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Ich tauche auf, blase das Wasser aus meinen Lungen, als mein Kopf die Oberfläche durchstößt, und atme wieder Luft. Sie riecht nach Meer, natürlich, doch außerdem rieche ich Küchendünste, den Duft von Gebratenem, der von der Hotelanlage herüberweht.

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich merke, wie hungrig ich bin – und wie unglaublichen Appetit ich habe auf etwas, das nicht roh ist! Es kommt mir vor wie Verrat, so zu empfinden, aber was soll ich machen? Mein Magen knurrt, wie er will.

Wasser tretend schaue ich mich um. Ich habe das alles bisher nur aus der Ferne gesehen. Das Hotel ist ein strahlend weißer Komplex mit Hunderten von Balkons zur Seeseite, auf jedem Balkon steht ein knallroter, kreisrunder Sonnenschirm. Das Hotel ist tatsächlich das letzte Gebäude auf der Landzunge, deren äußerste Spitze unter einer undurchdringlichen Grünanlage verborgen liegt: Bäume, Palmen – und Gebüsch, das bis an die Wasserlinie heranreicht.

Mit anderen Worten: der ideale Punkt, um ungesehen an Land zu gehen.

Was ich auch tue. Ich schwimme gemächlich auf die Büsche zu, deren unterste Teile vom Salzwasser angefressen sind, in das sie mit jeder Flut eintauchen. Aber es gibt ein paar Stellen, an denen das Geäst trotzdem dicht genug ist, und an einer davon hieve ich mich aus dem Wasser.

Wieder einmal muss ich mich erst daran gewöhnen, ein Gewicht zu haben. Ich suche auf zittrigen Beinen einen Sitzplatz, einen umgefallenen Baumstamm. Niemand ist zu hören, zu sehen natürlich erst recht nicht. Rings um mich sind Büsche, an denen unscheinbare gelbe Blüten blühen. Efeu wuchert überall und versucht, schwächlichere Bäume zu erwürgen. Auf dem Boden verfaulen Früchte, die ich nicht identifizieren kann.

Das muss hier einer dieser Mini-Dschungel sein, von denen ich gelesen habe. Das Prinzip ist einfach: Man nimmt ein Stück Land, pflanzt ein paar Bäume und Büsche und überlässt das Ganze anschließend sich selbst, jahre- und jahrzehntelang. Je länger so ein Mini-Dschungel sich selbst überlassen bleibt, desto undurchdringlicher wird er – und desto wertvoller.

Der hier sieht ziemlich wertvoll aus.

Umso besser. So kann ich damit rechnen, ungestört zu bleiben.

Ich schnalle meinen Rucksack ab, hole die Tafel heraus und schalte sie ein. Vielleicht, überlege ich, während sie sich gemächlich aktiviert, geht jetzt ja alles ganz schnell: Ich informiere Frau Brenshaw und sie und die Gipiui Chingu kümmern sich um alles Weitere.

Die Tafel wird hell. Und zeigt eine Nachricht an, die ich noch nie im Leben gesehen habe: Interferenzzone. Bitte wechseln Sie Ihren Standort. Begeben Sie sich mindestens 200 Meter in die angezeigte Richtung, steht da, zusammen mit einem Pfeil, der in Richtung Stadt weist. Über dem Netzsymbol ist ein Blitz eingeblendet, das Zeichen für Störung.

Ich schüttle die Tafel, aber das ändert natürlich überhaupt nichts. Was hat das zu bedeuten? Akzeptiert das Netz von Sydney meine Tafel nicht? Das kann nicht sein; das Netz funktioniert überall auf der Welt genau gleich. Jede Tafel muss überall benutzbar sein, das ist Vorschrift.

Dann fällt mir ein, dass ich mich ja im Hafengebiet befinde. Vermutlich steht ein starker Sender in der Nähe der Ausfahrt, der diese störenden Effekte verursacht. Und hier in dem Mini-Dschungel hat das vielleicht vor mir noch nie jemand bemerkt.

Um aber die geforderten zweihundert Meter in die angegebene Richtung zu gehen, muss ich den Mini-Dschungel verlassen.

Und davor habe ich Bammel.

Sydney ist eine freie Zone. Eine freie Zone, das ist in gewisser Weise auch ein Dschungel – nur in Groß.

