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Panik überkommt mich wie ein Schlag in den Bauch. Ich drehe und winde mich, um Lacht-immer nicht aus den Augen zu verlieren, und immer wenn sie sich krümmt, ist mir, als müsste ich mich mit ihr krümmen.

Was um alles in der Welt macht Sechs-Finger denn jetzt? Wieso hält er nicht an, irgendwo, irgendwie? Stattdessen lenkt er den Wal in eine Kurve, weg von der Stadt und dem Hafengebiet. Ja, ist ja gut, je weiter weg von alldem, desto besser … aber wäre es nicht dringender, nicht besser, nicht unbedingt notwendig, so schnell wie möglich einen Lagerplatz zu finden? Will er es riskieren, dass Lacht-immer ihr Baby auf dem Rücken des Wals zur Welt bringt?

Offenbar will er das. Er treibt Kleiner-Fleck zu absoluter Höchstgeschwindigkeit, jagt mit uns dahin, so schnell wie noch nie. Ein irres Tempo. Wir schlagen haltlos hin und her, knallen immer wieder gegeneinander, haben keine Kontrolle mehr, keine Chance, irgendwas zu steuern. Die Kinder schreien vor Angst oder ist es Lacht-immer, die vor Schmerzen schreit? Ich weiß es nicht. Das ist doch Wahnsinn!

Immerhin, Pipelines sehe ich keine mehr. Wenn ich mal was anderes sehe als wild um sich schlagende Menschen an langen Leinen.

Ist Sechs-Finger verrückt geworden? Was, wenn Lacht-immers Kind während dieses irren Ritts zur Welt kommen sollte? Die Strömung würde es doch sofort wegspülen, auf Nimmerwiedersehen!

Ich versuche, mich zu beruhigen. Eine Geburt, das geht nicht so schnell. Drei Wehen pro Unit, erinnere ich mich dunkel, erst dann wird es ernst. Und ich weiß nicht, wie oft Lacht-immer Wehen hat. Ich habe sie nicht mehr im Blick, außerdem ist mein Zeitgefühl eh durcheinander.

Da taucht der Wal hinab, so abrupt, dass es uns alle schmerzhaft umherwirbelt. Die Kinder kreischen in heller Panik. Ich erhasche einen Blick in eine Schlucht, die schwarz unter uns gähnt, schwarz und unendlich tief. Dann sehe ich wieder Boden, wogende Algen, einen Lagerplatz, wie er sein muss, eine sanfte Kuhle, einladend, friedvoll … Jetzt wird Sechs-Finger doch aber hoffentlich anhalten, oder?

Er tut es. Der Wal kommt mit einem letzten Schlag seiner Schwanzflosse zum Stillstand. Schwärme kleiner silberner Fische steigen aus den Algen auf und ergreifen die Flucht. Schwimmt-schnell hat sich losgemacht und schießt raketengleich an mir vorbei auf Lacht-immer zu. Ich mache mich auch los, folge ihm.

Alle sind jetzt in Bewegung, ein einziges, umfassendes Paddeln und Rudern um mich herum. Kaum haben sich alle von den Leinen gelöst, saust Kleiner-Fleck davon und verschwindet in der Tiefe des nahen Abgrunds; man kann seinen unbändigen Hunger förmlich spüren in der Eile, die er an den Tag legt.

Schwimmt-schnell hat Lacht-immer auf die Arme genommen und trägt sie hinab, um sie an der tiefsten Stelle der Kuhle auf die Algen zu betten. Die übrigen Männer zücken ihre Messer und Speere, formieren sich zu einem Schutzwall rings um die Gebärende. Die Frauen teilen sich auf, die einen scharen die Kinder um sich herum, die immer noch heulen und schluchzen und panisch mit den Händen flattern, die anderen gruppieren sich um Lacht-immer.

Und ich? Ich zögere – schließlich bin ich nur eine Außenseiterin, nur eine Besucherin, nur eine halbe Submarine, eine Fremde. Abgesehen davon, dass ich mit Geburten keine Erfahrungen habe und eh nur im Weg wäre.

