Jetzt, endlich, sehe ich es auch. Die Kiemenschlitze am Brustkorb des winzigen Wesens – sie öffnen sich nicht! Sie sind zu schmal, wirken verwachsen, nicht richtig ausgebildet.
Dass es seinen Mund so seltsam bewegt, ist nicht Hunger, nicht ein Suchen nach der mütterlichen Brust – sondern ein Ringen nach Luft! Noch wird das Kind über die Nabelschnur mit Sauerstoff versorgt, aber die pulsiert immer schwächer und wird bald absterben.
Und dann wird das Kind ebenfalls sterben. Ersticken. Ertrinken.
In mir steigt jäh eine wütende Entschlossenheit hoch, die das nicht zulassen will. Ja, ja, ich habe es verstanden. Was jetzt geschieht, liegt ohnehin allein in den Händen der Großen Eltern.
Aber mir mangelt es nun mal an dem nötigen Respekt vor den Großen Eltern.
Ich lasse Lacht-immers Hand los, rutsche unter ihr weg und nach vorn und reiße Lange-Frau das Baby aus den Händen. Dann drücke ich meinen Mund auf das winzige Gesicht, die winzige Nase und den japsenden Mund und presse Luft hinein, Luft, die ich in mir bilde. Die Haut des Babys schmeckt widerlich, nach Blut und einer Schmiere, die mich an ranzige Butter denken lässt, aber das blende ich aus und mache weiter. Luft bilden, hineinpressen, wieder heraussaugen und ausstoßen. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen, der Kreislauf, der andauert, solange das Leben dauert. Der es bestimmt.
Im Nu ist es wieder wie damals, als ich Jon Brenshaw beatmet habe, eine kleine Ewigkeit lang. Als ich ihm so das Leben gerettet habe. Mein eigenes habe ich damit um ein Haar ruiniert, aber sein Leben habe ich gerettet.
Und ich bin entschlossen, auch das Leben dieses Babys zu retten.
Wobei ich keine Vorstellung habe, wie es dann weitergehen soll. Wenn dieses Kind kein Wasser atmen kann – was heißt das? Dass es leben wird, wenn ich es an die Oberfläche bringe, an die Luft? Und dann? Jemand wird sich darum kümmern müssen, wird es füttern, wickeln müssen und so weiter, und ich habe keine Ahnung, wer das sein soll oder wie man so etwas organisiert.
Aber das wird sich alles irgendwie klären lassen. Wenn ich nur verhindern kann, dass dieses Baby stirbt.
Doch ich kann es nicht verhindern. Ich beatme es, meinen Mund auf dem runzligen Gesicht, und spüre trotzdem, wie die Bewegungen des kleinen Körpers erlahmen. Ich halte den klebrigen, schwachen Leib, von dem ich so sehr will, dass er lebt, und spüre doch, wie er stirbt. Ich spüre das winzige Herz schlagen, doch der Herzschlag wird langsamer, schwächer … und hört schließlich auf.
Es ist das Schrecklichste, was ich jemals erlebt habe.
Dann dringt wieder jemand ein in die Welt, die nur noch aus mir und dem Kind bestanden hat, dem Kind, das nun tot ist. Es ist Lacht-immer, die neben mir auftaucht, und ich begreife erst gar nicht, wo sie herkommt. Aber sie hat sich bloß aufgesetzt und nun nimmt sie mir ihr totes Kind aus den Armen, ganz sanft, ganz selbstverständlich, und birgt es in den ihren. Sie hält es eine Weile, dann legt sie den winzigen Körper auf ihren Schoß und erklärt, an alle gewandt: Nennt mich von nun an nicht mehr bei meinem Namen.
Es zerreißt mir das Herz, Lacht-immer so zu sehen. Ich habe versagt. Und sie hat ihr Kind verloren, ihr Baby, auf das sie sich die ganze Zeit so gefreut hat. Ich würde ihr gerne etwas sagen, etwas für sie tun, das ihr hilft, aber ich weiß nicht, was.
Ich weiß ja nicht einmal, wie ich sie von jetzt ab nennen soll. Lacht-immer will sie nicht mehr heißen, aber wie dann? Lacht-nicht-mehr? Irgendwie scheint mir das nun der richtige Name zu sein.
Eine Bewegung hat eingesetzt. Alle kommen näher, scharen sich um die Mutter mit dem toten Kind, die Gesichter ernst und voller Trauer. Erst jetzt sehe ich, dass vor Lacht-nicht-mehr ein seltsamer, blutiger Klumpen am Boden liegt: Das muss die Nachgeburt sein, die Plazenta. Ich habe gar nicht mitgekriegt, wie sie die ausgeschieden hat, war zu sehr mit meinem tragischen Versuch beschäftigt, das Leben des Babys zu retten.
