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So brechen wir auf, um Sydney aus eigener Kraft zu erreichen.

Diesmal bin nicht ich das Problem, das Hindernis, die Bremse, sondern diejenigen, die so verletzt sind, dass sie noch langsamer vorankommen als ich. Der schwerste Fall ist Weißes-Auge; sie muss von zwei starken Schwimmern transportiert werden, die sie zwischen sich nehmen. Einige sind am Oberkörper verletzt und können sich nur mit Beinschlägen fortbewegen, andere haben Wunden an den Beinen und schwimmen nur mit den Armen. Ein kleines Mädchen, das giftige Schwaden eingeatmet hat, wird von seinem Vater huckepack getragen, ein Junge mit Verbrennungen bekommt ein Seil um die Brust und wird von einem Erwachsenen gezogen.

Wir sind ein armseliger Haufen, wie wir uns so dahinschleppen, und entsprechend langsam kommen wir voran. Für eine Strecke, die wir im Schlepptau von Kleiner-Fleck mit wenigen Flossenschlägen zurückgelegt haben, brauchen wir nun Stunden. Wir können nur hoffen, dass wir den Hafen von Sydney erreichen, ehe erneut U-Boote auf uns aufmerksam werden.

Vielleicht war es doch keine so gute Idee. Aber das behalte ich für mich, denn eine bessere habe ich nicht.

Unterwegs nimmt mich Strich-am-Bauch beiseite. Du hast es nicht gewusst, oder?, fragt sie.

Gewusst?, frage ich verwundert zurück. Was?

Wie viele Kinder zur Welt kommen und den Atem nicht haben.

Ich schaue sie überrascht an. Wieso? Sind es viele?

Sie nickt. Man sagt, eines von zweien. Sie lächelt schmerzvoll. Ich habe Glück gehabt. Bei mir war es nur eines, das den Atem nicht hatte, und zwei hatten den Atem.

Das haut mich jetzt um. Die Hälfte aller Neugeborenen sterben, weil ihre Kiemen nicht richtig ausgebildet sind?

Das habe ich tatsächlich nicht gewusst, gebe ich zu.

Das heißt, Professor Yeong-mo Kim sind damals, als er in seinem Labor die Submarines erschaffen hat, offenbar heftige Fehler unterlaufen.

Wobei alles andere auch ein Wunder gewesen wäre. Er hat nahezu allein gearbeitet, musste bei allem, was er tat, darauf achten, nicht entdeckt zu werden – und ein reichlich durchgeknallter Typ war er außerdem, der »Große Vater« mit seiner größenwahnsinnigen Idee, eine zweite Menschheit zu schaffen, die den Meeresboden besiedeln sollte.

Ich mustere Strich-am-Bauch verstohlen. Nicht zu fassen – sie kann nicht älter sein als ich, aber nach dem, was sie erzählt, hat sie schon drei Kinder zur Welt gebracht! Und eines davon muss in ihren Armen gestorben sein. Trotzdem wirkt sie immer so heiter, so unbeschwert, trotzdem sieht bei ihr alles so leicht aus.

Und ich, die ich all das nicht habe mitmachen müssen, quäle mich so oft mit meinem Dasein.

Irgendwie komme ich mir dumm neben ihr vor. Und undankbar. Vor allem undankbar.

Heißt Lacht-immer jetzt eigentlich Lacht-nicht-mehr?, frage ich sie verlegen. Oder wie ist das?

Sie zuckt mit den Schultern. Ja, erst mal schon. Aber irgendwann wird sie wieder lachen und dann wird sie einen neuen Namen bekommen.

Hast du auch schon einmal einen neuen Namen bekommen?

Sie lacht. Nein, ich heiße schon mein ganzes Leben lang so. Sie schaut an sich herab, fährt mit der Hand über den behaarten Streifen, der sich rechts an ihrem Bauchnabel vorbei bis knapp unter den Rippenbogen zieht. Das hat sich wohl angeboten. Wie gesagt, ich hab einfach oft Glück.

Dann muss sie los, ihren Sohn verfolgen, der schon wieder übermütig wird und anderen Streiche spielt. Und ich bleibe wieder allein mit meinen Gedanken.

Kurz darauf machen wir zum ersten Mal Rast.

Wir machen noch oft Rast an diesem Tag. Die Jäger ziehen dann jeweils los, und wenn wir Glück haben, kommen sie mit Beute zurück. Wenn nicht, gibt es nur Algen zu essen.