Doch Lacht-immer winkt mir zu, bedeutet mir, zu ihr zu kommen.

Sei meine Hüterin, bittet sie, dann kommt die nächste Wehe.

Hüterin? Ich verstehe nicht, was sie meint. Ich muss ziemlich ratlos dreinschauen, denn auf einmal ist Strich-am-Bauch neben mir und erklärt mir, was damit gemeint ist: Ich soll mich hinter Lacht-immer setzen und sie halten, ihre Arme umfassen, ihren Kopf an meine Brust betten.

Mit anderen Worten: Ich soll eine Art Sessel bilden.

Den Reaktionen der anderen nach zu urteilen, muss das eine große Ehre sein. Ich schiebe mich also gehorsam hinter Lacht-immers Rücken und suche nach einer Position, in der wir es beide aushalten können.

Bleib bei mir, bitte ich Strich-am-Bauch. Ich will nichts falsch machen.

Sie lächelt ein Lächeln, das mir eher traurig vorkommt, und erwidert: Das geht seinen Gang. Halt sie einfach.

Na gut. Ich halte sie einfach, meine Freundin, halte sie fest, während die gewaltigen Krämpfe einer Geburt sie durchlaufen. Ich muss an den Biologieunterricht denken: Wir haben natürlich einen Film gesehen, wie eine Geburt abläuft, der all das auch gezeigt hat – doch es ist anders, wenn man es miterlebt, wenn es tatsächlich passiert.

Nicht schlimmer, nein. Gar nicht. Einfach anders. Echt eben. Wirklich. Die Frau in dem Film damals war eine Fremde, über die wir nichts weiter erfahren haben, nicht einmal ihren Namen. Die Frau dagegen, die ich in meinen Armen halte, ist Lacht-immer, die beste Freundin, die ich auf der Welt habe. Zu sehen, wie sie Schmerzen erleidet, wie sie keucht, zu spüren, wie das Wasser, das sie ausatmet, aus ihren Kiemen an meinem Bauch und meinen Schenkeln entlangstreicht – das ist alles ganz und gar unglaublich und zugleich auf seltsame Weise ganz und gar normal.

Die Wache der Männer, sehe ich, ist nicht nur eine Zeremonie. Die Speere und Messer, die sie gezückt in Händen halten, brauchen sie, denn immer wieder gilt es, große Fische zu vertreiben, die von dem, was hier geschieht, angelockt werden.

Plötzlich machen die Wehen eine Pause. Keine Ahnung, ob das normal ist, aber niemand schaut beunruhigt drein, also wird es wohl in Ordnung sein. Ich schaue auf Lacht-immer hinab, die meine Hand drückt und zu mir hochlächelt, abgekämpft und irgendwie so süß, dass mir die Tränen kommen. Gut, dass man die unter Wasser nicht sieht. Ich fühle mich mit ihr so verbunden wie noch nie mit jemandem. In Seahaven war ich immer nur allein, auf Distanz zu allen anderen, sogar zu Tante Mildred.

Jemand stimmt einen Ton an und die anderen fallen ein. Eine Art Zusammen-zusammen, aber es sind ungewohnte, melancholische Töne und sie begleiten sie mit Gebärden, einer Art Gebet an die Großen Eltern.

Es klingt schön. Beruhigend. Irgendwie auch ermutigend. Lacht-immer presst wieder und krallt sich dabei in meine Hand, doch es wirkt nicht mehr unheimlich, sondern so, als liefe alles, wie es laufen müsse.

Bis sich plötzlich ein Arm in die Höhe reckt und alle verstummen.

Ich schaue auf. Der Arm gehört Weißes-Auge, die man ebenfalls auf einen Algenteppich gebettet hat. Ich verstehe erst nicht, was das soll, bis ich einen Blick ihres gesunden Auges auffange: Dann höre ich es auch.

