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Als die U-Boote außer Sicht sind, löst sich Sechs-Finger von mir und gleitet aufwärts. Ich folge ihm und erkläre, was ich mir zu den U-Booten überlegt habe.

Er ist kein bisschen beeindruckt. Das gehört alles zu seinem Plan, erwidert er nur.

Seinem Plan?, frage ich zurück. Was für ein Plan?

Sechs-Finger fährt sich mit den Händen übers Gesicht, ehe er antwortet. Hohe-Stirn, meint er dann, verfolgt zwei Ziele. Das erste ist, alle Wassermenschen unter seiner Führung zu vereinigen. Das zweite ist, in den Besitz von Waffen der Luftmenschen zu kommen. Sobald er beides hat, will er den eigentlichen Krieg gegen die Luftmenschen beginnen. Er wird nicht nur die Minen angreifen, sondern auch die Kabel und Rohrleitungen auf dem Meeresgrund. Er weiß genau, dass er die Luftmenschen damit empfindlich treffen wird.

Mich schaudert. Ein Glück, dass Hohe-Stirn sich irrt, was seine Chancen anbelangt. Ein Glück, dass die Sicherheitsleute des Konzerns ihn überwältigen und seinen irren Plänen ein rasches Ende setzen werden.

Damit rechnet er, erwidert Sechs-Finger, als ich ihm diese Gedanken darlege. Genauer gesagt ist es sogar ein Teil seines Plans.

Was?, stutze ich. Dass die U-Boote kommen? Was will er denn gegen die ausrichten?

Nichts. Muss er auch nicht. Er weiß, dass er mit den Walen schneller ist als die Maschinen. Sie werden ihn nicht kriegen.

Ich lasse mir das durch den Kopf gehen, doch irgendwie will mir das nicht einleuchten. Die meisten Luftmenschen, erkläre ich Sechs-Finger, wissen nicht, dass es Wassermenschen gibt, aber diejenigen, denen zum Beispiel diese Unterwasserstation gehört, die wissen es. Und manche von denen warten nur auf eine Gelegenheit, gegen die Wassermenschen vorzugehen. Wenn Hohe-Stirn mit seinen Leuten abhaut, dann wird der Zorn andere treffen – Wassermenschen, die überhaupt nichts dafür können.

Sechs-Finger nickt ernst. Das weiß Hohe-Stirn. Das ist genau das, was er mit dieser Aktion erreichen will.

Ich starre ihn ungläubig an. Wie bitte?

Wenn die Maschinen andere Schwärme angreifen, wird Hohe-Stirn ihnen sagen: Seht ihr? Ich habe euch immer gesagt, dass die Luftatmer uns hassen. Dass wir uns verbünden und sie bekämpfen müssen, ehe es zu spät ist. Und dann werden sich ihm die anderen Schwärme bereitwillig anschließen.

Das verschlägt mir den Atem. Soll das heißen, er hat die Station nur aus diesem Grund angegriffen? Um Gegenangriffe zu provozieren?

Ja.

Das ist unglaublich … gemein. Ich suche nach einer Gebärde für ein stärkeres Wort als »gemein«, aber es will mir keine einfallen. Jetzt gerade wäre mir danach, wild zu schreien und zu fluchen, statt nur mit den Händen zu reden.

Ich vermute, das war es auch, warum er dich so plötzlich verurteilt hat, fährt Sechs-Finger fort. Er wollte verhindern, dass du herumerzählst, dass in der Station nur harmlose Leute leben. Denn dann hätte er die Graureiter nicht dazu gebracht, sie anzugreifen. Er hat nämlich die ganze Zeit behauptet, das sei eine Maschine, die das Wasser vergiftet – und du hast ihn mit deinem Bericht quasi der Lüge bezichtigt.

Und warum hat er mich dann überhaupt auf die Suche nach Informationen geschickt?

Er hat gehofft, dass es in der Station Waffen gibt, die er erbeuten kann, und dass du herausfindest, wo sie sich befinden.

Ich mustere ihn. Fassungslos. Du hast das alles gewusst?

Er hebt die Schultern. Ich war der Prinz. Natürlich musste er mich in seine Pläne einweihen.

Und du hast mir nichts gesagt? Oder versucht, ihn davon abzubringen?

Einmal habe ich es versucht, erklärt er und verzieht das Gesicht. Vor langer Zeit.

Und?

Das ist etwas, das man bei Hohe-Stirn nur einmal versucht, glaub mir.