Als ich noch klein war, haben Tante Mildred und ich eine Weile in Melbourne gelebt. Das ist ebenfalls eine freie Zone und meine Erinnerungen an diese Zeit sind alle überschattet von einem Gefühl der Bedrohung. Ich sehe noch all die Maschinen und Roboter vor mir, die Lastdrohnen, die hoch über der Straße dahinziehen, die vielen Bettler und Verrückten an jeder Ecke. Die riesigen, gepanzerten Polizeifahrzeuge mit ihren lauten Sirenen. Die wild bemalten Wände überall, die Werbetafeln, entweder schier unerträglich flimmernd oder zertrümmert und dunkel. Das ständige Geschrei in dem Haus, in dem wir gewohnt haben, und wie sich niemand an die Benutzungszeiten für die Wasch- und Trockenmaschinen im Keller gehalten hat. Das winzige, stickige Zimmer, in dem wir gehaust haben. Die über uns hielten Hühner in Käfigen vor dem Fenster und natürlich fiel der ganze Hühnerkot bei uns aufs Fensterbrett. Gegenüber konnte man einem Mann ins Zimmer schauen, der immer im Unterhemd herumsaß und rauchte, und seine Fernsehwand lief ununterbrochen, Tag und Nacht, als würde er nie schlafen.

Das Beste ist noch der Schulbus gewesen. Er war groß, modern, hatte eine Klimaanlage und fuhr von selber; nur eine Lehrerin war an Bord. Der Bus brachte einen nicht in die Schule, er war die Schule. Man stieg ein – bei uns kam er jeden Tag um 37 an, das war meine Zeit, daran erinnere ich mich noch –, bekam eine Tafel in die Hand gedrückt und dann wurde gelernt, während der Bus weiter durch die Stadt fuhr, durch Häuserschluchten oder an reichen Villen vorbei, durch Industriegebiete oder Bauland. Immer wieder stiegen Kinder ein oder aus und entsprechend änderten sich jeweils die Gruppen, in denen wir lernten.

Ich tauche aus meinen Erinnerungen auf, schaue wieder auf die Anzeige. Interferenzzone. Bitte wechseln Sie Ihren Standort. Begeben Sie sich mindestens 200 Meter in die angezeigte Richtung. Na gut. Ich habe Bammel, aber davon werde ich mich nicht aufhalten lassen.

Ich hole das Kleid aus meinem Rucksack, das ich, eng zusammengefaltet, für alle Fälle mitgenommen habe. Es ist aus Para-Synth, das heißt, ich brauche es nur einmal kräftig auszuschütteln und schon ist es trocken und faltenfrei.

Ich ziehe auch die Bikinihose wieder an, denn der Lendenschurz in den Farben der Graureiter trieft vor Nässe. Ich hänge ihn über einen Ast, wo er auf meine Rückkehr warten muss.

Dann streife ich das Kleid über und mache mich daran, mir einen Weg durch das Gestrüpp ins Freie zu bahnen.

Einen Vorteil hat es immerhin, dass ich in eine freie Zone gehe: Ein Mädchen in einem hauchdünnen Kleid, barfuß und mit nassen Haaren voller Perlen und Muscheln, wird hier nicht weiter auffallen.

Es ist gar nicht so einfach, aus dem Mini-Dschungel zu entkommen. Ich bleibe immer wieder mit dem Kleid an irgendwelchen Ästen hängen – ein Glück, dass ParaSynth ein so widerstandsfähiger Stoff ist! Und immer wieder fahren mir dornenbesetzte Zweige über die Arme und hinterlassen Kratzer, die ich allerdings kaum spüre. Meine Haut ist immer noch wie aufgequollen, gut gepolstert – Fischhaut eben. Daran wird sich während diesem kurzen Ausflug an Land wohl auch nichts ändern.

Endlich lichtet sich das Dickicht. Die Umrisse des Hotelkomplexes schimmern durch die Bäume und Büsche, als ich vor einem hohen Zaun ankomme. Ratlos betrachte ich die von uralten, verholzten Ranken und wildem Grün überwucherten Streben. Kann ich über das Ding drüberklettern? Ich raffe mein Kleid, packe eine der waagrechten Streben, stelle den Fuß auf eine andere – da zerbröselt das Ganze, zerfällt in zahllose, scharfkantige Splitter irgendeines seltsamen Plastikmaterials!

