30

Zu reisen, indem man von einem Wal an einem langen Tau hinterhergezogen wird, ist überraschend angenehm. Man trägt die Schlinge um die Brust, unter den Armen, wo sie kaum drückt, braucht überhaupt nichts zu tun und prescht trotzdem mit herrlichem Tempo durchs Wasser. Man kann seine Lage mit Händen, Beinen oder einfach nur Drehungen des Körpers steuern, kann sich auf andere zu bewegen oder von ihnen weg und man kann sich mit denen, die auf gleicher Höhe an der Leine hängen, sogar unterhalten.

Das Verblüffende ist: Obwohl man genau weiß, dass es der Wal ist, der einen zieht, fühlt es sich nach einer Weile so an, als schwämme man aus eigener Kraft. Oder durch eine Art Magie – wie die Figuren in diesen komischen alten Filmen, in denen Leute fliegen können, Superkräfte haben und so weiter.

So ziehen wir etliche Stunden dahin. Der Wal muss mehrmals zum Atmen auftauchen, aber davon kriegt man weiter hinten so gut wie nichts mit: Die silbern schimmernde, unruhige Wasseroberfläche scheint sich zwar auf einen herabzusenken, aber ehe man es recht bemerkt, hebt sie sich bereits wieder, weil der Wal fertig ist mit Luftholen und wieder abtaucht.

Die anderen sind fast enttäuscht, als die Reise endet, aber das Lager, das Sechs-Finger gefunden hat, entschädigt für alles: eine sanfte, saubere von Felsen beschirmte Senke in flachem Wasser, lichtdurchflutet und umgeben von nahrhaften Muschelbänken. Falls hier überhaupt schon einmal ein Schwarm gelagert hat, muss es jedenfalls lange her sein, darüber sind sich alle einig.

Die Jäger ziehen los, während wir übrigen Muscheln und Algen einsammeln, und kommen später mit mehreren Thunfischen zurück. Zwölf-Kiemen bringt außerdem einen Fisch an, den ich noch nie gesehen habe: Das riesige Tier hat eine Art Stachel auf der Stirn und einen weit vorgeschobenen Unterkiefer, was so wirkt, als sei es äußerst ungehalten darüber, erlegt worden zu sein.

Die Verletzten bekommen zuerst zu essen, anschließend werden die Reste verteilt. Es schmeckt gut und ich merke, wie hungrig ich war. Wir sitzen um Weißes-Auge geschart, die wenig isst, sich aber zufrieden umschaut und besser aussieht als vorhin.

Und dann fordert sie mich plötzlich auf: Erzähl uns, was du erlebt hast, Von-oben.

Ich zucke zusammen. Nein. Nein, das will ich nicht. Alles, nur das nicht. Wenn ich erzähle, wie es war, werden sie mich hassen und verstoßen und ich werde keine Freundin mehr haben.

Aber sie nicken alle und schauen mich erwartungsvoll an. Ich kann mich unmöglich weigern.

Also beginne ich zu erzählen und sage mir, dass ich ja nicht alles erzählen muss. Nur das Nötigste. Nur so viel, dass sie zufrieden sind.

Ich erzähle also von dem weiten Weg, den wir zurücklegen mussten. Von dem Abgrund und wie wir dem Unterwasservulkan ausgewichen sind. Wie wir auf die ersten Graureiter getroffen sind, wie es war, zum ersten Mal auf einem Wal zu sitzen, und von dem Willkommensfest. Von Hohe-Stirn und wie ich gehofft habe, von ihm etwas über meinen Vater zu erfahren.

Und dann erzähle ich doch, wie er mich mitgenommen hat zu der Station. Ich kann nicht anders. Es muss raus, ich kann das alles unmöglich weiter für mich behalten, kann es nicht länger mit mir herumtragen. Zu erzählen, was wirklich passiert ist, ist auf einmal das Wichtigste auf der Welt, und wenn sie mich nachher verstoßen, wird es eben so sein. Aber wenigstens ist es dann gesagt und ich bin es los.

Ich muss an Pigrit denken und wie er sich bemüht, immer die Wahrheit zu sagen, auch dann, wenn es unangenehm für ihn ist. Oder peinlich. Oder schmerzhaft. Vor allem dann.

Vielleicht hat er gar nicht so unrecht damit.

Also erzähle ich von den Forschern und von allem, was danach passiert ist. Dass man mich an den Pfahl gebunden und zur Einsamkeit verurteilt hat, zum Tode, mit anderen Worten. Ich erzähle von Hohe-Stirns Schwur, die Luftmenschen aus dem Meer zu vertreiben, und davon, wie der Schwarm der Graureiter abgezogen ist und Sechs-Finger mich gerettet hat.

Und was wir gesehen haben vom Angriff auf die Station.