Jetzt legt Lacht-nicht-mehr ihr totes Kind vor sich auf den Boden, direkt neben die Plazenta, mit der es immer noch durch eine inzwischen dünn gewordene Nabelschnur verbunden ist. Dann legt sie den Kopf in den Nacken, schließt die Augen und stößt den markerschütterndsten Klageschrei aus, den ich je gehört habe.
Die anderen wiederholen diesen Schrei, nur viel leiser wie ein hundertstimmiges Echo aus weiter Ferne.
Sie schreit noch einmal, noch lauter, noch schmerzerfüllter, und erneut wiederholen die anderen ihren Schrei.
Und noch einmal. Und noch einmal. Der vierte Schrei scheint das Signal für Schwimmt-schnell zu sein, zu ihr zu kommen, sich neben sie zu setzen. Sie fallen einander in die Arme, aber immer noch ist es die Sache der Mutter, zu klagen und zu schreien, und die Sache der übrigen, das Echo ihrer Schreie zu sein.
Nach einer Weile stimme ich in die Rufe ein. Es passiert wie von selbst. Nicht nur teile ich auf diesem Wege ihren Schmerz, ich kann auch meinen eigenen Schmerz hinausschreien.
Wieso, wieso, wieso habe ich das Kind nicht retten können? Wieso habe ich für das Baby meiner besten Freundin nicht tun können, was ich für einen blöden Typen wie Jon Brenshaw getan habe?
Nun muss ich mit ansehen, wie sie, ihren Mann umklammernd wie eine Ertrinkende, ihren Schmerz hinausschreit, der doch viel zu groß ist, als dass ihm ein Schrei je gerecht werden könnte.
Und die anderen nehmen diesen Schrei auf, geben ihn zurück, bilden das Echo. Wieder und wieder. Es ist ein Zusammen-zusammen, eines, wie ich es noch nie erlebt habe, das intensivste von allen. Ihre Schreie und unsere scheinen eine Kathedrale des Schmerzes und der Trauer auf dem Meeresgrund zu errichten.
Doch irgendwann … endet es.
Irgendwann hört sie auf zu schreien, weil aller Schmerz hinausgeschrien, alle Kraft verbraucht ist, und Stille tritt ein. Eine Stille, die so tief ist, als sei die Zeit selbst stehen geblieben.
Niemand rührt sich. Alle verharren, warten. Warten, bis sich Schwimmt-schnell und Lacht-nicht-mehr endlich erheben. Sie nimmt ihr totes Kind vom Boden auf und dann schwimmen sie langsam los, nur mit Beinschlägen, in Richtung des nahen Abgrundes.
Wir folgen ihnen. Ein Schauer durchläuft mich, als der Meeresgrund unter uns verschwindet und wir über den Felsabbruch hinausschwimmen ins bodenlose Nichts. Doch die beiden schwimmen weiter hinaus, weiter und weiter …
Endlich halten sie inne. Warten, bis wir alle bei ihnen sind und einen Kreis um sie bilden. Taucht-tief und Zwölf-Kiemen tragen Weißes-Auge zwischen sich, bringen sie nach vorn. Sie ist schrecklich schwach und die Gebärden, die sie mit viel Mühe macht, sind kaum zu erkennen, für mich jedenfalls. Ich verstehe nur so viel, dass sie irgendwie die Großen Eltern anruft. Als sie fertig ist, halten alle noch einmal inne, dann lassen Lacht-nicht-mehr und Schwimmt-schnell die Last, die sie getragen haben, in die Tiefe fallen.
Einen Moment lang frage ich mich, ob es überhaupt fallen wird. Das tote Kind hat sich so leicht, so gewichtslos angefühlt. Aber dann sehe ich, dass es tatsächlich in die Tiefe sinkt, langsam zwar, aber es sinkt und schließlich verschwindet es in der undurchdringlichen Dunkelheit unter uns.
Wir machen uns wieder auf den Rückweg. Und erst jetzt, in dem Moment, in dem wir wenden, fällt mir auf, dass Sechs-Finger immer noch nicht zurück ist!
Auf einmal ist mir, als greife der Abgrund auch nach mir. Als sei die Schlucht unter mir, die Tausende von Metern hinabgeht, nicht einfach eine Schlucht, sondern das Maul eines riesigen Untiers, das mich verschlingen, das mich hinabziehen will in die Dunkelheit, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Hinab in die Dunkelheit, damit ich dem toten Kind von Lacht-nicht-mehr Gesellschaft leiste.
Sechs-Finger ist nicht zurück. Und es ist mir nicht einmal aufgefallen!