Ich komme nicht mehr dazu, darüber nachzudenken, ob ich ihm das glauben will oder nicht, denn in diesem Moment schießt ein riesiger dunkler Körper auf uns zu: Kleiner-Fleck, der von seinem Fressausflug zurückkehrt. Er hat von dem, was er erbeutet hat, mehr als nur einen kleinen Fleck rund um das Maul, als er uns umrundet, ja, geradezu übermütig um uns herumtollt. Er ist offenbar bester Laune, und all die Sorgen und Ängste, die uns bedrücken, kümmern ihn kein bisschen.

Sechs-Finger packt ihn am Zaumzeug und manövriert sich auf seinen Rücken, dann winkt er mir. Komm. Ziehen wir weiter.

Die folgenden Tage sind chaotisch, wirr, ziellos. Wenn wir nicht in Panik sind, langweilen wir uns. Wir ziehen umher, legen riesige Strecken zurück und wissen doch nicht, wohin wir uns wenden sollen. Manchmal, wenn Kleiner-Fleck mit uns auftaucht, um Luft zu holen, sehe ich Suchflugzeuge am Himmel oder große Überwachungsdrohnen oder bewaffnete Schiffe am Horizont. Dann wieder tauchen wir auf und das Meer ringsum ist leer und verlassen, eine endlose Wasserwüste, und es ist, als seien wir die einzigen Menschen im ganzen Erdenrund.

Doch das sind wir nicht. Ab und zu hören wir fernes Donnergrollen, das klingt, als würden Felshänge einstürzen, und wissen, es sind Explosionen. Weit entfernt, denn Wasser trägt Schall weit und so wissen wir, dass die Vergeltungsaktion der Konzerne gegen die Submarines immer noch andauert.

Einmal stoßen wir auf ein hastig aufgegebenes Lager eines uns unbekannten Schwarms. Sechs-Finger liest aus einer Steinschrift, die sie hinterlassen haben, woher sie gekommen sind und wie oft sie schon fliehen mussten – und dass sie nicht wissen, wohin sie sich noch wenden sollen.

Immer wieder muss ich an James Thawte denken und wie er die Submarines hasst, wie er fürchtet, sie könnten ihm und seinesgleichen die Geschäfte verderben. Er fürchtet es so sehr, dass er bereit ist, sie alle zu töten. Dabei ist es in Wahrheit so, dass sich die Submarines, die ich kenne, kein bisschen dafür interessieren, was die Konzerne treiben. Für sie ist der Ozean groß genug, um den Methanminen, den Kraftwerken und dem unterseeischen Erzabbau einfach aus dem Weg zu gehen.

Hat Hohe-Stirn meinen Vater wirklich gekannt?, frage ich irgendwann. Oder war das gelogen?

Nein, das stimmt, erklärt Sechs-Finger. Geht-hinauf hat bei uns gelebt, bis vor – Er macht ein paar Gebärden, die ich nicht verstehe. Zeitangaben vermutlich. Ich sollte echt mal herausfinden, wie die Submarines mit der Zeit umgehen.

War er auch Graureiter?, will ich wissen.

Nein. Er hat für Hohe-Stirn gearbeitet.

Gearbeitet?, wundere ich mich. Als was denn?

Sechs-Finger sieht mich forschend an, scheint überlegen zu müssen, wie er es mir erklären soll. Hohe-Stirn sucht immer nach Leuten, die er hinauf zu den Luftmenschen schicken kann. Leute, die längere Zeit Luft atmen und in der Zeit Dinge über das Leben an Land herausfinden können. Meine Mutter ist so jemand – sie hält es unglaublich lange an der Luft aus. Also, für die Verhältnisse von Wassermenschen, meine ich. Deswegen hat Hohe-Stirn sie zur Frau genommen. Sie war seine beste Spionin. Nachdem sie fortgegangen ist, hat er einen Ersatz gesucht und nach zwei anderen, die es nicht besonders gut konnten, fand er deinen Vater, der fast so gut war wie meine Mutter.

Und warum ist er fortgegangen?, frage ich.

Er zuckt mit den Schultern. Keine Ahnung. Ich hab nicht mitgekriegt, was da passiert ist. Eines Tages war er einfach nicht mehr da, und mein … also, besser gesagt, der König … war stinksauer.

Ich mustere ihn. Mir fällt auf, wie er es seit unserer Flucht vermeidet, von Hohe-Stirn als von seinem Vater zu sprechen.

