Mann. Aber irgendwie ist er auch wahnsinnig. Er macht eine ungeduldige Handbewegung in Richtung des Wals. Komm. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wir müssen weg von hier.
Das kommt mir vor wie ein verdammt guter Plan. Wir besteigen Kleiner-Fleck eilig, legen die Haltegurte um.
Und wohin gehen wir?, frage ich.
Sechs-Finger schüttelt den Kopf. Das können wir uns später überlegen. Erst mal weg, so weit wie möglich.
Er beugt sich vor, macht den Strick los, der den Wal hält, und gibt ihm dann jene Art von Klaps, die ihn dazu veranlasst, sich in Bewegung zu setzen. Das tut Kleiner-Fleck auch, aber er klackert gleichzeitig ohrenbetäubend laut, so, als protestiere er gegen Sechs-Fingers Befehl.
Jetzt merke ich, dass das, was ich für Echos gehalten habe, in Wirklichkeit Klicklaute anderer Wale sind, die aus weiter Ferne zu uns dringen. Und dann merken wir beide, dass wir nicht einfach Zeugen einer launigen Unterhaltung der Pottwale sind, sondern dass wir Rufe empfangen: Denn Kleiner-Fleck schwimmt auf einmal eine enge Schleife – und schlägt dann genau die Richtung ein, in die der Schwarm der Graureiter fortgezogen ist!
Mit anderen Worten: direkt auf die tote Zone zu.
Es ist alles andere als beruhigend zu sehen, dass Sechs-Finger genauso in Panik gerät wie ich. Er streichelt Kleiner-Fleck nicht länger, gibt ihm auch keine Klapse mehr – nein, er hämmert mit Fäusten auf den Kopf des Wals ein, mit aller Kraft.
Und den Wal interessiert das überhaupt nicht.
Ich packe Sechs-Finger am Arm, damit er zu mir herschaut. Lass uns abspringen, schlage ich vor.
Er schüttelt den Kopf. Nein. Wir brauchen den Wal. Ohne ihn holen sie uns ein.
Warum sollte uns jemand verfolgen? Niemand weiß, dass ich nicht mehr an dem Pfahl angebunden bin.
Aber sie wissen, dass ich nicht mehr da bin.
Ich packe die Halteschlaufe, mache mich bereit, sie abzuwerfen. Dann gehe ich eben allein. Es tut weh, diesen Schluss ziehen zu müssen. Schon wieder allein. Immer, immer bin ich allein. Ich habe es so satt.
Sechs-Finger hält mich fest, entwindet das Tau meinen Händen. Sie würden dich finden. Jemand wird zurückkommen, um sich von deinem Tod zu überzeugen.
Er wird denken, ein Hai hat mich gefressen.
Er schüttelt den Kopf. Das sieht anders aus.
Mich schaudert. So bestimmt, wie er das behauptet, muss er es schon einmal gesehen haben. Das heißt, diese Strafe ist bei den Graureitern nicht selten.
Aber bis dahin, wende ich ein, bin ich weit weg.
Nicht weit genug. Die Wale können dich riechen, können deiner Fährte folgen. Selbst wenn du dich in einer Höhle versteckst, werden sie dich finden. Sechs-Finger schüttelt den Kopf. Nein, wir brauchen Kleiner-Fleck, wenn wir flüchten wollen. Er ist der schnellste aller Wale. Auf ihm holt uns keiner ein.
Ich schaue ihn fassungslos an. Und was nützt uns das, wenn er dir nicht gehorcht?
Er wird es bald wieder tun, behauptet Sechs-Finger.
Was? Ich traue meinen Augen nicht.
Er wird mir wieder gehorchen, wiederholt er. Als er meinen Blick bemerkt, fügt er hinzu: Das jetzt ist ein typisches Verhalten. Er hat einen Ruf erhalten und dem muss er folgen, unter allen Umständen. Aber er wird um die Erlaubnis bitten, den Schwarm zu verlassen und sich allein auf den Weg zu machen – das heißt, mit uns, aber wir zählen in dem Zusammenhang nicht.
Er wird um die Erlaubnis bitten?, vergewissere ich mich. Irgendwie kommt mir das ziemlich weit hergeholt vor. Wieso?
Weil ich ihn darum bitte. Sechs-Finger sieht mich beschwörend an. Er wird diese Erlaubnis auch kriegen, aber erst wenn ihn die Schwarmmutter gesehen hat und weiß, dass er in Ordnung ist.
Ich weiß nicht, ob ich ihm das glauben soll. Ich drehe den Kopf weg, schaue nach vorn, in die Richtung, in die Kleiner-Fleck mit uns rast. Wir sind schon mitten in der toten Zone. Die Wale, die uns vorausgeschwommen sind, haben den bleichen Knochenstaub aufgewirbelt, und so bewegen wir uns durch weiß verfärbtes Wasser, verfärbt von den sterblichen Überresten von Millionen Tieren und Pflanzen. Weit vor uns höre ich die Wale klickern und klackern, und wenn ich nicht wüsste, dass es Wale sind, würde ich denken, dass sich dort irgendwo eine riesige Maschine über den Meeresgrund bewegt, die alles unter sich zermalmt.