Umso besser. Ich entferne so viel von dem Zaun, wie nötig ist, dass ich mich hindurchquetschen kann. Dann muss ich mich bloß noch zwischen ein paar akkurat gepflanzten Büschen hindurchzwängen und stehe im Freien, auf einem sanft geschwungenen Fußweg, der das Hotel umrundet.

Und es riecht schon wieder nach Gebratenem. Hach!

Hat mich jemand gesehen? In einiger Entfernung, an der dem Ozean zugewandten Seite, sehe ich eine dicke Frau, die einen Pinguin an der Leine spazieren führt. Sie hat den Kopf schräg gelegt und scheint mit jemandem zu reden, vermutlich über das Kommunikationsimplantat, das hinter ihrem Ohr schimmert. Es sieht nicht so aus, als habe sie mich bemerkt.

Natürlich kann es sein, dass mich irgendwelche Überwachungssysteme beobachten. Solche Systeme können so winzig sein, dass ich sie nicht sehen würde.

Andererseits: Na wenn schon?

Ich folge dem Weg auf die landeinwärts gerichtete Seite des Hotels. Hier verbreitert er sich zu einer weitläufigen Promenade, von der aus man einen atemberaubenden Blick über den gesamten Hafen hat, den Ocean Dome, die Skyline von Sydney und so weiter. Vor einer Café-Terrasse mit lauter weißen Tischen und roten Sonnenschirmen, die offenbar zum Hotel gehört und auf der gerade so gut wie nichts los ist, stehen Sitzbänke aus weißem Plastik, alle zum Hafen hin ausgerichtet. Ich setze mich auf die äußerste davon und frage mich, wozu die vielen Löcher in dem ebenfalls weißen Bodenbelag wohl gut sein sollen. Vielleicht, mutmaße ich, sind sie dazu da, das Wasser abfließen zu lassen, falls die Promenade aus irgendeinem Grund überflutet wird.

Wie auch immer, hier sollte ich jedenfalls mehr als 200 Meter von dem Punkt vorhin entfernt sein. Ich hole die Tafel wieder aus dem Rucksack, schalte sie gespannt ein und … bin im Netz. Endlich.

Sofort rufe ich Frau Brenshaw an. Die Verbindung wird hergestellt, doch der Schirm bleibt dunkel. Ich höre nur ihre Stimme, wie sie fragt: »Ja?«

»Hallo«, sage ich und muss mich räuspern, weil ich aus der Übung bin, was das Sprechen anbelangt. »Hier ist Saha. Saha Leeds.«

»Saha!«, ruft sie erfreut aus. »Warte. Ich bin gerade mit dem Auto unterwegs. Einen Moment bitte …«

Das Knirschen von Rädern ist zu hören, dann erstirbt das leise Summen des Elektromotors, das per Telefon irgendwie immer lauter zu hören ist, als wenn man selber im Auto sitzt. Der Bildschirm wird hell, das Gesicht von Frau Brenshaw erscheint. Wie viele Frauen, die ein asiatisches Elternteil haben, wirkt auch sie viel jünger, als sie ist. Ihre Haut sieht aus wie feines Porzellan.

»Saha«, sagt sie noch einmal. »Schön, dass du dich meldest. Von deiner Tante weiß ich, dass du sie angerufen hast, aber das ist nun auch schon wieder lange her. Dass die Schule längst wieder angefangen hat, weißt du, nehme ich an?«

»Ja«, sage ich. »Aber das ist gerade mein kleinstes Problem. Hören Sie, ich brauche Ihre Hilfe.«

Ihre fein gezeichneten Augenbrauen heben sich wachsam. »Was ist los?«

»Jemand macht Jagd auf alle Submarines entlang der Ostküste.«

Und dann erzähle ich. Von der Zerstörung der Forschungsstation, von den Angriffen mit U-Booten, Unterwasserbomben und Giftgranaten. Von den Submarines, die mit mir nach Sydney gekommen sind und jetzt nicht wissen, wohin sie noch gehen können.

»Das ist schrecklich«, sagte Frau Brenshaw ernst, als ich fertig bin. »Von der Sache mit der Station weiß ich natürlich, es war ja eine der Stationen, die Thawte Industries gehören. Aber man hat uns nur gesagt, dass die Untersuchungen über die Unglücksursache noch laufen.«

Seit James Thawte im Gefängnis sitzt und auf seinen Prozess wartet, führt Herr Brenshaw kommissarisch dessen Unternehmen; es ist also nicht weiter erstaunlich, dass sie darüber Bescheid weiß. Erstaunlich ist eher, dass sie nicht mehr darüber weiß.