Das Eigenartige an der ganzen Sache ist, fährt Sechs-Finger fort, dass es Hohe-Stirn selber keinen einzigen Atemzug lang über Wasser aushält.

Ehrlich? Irgendwie wundert mich das.

Deswegen reitet er nur große Wale, die für das Luftholen nur ein paar Sekunden brauchen. Sechs-Finger sieht mich an. Ist dir das nicht aufgefallen, als er mit dir in die tote Zone geritten ist?

Ich schüttele den Kopf. Ich kann mich nicht mehr erinnern, nicht einmal, ob wir überhaupt aufgetaucht sind. Wahrscheinlich war ich viel zu beeindruckt von Hohe-Stirns Charme.

Und was machen diese … Spione für ihn an Land?, frage ich verwundert.

Manchmal schickt er sie los, um ihm bestimmte Dinge zu beschaffen. Vor allem aber will er so viel wie möglich über die Luftmenschen wissen. Darum geht es ihm.

Ich stelle mir vor, wie ein Submarine, der es eine Stunde lang an der Luft aushält, irgendwo an Land geht, halb nackt, nur mit einem Lendenschurz und ein paar Muschelketten bekleidet. Was kann so jemand über die Welt der Luftmenschen in Erfahrung bringen? Nicht viel jedenfalls.

Aber zumindest ahne ich jetzt, woher die Graureiter das Obst haben, das sie auf ihren Festen servieren.

Sechs-Finger lacht nur, als ich ihm das sage.

Nein, meint er. Das funktioniert anders.

Wie denn?

Es gibt ein paar Inseln, und wenn man dort den Fischern Löcher in die Netze schneidet, dann werfen sie Obst ins Wasser. Das holen wir uns, und wenn wir genug haben, lassen wir sie wieder in Ruhe.

Wie kommen die Fischer auf die Idee, Obst ins Wasser zu werfen?, wundere ich mich, aber das kann mir Sechs-Finger auch nicht sagen. Ich vermute, es steckt irgendein alter Aberglaube dahinter, an Seegeister oder dergleichen, der den Graureitern zufällig zugutekommt.

Wobei ein bisschen Obst jetzt nicht schlecht wäre. Wir kommen selten zum Essen in diesen unruhigen Tagen, leben nur von Algen. Sechs-Finger versucht, Fische zu fangen, aber er hat nur ein Messer bei sich, was keine geeignete Waffe ist.

Ich bin ein guter Walreiter, erklärt er, aber ein guter Jäger war ich noch nie.

Wir bräuchten ein Netz, schlage ich vor.

Kannst du eines knüpfen?

Ich habe geholfen, Netze zu flicken, aber wie es geht, eines ganz neu zu knüpfen, weiß ich nicht. Und wir bleiben nicht lange genug an einem Ort, als dass ich mich hinsetzen und es versuchen könnte.

Wir beschließen, dass es nicht so wichtig ist, und ziehen weiter. Und weiter. Wir wissen nicht, wohin wir gehen könnten, aber wir reiten und schwimmen, so schnell wir können. An manchen Abenden sind wir so erschöpft, dass wir uns irgendeine Höhle auf dem Meeresgrund suchen und uns einfach nur halten, mehr nicht. Ich frage ihn einmal, warum er das macht, warum er diesen Panzer um sich herum trägt, der nichts hindurchlässt, aber er versteht mich nicht, oder er will mich nicht verstehen oder es ist einfach schon zu dunkel, um sich zu unterhalten, und am nächsten Morgen habe ich keine Lust mehr, noch einmal davon anzufangen. Wenn er mich nicht will, dann ist das seine Sache. Außerdem ist er da ja weiß der Himmel nicht der Einzige. Ich bin daran gewöhnt und es ist offensichtlich gut, dass ich daran gewöhnt bin.

Man kann auch gemeinsam flüchten mit einem Abgrund zwischen sich und dem anderen. Gar kein Problem. Und immer noch besser, als ganz allein zu sein.

Immer wieder fängt er davon an, dass ich einfach zurück an Land gehen und ihn allein weiterziehen lassen soll. Und wenn ich dann erwidere, dass ich das aber nicht will, schaut er mich nur mit einem ganz seltsamen Blick an und meint: Am Ende wirst du doch wieder an Land gehen. Weil du dort hingehörst, nicht hierher.