Die Station war so gebaut, dass sie automatisch einen Hilferuf aussendet, wenn sie beschädigt wird, erkläre ich. Die Luftmenschen, die diesen Hilferuf empfangen haben, wissen nun, dass die Station von Wassermenschen angegriffen wurde, und deshalb schlagen sie zurück. Sie haben Maschinen, mit denen sie unter Wasser fahren und Schwärme von Submarines finden können. Und das tun sie nun, weil es noch viele andere solcher Stationen unter Wasser gibt, und sie wollen verhindern, dass diese auch angegriffen und die Menschen darin getötet werden.

Wenn ich mich umblicke, schaue ich in entsetzte Gesichter, aber es kommt mir so vor, als sei es mein eigenes Entsetzen, das sich darin spiegelt.

Das alles wäre nicht passiert, gestehe ich endlich, wenn ich Hohe-Stirn nicht verraten hätte, dass es in der Station keine Waffen gibt. Dass sie sich nicht verteidigen können. Dann hätte er es nicht gewagt, sie anzugreifen, und wenn er sie nicht angegriffen hätte, wäre alles, was danach an Schrecklichem passiert ist, nicht geschehen.

Dann kann ich nicht mehr weiter. Meine Hände sind auf einmal schwer wie Blei. Ich lasse sie sinken, schaue auf und erwarte mein Urteil.

Zu meiner Überraschung spüre ich einen Arm, der sich um meine Schultern legt. Es ist Lange-Frau, die mich noch nie eines Blickes gewürdigt hat – doch nun drückt sie mich an sich! Lacht-immer schwimmt zu mir, Fassungslosigkeit im Blick, aber die Arme nach mir ausgestreckt. Und Strich-am-Bauch. Und Singt-schön. Und Brav-brav. Alle, alle kommen sie, scharen sich um mich, berühren mich, trösten mich.

Ich sitze nur da und lasse es geschehen, kann nur Weißes-Auge anstarren, die wiederum mich anstarrt. Dann, endlich, hebt sie die Hände und erklärt: Dich trifft keine Schuld. Es sind Hohe-Stirn, der das Bauwerk der Luftmenschen zerstört hat, und diejenigen, die ihm gefolgt sind und geholfen haben, die die Schuld an unser aller Unglück tragen. Sie macht eine komplizierte Geste mit den Händen, die ich noch nie zuvor gesehen habe, und fügt hinzu: Der Zorn der Großen Eltern soll sie treffen.

Jetzt erst merke ich, dass ich weine. Ich schließe die Augen, überlasse mich den Armen und Händen der anderen, weine und weine und bin so froh, dass sie mir verzeihen.

Und schließlich, nach einer langen, langen Weile, kann ich mir sogar selber verzeihen. Es ist, als wäre mir ein Schleier von den Augen gezogen worden, sodass ich die Dinge endlich wieder sehen kann, wie sie sind: Hohe-Stirn hat die Organisation der Jäger herausgefordert, die wahrscheinlich nur auf eine Gelegenheit gewartet haben, mit aller Macht gegen die Submarines loszuschlagen. Was ich tun muss, ist, so schnell wie möglich Frau Brenshaw zu informieren, was hier vor sich geht, denn wahrscheinlich kriegen die Menschen an Land von diesem Feldzug überhaupt nichts mit!

Ich muss das mit Sechs-Finger besprechen. Er muss mich mit dem Wal in die Nähe der Küste bringen, irgendwohin, wo es ein Netz gibt und ich Frau Brenshaw anrufen kann.

Aber erst morgen. Es wird schon dunkel und ich bin so erschöpft von meiner Beichte, dass ich mich kaum noch rühren kann.

Später machen wir ein Zusammen-zusammen, das schönste, das ich bisher miterlebt habe. Es wird eine sehr eigentümliche, sehr schöne Melodie gesungen, wieder und wieder. Jemand erklärt mir, dass die Submarines glauben, diese Melodie sei heilsam für die Verletzten. Ich selber kann das nicht recht glauben, andererseits finde ich jedes Zusammen-zusammen heilsam, also habe ich nichts dagegen einzuwenden. Auch Sechs-Finger singt mit und einmal treffen sich unsere Blicke und für einen Moment habe ich abermals das Gefühl, dass wir miteinander verschmelzen. Dann schaut er wieder weg.

Wir singen sehr lange, und als wir aufhören, ist es trotzdem so, als sei der Rest der Welt verschwunden und nur noch wir übrig, erfüllt von Ruhe, Frieden und Freude. Es ist längst zu dunkel, als dass man sich noch unterhalten könnte, also legen wir uns schlafen, wie üblich die Frauen und Kinder eng beieinander in der Mitte und die Männer darum herum. Ich fühle mich ganz leicht, als ich zwischen den anderen liege, das Hin und Her allmählich nachlässt und man die Ersten leise schnarchen hört. Wir haben das Unheil hinter uns gelassen, denke ich, ehe ich in den Schlaf sinke. Nun wird alles wieder gut.

