Eine Flut von Erinnerungen überrollt mich. All die geflickten Stellen, an denen Wasser ins Innere gesickert ist. Wie George gegen das Beobachtungsfenster geklopft und gesagt hat: »Bin gespannt, wie lange das noch hält.« Die Sicherheitstüren mit ihren klobigen Verriegelungen und den aufgesprühten Aufschriften: Druckschott – stets geschlossen halten! Nur hatten die meisten Türen offen gestanden, versperrt von irgendwelchen Gerätschaften; manche waren auch schon so verrostet gewesen, dass man sie gar nicht mehr hätte schließen können.
Der Angriff der Graureiter muss die drei völlig unvorbereitet getroffen haben.
Ich kann das alles einfach nicht fassen. Hier, auf dem staubigen Boden, mitten in den kalkigen Überresten all der toten Tiere, fühle ich mich, als könnte ich nie wieder aufstehen. Als sei mir vorbestimmt, demnächst auch hier zu weißem Staub zu zerfallen.
Sechs-Finger reckt den Kopf. Ich schaue ebenfalls hoch, obwohl ich gar nichts mehr von dem sehen will, was dort vorne geschieht. Gerade bricht die zweite Stützstrebe. Die Station kippt vollends auf die Seite und ein Schlag, den ihr einer der Wale versetzt, wirft sie um. Eine riesige Luftblase entweicht ihr und steigt silbern in die Höhe.
Spätestens jetzt ist alles vorbei. Falls noch jemand in der Station überlebt hatte, ist er nun auch tot.
Ich will weg von hier. Am liebsten wäre mir, die Erde täte sich auf und verschlänge mich.
Wieder nähert sich ein Schatten. Es ist, unglaublich, Kleiner-Fleck. Er kommt tatsächlich zu uns zurück, wirkt wie ausgewechselt, ist fröhlich, unternehmungslustig, geradezu verspielt. Was ihn mir ganz fremd macht: Wie kann er fröhlich sein, wenn seine Artgenossen gerade Krieg gegen die Luftmenschen führen? Was bedeutet ihm das? Selbst wenn ihm nicht so wichtig sein sollte, was aus den Menschen wird – muss er nicht Angst haben um seinesgleichen?
Aber offenbar stimmt das, was Sechs-Finger behauptet hat: Kleiner-Fleck wirkt tatsächlich, als habe er die Erlaubnis, alleine loszuziehen, und als könne er es kaum erwarten.
Sechs-Finger stößt sich ab und schießt zu ihm hoch. Er packt ihn am Zaumzeug und nimmt Kontakt zu ihm auf, auf diese geheimnisvolle Weise, mit der Hand direkt neben dem Auge des Wals. Nach ein paar reglosen Momenten winkt er mir, ich folge ihm, manövriere mich auf den Rücken des Tieres und lege hastig die Schlaufe um, dann geht es auch schon los: Wir ziehen mit voller Kraft davon, südwärts, fort von diesem schrecklichen Ort.
Es müssen Stunden vergangen sein, als der Wal endlich langsamer wird, Stunden, die wir flach auf seinem Rücken verbracht haben, von der Strömung hin und her gebeutelt und ansonsten außerstande, irgendetwas zu tun oder miteinander zu reden. Ich setze mich auf mit dem Gefühl, überall blaue Flecken zu haben, aber tatsächlich finde ich keinen einzigen. Nur Schnitte, rote Striche in der Haut, die immer noch wehtun.
Kleiner-Fleck hat Hunger, erklärt Sechs-Finger. Wir müssen ihn eine Weile fressen lassen.
Wir lösen uns aus den Schlaufen und der Wal zieht schon wieder davon. Ich werde die Angst nicht los, dass er irgendwann geht und nicht mehr wiederkommt.
Ich muss an die Momente denken, etwa einmal in der Stunde, in denen Kleiner-Fleck aufgetaucht ist, um Luft zu holen. So unvermittelt aus den Tiefen des Ozeans an die Oberfläche zu tauchen, war wie eine Erinnerung daran, dass es ja auch noch eine Welt über Wasser gibt – was ich schon fast vergessen hatte.