Manchmal ist es wie am Anfang: Es wird gegessen und geredet, die Kinder spielen und müssen ab und zu ermahnt werden, und alles sieht leicht und fröhlich aus. Doch selbst in diesen Momenten kann ich die Submarines nicht mehr so sehen, wie ich sie am Anfang gesehen habe.

Ich sehe zu, wie ein Jäger den Fisch, den er erbeutet hat, aufschneidet und verteilt. Er tut es mit einem Messer, das ich mitgebracht habe, oder mit einem, das er sich aus einem Stück rostigen Metall von einem gesunkenen Schiff oder einer Konservendose selber gemacht hat. Und ich sehe daran, dass die Submarines für immer auf die Hilfe der Luftmenschen angewiesen sein werden, schon bei so einfachen Dingen wie Messern. Denn sie werden niemals imstande sein, Metall selber herzustellen, weil man dazu Feuer machen müsste, und wie sollte das gehen unter Wasser? Das Einzige, was einem Feuer unter Wasser nahekommt, sind unterseeische Vulkane, und die zu bändigen, ist noch nicht einmal den Ingenieuren der Luftmenschen gelungen.

Zu was für einem Leben hat Yeong-mo Kim die Menschen verurteilt, die er geschaffen hat? Er mag ein gentechnisches Wunder vollbracht haben, trotzdem hat er sich das mit der Besiedelung des Meeresbodens eindeutig nicht richtig überlegt.

Solche Überlegungen beschäftigen mich, während wir nach Westen schwimmen, und sosehr ich sie am liebsten vergessen würde, so wenig gelingt es mir.

Abends haben wir Glück, finden ein brauchbares Lager. Alle sind erschöpft, sogar Brav-brav, und wir legen uns zur Ruhe, obwohl es noch nicht ganz dunkel ist. Ich schlafe ein, kaum dass mein Kopf einen Ruheplatz gefunden hat, und mein letzter Gedanke gilt der Hoffnung, dass uns keine U-Boote mitten in der Nacht wecken mögen und auch keine Explosionen.

Diese Hoffnung erfüllt sich. Es kommt kein U-Boot und nirgendwo knallt es.

Trotzdem erwache ich von Aufregung und Unruhe um mich herum.

Was ist los?, frage ich verschlafen.

Weißes-Auge ist in der Nacht gestorben, erwidert jemand.

Alles in mir verkrampft sich. Gewiss, sie war alt und sie hat schwere Verletzungen erlitten – trotzdem. Noch ein Todesfall, das gibt mir irgendwie das Gefühl, als habe es das Schicksal auf uns abgesehen.

Wir versammeln uns um das Lager, das man ihr abseits der anderen bereitet hatte, weil sie wegen ihrer Wunden nicht zusammen mit uns schlafen konnte. Im Tod wirkt sie kleiner, als ich sie in Erinnerung habe. Sie hat die Augen geschlossen und es sieht nicht aus, als ob sie gelitten hätte. Ihr Gesicht ist friedlich, ja, es strahlt fast so etwas wie Zuversicht aus.

Jemand stimmt einen Ton an, einen tiefen, klagenden Laut, und nach und nach fallen die anderen ein. Diesmal ist niemand da, der seinen Schmerz hinausschreien muss, es bleibt bei einem traurig klingenden Zusammen-zusammen.

Auch ich stimme ein, gebe meiner Trauer um Weißes-Auge die Gestalt von Tönen. Ich denke daran, wie sie mich damals befragt hat, wie es mir im Schwarm gefalle, und wie sie mir erklärt hat, dass ich willkommen sei. Ich denke daran, wie sie mich gesegnet hat, ehe Schwimmt-schnell und ich zu den Graureitern aufgebrochen sind, und die Erinnerung daran lässt mein Tönen noch klagender werden.

Auf eine seltsame Weise ruft mir die Trauer um Weißes-Auge auch die Erinnerung an Sechs-Finger wieder ins Gedächtnis. Ich muss daran denken, wie wir uns geküsst haben, und daran, wie intensiv diese Küsse gewesen sind, wie es sich angefühlt hat, als würden unsere Körper miteinander verschmelzen.

Jedenfalls einen Moment lang. Bis er dann jene Barriere zwischen uns hochgezogen hat, die ich nie verstanden habe und deren Grund er mir nie erklärt hat.