Meine Schwimmbewegungen werden hektisch. Wenn ich nicht sofort Land unter mich bekomme, bin ich verloren, davon bin ich auf einmal überzeugt. Dabei ist das völliger Unsinn und ein Teil von mir weiß das auch. Aber es gibt eben jenen anderen Teil, der das nicht weiß, der hier, jetzt, heute, an diesem entsetzlichen Tag, nichts anderes erwarten kann als nur noch mehr Unheil.
Sechs-Finger ist nicht zurückgekehrt. Er hat die U-Boote abgelenkt, doch wir wissen nicht, um welchen Preis. Vielleicht haben sie ihn erwischt anstatt uns.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist die Erklärung ganz harmlos. Vielleicht hat Kleiner-Fleck sich einfach wieder entschlossen, zu seinem Schwarm zurückzukehren, und Sechs-Finger hat beschlossen, bei ihm zu bleiben, denn was will er hier schon, bei uns, bei mir?
Andererseits: Was will er dort? Sein Stiefvater würde ihn töten lassen für seinen Verrat, hat er behauptet.
Natürlich weiß ich nicht, ob alles stimmt, was Sechs-Finger so behauptet. So wenig, wie ich weiß, welche Geheimnisse er vor mir verborgen hat. Ich sage mir, dass das alles nichts zu bedeuten hat und dass es ohnehin nie etwas geworden wäre mit ihm und mir – es war nur ein blöder Mädchentraum, der wahrscheinlich nie wirklich zu mir gepasst hat. Aber mein Herz schlägt trotzdem panisch, meine Hände zittern, meine Beine sind wie Pudding, und je schneller ich schwimme, desto weiter falle ich zurück.
Schließlich muss ich aufhören. Innehalten, mich zusammenkugeln, eine Weile einfach nur schweben über der entsetzlichen Leere unter mir. Wie viele tote Submarines sie wohl schon verschluckt hat in den letzten hundert Jahren? Niemand weiß es.
Vor meinem inneren Auge läuft noch einmal der Film ab: Wie ich Sechs-Finger bitte, die U-Boote abzulenken, und wie er es sofort getan hat. Es war eine Notsituation! Wäre der Wal nicht aufgetaucht, hätten sie uns vielleicht alle in die Luft gesprengt! Denn niemand von den anderen hätte Lacht-immer im Stich gelassen, dessen bin ich mir sicher. Und Sechs-Finger hat es, wie auch immer er das angestellt haben mag, geschafft – die U-Boote sind verschwunden und sie haben keine weiteren Bomben abgeworfen.
Danach hätte er, wenn alles gut gegangen wäre, umdrehen und zurückkommen können – aber vielleicht ist nicht alles gut gegangen. Das weiß ich nicht und vielleicht werde ich es niemals erfahren.
Ich spüre ganz deutlich, wie etwas in mir nur die schlimmstmögliche Erklärung gelten lassen will. Und die schlimmstmögliche Erklärung ist, dass Sechs-Finger zwar die U-Boote abgelenkt hat, dabei aber ums Leben gekommen ist.
Nun ist mir auch danach zu schreien und ich tue es.
Aber nur leise. Mein Schrei geht hinab in die Tiefe, in der auch das tote Baby ist, und die Tiefe verschluckt ihn. Ich bleibe ohne Echo und auch das ist in Ordnung. Ich strecke mich und beginne wieder zu schwimmen.
Ein paar der anderen sind auf meinen Schrei hin zurückgeblieben, warten auf mich.
Ihr wart zu schnell, behaupte ich, als ich sie eingeholt habe. Ihr wisst doch …, füge ich hinzu und hebe meine Hände, meine Luftatmerhände, die keine Schwimmhäute mehr haben.
Sie nicken ernst und nehmen mich zwischen sich und so schwimmen wir weiter, bis wir den Festlandsockel wieder erreicht haben. Dort warten die anderen, Lacht-nicht-mehr, Weißes-Auge und Schwimmt-schnell in ihrer Mitte.
Ich zögere, als wir ankommen. Soll ich das mit Sechs-Finger zur Sprache bringen? Oder ist es unnötig, weil den anderen längst klar ist, was geschehen ist? Und selbst wenn – was würde es bringen, noch länger auf ihn zu warten?
Aber sie schauen mich alle an, als erwarteten sie, dass ich etwas sage. Doch was? Und wieso? Weil ich die Hüterin war? Erfordert das Ritual, dass ich irgendetwas sage?
Sie schauen mich weiterhin an. Was ist?, frage ich schließlich.
Es ist Schwimmt-schnell, der antwortet, nachdem er ein paar Blicke mit den anderen gewechselt hat. Du kennst die Luftatmer am besten, meint er. Du musst uns sagen, was wir tun sollen, um ihnen zu entgehen, nun, da wir keinen Graureiter mehr an unserer Seite haben.