Und der Gedanke, dass Wale im Wasser leben, obwohl sie es, anders als ich, nicht atmen können, lässt mich staunen. Die strikte Zweiteilung, die Hohe-Stirn predigt – hier die Wesen des Meeres, dort die der Luft –, existiert offensichtlich nicht. Nicht einmal seine wichtigsten Verbündeten passen in dieses Schema.
Was machen wir jetzt?, frage ich Sechs-Finger.
Der zuckt mit den Schultern. Wir müssen uns einen neuen Schwarm suchen. Aus der Bewegung seiner Hände spricht eine gewisse Beiläufigkeit, als sei das etwas, das sich von selbst verstehe. Und was ihn betrifft, stimmt das wohl auch – für die Submarines ist es selbstverständlich, dass man nur als Teil eines Schwarms überleben kann.
Ich dagegen kann mich, wenn es sein muss, immer an Land retten, zurückkehren in die Welt der Luftatmer.
Ich hasse mich für diesen Gedanken.
Würde Hohe-Stirn dich wirklich töten?, frage ich. Dein eigener Vater?
Sechs-Finger sieht beiseite. Er ist nicht mein richtiger Vater. Er hat mich nur adoptiert, als er meine Mutter zur Frau genommen hat.
Das verblüfft mich jetzt. Und deine Mutter …? Ich habe keine Frau an der Seite des Königs bemerkt und auch keine, die wie Sechs-Fingers Mutter gewirkt hat. Was nach allem, was passiert ist, unweigerlich böse Ahnungen heraufbeschwört.
Sie hat ihn vor ein paar Jahren verlassen, ist einem anderen Mann zu einem anderen Schwarm gefolgt. Er zuckt mit den Schultern. Ich war schon zu alt, als dass ich ihr hätte folgen müssen. Ich hätte es auch nicht gewollt; ich wollte bei den Walen bleiben.
Und das hat dein … hat Hohe-Stirn einfach so hingenommen?, wundere ich mich. Ich meine, keine Ahnung, wie die Beziehung zwischen deiner Mutter und ihm war, aber manche Männer rasten ziemlich aus, wenn Frauen sie sitzen lassen.
Sechs-Finger nickt. Ist er auch. Er hat tagelang getobt.
Und er ist nicht auf die Idee gekommen, deine Mutter zurückzuhalten? Sie auch an einen Pfahl zu fesseln?
Auf die Idee ist er bestimmt gekommen, gibt Sechs-Finger zu, aber sie hatte nichts getan, das er ihr hätte vorwerfen können. Und die Regel, dass jeder gehen kann, der gehen will, ist eine Regel, die uns die Großen Eltern gegeben haben; dagegen würde er niemals verstoßen.
Und du?, frage ich. Wieso hat er dich nicht verstoßen? Wieso bist du immer noch der Prinz – der Sohn einer Frau, die den König verlassen hat?
Sechs-Finger sieht mich forschend an, knetet seine Finger dabei, als müsse er sie darauf vorbereiten, etwas besonders Schwieriges zu sagen.
Du verstehst nicht, wie er tickt, erklärt er mir schließlich. Dass er mich adoptiert hat, mich zum Prinzen gemacht hat, war ein Versprechen – und Hohe-Stirn ist jemand, der seine Versprechen um jeden Preis hält. Versprechen sind ihm heilig. In seinen Augen gibt es keine todeswürdigere Untat, als sein Wort zu brechen.
Ich muss daran denken, wie Hohe-Stirn versprochen hat, die Luftatmer aus den Ozeanen zu vertreiben. Davon wird er dann wohl auch nicht mehr abzubringen sein, selbst wenn das in einen regelrechten Krieg ausarten sollte.
Einen Krieg, den er nicht gewinnen kann.
Einen Krieg zumal, unter dem alle Submarines leiden werden. Auch die, die ich kenne und mag. Die mal meine Freunde waren. Lacht-immer zum Beispiel.
Mein Herz wird schwer. Schade, dass ich es mir mit Schwimmt-schnell verdorben habe. Sonst wüsste ich einen Schwarm, zu dem wir gehen könnten.
Sechs-Finger mustert mich verdutzt. Schwimmt-schnell? Wieso denkst du, dass du es dir mit ihm verdorben hast?
