36

Ich starre sie an, völlig entgeistert über ihr unvermitteltes Auftauchen, und kapiere einen Moment lang überhaupt nicht, was los ist.

»Die Bänke hier draußen gehören auch zum Café«, erklärt die Frau mit einer unwirschen, kreisenden Handbewegung. Sie ist jung, nur wenig älter als ich. Sie hat eine lustige Stupsnase, ungewöhnlich große Sommersprossen und kurz geschorenes, braun-blond geschecktes Haar. »Die ganze Promenade. Das ist alles Hotelgebiet.« Es klingt so gelangweilt, als habe sie das schon Hunderte Male erklären müssen.

»Ah«, mache ich. Mit anderen Worten: Ich werde etwas bestellen müssen, wenn ich hier sitzen bleiben will. Und das will ich. Hier funktioniert meine Tafel und ich will nicht riskieren, wieder in so einer »Interferenzzone« zu sein, wenn Frau Brenshaw zurückruft.

»Also?«, hakt sie nach, die Tafel erhoben.

Irgendetwas bewegt sich hinter ihr, etwas Längliches, Dunkles, Elegantes und auf einmal erkenne ich, was das ist: ein Schwanz! Ein Gibbonschwanz, würde ich sagen.

Mit anderen Worten: Die Frau ist gentechnisch verändert.

Wie ich. Nur anders. Irgendwie ruft diese Feststellung bei mir spontan Sympathie für sie hervor.

Und seltsam, im selben Moment lächelt sie zum ersten Mal und fragt: »Zum ersten Mal in Sydney?«

»Ja«, gebe ich zu. Und dann habe ich eine Idee, eine geradezu unwiderstehliche Idee, die aus tiefsten Tiefen in mir auftaucht. »Haben Sie Mangobrause?«

»Klar«, sagt sie.

»Dann hätte ich gern eine.« Der bloße Gedanke daran lässt mich erzittern.

»Eine Mangobrause.« Sie tippt es auf ihrer Tafel ein. »Sonst noch was? Was zu essen?«

Ich zögere. Hunger hätte ich schon. »Da muss ich erst überlegen.«

»Alles klar«, sagt sie. »Erst mal eine Mangobrause. Kommt gleich.«

Damit geht sie wieder. Ich schaue ihr nach. Sie geht mit lebhaften, leichtfüßigen Schritten und ihr Schwanz wippt bei jeder Bewegung lustig hin und her, wie um ihr zu helfen, das Gleichgewicht zu halten.

Trotzdem frage ich mich, was sich ihre Eltern dabei gedacht haben.

Erneut weht dieser Duft nach Gebratenem an mir vorbei und bringt meinen Magen zum Knurren. Ich nehme die Tafel zur Hand und rufe die lokalen Dokumente auf, die Dokumente also, die nur abrufbar sind, wenn man sich an einem bestimmten Ort aufhält. Wenn es hier so funktioniert wie zu Hause, dann sollte …

Tut es. Da ist die Speisekarte. Schon mal beruhigend, dass hier manches doch so funktioniert, wie ich es kenne.

Ich blättere. Die Bilder sind äußerst verlockend. Es gibt alles, was das Herz begehrt, von Hamburgern über chinesische und thailändische Küche bis hin zu arabischen und französischen Spezialitäten. Sogar frittierte Heuschrecken werden angeboten: Wer das wohl mag?

Die Preise allerdings sehen weniger verlockend aus. Ein simpler Hamburger mit Pommes frites kostet 3.300 Sydney-Dollar! Wobei ich keine Ahnung habe, wie viel das ist.

Ich suche nach einer Funktion, um die Preise in Kronen umzurechnen; offenbar passiert das bei lokalen Dokumenten nicht automatisch. Aber ehe ich sie finde – da ich die letzten sechs Jahre nur in Seahaven war, habe ich das noch nie gebraucht –, sehe ich meine Mangobrause schon kommen.

Gut, dann werde ich darauf verzichten, etwas zu essen. Erstens aus Solidarität mit den anderen, die unten auf mich warten und auch Hunger haben, und zweitens, weil mir Frau Brenshaw vor dem Aufbruch zu meinem Abenteuer zwar Reisegeld überwiesen hat, ich aber nicht weiß, wie weit das in einer Zone wie Sydney reicht. Und vielleicht brauche ich das Geld noch, um auf eigene Faust irgendwo Lebensmittel für meinen Schwarm zu kaufen.

Die Kellnerin trägt in einer Hand das Tablett mit der Mangobrause, perlend und intensiv orangefarben, in der anderen Hand ihre Tafel. Ihr Greifschwanz umklammert ein blaugrünes Tuch und wischt damit einmal kurz über das Tischchen, ehe sie das Glas darauf abstellt.

»Hier draußen muss ich gleich kassieren«, sagt sie. »Das macht neunhundert Dollar.«

Jetzt bin ich gespannt. Ich halte ihr meine Tafel hin, sie tippt mit ihrer dagegen – und dann sehe ich es: Umgerechnet sind das etwas über vier Kronen.