Ich muss schlucken. Also ist ihnen das mit Sechs-Finger tatsächlich nicht entgangen. Und ich soll nun …? Meine Gedanken überschlagen sich vor Entsetzen. Das ist nicht das, was ich … Diese Verantwortung kann ich unmöglich … Ich weiß doch auch nicht, was wir …
Doch genau in dem Moment, in dem ich erwidern will, dass ich leider nicht den Hauch einer Ahnung habe, wie wir uns retten können – genau in dem Moment habe ich eine Idee. Eine Idee, die sich schon eine ganze Weile in meinem Hinterkopf herumgetrieben hat, und nun, da sie endlich ans Licht tritt, sieht sie sogar aus wie eine gute Idee.
Wie unsere einzige Chance, um genau zu sein.
Aber – das wird mir auch klar – es ist zugleich eine ziemlich abgefahrene Idee. Es wird schwer sein, die anderen davon zu überzeugen.
Ich schaue in die Runde, schaue in ihre Augen, die noch voller Erwartung sind, sich aber wahrscheinlich gleich vor Empörung abwenden werden. Was mir leidtun wird, aber eine bessere Idee habe ich nun mal nicht, also beginne ich mit langsamen, eindringlichen Gebärden. Das Beste, was wir machen können, erkläre ich, der Ort, an dem wir in Sicherheit wären … ist der Hafen der großen Stadt, in deren Nähe wir vorhin waren. Sydney. Keine Chance, ihnen diesen Namen beizubringen oder ihnen klarzumachen, was für eine Art Stadt das ist. Der Ort, wo all diese Röhren auf dem Boden waren. Wo die Schiffe der Luftmenschen aus- und einfahren.
Sie wenden sich nicht empört ab, aber sie blicken einander zweifelnd an.
Wir haben dich gefragt, wie wir den Luftmenschen entkommen können, fasst es Schwimmt-schnell schließlich zusammen, und du sagst, wir sollen dorthin gehen, wo Millionen von ihnen leben?
Ich weiß nicht, ob er wirklich »Millionen« meint mit der Gebärde, die er für die Zahl benutzt, aber ich bin mir sicher, dass sie auch bei den Submarines für eine enorm große Zahl steht.
Ja, genau, bekräftige ich und schaue wieder in die Runde. Was ihr verstehen müsst, ist, dass es nur einige wenige Luftatmer sind, die uns jagen. Die meisten wissen überhaupt nicht, dass diese Jagd stattfindet. Dort, wo viele Luftatmer leben, können sie uns nicht jagen – nicht nur, weil sie bei ihrer Jagd unbeobachtet bleiben wollen, sondern auch, weil ihre Bomben dann Beschädigungen an Land und an ihren eigenen Schiffen anrichten würden!
Das will ihnen nicht einleuchten, ich sehe es. Sie können den Gedankengang nur schwer nachvollziehen, und selbst wenn, bleibt ihnen die Vorstellung unheimlich, sich in die Nähe so vieler Luftatmer zu begeben.
Was ich verstehen kann. Inzwischen ist mir der Gedanke selbst unheimlich. Aber, wie gesagt: Es ist unsere einzige Chance.
In einem Hafen, versichere ich, findet man viel Nahrung. Algen wachsen gut und es gibt viele Fische. Weil man sie im Hafen selber nur angeln darf, aber nicht mit großen Schleppnetzen fischen. Und die Algen wachsen, weil die Abwässer der Stadt ein steter Strom von Nährstoffen sind. Wir brauchen uns dort nur zu verstecken, bis die Jagd vorüber ist. Und wenn wir ein Versteck gefunden haben, kann ich an Land gehen und mit den Luftmenschen sprechen, die Freunde der Wassermenschen sind. Die, von denen ich euch die Messer und die Perlen gebracht habe. Sie werden uns helfen, und wenn sie von der Jagd erfahren, werden sie auch dafür sorgen, dass sie endet.
Was das anbelangt, bin ich mir nicht sicher, ob der Einfluss von Frau Brenshaw und den Gipiui Chingu dafür weit genug reicht, aber diese Zweifel behalte ich lieber für mich.
Eine erregte Diskussion über das Für und Wider meines Vorschlags bricht los. Mehr Hände gehen durcheinander, als ich lesen könnte, also bleibe ich, wo ich bin, und warte ab. Sie haben mich gefragt, ich habe geantwortet – alles Weitere ist nicht mehr meine Sache.
Schließlich ebbt das Gewoge der Hände ab, kommt Bewegung in die Gruppe, ein allgemeines Zurückweichen, so lange, bis sie Weißes-Auge auf ihrem Algenbett in ihrer Mitte haben. Sie ist es nun, auf die alle voller Erwartung schauen.
Die alte Frau blickt mich lange und nachdenklich an. Dann hebt sie mühevoll die Hände und bestimmt: Wir machen es so, wie es die Mittlerin sagt.