Er starrt mich an wie eine Erscheinung. Genau wie ich ihn.
Du bist es wirklich, stellt er schließlich fest.
Ja, erwidere ich.
Ich habe deinen Schrei erkannt, erklärt er. Das heißt – ich war mir nicht sicher. Ich war mir eigentlich sicher, dass ich mich irre. Aber nun … Er schüttelt den Kopf. Wie ist das möglich?
Das könnte ich dich auch fragen, gebe ich zurück. Dann passiert etwas in mir, das sich anfühlt, als würde eine riesengroße Blase voller Gefühle platzen, und ich werfe mich ihm an den Hals, schlinge meine Arme um ihn und schluchze hemmungslos.
Er ist wieder da. Er hat mich nicht im Stich gelassen. Und ich habe ihn wiedergefunden. Das ist ein solches Wunder, dass ich es kaum glauben kann, und auf jeden Fall mehr, als ich verdient habe.
Nach einer Weile fällt mir auf, dass Schwimmt-schnell meine Umklammerung zwar duldet, sich aber spürbar unbehaglich damit fühlt. Hastig lasse ich ihn wieder los und versichere ihm mit zittrigen Gebärden, dass ich sehr froh bin, dass er da ist.
Ich auch, antwortet er. Wenn ich’s auch nicht verstehe. Er sieht sich um. Sind die Graureiter in der Nähe?
Ich schüttle den Kopf. Mit denen bin ich fertig. Die haben mich … rausgeschmissen. Ich winke ab. Ist eine lange Geschichte.
Schwimmt-schnell nickt nur und wirkt nicht so, als würden ihn die Details interessieren. Wir sind dahinten. Nicht weit weg. Ich war nur auf der Jagd, aber … Keine Ahnung, wo all die Fische hin sind! Er sieht mich an. Es geht uns schlecht. Wir wissen nicht, was passiert ist. Auf einmal waren überall die Maschinen der Luftmenschen, Explosionen um uns herum … Hört-gut ist tot und Dicke-Nase auch und Weißes-Auge ist schwer verletzt. Der Schwarm von Steifes-Knie ist wieder zu uns gestoßen, das heißt, das, was davon übrig ist. Steifes-Knie ist auch tot. Und wir haben nicht mehr viel zu essen.
Meine Erleichterung verwandelt sich in abgrundtiefes Entsetzen. All das ist nur passiert, weil ich gekommen bin, ich, die alle für die prophezeite Mittlerin gehalten haben. Ich bin schuld. Ich bin schuld am Tod all dieser Submarines.
Ich hätte niemals hierherkommen dürfen.
Ehe ich etwas erwidern kann, höre ich hinter mir in der Ferne das unverkennbare Klackern eines Pottwals. Wir drehen uns beide um, und gleich darauf nähert sich Kleiner-Fleck und Sechs-Finger, der ihn reitet. Irgendwie wage ich es nicht mehr, erleichtert zu sein. Es wäre mir lieber, ich hätte einen Grund, so richtig, richtig wütend zu werden.
Sechs-Finger sieht mich an, dann Schwimmt-schnell, ist verwirrt. Was ist los?, fragt er.
Erst du, verlange ich entschieden. Wo warst du?
Da ist plötzlich eine Maschine aufgetaucht, erklärt Sechs-Finger. Er zeichnet ihre Form in die Luft: länglich, zylindrisch – mit anderen Worten, ein Torpedo mit Suchkopf. Kleiner-Fleck und ich sind los, um sie abzulenken. War nicht ganz einfach, aber es hat geklappt. Jetzt treibt sie sich dahinten herum, zwischen den –
In diesem Augenblick hören wir aus der Richtung, in die er zeigt, das Geräusch einer Explosion.
Also kann ich ihm schon mal nicht böse sein. Na gut, ein kleines bisschen erleichtert zu sein, geht sicher in Ordnung.
Ich hab nach dir gerufen, erzähle ich, und dann ist Schwimmt-schnell gekommen. Sein Schwarm lagert nicht weit von hier.
Die beiden mustern einander skeptisch. Dicke Freundschaft sieht anders aus, das steht mal fest.
Er hat mir das Leben gerettet, erkläre ich, an Schwimmt-schnell gewandt.
Schwimmt-schnell zögert merklich, ehe er nickt. Er ist uns willkommen.