Er fand es nicht gut, dass ich mich von deinem … von Hohe-Stirn in den Schwarm der Graureiter habe aufnehmen lassen. Ich blicke an mir herab. Ich trage immer noch den Lendenschurz in den Farben der Graureiter. Ich habe erst gedacht, er kommt darüber hinweg, aber dann ist er einfach gegangen, ohne ein Wort.
Sechs-Finger schüttelt den Kopf. Er ist nicht einfach gegangen.
Na doch. Gestern irgendwann.
Nein. Die Wachleute meines Vaters haben ihn verjagt.
Die Wachleute? Verjagt?
Ja. Ich habe gehört, dass er sich heftig gewehrt hat. Einem hat er sogar die Nase gebrochen.
Mein Herz macht einen freudigen Satz. Dann hat er mich doch nicht aufgegeben! Das ändert alles.
Ist das wirklich wahr?, frage ich, muss ich einfach fragen.
Sechs-Finger nickt ernst. Es waren fünfzehn Wachleute nötig, um ihm genug Angst einzujagen, dass er verschwunden ist.
Erleichterung durchflutet mich. Dann lass ihn uns suchen. Ihn und den Schwarm von Weißes-Auge. Sie werden mich bestimmt wieder aufnehmen. Und dich auch. Ich schaue mich um, werde mir der blauen Unendlichkeit bewusst, die uns umgibt, und meine Erleichterung weicht jäher Verzagtheit. Das heißt, wenn wir sie finden. Irgendwie.
Ich habe keine Ahnung, wie wir das anstellen sollen.
Sechs-Finger erwidert nichts darauf, starrt nur gedankenverloren ins Leere.
Ich tippe ihn an. Was ist?
Er zuckt mit den Schultern. Ich weiß nicht, wieso du dir Sorgen machst. Du kannst doch jederzeit zurück an Land gehen.
Was ist das jetzt? Ein Vorwurf? Es fühlt sich so an, so wegwerfend, wie seine Gebärden wirken.
Ja, räume ich ein. Könnte ich. Aber vielleicht will ich das ja nicht.
An Land würdest du dich auskennen, meint er. Du weißt, wie man dort lebt.
Und hier im Meer weiß ich es nicht?, frage ich zurück und merke dabei, wie ich allmählich ärgerlich werde.
Er schüttelt den Kopf. Nein. Weißt du nicht. Mal ehrlich – dass du Wasser atmen kannst, heißt noch lange nicht, dass du weißt, wie man unter Wasser lebt. Du bist hier nur zu Besuch, mehr nicht. Du kennst unsere Traditionen nicht oder nur oberflächlich, du weißt nichts über die Großen Eltern –
Über eure Großen Eltern weiß ich vielleicht mehr als du, widerspreche ich wütend.
Sechs-Finger verzieht das Gesicht. Aber nicht das, was für uns wichtig ist. Ja, sie waren Luftatmer und vielleicht weißt du deswegen etwas über sie, was wir nicht wissen – doch das ist nicht das, worauf es ankommt. Ihre Bedeutung für uns, die kannst du nicht nachvollziehen. Weil du nicht damit aufgewachsen bist.
Am liebsten würde ich ihn schlagen. Schlagen dafür, dass er mir, nur mit anderen Worten, genau dasselbe sagt, was mir mein Leben lang alle gesagt haben, nämlich: Du kannst machen, was du willst, du gehörst nicht zu uns und wirst nie zu uns gehören.
Ich hab es so satt!
Na schön. Dann halt nicht. Ich verschränke die Arme vor der Brust und drehe mich weg. Er hat völlig recht – ich kann mich jederzeit an Land retten und wahrscheinlich werde ich das auch tun, jawohl. Soll er sehen, wo er bleibt, mit seinem dickköpfigen Pottwal und seinen Großen Eltern. Mir doch egal. Keinen Gedanken werde ich an ihn verschwenden, wenn ich erst wieder in Seahaven in der Schule sitze. Aber auch wirklich gar keinen.