»Diese Untersuchungen – wer führt die durch?«, frage ich.

Sie zuckt mit den Schultern. »Nun, die Seepolizei natürlich.«

»Und die haben nicht mitgekriegt, dass da draußen praktisch Krieg geführt wird?« Ich merke, wie ich wütend werde.

Frau Brenshaw seufzt. »Wir wissen nicht, inwieweit die Seepolizei unterwandert ist. Alles, was ich mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass Thawte Industries nicht an diesen Attacken beteiligt ist. Aber es gibt ja leider andere Konzerne, die unter Wasser aktiv sind und sich insgeheim an der Jägerorganisation beteiligen. Dass gerade irgendetwas vor sich geht, merken wir schon eine Weile, wir hatten nur keine Ahnung, was. Es waren plötzlich Leute nicht mehr zu erreichen, wichtige Treffen wurden abgesagt, Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und so weiter …«

»Können Sie bewirken, dass die Angriffe aufhören?«, frage ich ungeduldig.

»Ich werde tun, was ich kann«, sagt sie, doch so, wie sie es sagt, klingt es nach nicht viel. »Auf jeden Fall rufe ich gleich meinen Mann an. Leider ist das alles nicht so einfach. Die Maßnahmen an sich sind ja nicht verboten; wenn zum Beispiel Arbeiter in den unterseeischen Minen von Haien attackiert werden, geht man genauso vor.«

»Wir reden hier aber nicht von Haien«, erwidere ich. »Wir reden von Menschen. Von Wassermenschen.«

»Saha, ja, das weiß ich doch«, sagt sie, offenbar ganz erschrocken über meine Heftigkeit. Sie lächelt. »Wassermenschen. Was für ein schönes Wort!«

Allmählich verliere ich wirklich die Geduld. »Frau Brenshaw, ich bin mit einem Schwarm dieser Wassermenschen vor Sydney und wir wissen nicht, wohin. Draußen im offenen Meer laufen wir Gefahr, von den Jägern angegriffen zu werden. Im Hafengebiet finden wir keinen Unterschlupf und vor allem keine Nahrung – das Hafenbecken hier ist geradezu klinisch sauber; ich habe noch keinen einzigen Fisch im Wasser gesehen!«

Sie nickt. »Ja. Sydney hatte diese Algenpest, vor zehn Jahren oder so … nein, es muss schon fünfzehn Jahre her sein … egal, jedenfalls sind mehrere Leute an den giftigen Ausdünstungen gestorben und seither halten sie das Hafenbecken rigoros algenfrei. Damit finden Fische dort auch nichts zu fressen.«

»Ja, das mag alles sein, Frau Brenshaw, aber das interessiert mich ehrlich gesagt gerade nicht«, sage ich patzig. Am liebsten würde ich sie durch die Tafel hindurch packen und schütteln. »Alles, was mich interessiert, ist, wie ich den Leuten helfen kann. Das habe ich ihnen nämlich versprochen: dass ich ihnen helfe. Und als ich ihnen das versprochen habe, habe ich darauf gebaut, dass Sie mir helfen, Sie und die Gipiui Chingu!«

Endlich scheine ich den Knopf getroffen zu haben, der bei ihr den Plaudermodus beendet. »Ja, ja, natürlich«, versichert sie mir emsig. »Da organisiere ich was. Ich fahre gleich nach Hause, führe Telefonate mit ein paar Leuten und dann rufe ich dich wieder an. In spätestens einer Stunde. Können wir das so machen?«

»Ja, gut«, sage ich. Was bleibt mir auch anderes übrig? Eine Stunde, so lange halte ich es hier schon noch aus.

Sie beendet das Gespräch. Ich lege die Tafel neben mich in die Sonne; es kann nicht schaden, wenn sie noch ein bisschen Energie tankt.

In diesem Moment taucht eine Frau neben mir auf und steckt einen langen, dicken Stab in eines der Löcher, über deren Sinn und Zweck ich mir vorhin den Kopf zerbrochen habe. Der Stab entfaltet sich unter leisem Knistern zu einem ausladenden roten Sonnenschirm und einem Tisch, der halbmondförmig an dem Stab hängt. Die Frau zückt ihre Tafel und fragt Kaugummi kauend: »Was darf’s sein?«