Sechs-Finger wirkt gar nicht so, als lege er überhaupt Wert darauf, irgendwo willkommen zu sein. Und das, obwohl wir uns – zumindest hatte ich den Eindruck – einig waren, dass unsere beste Chance darin besteht, Schwimmt-schnells Schwarm zu finden.
Wo lagert dein Schwarm?, fragt er Schwimmt-schnell.
Der zeigt in westliche Richtung und nennt eine Entfernungsangabe, die ich nicht verstehe, Sechs-Finger aber schon.
Dort könnt ihr nicht bleiben, erklärt er nämlich entschieden. Ich bin vorhin mit meinem Wal aufgetaucht und dabei habe ich ein Schiff der Luftatmer gesehen, das auf dem Weg hierher ist.
Ein Schiff?, frage ich. Wie sah es aus?
Gefährlich, erwidert Sechs-Finger so grimmig, dass ich darauf verzichte nachzufragen, woher er das wissen will. Es gibt ja auch harmlose Schiffe – Frachtschiffe, Passagierschiffe und dergleichen. Genau genommen sind sogar die meisten Schiffe harmlos.
Schwimmt-schnell schüttelt den Kopf. Wir können nicht weiterziehen. Nicht, ehe wir genug gegessen und uns ausgeruht haben. Viele von uns sind verwundet und können nicht aus eigener Kraft schwimmen.
Das müssen sie auch nicht, erklärt der ehemalige Prinz der Graureiter entschlossen und macht eine einladende Handbewegung. Kommt. Mein Wal wird alle retten.
Kurz darauf sind wir im Lager und die Erste, die mir begegnet, ist Lacht-immer. Genauer gesagt kommt sie, kaum dass ich von dem Wal abgestiegen bin, auf mich zugeschossen wie eine große menschliche Kugel und fällt mir um den Hals, als wolle sie mich erdrücken. Wir treiben mindestens hundert Meter weit ab, während sie mich drückt und knuddelt und dabei giggelnde Geräusche von sich gibt.
Ich drücke sie auch. Mir fällt ein Stein vom Herzen, so schwer wie ganz Australien, und unter dem Stein kommt eine Quelle zum Vorschein, die mich heulen und schluchzen lässt, aber diesmal nicht vor Entsetzen, sondern vor Erleichterung. Ich habe immer noch eine Freundin! So viel ist geschehen, und doch habe ich sie nicht verloren!
Endlich lässt Lacht-immer mich los, bemerkt den Blick, mit dem ich sie mustere. Ja, meint sie. Demnächst platze ich wahrscheinlich.
Sie ist tatsächlich nahezu kugelrund und während unserer Umarmung habe ich Tritte ihres Kindes durch die Bauchdecke hindurch gespürt. Es kann nicht mehr lange dauern bis zu ihrer Niederkunft.
Wie geht es dir?, will sie wissen. Schwimmt-schnell hat gesagt, du hättest dich den Graureitern angeschlossen.
Das ist mir peinlich. Ich … ich hab mich überreden lassen, versuche ich zu erklären, weil jetzt nicht die Zeit ist, ihr die ganze Geschichte zu erzählen. Aber das ist vorbei.
Sie fasst nach meinem Lendenschurz, befühlt den gelb-violetten Stoff. Steht dir aber gut, meint sie. Besser als das Teil, mit dem du gekommen bist.
Es erstaunt mich, dass sie das sagt. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich bin es nicht gewöhnt, in solchen Kategorien zu denken, fand es nur viel bequemer als meine enge Bikinihose.
Wie wir so nebeneinander zurück zum Lager paddeln, fällt mein Blick auf einen Jungen, der mir bekannt vorkommt: Bravbrav! Aber wie kann das sein? Der ist doch mit seiner Mutter …?
Dann fällt mir wieder ein, was Schwimmt-schnell gesagt hat, nämlich, dass sie den Schwarm von Steifes-Knie aufgenommen haben. Ich schaue mich suchend um und entdecke tatsächlich Strich-am-Bauch. Sie umarmt mich ebenfalls, wenn auch weitaus zurückhaltender als Lacht-immer.
Schön, dich wiederzusehen, Von-oben, meint sie.
Ja, gebe ich zurück. Geht mir auch so.
Irgendetwas ist passiert. Sie wirkt ernster, als ich sie in Erinnerung habe, nicht mehr so unbekümmert. Auf seltsame Weise scheint sie zugleich glücklich wie auch von Angst erfüllt zu sein.