Und nun ist er fort, womöglich tot. Ich singe für Weißes-Auge, aber ich trauere um Sechs-Finger. Um ihn und um das, was zwischen uns hätte werden können.

Schließlich endet das Zusammen-zusammen in friedvoller Stille.

Eine Weile verharren alle reglos, dann kommt Bewegung in die Runde. Ich schaue mich um, habe das Gefühl, alle wissen genau, was nun zu tun ist.

Doch ehe ich jemanden fragen kann, taucht unvermittelt Lacht-nicht-mehr neben mir auf und schließt mich in die Arme, drückt mich lange und fest. Ich bin so verblüfft, dass ich im ersten Moment gar nicht reagiere. Dann lege auch ich meine Arme um sie.

Sie fühlt sich anders an ohne den Bauch. Aber ich hätte sie trotzdem erkannt, selbst wenn finsterste Nacht gewesen wäre.

Ihr Kommen überrascht mich. Seit dem Tod ihres Kindes gestern haben wir kein Wort mehr miteinander gewechselt, und wann immer ich sie von Weitem gesehen habe, hat sie tief in sich versunken gewirkt.

Sie lässt mich los und erklärt: Ich habe dir noch nicht dafür gedankt, dass du versucht hast, meinen Sohn zu retten.

Ich muss heftig schlucken. Es tut mir so leid, dass es –

Meine Hände sinken herab, weil mich ein Schluchzen erschüttert. Wir sind also immer noch Freundinnen! Ich habe sie nicht verloren, trotz allem.

Lacht-nicht-mehr nimmt meine Hände, küsst sie. Dann meint sie: Du hast es versucht. Alles andere stand nicht in deiner Macht.

Mir ist, als könnte ich den winzigen, zerbrechlichen Körper ihres Babys noch einmal spüren. Ja, erwidere ich.

Sie sieht mich forschend an. Hättest du ihn nach oben gebracht, wenn er Luft geatmet hätte? An Land?

Ich nicke.

Du hättest ihn bei jemandem untergebracht, nicht wahr?, fragt Lacht-nicht-mehr weiter. Er wäre unter Luftmenschen aufgewachsen, aber ich hätte ab und zu kommen können und sehen, wie er größer wird.

Ja. Wie schwierig es gewesen wäre, das alles zu organisieren, behalte ich für mich. Es ist ohnehin nicht mehr wichtig. Die Vorstellung, wie ihr Kind an Land aufgewachsen wäre, scheint Lacht-nicht-mehr auf eine seltsame Weise zu trösten und das ist im Augenblick alles, was zählt.

Schade, dass es nicht wenigstens so gekommen ist, meint sie.

Ich nicke. Sehr schade.

Er war so hübsch. Sie lächelt halb traurig, halb selig. Ein so hübsches Kind. Fandest du nicht auch?

Ich nicke, obwohl ich mir das Baby in Wirklichkeit gar nicht so genau angeschaut habe. Mein Mund hatte mehr Kontakt mit ihm als meine Blicke.

Lacht-nicht-mehr umarmt mich noch einmal kurz, dann meint sie: Das wollte ich dir nur sagen. Dass ich dir für alles danke. Auch dafür, dass du meine Hüterin warst.

Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Ich deute verlegen in Richtung der anderen, die geschäftig durcheinanderwuseln, und frage: Was geschieht jetzt?

Lacht-nicht-mehr zuckt mit den Schultern. Na, was immer geschieht in so einem Fall. Weißes-Auge ist tot, also müssen wir uns einigen, auf wen wir von nun an hören. Und dann müssen wir natürlich zurück, um Weißes-Auge beizusetzen.

Ich traue meinen Augen nicht. Zurück?

Ich denke schon. Wir wissen nicht, wo hier sonst eine Tiefe ist.

Und so kommt es auch. Zuerst versammelt sich der ganze Schwarm, um zu klären, wer an Weißes-Auges Stelle treten soll. Der nach ihr Älteste wäre Flinker-Flechter, aber der wehrt gleich ab und erklärt, er sei dafür nicht der Richtige. Alles, wovon er etwas verstehe, sei das Flechten von Netzen, und das wolle er den Rest seines Lebens tun und nichts anderes.