Wenn wir so nahe sind, dass die Schwarmmutter ihn sieht, gebe ich zu bedenken, dann sieht dein Vater auch uns.
Entschlossenes Kopfschütteln. Wir steigen vorher ab und verstecken uns. Nicht zu weit weg, nicht zu nahe.
Aber –
Nicht, unterbricht mit Sechs-Finger. Ich muss mich konzentrieren. Damit legt er seine Hände auf den Schädel des jungen Pottwals, der so eilig mit uns mitten ins Verderben rast.
Da sind noch andere Geräusche zu hören außer den Walen. Unheimliche Geräusche. Es knarzt und kracht dort vorne, quietscht und rumst, kracht und kreischt und heult, als führten irgendwo dort vorne Geister Krieg gegeneinander.
Und wir bewegen uns immer noch mit atemberaubender Geschwindigkeit direkt darauf zu.
Jetzt lichten sich die blassen Nebel, werden Schatten sichtbar. Schatten, die sich bewegen, und Licht, das von elektrischen Lampen stammt.
Mit anderen Worten: Dort vorn ist tatsächlich die Unterwasserstation.
Ich kann spüren, wie angespannt Sechs-Finger neben mir ist. Er hebt die Hand, wirft mir einen warnenden Blick zu, hält dann wieder Ausschau.
Dort. Er zeigt auf eine Felsformation, die so niedrig ist, dass ich sie übersehen hätte, aber doch hoch genug, um sich dahinter zu verbergen. Jetzt.
Hastig löse ich mich aus der Schlinge, genau wie Sechs-Finger. Sofort spült uns die Strömung vom Rücken des Pottwals, der ohne uns davonzieht und nicht so wirkt, als würde er uns vermissen.
Sechs-Finger tut alles, um zuversichtlich zu wirken, deswegen behalte ich meine Zweifel für mich. Was, wenn Kleiner-Fleck doch nicht zu uns zurückkommt, sondern einfach mit seinen Freunden und Artgenossen weiterzieht? Dann sind wir in unmittelbarer Nähe des Königs, der uns beide töten will, und ganz auf uns allein gestellt.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass es ein Fehler war, nicht viel früher abzusteigen.
Hastig folge ich Sechs-Finger, der zu den Felsen hinabtaucht und sich dahinter auf den Bauch legt. Wir warten einen Moment, dann heben wir vorsichtig die Köpfe und spähen über die Erhöhung hinweg. Als sich der Staub, den Kleiner-Fleck aufgewirbelt hat, wieder setzt, bietet sich uns ein grauenvoller Anblick.
Die Graureiter tun tatsächlich, was Hohe-Stirn ihnen befohlen hat: Sie greifen die Station an. Nicht die voll bepackten Wale natürlich – die sind nirgends zu sehen, sind sicher anderswo unterwegs, zu einem neuen Lagerplatz –, sondern die anderen. Mit ungeheurer Wucht rammen sie das stählerne Bauwerk, wieder und wieder und es ist, als spüre man die Gewalt der Schläge dieser tonnenschweren Leiber bis hierher, bis zu unserem Versteck.
Wir sehen, wie eine der Stützstreben nachgibt, wie sie wegbricht und das Laboratorium, aus dessen sämtlichen Öffnungen helles Licht strömt, seitlich absackt wie ein kenterndes Schiff. Die Lichtstrahlen beleuchten eine Wolke aus Dingen, die rings um die Station im Wasser schweben: Haushaltsgegenstände, Konservendosen, Handtücher, Schuhe.
Der Anblick schnürt mir den Atem ab. Was habe ich nur getan? Hätte ich nicht die Station besucht … hätte ich Hohe-Stirn nicht erzählt, was ich herausgefunden habe … hätte ich mich erst gar nicht von ihm einwickeln lassen, dann wäre all dies hier nicht passiert.
Eines der Dinge treibt direkt auf uns zu, ein großes Etwas. Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Bettdecke, die verknüllt und verklumpt im Wasser schwebt, ein Schatten in dem bleichen Nebel, der über allem liegt.
Doch dann kommt es näher und ich sehe, dass es keine Bettdecke ist.
Sondern ein menschlicher Körper.
Es ist die Frau. Louise. Sie ist halb nackt, hat die Augen weit offen und auf ihrem Gesicht liegt ein Ausdruck blanken Entsetzens.
Doch nun, im Tod, wirkt sie nicht länger unförmig, sondern geradezu elegant. Sie sieht aus wie eine Tänzerin, als sie über uns hinweggleitet.
Und ich stelle fest, dass man auch unter Wasser weinen kann.