Es kommt mir vor, als hätte ich noch keine Minute geschlafen, als plötzlich, aus dem Nichts, eine schrecklich laute, schrecklich nahe Detonation über uns hinwegrollt.

Mit einem Mal sind alle wieder wach. Panik. Alles geht durcheinander, wir sehen nichts, können uns kaum verständigen, sind völlig fassungslos. Jede Mitteilung muss von einem zum anderen weitergegeben werden, indem man Gebärden auf Handflächen, Gesichter und andere Körperteile zeichnet, eine Sprache der Dunkelheit, die ich in diesem Moment zum ersten Mal kennenlerne und nur schwer verstehe.

Aber so wichtig ist das auch nicht, denn es ist klar, dass es nur um eines gehen kann: unsere Flucht zu organisieren. Der ersten Explosion folgen weitere, alle bedrohlich nahe, während wir hastig unsere Habseligkeiten am Körper verzurren und uns selber wieder an den Leinen. Schatten huschen die Leinen entlang, berühren Körper, zählen durch. Niemand darf zurückgelassen werden. Hin und her, zitterndes Warten, während sich die Schatten wieder treffen, ihre Zahlen vergleichen. Kinder, die leise jammern. Bewegung in den Leinen, wenn Kleiner-Fleck sich unruhig bewegt, weil in der finsteren Ferne erneut ein scharfer Knall ertönt. Und dann, endlich, geht es los, ziehen uns die Halteschlaufen fort, fort in die Dunkelheit, fort ins Ungewisse, weg von den nahenden Explosionen.

Wir kommen nicht mehr zur Ruhe. Die U-Boote, die Explosionen, die Schwaden übel riechender, auf der Haut und im Hals brennender Substanzen scheinen überall zu sein, uns zu verfolgen, wohin wir uns auch wenden. Bald packen wir schon gar nicht mehr aus, wenn wir ein Lager finden, sondern essen nur hastig und legen uns zum Schlafen hin, unser Hab und Gut griffbereit. Wirklich schlafen kann man das nicht nennen.

Ab und zu muss Sechs-Finger den Wal ziehen lassen, weil der auch Hunger hat und jagen muss, und dann zittern wir alle, bis er zurückkommt. Ich am meisten, weil ich schon miterlebt habe, dass Kleiner-Fleck im Zweifelsfall eher den Rufen seines Schwarmes gehorcht als den Befehlen seines Reiters.

Die Kinder spielen nicht mehr, weichen ihren Müttern nicht mehr von der Seite. Es gibt keine Zusammen-zusammen; die dafür nötige Ruhe und Sammlung will sich nicht länger einstellen. Jeder von uns, egal was er tut, lauscht mit einem Ohr immer auf ferne Geräusche, fernes Donnern oder Knallen.

Die ganze Zeit denke ich, dass ich diesen Albtraum beenden könnte, wenn es mir nur gelänge, Frau Brenshaw anzurufen. Bestimmt wissen die Menschen an Land nichts von den Angriffen, oder wenn, dann hören sie wahrscheinlich Ausreden – Bekämpfung von Schmugglern und Piraten zum Beispiel, was sehr häufig passiert und worüber sich niemand wundern würde.

Aber es gelingt mir nicht. Wir sind zu weit weg vom Land, zu weit weg vom Netz. Ein, zwei Male lagern wir am Fuß einer Insel und natürlich steige ich sofort hinauf und hole meine Tafel heraus, doch vergebens, ich bekomme keine Verbindung. Die Inseln sind alle unbewohnt, kahle Felsen in der Unendlichkeit des Pazifiks, weit entfernt von der nächsten Zone.

Immerhin, der Schwarm hat Sechs-Finger, der ganz in seiner Rolle als Helfer in der Not aufgeht, akzeptiert. Sogar Schwimmt-schnell versteht sich mit ihm, obwohl er ein Graureiter ist und Hohe-Stirn sein Vater. Wie es sich damit wirklich verhält, hat Sechs-Finger den anderen noch nicht erzählt – vielleicht einfach nur, weil keine Zeit dafür ist.

Alle sind froh über den Wal, der uns rasch aus den Gefahrenzonen bringt. Wir machen uns viele Gedanken darüber, wie es anderen Schwärmen ergehen mag, die diese Möglichkeit nicht haben. Fast jeder kennt, dank der Regeln der Großen Eltern, andere Schwärme, und hofft, dass die sich nicht ausgerechnet jetzt in der Gegend aufhalten.