Ich merke irgendwann, dass er versucht, in die Nähe der Küste zu gelangen, aber es gelingt nicht. Es sind die Explosionen, die wir hören, die bestimmen, wohin wir ziehen: weg davon, so weit weg wie möglich.

Das Problem ist nur, dass diese Explosionen überall zu sein scheinen. Überall hören wir U-Boote, Detonationen und andere Geräusche, die von Gefahr künden. Wir flüchten vor dem einen Angriff, um in die Nähe eines anderen zu geraten.

Hohe-Stirns Plan ist voll aufgegangen: Die Konzerne haben allen Submarines den Krieg erklärt, jagen sie, wie es scheint, im ganzen Pazifik. Na gut, das ist übertrieben – der Pazifik ist weitaus größer als das Gebiet, in dem wir uns bewegen. Aber auf dem Schelf vor Ostaustralien jedenfalls ist niemand mehr sicher und auch nicht in der Umgebung der vorgelagerten Inseln.

Eine Katastrophe. Und irgendwie fühle ich mich mitschuldig.

Ich weiß nicht, wie viele Tage wir so umherirren. Ich weiß nur, dass wir allmählich verstummen. Wir reiten den ganzen Tag, ducken uns, wenn Kleiner-Fleck mit uns auftaucht, essen stumm, was wir finden, und schlafen abends erschöpft und meistens doch noch hungrig ein.

Und irgendwann, irgendwo, mitten am Tag – bin ich auf einmal allein.

Ich kann es erst gar nicht glauben. Was ist los? Wo sind die beiden hin, Sechs-Finger und Kleiner-Fleck? Gerade eben waren sie doch noch da! Ich bin bloß mal kurz um die Ecke, bin zurück mit einer Handvoll der dünnen, geschmacklosen, nicht besonders nahrhaften Algen, die hier wachsen, wo sonst nichts wächst …

Und nun bin ich allein. Wieso? Was ist passiert?

Ich schaue mich um, aber ringsum sehe ich nur endloses Blau, in dem sich nichts bewegt, nichts rührt, nicht einmal ein Fisch zu sehen ist. Und alles ist still. Viel zu still.

Ist Sechs-Finger abgehauen, um mich meinem Schicksal zu überlassen? Oder ist ihm und seinem Wal etwas passiert?

Muss ich mir Sorgen machen oder muss ich wütend sein?

Nicht mal das weiß ich.

Ich lasse mich tiefer sinken, lasse die Algen fallen, schaue genauer hin. Das Blau ist in einer Richtung – Osten, schätze ich – etwas blasser, weil aufgewirbelter Sand im Wasser schwebt, der sich ganz langsam wieder absetzt. Das heißt, in diese Richtung ist der Wal abgehauen, und zwar mit großer Geschwindigkeit.

Jetzt wüsste ich nur noch gern, warum.

Eins ist jedenfalls klar: Ich habe keine Chance, die beiden einzuholen.

Ich schließe die Augen, lasse das Wasser in mich einströmen, bilde Luft in mir, eine Blase, die mich emporträgt, und öffne die Augen wieder. Alles ist unverändert. Azurblaue Unendlichkeit, wohin ich schaue, und ich bin immer noch allein.

Also ziehe ich die Luft in mir zusammen und schreie, so laut ich kann.

Dann warte ich.

Schall trägt weit, sicher, aber ob das reichen wird, um diejenigen zu erreichen, für die er gedacht ist, ist zu bezweifeln. Ich weiß, wie laut es auf dem Rücken von Kleiner-Fleck ist, wenn der Wal mit voller Kraft unterwegs ist: Man hört nur das Rauschen des Wassers um einen herum, nichts sonst.

Egal. Ich schreie noch einmal. Und warte weiter. Was soll ich sonst tun? Wenn Sechs-Finger nicht zurückkommt, wird mir schließlich doch nur übrig bleiben, zurück an Land zu gehen.

Doch – da. Bilde ich mir das nur ein oder bewegt sich da vorne etwas in dem endlosen, gleichförmigen Blau?

Ja. Da ist etwas. Und es kommt näher.

Aber es ist so … klein. Viel zu klein, um ein Pottwal zu sein!

Ein Hai, schießt es mir durch den Kopf, ein Gedanke, der mich auf entsetzliche Weise lähmt.

Außerstande, mich zu rühren, schwebe ich im Wasser und schaue dem entgegen, was da auf mich zukommt, was immer es sein mag.

Es ist kein Hai. Es ist ein Mensch.

Es ist, ganz unglaublich, Schwimmt-schnell!