Heftig. Dafür kriegt man in Seahaven mindestens zehn Flaschen. Ergeben tippe ich auf O.K., um die Zahlung zu bestätigen.

»Und?«, fragt sie. »Was zu essen?«

»Nein, doch nicht«, erwidere ich mit verlegenem Lächeln.

»Kein Problem«, meint sie. »Noch viel Spaß in Sydney.« Damit huscht sie wieder davon.

Spaß? Aller Voraussicht nach wird dieses Glas Mangobrause alles an Spaß bleiben, was in Sydney auf mich wartet. Ich lege die Tafel wieder in die Sonne, greife nach dem kühlen, feucht beschlagenen Glas und genieße den ersten Schluck. Herrlich!

Ich lehne mich zurück. Das also ist Sydney. Die Skyline kennt man natürlich von Bildern, aber hier zu sitzen und sie tatsächlich vor sich zu sehen, ist doch noch mal was anderes. Ein Hochhaus sieht verrückter aus als das andere: Eines steht so schräg, dass man denkt, es müsste jeden Moment umfallen und die Nachbarschaft unter sich begraben, ein anderes hat ein riesiges Loch, sodass es aussieht wie ein großes O, ein anderes ist tausendfach facettiert wie ein gigantischer geschliffener Diamant, und so weiter, und so weiter. Etliche Gebäude sind durch Brücken verbunden, von denen manche in mindestens hundert Metern Höhe verlaufen müssen.

Viele Hubschrauber sind unterwegs, fällt mir auf. Und Drohnen natürlich – aus der Ferne sehen die aus wie ein Insektenschwarm, der über der Stadt schwebt. Überhaupt gibt es jede Menge Bewegung, fahrende Autos, flimmernde Leuchtreklamen, Swisher, Fußgänger … Erstaunlich, dass es hier, wo ich sitze, so ruhig ist!

Fast ein bisschen zu ruhig für meinen Geschmack. Ich ziehe die Tafel wieder zu mir her, kontrolliere das Netzsymbol. Alles, wie es sein muss. Und von der angekündigten Stunde sind erst ein paar Minuten vergangen. Ich werde mich weiter gedulden müssen.

Die Zeit schleicht dahin. Ich könnte Pigrit anrufen, fällt mir ein. Die Gespräche mit ihm habe ich vermisst. Vielleicht hat er ja gerade Zeit.

Falls er nicht in der Schule ist. Blöd, dass ich den neuen Stundenplan nicht kenne. Ich versuche, ihn aufzurufen, aber es geht nicht. Logisch: Ich bin noch nicht für das neue Schuljahr zurückgemeldet, also habe ich auch keinen Zugriff auf die Schulunterlagen.

Andererseits ist es Freitagnachmittag. Nachmittags sind die AGs und die ändern sich eigentlich selten. Ich probier’s einfach.

Es klingelt keine zwei Mal, ehe sein Gesicht auf meiner Tafel auftaucht. »Hi, Saha«, stöhnt er. »Großartig, dass du anrufst. Endlich kann ich mal mit einem vernünftigen Menschen reden!«

Ich schaue ihn verdutzt an. Er wirkt richtiggehend abgekämpft. »Was ist los?«, will ich wissen.

Er verdreht die Augen, was bei ihm immer besonders eindrucksvoll aussieht. »Ich sag nur: Eltern!«

»Eltern?«

»Ich hab versucht, meinen Vater davon abzubringen. Er hat, bevor wir nach Sydney gefahren sind, auch zugegeben, dass es eine ganz schlechte Idee wäre, sich mit meiner Mutter zu treffen. Aber als wir da waren, haben sie sich halt doch getroffen. Ungefähr drei Minuten lang war es auch richtig nett. Dann haben sie angefangen zu streiten und seither geht das hin und her; dauernd hängen sie am Telefon, versöhnen sich, verkrachen sich, versöhnen sich … Ich werd langsam wahnsinnig!«

Ich merke, dass mein Unterkiefer runterklappen will. »Du bist in Sydney?«

»Ja, klar«, meint Pigrit. »Heute Abend beginnt doch die große Seerechtskonferenz. Eigentlich sollte Dad an seinem Vortrag arbeiten, anstatt sich mit meiner Mutter zu streiten.«

Ich muss blinzeln. »Das ist ja witzig. Ich bin auch gerade in Sydney.«

»Ehrlich? Holla. Was hast du vor? Willst du einmal rund um Australien schwimmen?«

Ich schüttle den Kopf. »Leider ist der Grund viel ernster.«

»Erzähl«, sagt er.

Also erzähle ich ihm alles. In Kurzform, aber so viel, wie passiert ist, dauert es trotzdem lange.

»Übel«, sagt er, als ich fertig bin.