Sie deutet auf Sechs-Finger und fragt: Ist das der Mann, den du erwählt hast?
Wie immer verblüfft mich, wie direkt sie sein kann.
Und ich wünschte, ich wüsste eine Antwort darauf. Keine Ahnung, erwidere ich.
Sie lächelt. Du liebst ihn, oder?
Ja, machen meine Hände. Nein. Keine Ahnung. Ich seufze. Ich finde das mit der Liebe überhaupt nicht leicht, wenn du’s genau wissen willst.
Sie nickt ungewohnt ernst. Manchmal bricht die Liebe einem das Herz, das stimmt. Dann erzählt sie mir, wie sie auf der Flucht vor giftigem Wasser in eine Explosion geraten sind und wie sie eine Weile gedacht hat, Singt-schön wäre tot. Wie schrecklich es war, ihn verloren zu haben, und wie froh sie gewesen ist, ihn lebendig wiederzufinden. Und dass sie trotzdem nicht mehr zusammen sind, weil er sich in eine andere verliebt hat, und man hat ihr erzählt, dass Singt-schön noch nie lange bei einer geblieben sei. Es ist gerade eine so furchtbare Zeit, meint sie schließlich, und ich kann nur stumm dazu nicken. Wie um alles in der Welt soll ich ihr und den anderen erzählen, was passiert ist und welche Rolle ich dabei spiele?
Aber da beobachtet sie schon wieder Sechs-Finger, der damit beschäftigt ist, die Haltegurte vom Zaumzeug Kleiner-Flecks abzuwickeln und denen, die ihm zusehen, zu erklären, was er vorhat: nämlich, den gesamten Schwarm abzutransportieren.
Er trägt ein Geheimnis mit sich herum, stellt Strich-am-Bauch schließlich fest.
Stimmt, sage ich und frage: Kann man das wirklich sehen?
Sie wiegt den Kopf. Ja, klar. Er hat etwas von einer Auster. Es ist, als ob eine harte Schale um ihn herum gewachsen ist, aus der er nicht herauskann.
Siehst du auch, was für eine Art von Geheimnis das ist?
Nein. Sie sieht mich an. Es steht zwischen euch, oder?
Ja, sage ich und wünsche mir, sie würde kleinere Gebärden machen, weil ich das Gefühl habe, man kann noch aus hundert Metern Entfernung mitlesen, worüber wir uns unterhalten.
Vielleicht passiert eines Tages etwas, das die Schale aufknackt, meint Strich-am-Bauch. Nach einer Weile fügt sie hinzu: Oder du findest jemand anderen.
Dieser Gedanke fährt mir wie ein Messer durch den Leib. Zu meinem eigenen Entsetzen wird mir klar, dass ich überhaupt niemand anderen finden will!
Danach besuchen wir gemeinsam Weißes-Auge. Sie liegt auf einem Lager aus weichen Algen; ihre Beine sind schrecklich verbrannt und sie ist kaum bei sich. Eine Weile habe ich das Gefühl, sie erkennt mich gar nicht wieder, aber dann wird ihr Auge doch noch klar, und mit schwachen, langsamen Gebärden erklärt sie: Schön, dass du zu uns zurückgekommen bist, Mittlerin. Du kannst bei uns bleiben, solange du willst, auch wenn sie auf jemand anderen hören werden.
Ich fasse ihre Hand und küsse sie und muss weinen, dass ihr all das widerfahren ist und ich mit Schuld daran trage. Schließlich zieht mich Strich-am-Bauch wieder von ihr fort und vertraut mir an: Sie wird bald sterben. Sie will nur noch sehen, wie Lacht-immers Kind zur Welt kommt und ob es den Atem hat.
Aus weiter Ferne dringen wieder die Geräusche von Explosionen zu uns.
Wir helfen mit, das ganze Lager auf den Wal zu verladen. Es gibt nicht viele Dinge, die mit dem Zaumzeug zu verzurren sind, dafür aber viele Verletzte, die auf dem Rücken des Tiers untergebracht werden müssen. Lacht-immer bekommt den Platz direkt neben Sechs-Finger. Alle anderen verknoten sich mit den Leinen, auch die Kinder, und dann geht es los, fort von dem Krieg der Unterwasserkonzerne gegen die Unterwassermenschen.
Vielleicht sogar in Sicherheit. Man wird sehen.