Ein fernes, maschinenhaftes, unverkennbares Brummen.

Das Geräusch eines nahenden U-Boots.

Die anderen hören es, sitzen starr da und scheinen, wie ich, zu hoffen, dass sie sich irren. Dass es etwas anderes ist.

Dann hören wir die Explosion. Ein Knall, in weiter Ferne, und hinterher all die Echos, die sich wie das tiefe Grollen eines Untiers durch das Meer ausbreiten.

Wieder blicke ich auf Lacht-immer hinab, die nun voller Angst zu mir emporschaut. Wir können doch nicht weg! Nicht mitten in der Geburt!

Ich drücke ihre Hand und behaupte mit der anderen: Es wird alles gut gehen.

Lacht-immer nickt. Sie glaubt es nicht, aber sie würde es gerne glauben, genau wie ich. Dann beginnt eine neue Wehe.

Während ich sie festhalte und das machtvolle Erzittern ihres Körpers spüre, rasen meine Gedanken. Wenn ich nur genauer wüsste, wie so ein Radarsystem funktioniert! Ich bin in Physik nicht schlecht, aber wir haben nur das Grundprinzip behandelt – man sendet elektromagnetische Impulse und wertet deren Echo aus, ziemlich simpel. Aber wie erkennt man Schwärme? Darüber habe ich mal was gelesen, doch ich erinnere mich nur, dass es irgendetwas mit den Bewegungen der Fische zu tun hat. Die natürlich umso flinker ausfallen, je kleiner die Fische sind.

Ich löse behutsam meine Hand aus der Lacht-immers und wende mich an die anderen. Versucht, euch so wenig wie möglich zu bewegen, dann haben sie es schwerer, uns zu finden, erkläre ich. Legt euch flach auf den Boden. Die Männer auch. Und haltet die Kinder ruhig.

Schwimmt-schnell, einen Speer stoßbereit in der Hand, schaut mich zweifelnd an. Aber was, wenn ein großer Fisch kommt?

Ich hebe die Schultern. Dann soll einer ihn abwehren. Nur einer.

Einer allein ist kein Schwarm, das ist mein Gedanke. Aber natürlich bin ich mir nicht sicher, ob es irgendeinen Unterschied machen wird. Es ist nur eine Hoffnung.

Wieder ein Knall. Immer noch nicht nahe, aber näher als der davor. Laut genug, dass wir alle zusammenzucken.

Sie tun es. Legen sich flach auf den Boden, halten die Kinder unten und die gehorchen alle, spüren, dass es ernst ist. Niemand rührt sich, niemand bis auf Lacht-immer, die weiter presst und atmet und wieder presst und wieder atmet. Die Fische lassen uns in Ruhe, bis auf einen vorwitzigen Rochen, den Zwölf-Kiemen mit einem raschen Schlag seines Speers davonjagt. Und auch der Rochen macht sich in die dem Knall entgegengesetzte Richtung davon.

Als die Echos der Explosion ausrollen, höre ich genauer hin. Es ist nicht nur ein U-Boot, es sind mehrere.

Plötzlich bin ich überzeugt, dass es ein Fehler war, uns einfach nur zu ducken und das Beste zu hoffen. Wir hätten zumindest die Hälfte des Schwarms fortschicken sollen, mit den Kindern. Jetzt ist es zu spät. Wenn sie jetzt aufbrechen, werden die U-Boote sie auf ihren Schirmen sehen und verfolgen.

Lange-Frau, die unbeirrbar zwischen Lacht-immers Beinen sitzt und den Fortgang der Geburt verfolgt, erklärt: Man sieht schon den Kopf. Jetzt dauert es nicht mehr lange.

Lacht-immer ringt sich ein gequältes Lächeln ab. Ich halte wieder ihre Hände, drücke sie und versuche, nicht daran zu denken, dass es vielleicht trotzdem zu lange dauern wird.

Wieder ein Knall. Schrecklich nahe diesmal. So nahe, dass wir die Druckwelle spüren.