Ich verfolge das Geschehen aufmerksam. Offenbar hat Flinker-Flechter das Recht, das ihm angetragene Amt abzulehnen, aber in dem Fall scheint es seine Pflicht zu sein, jemand anders vorzuschlagen. Er schlägt Nur-ein-Fuß vor. Nur-ein-Fuß ist ein Mann, der dem Schwarm von Steifes-Knie angehört hat, und ich habe noch nicht viel mit ihm zu tun gehabt. Er hat so dünnes graues Haar, dass es aussieht, als hätte er gar keines. Soweit ich weiß, trägt er seinen Namen, seit er einen Teil seines rechten Fußes durch einen Haibiss verloren hat.

Was ihn nicht daran hindert, trotzdem wesentlich schneller zu schwimmen als ich.

Flinker-Flechters Vorschlag wird mit allgemeinem Nicken zur Kenntnis genommen und gleich darauf heben sich die ersten Hände, um Ja zu sagen. Nicht alle Hände, wie mir auffällt, aber offenbar doch genug, denn nach einer Weile gleitet Flinker-Flechter vor Nur-ein-Fuß hin und erklärt: Du bist es, auf den wir von nun an hören wollen.

Dann beugt er den Kopf und Nur-ein-Fuß legt seine Hand segnend auf ihn.

Das scheint die Geste zu sein, mit der er seine Wahl annimmt, denn nun macht sich der ganze Schwarm auf, dem Beispiel Flinker-Flechters zu folgen. Alle, alle schwimmen zu ihm und er segnet sie alle. Auch die Kinder.

Und schließlich auch mich, die ich mich als Letzte zu ihm begebe.

Es ist eine Ehre, dich in unserem Schwarm zu haben, Mittlerin, erklärt er, nachdem er die Hand von meinem Scheitel genommen hat. Wir werden weiterziehen zur Stadt der Luftmenschen, wie du es vorgeschlagen hast und wie Weißes-Auge es bestimmt hat. Doch zuvor müssen wir natürlich Weißes-Auge zur Tiefe zurückbringen, um sie beizusetzen.

Also doch. Ich atme tief durch und gebe zu bedenken: Das ist gefährlich. Es könnten wieder U-Boote kommen.

Etwas wie ein Schatten huscht über Nur-ein-Fuß’ Gesicht. Ich habe den Eindruck, es ärgert ihn, dass ich überhaupt einen Einwand habe. Das weiß ich, erwidert er mit entschiedenen Gebärden, Bewegungen, die keinen Widerspruch dulden. Aber so verlangen es die Regeln, die uns die Großen Eltern gegeben haben. Sie werden über uns wachen.

Da ich weiß, dass die Großen Eltern seit über hundert Jahren tot sind, glaube ich das nicht, aber das will er bestimmt nicht wissen. Und da es auch mir widerstreben würde, Weißes-Auge einfach hier liegen zu lassen, nicke ich fügsam. Es führt wohl kein Weg daran vorbei, zu dem Abgrund zurückzukehren, den wir gestern verlassen haben.

Wieder sind es Lange-Frau und Zwölf-Kiemen, die Weißes-Auge tragen, doch diesmal halten sie keinen lebenden Körper zwischen sich, der sich zumindest ihren Schwimmbewegungen anpasst, sondern einen Leichnam, der so starr ist wie ein Stück Treibholz. So brauchen wir den Rest des Tages, um zur Tiefe zurückzukehren. Im letzten Licht übergeben wir Weißes-Auge dem Abgrund, nachdem Nur-ein-Fuß die entsprechenden Gebete verrichtet hat, überaus inbrünstig, wie mir scheint. Nur-ein-Fuß ist jemand, für den die ewige Gegenwart der Großen Eltern eine Tatsache ist, nicht nur eine fromme Legende.

Anschließend lagern wir wieder am Rand des Abgrunds, an derselben Stelle, an der am Tag zuvor Lacht-nicht-mehr ihr Kind zur Welt gebracht hat. Die anderen Schwangeren murren, so etwas zu tun brächte Unglück, aber es ist schon zu dunkel, um noch nach einem anderen Lager zu suchen, also fügen sie sich. Auch ich lege mich mit einem Gefühl nahenden Unheils zur Ruhe und ich schlafe schlecht in dieser Nacht, träume von Sechs-Finger, wie er auf seinem Wal reitend vor Torpedos flieht.

Doch es scheint, als wachten die Großen Eltern tatsächlich über uns, denn wir erwachen am nächsten Morgen in aller Ruhe und es sind auch noch alle am Leben. Die Jäger sind früh losgezogen und kehren mit zwei gewaltigen Fischen zurück, an denen wir uns satt essen, ehe wir den langen Weg nach Sydney von vorne beginnen.