Aber wir sind unter Garantie nicht der einzige Schwarm von Submarines östlich der australischen Küste. Die Jäger greifen ja nicht blindlings an, feuern ihre Torpedos nicht einfach so ins Blaue ab: Sie benutzen Radar, dieselbe Art Radar, wie es Fischereischiffe benutzen, und die können von Weitem erkennen, mit welcher Art Fischen sie es zu tun haben. Es dürfte kein Problem sein, ihre Geräte so zu programmieren, dass sie Submarines erkennen – doch das ist ein Gedanke, den ich lieber für mich behalte.

Etwas, das ich auch lieber nicht erfahren hätte, vertraut mir Sechs-Finger an: dass Kleiner-Fleck nicht mehr lange bei uns bleiben wird. Er kann es nicht auf den Tag genau vorhersagen, aber eine Erlaubnis der Schwarmmutter, auf Alleingang zu gehen, gilt nicht unbegrenzt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der junge Wal sich auf den Weg zurück zu seinem Schwarm machen wird.

Was Sechs-Finger nicht sagt, ist, ob er dann bei uns bleiben oder mit Kleiner-Fleck gehen wird.

Und ich traue mich nicht, ihn danach zu fragen.

Ich muss darüber hinwegkommen. Diese besondere Verbindung, die ich zwischen uns zu spüren glaube, ist nur Einbildung, sage ich mir. Weil ich eben unglücklich verliebt bin. Jeder ist das irgendwann. Sage ich mir.

Wir fliehen weiter, überleben weiter und niemand ist mehr verletzt worden, seit Schwimmt-schnell uns gefunden hat – nur das ist wichtig.

Tatsächlich weiß ich nicht, wo wir überhaupt sind. Nach all dem Hin und Her habe ich nicht einmal mehr eine vage Vorstellung davon. Sind wir noch vor der australischen Ostküste? Würde ich gerade nicht beschwören.

Dabei ist das nun etwas, das ich gerne wüsste, denn ich will immer noch Frau Brenshaw erreichen. Bloß, wie findet man das heraus ohne Netz? Wenn ich an die Oberfläche schwimme und mich umschaue, sehe ich nur Wasser, endlose Weiten.

Bis wir wieder einmal flüchten müssen und ich im allgemeinen Durcheinander nicht meinen üblichen Platz an der Leine erwische. Stattdessen lande ich weit vorne, dicht über dem Rücken des Wals, sodass ich mit auftauche, als er Luft holen muss.

Und in dem Moment, in dem Kleiner-Fleck das tut, erblicke ich eine steil abfallende Küste am Horizont und über den schroffen Felsen ein unverkennbares Bauwerk: den berüchtigten North Shore Tower, erbaut im Jahre 2099 von einem Gouverneur mit schlechtem Geschmack und Mut zur Farbe, anerkanntermaßen eines der hässlichsten Gebäude, das jemals errichtet worden ist.

Aber: Es ist unverwechselbar. Wer es einmal gesehen hat, und sei es nur in einem Schulbuch, erkennt es wieder. Ich erkenne es nicht nur wieder, ich erinnere mich auch, dass es nur wenige Kilometer nördlich des Hafens von Sydney liegt.

Dann taucht der Wal wieder unter und zieht mich mit sich, doch das Bild des großen, klobigen, knallbunten Turms auf dem Felsen bleibt mir. Es schockiert mich. Es schockiert mich, so weit südlich zu sein, über zweitausend Kilometer von Seahaven entfernt! Unfassbar.

Ich spüre, wie wir die Richtung ändern, weg vom Land. Zu dumm, dass ich hier am Seil hänge und mich nicht bemerkbar machen kann, ehe wir ein Lager erreicht haben, denn so nahe an der Küste müsste ich mit meiner Tafel ins Netz kommen! Hier hätte ich eine Chance, die Freunde der Tiefe zu alarmieren! Ich schreie und fuchtle mit den Armen, aber Sechs-Finger bemerkt mich nicht. Niemand bemerkt mich und so ziehen wir wieder davon, in die völlig falsche Richtung.

Doch urplötzlich taucht der Wal steil in die Tiefe, zieht uns alle mit sich. Der Meeresgrund kommt in Sicht, kahl, leblos, von Kabeln und Rohrleitungen überzogen – kein Wunder, so dicht vor der Küste und im Einzugsbereich des Hafens noch dazu. Der Wal zieht nach links, nach rechts … Sechs-Finger sucht offenbar ein Lager, klar, aber wieso hier?

Dann sehe ich, wie sich Lacht-immer neben ihm krümmt, die Hände auf den Leib gepresst, und begreife: Die Wehen haben eingesetzt. Ihr Kind kommt zur Welt, ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier, im ungünstigsten Moment und am denkbar ungünstigsten Ort!