Wir schwimmen, ein Zug von müden, erschöpften Wesen. Wir lagern, oft an Plätzen, die wir vor Kurzem nicht im Traum in Erwägung gezogen hätten. Wir essen, was wir finden, aber wir finden immer weniger. Und wir schlafen, so gut es geht. Aber es geht oft nicht gut – immer wieder hören wir nachts ferne Motorengeräusche, die U-Boote sein könnten oder auch ganz normale Schiffe, nach Sydney unterwegs oder von dort kommend, wir wissen es nicht. Manchmal hören wir auch sehr, sehr fernen Donner, zu weit entfernt, um uns gefährlich zu sein, aber doch nahe genug, dass wir uns Sorgen machen.
So vergehen die Tage und irgendwann höre ich auf, sie zu zählen. Stattdessen steige ich immer öfter zur Oberfläche auf und vergewissere mich, dass wir noch auf dem richtigen Kurs sind und uns Sydney tatsächlich nähern.
Das tun wir, wenn auch geradezu schmerzhaft langsam. Ich kann die Skyline am Horizont ausmachen, die Hochhäuser, die die Innenstadt aus der Ferne aussehen lassen wie einen gigantischen Ameisenhaufen aus Glas. Ich sehe landende und startende Flugzeuge, und einmal, als ich spätabends noch auftauche und es schon fast Nacht ist, sehe ich den glühenden Widerschein der Stadt in den Wolken und den Lichtdom an der Stelle, wo vor den Bürgeraufständen das berühmte Opernhaus gestanden hat.
Dann treffen wir auf die erste Rohrleitung, eine alte Pipeline aus grauem, massivem Metall, über und über von Muscheln bewachsen. Die anderen staunen: So viel Metall!
Das ist noch gar nichts, erkläre ich, aber sie glauben mir nicht. Metall, das ist in ihren Augen ein wundersamer Stoff, die größte Kostbarkeit, die sie kennen.
Doch je näher wir dem Hafengebiet kommen, desto mehr Pipelines, Unterseekabel und klobige Aggregate kreuzen unseren Weg: Messstationen, Warnanlagen, Transformatoren und was weiß ich alles. An manchen Stellen sieht der Meeresboden aus wie eine Fabrikanlage, die nur zufällig unter Wasser steht.
Und dann sind wir da.
Die Hafeneinfahrt von Sydney wird von zwei Landzungen begrenzt, einer im Norden und einer im Süden. Ich habe mich für die südliche Landzunge als Zielpunkt entschieden, weil ich auf deren Spitze ein Hotel entdeckt habe, eine große, teuer aussehende Anlage hoch über einer steil abfallenden Küstenlinie: Hier, so meine Überlegung, werden unsere Verfolger nicht wagen, Bomben auf uns zu werfen. Wenn wir unterhalb dieses Hotels lagern, werden wir in Sicherheit sein.
Doch als wir ankommen, muss ich feststellen, dass ich mich getäuscht habe, was das Nahrungsangebot anbelangt. Als ich den anderen davon erzählt habe, stand mir der Hafen von Seahaven vor Augen, in dem es von Fischen wimmelt und die Algen so prächtig gedeihen, dass alle drei Monate ein spezielles Algen-Ernte-Schiff einen Tag lang zu tun hat, sie zu dezimieren.
Hier dagegen, rund um den Hafen von Sydney, ist alles kahl. Die Kabelbündel und Pipelines, die aus der Einfahrt kommen und sich in alle Richtungen verteilen, sehen aus wie dicke Würmer, doch das ist das Einzige, was an tierisches Leben denken lässt. Es gibt keine Fische, keine Algen. Der Boden ist nackt, nur Lehm und Stein. Nicht einmal Höhlen gibt es, in denen man Schutz fände, allenfalls steile Klippen, die einem zumindest den Rücken decken können. Und das Wasser ist trübe und schmeckt, als wäre ihm Seife und Zement beigemischt.
Hier können wir nicht bleiben, stellt Nur-ein-Fuß mit so angesäuerter Miene fest, als sei das alles meine Schuld.
Ich verstehe das nicht, erwidere ich. Dort, wo ich herkomme, sieht der Hafen völlig anders aus.