Lacht-immer gibt einen jämmerlichen Laut von sich und presst mit verkrampftem Gesicht.

Nicht du, mahnt Lange-Frau sofort. Lass es geschehen, wie es geschehen will. Dein Körper macht das von ganz alleine, lass ihn nur machen. Du kannst es nicht beschleunigen. Sie sieht mich kurz an, dann fügt sie hinzu: Was jetzt geschieht, liegt ohnehin allein in den Händen der Großen Eltern.

Dieser Gedanke scheint beide zu beruhigen und ich beneide sie darum, denn mich beruhigt er ganz und gar nicht.

Im nächsten Moment huscht ein riesiger dunkler Schatten über uns hinweg und im ersten Augenblick ist mir, als bliebe mein Herz plötzlich stehen. Doch dann erkenne ich, was es ist: Kleiner-Fleck! Der Wal ist zurück, und nicht nur das, er wirkt rundum zufrieden, verspielt und unternehmungslustig.

Ich fahre hoch, stoße einen Schrei aus, suche Sechs-Fingers Blick. Sechs-Finger!, frage ich mit großen, hastigen Gebärden. Kannst du die U-Boote von uns ablenken, so wie neulich?

Er springt auf, gibt mir ein kurzes Okay-Zeichen und schwingt sich auf den Wal. Gleich darauf reitet er den U-Booten entgegen, verschwindet mitsamt dem gewaltigen Tier in dem tiefen Blau, das uns umgibt.

Die Geburt geht weiter. Lacht-immer keucht, atmet so heftig, dass das Wasser, das sie ausatmet, Sand vom Boden aufwirbelt, der uns wie eine feine Wolke einhüllt. Sie krallt sich in meine Hände, bohrt ihre Ellbogen in meine Schenkel, verwandelt sich in ein Muskelbündel von unglaublicher Kraft.

Kurz darauf – Ewigkeiten später – schiebt sich der Kopf des Babys ins Freie. Ich muss wieder an die U-Boote denken, die ich ganz vergessen habe: Man hört sie nicht mehr. Es hat auch keine weiteren Explosionen mehr gegeben.

Sechs-Finger hat es geschafft. Und Lacht-immer wird es auch schaffen. Ich schlinge meinen freien Arm um sie, um ihr zu verstehen zu geben, dass nun alles gut wird.

Und tatsächlich, in einem letzten Kraftakt, mit einem Schrei, der, so scheint mir, die Erde ringsum beben lässt und alle Tsunami-Warnanlagen vor der australischen Küste auslösen müsste, bringt Lacht-immer ihr Kind zur Welt. Auf einmal sieht es ganz mühelos aus, wie der kleine Körper aus ihr herausrutscht, direkt in die Hände von Lange-Frau. Winzig ist er, blutverschmiert, ein Junge, noch an seiner Nabelschnur hängend, die dunkel pulsiert, als wäre sie ein lang gezogenes Herz. Winzige Fische umschwärmen das Baby gierig, doch Lange-Frau verscheucht sie hartnäckig, wieder und wieder, lässt nicht zu, dass sie ihm die Überreste der Fruchtblase vom Leib fressen, auf die sie es offenbar abgesehen haben.

Dann, als sie weg sind, hebt Lange-Frau das Neugeborene in die Höhe – und alles kommt zum Stillstand.

Niemand rührt sich, niemand gibt einen Laut von sich, niemand sagt etwas. Alle starren nur das Kind an, das sich schwach bewegt, den Mund auf und zu macht, sich aus unergründlichen dunklen Augen staunend umsieht.

Was ist das jetzt für ein seltsames Ritual? Ich halte Lacht-immers Hand, schaue mich um. Was ist los? Worauf warten sie alle?

Dann trifft mein Blick auf den Strich-am-Bauchs und sie beugt sich zu mir und erklärt mit kurzen, knappen Gebärden: Es hat den Atem nicht.