Doch während ich versuche, nicht daran zu denken, dass ich nicht einmal weiß, in welche Richtung ich schwimmen müsste, um an Land zu kommen, dringt ein Geräusch in mein Bewusstsein, das bereits eine ganze Weile da sein muss, nur sehr weit weg und zu unaufdringlich, als dass ich es bemerkt hätte: ein vielstimmiges Summen und Brummen, das klingt, als hätte ich es so ähnlich schon einmal gehört. Ich weiß nur nicht mehr, wann und wo.
Wie Pottwale klingt es jedenfalls nicht.
Ich drehe mich zu Sechs-Finger um. Hörst du das auch?, frage ich.
Ja, erwidert er. So klingen Maschinen der Luftatmer.
Er hat recht. Was wir hören, sind die typischen Schraubengeräusche von Unterwasserfahrzeugen. Fahrzeuge, die Radar an Bord haben und uns womöglich gerade als kleine Punkte auf ihren Schirmen sehen.
Lass uns tiefer tauchen und uns irgendwo verstecken, dränge ich.
Sechs-Finger erhebt keinen Einwand, sondern nickt nur. Dann knickt er in der Hüfte ab, wendet auf der Stelle und taucht abwärts. Ich folge ihm, so schnell ich kann.
Wir finden keine Höhle – das wäre auch zu schön gewesen –, aber immerhin ein paar Felsbrocken nebeneinander. Sie bilden eine Art Nische, in der wir uns verkriechen.
Es ist eine enge Nische und wir müssen uns dicht aneinanderdrängen. Ich gestehe es mir ungern ein, doch ich genieße es, Haut an Haut mit Sechs-Finger zu liegen, seinen Körper an meinem zu spüren. Und wir werden noch eine ganze Weile so bleiben müssen, denn das Geräusch der U-Boote kommt immer näher und näher, wird lauter und lauter.
Wir halten still und warten. Mein Rücken ruht an Sechs-Fingers Brust. Ich kann sein Herz schlagen spüren. Vielleicht, überlege ich, hat er das alles ja nicht so gemeint. Vielleicht macht er sich nur Sorgen um mich und will mich in Sicherheit wissen.
Inzwischen sind die U-Boote dröhnend laut, so laut, dass mir die Bauchdecke vibriert, und dann sehen wir sie, wie sie, fünf Stück an der Zahl, unser Versteck in nur ein paar Hundert Metern Entfernung passieren. Nicht dass ich die große Fachfrau wäre, aber ich würde sagen: Diese Boote fahren mit Höchstgeschwindigkeit.
Und wenn mich nicht alles täuscht, genau in Richtung der toten Zone.
Was bestimmt kein Zufall ist.
Mir fällt wieder etwas ein, das der alte Mann, George, während unseres Rundgangs durch die Station nebenbei erwähnt hat. Er meinte, dass sie, wenn sie die Boje aufsteigen lassen, um Kontakt mit dem Netz aufzunehmen, immer aufpassen müssten, dass sich das Halteseil nicht versehentlich aus der Halterung löse. Auf meine Frage, wieso sie es nicht einfach besser befestigten, erwiderte er, das dürften sie nicht, weil das eine Sicherheitsvorschrift sei: Sollte sich das Halteseil aus irgendeinem Grund von der Boje lösen, steige diese auf und sende automatisch ein Notsignal. Das sei ihm als junger Wissenschaftler einmal passiert und er habe danach mächtig Ärger bekommen, weil ein Notsignal natürlich sofort eine umfangreiche Rettungsaktion auslöse.
Auf einmal bin ich mir sicher, dass genau das geschehen ist, als Hohe-Stirn und seine Graureiter die Station attackiert haben: Die Boje hat sich vom Haken gelöst, ist aufgestiegen und hat um Hilfe gefunkt.
Und jede Wette, dass die U-Boote, die wir gerade gesehen haben, ein Teil der Rettungsaktion sind.
Gewiss, sie werden zu spät kommen, um die Besatzung noch zu retten. Aber sie werden vielleicht noch rechtzeitig kommen, um Hohe-Stirn zu treffen und in die Schranken zu weisen. Sie werden vielleicht erst mal staunen, aber sie werden sicher trotzdem leicht erraten, was passiert ist – und den Gedanken, dass der König der Graureiter demnächst irgendwo als Gefangener in einem Wassertank sitzen könnte, finde ich ausgesprochen befriedigend.