Das hilft uns aber nichts, meint er, und obwohl er recht hat, ärgert mich die Missbilligung, die ich in seinen Gebärden spüre.
Gebt mir einen Tag, verlange ich. Ich gehe an Land und schaue, was ich erreichen kann.
Er hebt die dünnen Augenbrauen. Und was, wenn ich fragen darf?
Vielleicht, dass die Verfolgung aufhört, entgegne ich. Das Töten.
Seine Hände zögern. Wie willst du das bewirken? Was willst du tun, wenn du an Land bist? Ich habe den Eindruck, dass ihn bei dem Gedanken gruselt, das Wasser zu verlassen und sich an Land zu begeben.
Ich gehe hinauf und – Ich halte inne. Wie soll ich ihm erklären, was ich vorhabe? Ich weiß es doch selber nicht genau. Ich weiß nur, dass ich Frau Brenshaw anrufen muss. Alles Weitere wird sich daraus ergeben.
Oder auch nicht.
Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, behaupte ich schließlich. Gebt mir einfach einen Tag.
Nur-ein-Fuß’ Miene wird undurchdringlich. Das können wir nicht. Wir können dir keinen Tag geben. Er weist auf den kahlen Felsboden, der uns umgibt. Hier können wir unmöglich lagern.
Dann wenigstens bis heute Abend, bitte ich.
Auch so lange können wir nicht warten. Wir können nicht erst ein Lager suchen, wenn es schon dunkel ist. Er schüttelt den Kopf. Ich glaube, du täuschst dich, Mittlerin. Die Luftmenschen werden uns nicht helfen. Es muss ja einen Grund haben, dass der Große Vater uns ermahnt hat, uns vor ihnen zu verbergen.
Es gibt sehr wohl Luftmenschen, die seit langer Zeit von eurer Existenz wissen und euch helfen, erwidere ich heftiger, als wahrscheinlich gut ist. Sie haben den Wassermenschen immer wieder Medizin gegeben, Messer –
Mir haben sie noch kein Messer gegeben, unterbricht mich Nur-ein-Fuß.
Ich atme tief durch, bemühe mich, Ruhe zu bewahren. Viel hilft es nicht, meine Kiemen flattern geradezu.
Ich gehe jetzt auf jeden Fall an Land, erkläre ich schließlich. Und es wird auf jeden Fall eine Weile dauern, ehe ich zurückkomme. Wenn ihr dann nicht mehr da seid, werde ich euch nicht mehr helfen können, egal, was ich bis dahin erreicht habe. Ich halte inne. Ich will nicht, dass es wie Erpressung aussieht. Ich will nur erklären, was Sache ist – zumindest, soweit ich es selber weiß.
Nur-ein-Fuß sieht mich grübelnd an. Er ist dagegen, das ist unübersehbar. Wahrscheinlich ist es nur der Respekt vor Weißes-Auge, der ihn daran hindert, sofort den Befehl zum Aufbruch zu geben.
Schließlich nickt er missmutig. Nun gut. Dann tu, was du für richtig hältst. Wir werden tun, was wir für richtig halten, und alles Weitere liegt in den Händen der Großen Eltern.
Ich kann es nicht mehr hören.
Aber ich nicke nur und erkläre: Gut. Machen wir es so.
Für alle Fälle verabschiede ich mich noch von allen, die mir nahe sind.
Wir warten auf dich, verspricht mir Schwimmt-schnell.
Lacht-nicht-mehr umarmt und küsst mich und meint: Am liebsten würde ich mitkommen.
Ihre Gebärden wirken, als denke sie, dass sie an Land ihr Baby sehen würde.
Und Strich-am-Bauch wünscht mir, unbekümmert wie immer: Viel Glück. Und viel Spaß!
Dann weite ich meinen Brustkorb, fülle ihn mit Luft, die ich aus dem Wasser ziehe, und gewinne so Auftrieb, der mich rasch emporsteigen lässt.
Viel Spaß? Über mir liegt Sydney. Eine freie Zone. Die Umgebung, die mich erwartet, wird mir wahrscheinlich genauso fremd sein, wie sie es den Submarines wäre.