Ich nicke seufzend. »Ich glaube nicht, dass die von selber wieder aufhören. Man hat das Gefühl, als hätten sie nur auf einen Anlass gewartet, um die Submarines auszurotten.«

»Echt übel.«

»Ich dachte, vielleicht kann dein Vater was erreichen.« Professor Bonner ist eine eindrucksvolle Gestalt, und wenn es jemanden gibt, auf den die Beschreibung »wortgewaltig« zutrifft, dann auf ihn. Es wird mir unvergesslich bleiben, wie vehement er mich in Seahaven vor dem Rat verteidigt hat. »Ich meine, er ist berühmt und so, die Leute hören auf ihn …«

Pigrit verzieht das Gesicht. »Schon, bloß ist das nicht so einfach. Du hast noch nie erlebt, was für einen Hickhack sich Akademiker liefern. Für jedes Wort, das mein Vater sagt, finden sich drei, die das Gegenteil behaupten, und dann wird so lange um ein Komma oder so gestritten, bis niemand mehr weiß, worum es eigentlich gegangen ist.« Er winkt ab. »Aber ich rede mit ihm, klar. Sobald er mal wieder einen ruhigen Moment hat.«

»Ist es so dramatisch?«

»Du machst dir kein Bild«, meint Pigrit mit einer Inbrunst, die fast komisch wirkt. Er überlegt. »Man müsste eine Möglichkeit finden, alle Konzerne unter Druck zu setzen, die sich an dieser Aktion beteiligen. Womöglich ist die Seerechtskonferenz gar keine so schlechte Gelegenheit. Weil, Seerecht – das umfasst ja auch Themen wie Nutzung des Festlandsockels, Schürfrechte in der Tiefsee, Umweltauflagen für Minen und Methankraftwerke und so weiter. Wenn sich das Seerecht ändert, betrifft es diese Konzerne direkt. Vielleicht hat mein Vater eine Idee, was für einen Deal man denen anbieten könnte.«

Plötzlich höre ich hinter Pigrit eine laute, zornige, tiefe Stimme: die seines Vaters, der heftig mit jemandem streitet.

»Da«, sagt Pigrit ergeben. »Es geht schon wieder los. Meinst du, wir könnten uns vielleicht doch irgendwo treffen?«

Ich schüttle bedauernd den Kopf. »Ich würde schrecklich gerne, aber wie gesagt, ich –«

»Ja, sicher. Schon klar.«

»Ist denn Susanna nicht mitgekommen?«

»Sie wollte, aber dann ging es doch nicht. Dabei hätte sie von der Schule sogar frei gekriegt, man höre und staune. Aber ihre Mutter hat sich das Bein gebrochen und jetzt muss Susanna in der Apotheke aushelfen, weil sie ausgerechnet an diesem Wochenende Notdienst haben.« Er winkt ab. »Egal. Geh ich halt nachher allein raus. Zu den Verrückten.«

»Was für Verrückten?«

Er schaut mich verwundert an. »Die sind alle wahnsinnig hier in Sydney. Hast du das noch nicht gemerkt?«

»Ich bin bis jetzt noch nicht so vielen Leuten begegnet.« Zwei, um genau zu sein, wenn ich die Frau mit dem Pinguin mitzähle. »Und von denen war die Hälfte ganz nett.«

»Erstaunlich. Wo bist du denn?«

Ich erzähle ihm von dem Hotel und dabei kommt mir der hoffnungsvolle Gedanke, dass sich womöglich gleich herausstellt, dass Pigrit und sein Vater in ebendiesem Hotel logieren!

Leider nicht, denn Pigrit meint daraufhin nur: »Klingt, als hätten wir uns besser dort ein Zimmer genommen statt in dem Bunker hier in der Innenstadt.« Er grinst. »In Melbourne sind die Leute schon wild unterwegs, aber hier in Sydney setzen sie echt noch mal einen drauf. Ich schätze, deswegen gefällt’s meiner Mutter hier so.«

Der Streit im Hintergrund scheint zu eskalieren. Die Stimme des Professors bekommt einen ganz eigentümlichen Klang, den ich bei ihm noch nie gehört habe.

Es ist Pigrit offenbar peinlich, denn er verzieht sich mit der Tafel ins Bad und meint: »Wir sollten Schluss machen. Gleich knallt’s, dann legt er auf, und wenn er sich beruhigt hat, versuch ich, ihm alles zu erzählen.«

»Gut.« Ich zögere, überlege. »Ich weiß nicht, wie lange ich noch erreichbar bin. Das kommt drauf an, was Frau Brenshaw arrangiert. Auf jeden Fall muss ich so bald wie möglich wieder runter zu den anderen, ehe die sich verziehen.«

Er nickt. »Alles klar. Ich probier’s halt, und wenn ich dich nicht erreiche, weiß ich ja Bescheid.«

Im Hintergrund hört man einen Knall. Es klingt, als hätte gerade jemand etwas Zerbrechliches an eine Wand geworfen.

Pigrit verdreht die Augen. »Oh, Mann! Also, ich muss. Mach’s gut.«

»Ja«, sage ich hastig. »Du auch.«

Dann ist Pigrit weg.

Ich lege die Tafel beiseite, greife wieder nach meinem Glas Brause, aber sie schmeckt auf einmal schal. Irgendwie hat mir dieses Telefonat nicht gutgetan; ich bin unruhiger als zuvor.

Wenn nur Frau Brenshaw endlich zurückrufen würde!